In dieser Woche hörte ich aus einem der Sprechzimmer in der Praxis erst herzliches Lachen und dann spitze Schreie. Diese Mischung machte mich neugierig. Leise schlich ich mich zur Tür und sah einige meiner Mitarbeiterinnen gebannt auf ein Handyvideo schauen. Es zeigte im Garten von einer dieser Mitarbeiterinnen entweder eine riesige Maus oder eine sehr kleine Ratte in Aktion. Dieser Anblick löste je nach Einstellung zu den Tierchen Begeisterung oder blankes Entsetzen bei den Damen aus.Sie wissen, alles und jeder hat in dem Kreislauf der Natur seine Aufgabe. Aber so wie Menschen mit Essensresten und Müll umgehen, halten sich Mäuse und Ratten vermehrt gerne in deren Nähe auf; ihre natürlichen Feinde wie Füchse und Habichte kommen da nicht mehr hinterher. Nager vermehren sich rasant. Das hat mehrere Nachteile: Erstens mag es kaum jemand, wenn Eigentum angenagt wird, und zweitens können die Tiere Krankheiten übertragen. Die wahrscheinlich bekannteste Seuche, die Gott sei Dank der Vergangenheit angehört, die aber von Nagern übertragen wurde, war die Pest. Sie wurde durch Rattenflöhe an den Menschen weitergegeben.

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Nun waren Ratten die vergangenen Wochen wieder als Übeltäter in aller Munde. Eine Kreuzfahrt wurde zum Horrortrip, weil das Hantavirus, das ebenfalls von Ratten übertragen wird, auf dem Schiff ausbrach. Seinen Namen hat das Virus aus dem Koreakrieg; damals erkrankten rund 3000 US-Soldaten im Bereich des Flusses Hantan an Fieber mit Nierenversagen. Viele starben. Ratten sind ein Reservoir für dieses Virus, sie selbst erkranken aber nicht daran. Das Virus wird durch eine Schmierinfektion oder Einatmen auf den Menschen übertragen. Das kann nicht nur in fernen Ländern, sondern auch im heimischen Garten passieren, zum Beispiel beim Ausmisten des Gartenschuppens, in dem unbemerkt Mäusekot liegt. Man sollte sich beim Frühjahrsputz deshalb immer mit Handschuhen und vielleicht sogar einer Maske schützen.Wir reden von einer ernsten ErkrankungEs gibt unterschiedliche Gruppen des Hantavirus. Je nach Typ erkranken Menschen nach fünf bis 66 Tagen an der Infektion, zuerst mit hohem Fieber, später kommen andere Symptome dazu. Die Letalitätsrate beträgt je nach Gesundheitszustand des Patienten und dem Virustyp zwischen einem und 40 Prozent. Wir reden dabei also von einer ernsten bis sehr ernsten Erkrankung. Da es gegen das Virus noch keine Medikamente und keine Impfung gibt, bedarf es besonderer Vorsicht.Das Positive an Hanta ist zumindest, dass es nicht ganz so einfach übertragbar ist wie etwa Covid. Am Beispiel des Kreuzfahrtschiffes sehen wir aber: Auf engem Raum kann es doch von Mensch zu Mensch übertragen werden.Aus diesem Grund ergibt es schon Sinn, dass viele Menschen einen natürlichen Ekel vor den Nagetieren haben; es ist ein Schutzmechanismus, und man sollte als Gesellschaft auch alles daran setzen, dass die Tiere sich in Menschennähe nicht so wohlfühlen.Deutschland wäre aber nicht Deutschland, wenn es Menschen wie meiner Mitarbeiterin nicht schwer machen würde, die Tiere loszuwerden. Seit April dieses Jahres dürfen an Privatpersonen nämlich keine Giftköder gegen Ratten oder Mäuse mehr verkauft werden. Was bleibt: entweder die klassische Schlagfalle kaufen oder eine Menge Geld für einen Kammerjäger ausgeben. Bevor jetzt böse Leserbriefe kommen: Ich verstehe, man will Natur und Tiere schützen, aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – zumindest aus ärztlicher Sicht. Meine Mitarbeiterin hat sich dann für Schlagfallen entschieden, bestrichen mit Erdnussbutter – na dann, Mahlzeit!Es grüßt Sie herzlichst aus dem Oberbergischen – Ihr Landarzt Dr. Thomas Aßmann, 63 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land und berichtet hier regelmäßig über seine Arbeit und das, was seine Patienten beschäftigt.