Seit ein paar Jahren ist ein Begriff aus der Bibel ein dunkles, aber faszinierendes Gerücht in der liberalen Öffentlichkeit: „Katechon“ – das ist griechisch und heißt auf Deutsch: der oder das Aufhaltende. Ist dieses Wort aus dem zweiten Thessalonicherbrief, von dem man weiß, dass es der amerikanische Trump-Unterstützer Peter Thiel ebenso gern im Munde führt wie der russische Kriegs-Apologet Alexandr Dugin, und das überdies auch noch ein Lieblingsmotiv des berüchtigten Staatsrechtlers Carl Schmitt war, möglicherweise das geheime Schibboleth der globalen Reaktion, der Schlüssel zu ihren verborgen gehaltenen letzten Antrieben? Zur Attraktion mag beitragen, dass die „Anomie“, die sich anbahnende Auflösung aller Ordnungen, von der in der Bibelpassage die Rede ist (2 Thess. 2,7), einem heute verbreiteten Zeitgefühl entspricht. Doch gegen die, die das nun schon für das Ende der Welt halten, versicherte Paulus, so weit sei es noch nicht, da es etwas oder jemanden gebe, der das angekündigte Kommen des Antichristen und der Apokalypse „aufhält“. Welche Funktion kann im Jahr 2026 solch eine religiöse Argumentation ausgerechnet für die extreme Rechte haben?Für die Beantwortung einer solchen Frage ist der Historiker Volker Weiß eine naheliegende Besetzung. Seit seiner Dissertation über den konservativen Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck geht er den intellektuellen Motiven, Taktiken und Hintergründen des neurechten Denkens mit großer Genauigkeit nach. Auch in seiner Studie jetzt über das „Katechon“ zeigt er viel Umsicht bei der Abgrenzung der theologischen Sphäre, aus der er mehrere Religionswissenschaftler zitiert, von deren politischer Instrumentalisierung. Er trägt frappierende Beispiele für die neue Neigung zum apokalyptischen Schwadronieren zusammen und zitiert erhellende Stimmen dazu. Aber bis zuletzt bleibt unklar, warum rechte Denkströmungen überhaupt zu diesem Begriff Zuflucht nehmen. Vielleicht eine konzertierte Aktion der internationalen Rechten?Der Ehrgeiz des Autors scheint sich darauf zu beschränken, hinter der Verwendung des Worts die gleichen antiliberalen, autoritären und nationalistischen Motive nachzuweisen, die er auch schon bei anderen Gelegenheiten freigelegt hat. Doch die Frage wäre ja eigentlich, was das „Katechon“ solchen Ideologemen hinzufügt. Weiß belässt es bei der unspezifischen Feststellung, der Begriff habe die politischen Konflikte „mythologisch aufgeladen“.Ein Grund für das etwas unbefriedigende Ergebnis könnte die bis zuletzt aufrechterhaltene Suggestion sein, bei dem Gebrauch der apokalyptischen Narrative handele es sich um eine konzertierte Aktion der internationalen Rechten – obwohl Weiß doch selbst immer wieder vermerkt, in wie unterschiedlichen Zusammenhängen seine Protagonisten agieren. Statt sich aber auf diese Kontexte im Einzelnen näher einzulassen, hüpft die manchmal fahrige Argumentation vom einen zum anderen und kommt so über Allgemeinheiten oft nicht hinaus.Aus Carl Schmitts Katechon-Vorliebe zum Beispiel schließt Weiß nur, dass sich daran sein nationalistisches Großraumdenken und seine Freund-Feind-Unterscheidung erkennen ließen – Positionen also, die einem auch ganz ohne biblischen Bezug als Erstes einfallen, wenn man an Carl Schmitt denkt. Warum Schmitt das historische Legitimationsmuster mittelalterlicher Reichsideen überhaupt in die Gegenwart überträgt, was das möglicherweise mit seinem auch von ihm selbst gern angeführten Katholisch-Sein zu tun hat, wird nicht gefragt.Alexander Dugin in seinem Fernsehstudio in Moskau: Er sieht Russlands Überfall auf die Ukraine als Beitrag, den „satanischen Westen“ mitsamt der ganzen Globalisierung und Moderne aufzuhalten.APEine Notiz aus dem Sommer 1946 hätte da hilfreich sein können. Nachdem Schmitt an Tocqueville gelobt hat, dass dieser die von Amerika und Russland vorangetriebene, aus seiner Sicht fatale Entwicklung zu weltweiter Demokratisierung und Zentralisierung vorausgesehen habe, vermerkt er, Tocqueville fehle „der heilsgeschichtliche Halt, der seine geschichtliche Idee von Europa vor der Verzweiflung“ hätte bewahren können: „Europa war ohne die Idee eines Kat-Echons verloren.“ Ebendies könnte Schmitts persönlicher Antrieb bei der Wahl einer solchen Terminologie gewesen sein: der Versuch, der Verzweiflung zu entgehen, indem er seinen anti-utopischen Theorien einen „heilsgeschichtlichen Halt“ gibt - das Katechon als Gegenstück zu linkem Messianismus also, als metaphysisches Anti-Depressivum bei sonst fehlender Zukunftsperspektive.Bei der aktuellen deutschen Rechten, die sich immer gern auf Carl Schmitt beruft, ist von einer solchen Motivation nichts zu bemerken. Weiß zitiert den AfD-Abgeordneten Maximilian Krah mit dem Satz: „Trump ist der Katechon“ und erkennt da treffend die übliche Strategie der Partei wieder, „weltanschauliches Vokabular ans Fußvolk“ weiterzureichen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, es in irgendeiner Weise zu durchdringen. Es sind bloß bedeutungsschwangere DuftmarkenAber zugleich legt er nahe, das Stichwort spiele in der rechten Szene eine große Rolle, und beruft sich unter anderem auf einen Aufsatz, in dem der Identitäre Martin Sellner den Gegnern eines globalen „Great Reset“ nach der Corona-Pandemie die Rolle eines „Aufhalters“ zuweist. Weiß geht jedoch nicht auf die Diskussion ein, die auf diesen Artikel folgte und in der dieses „komplizierte, politisch nicht handhabbare gedankliche Konstrukt“ für die Sache der Reaktion als untauglich abgetan wurde. Ein realer Einfluss des Konzepts auf die völkischen Ideologien in Deutschland, der über das Setzen bedeutungsschwangerer Duftmarken hinausginge, ist jedenfalls nicht festzustellen.Volker Weiß: „Katechon - Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“Klett-CottaVöllig andere Bezugspunkte hat wiederum die Privatideologie des amerikanischen Investors Peter Thiel. Angeregt durch Vorlesungen, die er als Student bei dem Anthropologen René Girard gehört hatte, kokettiert er seit Jahren mit der in seiner Branche sonst nicht üblichen Leidenschaft für die Vorstellung des „Antichristen“, eine Leidenschaft, die im vergangenen Jahr in einer Reihe von Vorträgen in San Francisco und Rom gipfelte und die schon durch deren handverlesenes Publikum mit einem Hauch des Geheimnisumwitterten umgeben wurde.Girards Pointe allerdings, dass das Selbstopfer Jesu den Mechanismus der in der Menschheitsgeschichte bisher sich wechselseitig hochschaukelnden Sündenbockopfer durchbrochen habe, spielt für Thiel keine Rolle. Stattdessen spekuliert er darüber, ob womöglich Greta Thunberg oder Alexandra Ocasio-Cortez Agentinnen des Antichristen sein könnten, die die Menschheit mit ihren Warnungen vor Klimakatastrophen, Künstlicher Intelligenz oder Kriegen zu einem den technologischen Fortschritt behindernden Weltstaat unter ihrer Regie verführten. Es sei noch nicht ausgemacht, ob die USA in dieser Sache die Rolle des Antichristen oder des Katechon spielen würden. Bei J. D. Vance, dem Thiel die Vizepräsidentschaft verschafft haben soll, besorgt ihn, dass er „dem Papst zu nahe“ stehe.Ein Bildschirm mit Palantir-Software beim Europäischen Polizeikongress (EPC) am 6. Mai in BerlinEPAWeiß wundert sich mit Recht darüber, dass Thiel Chinas Überwachungstechnologie als totalitär kritisiert und mit Palantir zugleich eine eigene Überwachungssoftware finanziert – doch er unternimmt keinen Versuch, diese Widersprüche zu erklären und herauszufinden, wie sich die esoterischen Theorien mit dem libertären Selbstverständnis des Milliardärs vertragen. Dabei könnte die Auflösung des Rätsels ganz banal sein. Thiel begründet seine Sorge vor einem Weltstaat ausdrücklich mit der dann drohenden vermehrten gesetzlichen Regulierung von Technologie, Finanzen und Hassrede im Netz.Möglicherweise betreibt er den aberwitzigen theologischen Aufwand nur, um einer viel näher liegenden apokalyptischen Vorstellung zuvorzukommen: der einer die ganze Welt in einen kriegerischen Strudel reißenden KI-gestützten Machtkonzentration nämlich. Um einer Warnung davor den Wind aus den Segeln zu nehmen, weist er vorsorglich darauf hin, dass sich der Antichrist selbst als Aufhalter darstellen könnte. Ist also das ganze Katechon-Gerede mitsamt der handfesten Förderung des amerikanischen Nationalismus nur eine unverhohlene Interessenvertretung der eigenen Branche? Dafür spricht auch sein eigenes Bekenntnis, schon Paypal habe er gegründet, um der „Politik der Mächte und Fürstentümer“, staatlicher Regulierung also, ausweichen zu können: „Es war natürlich, an den Antichristen im Kontext der Welt der Finanzarchitektur zu denken.“
Thiel, Dugin, Schmitt und die apokalyptische Verschwörung
„Katechon“ ist das geheime Codewort der globalen Rechten, vermutet der Historiker Volker Weiß. Aber stimmt das? Oder ist Peter Thiels Katechon-Gerede nur eine unverhohlene Interessenvertretung der eigenen Branche?







