Vor dreizehn Jahren stellte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Berliner Kino ihren Lieblingsfilm vor. Es war Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ von 1973: die Liebesgeschichte zwischen einem Referenten im DDR-Außenministerium und einer alleinerziehenden Verkäuferin, mit Winfried Glatzeder und Angelica Domröse in den Hauptrollen. „Einfach sensationell“, so Merkel, sei es für sie gewesen, dass in dem Film „die Realität im Kino erschien“ – in Form von einstürzenden Altbauten, Baustellen, blätterndem Putz, Kohlehaufen vor den Haustüren, einer Diskothek am Alexanderplatz und den Minikleidern der Siebzigerjahre.Mindestens genauso sensationell, muss man hinzufügen, war die Art, wie Carows Film diese DDR-Wirklichkeit verwandelte, denn er machte sie zur Kulisse einer Amour fou. Er ließ Paul und Paula in Blüten baden, und wenn sie sich auf einem alten Spreekahn liebten, versammelten sich am Ufer die Geister ihrer Vorfahren und klatschten Applaus. Weil eine solche romantische Ekstase nicht andauern kann, endete die Geschichte tragisch, aber selbst darin lag ein Trost, denn die Liebe erfüllte sich in einem neugeborenen Kind.Die DDR sah sich in „Die Legende von Paul und Paula“ auch deshalb ähnlich, weil sie erkennbar provisorisch und auf Sand gebaut war – und weil die Aufbruchsstimmung, die in der frühen, allzu kurzen Phase von Honeckers Regime herrschte, sich auch in der Mimik der Darsteller spiegelte. Das galt besonders für Angelica Domröse, deren Paula mit ihrer Mischung aus trotziger Lebenslust und romantischer Verspieltheit das genaue Gegenbild jener verkniffenen Heldinnen war, die bis dahin das Kino der Defa und die Produktionen des DDR-Fernsehens bevölkert hatten.Die in Berlin geborene Schauspielerin konnte davon ein Lied singen. Schon als Sechzehnjährige war sie von dem Regie-Veteranen Slatan Dudow für seine Komödie „Verwirrung der Liebe“ entdeckt worden, und nach ihrer Ausbildung an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam (der heutigen Filmuniversität Konrad Wolf) spielte sie Haupt- und wichtige Nebenrollen in Filmen von Kurt Maetzig, Günter Reisch, Gerhard Klein und anderen großen Defa-Regisseuren. Zugleich trat sie am Berliner Ensemble und an der Volksbühne in Klassikern von Shakespeare, Schiller, Shaw und Brecht und im Fernsehen in Theateraufzeichnungen und quotenstarken Bildschirm-Epen auf. Und weil Angelica Domröse ein Gesicht und eine Präsenz hatte, die einen ganzen Film und einen Bühnenabend tragen konnten, ließ die Belohnung nicht lange auf sich warten. 1966 bekam sie den Kunstpreis der DDR für den historischen Fünfteiler „Wege übers Land“, und in den folgenden Jahren wurde sie mehrfach als Fernsehkünstlerin des Jahres ausgezeichnet.Im „Polizeiruf 110“ des SDR war sie die Kommissarin Vera Bilewski„Die Legende von Paul und Paula“ war so gesehen nur eine Etappe in ihrer Karriere, aber sie war zugleich viel mehr als das, denn sie machte sie international bekannt – und gab ihr womöglich auch die Kraft, sich von Honeckers Herrschaft, die das Land in zunehmende Erstarrung trieb, innerlich wie äußerlich abzusetzen. Dass sie 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnete und vier Jahre später mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler Hilmar Thate, in den Westen ging, war insofern nur konsequent, denn es setzte die Suchbewegung der pragmatischen Romantikerin Paula in der Wirklichkeit fort.In der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung konnte Angelica Domröse an ihre Filmkarriere anknüpfen, wenn auch nicht mit dem gleichen durchschlagenden Erfolg wie in der DDR. 1986 trat sie in der Schlussepisode von Helmut Dietls „Kir Royal“ auf, und in den Neunzigerjahren verkörperte sie in drei „Polizeiruf 110“-Produktionen des Süddeutschen Rundfunks die Kommissarin Vera Bilewski. Man hätte sie gern noch öfter in dieser Rolle gesehen, aber der SDR gab die Reihe bald auf, und auch das deutsche Kino, in dem zu jener Zeit das Lach- und Schießgewerbe boomte, hatte an der Charakterdarstellerin Domröse nur wenig Interesse.Nach der Filmvorführung im Jahr 2013 stand Angelica Domröse mit der Kanzlerin vor den Kameras der Fotografen, stolz, ungebeugt, eine Künstlerin, die sich nie im Glanz der Macht gesonnt hatte, sondern ihren eigenen Weg durch die Geschichte gegangen war. Im Jahr zuvor hatte sie ihren letzten Kinofilm gedreht: In Bernd Böhlichs Komödie „Bis zum Horizont, dann links!“ spielte sie eine Rentnerin, die mit den anderen Insassen eines Seniorenheims eine Flugzeugentführung vortäuscht und mit einer alten Ju-52 ans Mittelmeer fliegt. Am Ende setzt die Museumsmaschine auf einer Insel auf, und die Fluggäste laufen im Sonnenlicht an den Strand. Es war ihr Abschiedsbild. Am Freitag ist Angelica Domröse fünfundachtzigjährig in Berlin gestorben, der Stadt, in der die Legende von Paul und Paula spielt.