Wie Prinzessin Kate eine italienische Bildungsidee zur königlichen Sache machtIhr erster Auslandsauftritt nach der Krebserkrankung führt Prinzessin Kate in eine norditalienische Provinzstadt: Reggio Emilia, Geburtsort eines der weltweit einflussreichsten Modelle der frühkindlichen Bildung. Eine ganz bewusste Entscheidung.Ulrike Sauer, Rom16.05.2026, 09.09 Uhr4 LeseminutenPrinzessin Kate ist begeistert vom Lernen in der Natur an der Salvador-Allende-Vorschule, manche Kinder schauen derweil skeptisch auf die Aufregung rund um den royalen Besuch. Inspiriert ist das Konzept der Einrichtung von der sogenannten Reggio-Pädagogik.Antonio Calanni / APAls Kate Middleton an diesem Maimorgen die Piazza Prampolini betritt, bricht Jubel aus. «Kate! Kate!», ruft die Menge zwischen den romanischen Bögen des Doms von Reggio Emilia und den wehenden Tricolore-Fahnen. Die Prinzessin geht vor den Kindern der städtischen Vorschulen in die Hocke. Sie sagt «Ciao» und fragt nach ihren Namen. Sie schüttelt Hände, verschenkt Selfies, sammelt Blumensträusse ein – und hinterlässt den Eindruck einer Royalen, die mühelos Nähe herstellt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist der erste Auslandsauftritt der Prinzessin von Wales seit ihrer Krebserkrankung 2024. Die zweitägige Reise führt sie in eine italienische Provinzstadt, die seit Jahrzehnten eine stille pädagogische Revolution in die Welt trägt. Reggio Emilia, bekannt für Parmigiano Reggiano, Balsamico-Essig und linke Kommunalpolitik, ist zugleich die Geburtsstätte des «Reggio Emilia approach», einer der einflussreichsten Philosophien der frühkindlichen Bildung. Dass Kate ausgerechnet hierher kommt, ist kein höflicher Abstecher. Es ist ein Statement.Kate sitzt auf dem Hocker und formt eine BlumeBereits am frühen Morgen ist die Piazza abgesperrt, Scharfschützen stehen auf den Dächern, 150 britische Journalistinnen und Journalisten sind akkreditiert. Die Stimmung wirkt dennoch heiter. «Sie ist die erste Prinzessin, die ich empfange – natürlich nach meiner Tochter, der Prinzessin unserer Familie», sagt der Bürgermeister Marco Massari.Zunächst einmal schaut Kate im Centro Internazionale Loris Malaguzzi vorbei, dem Pilgerort für Erzieherinnen aus aller Welt. In dieser stillgelegten Fabrik, wo einst der lokale Grana-Käse reifte, erkundet die Ehefrau des Kronprinzen William das Modell zur kindlichen Frühförderung aus nächster Nähe, in Ateliers voller Spiegel, Lichtinstallationen, Farben und Recycling-Materialien.Kate – sie trägt einen hellblauen Hosenanzug mit locker sitzender Hose – setzt sich auf einen niedrigen Hocker, rollt Ton aus und formt ihn zu einer Blume. Sie probiert die berühmte «carta gattona» aus, ein raschelndes Papier, das Kinder zum Experimentieren anregt.Vor allem aber stellt sie Fragen. «Sie wollte wissen, wie wir Eltern einbeziehen, wie wir Inklusion leben, wie wir Lernprozesse dokumentieren», erzählt Annamaria Mucchi von der Organisation Reggio Children.Was Kate hier sieht, ist mehr als ein besonderes Kita-Konzept. Der Reggio-Emilia-Ansatz entstand 1945 aus einer radikal demokratischen Geste: Frauen aus den Dörfern rund um Reggio verkauften einen zurückgelassenen Wehrmachtspanzer, um den ersten selbstverwalteten Kindergarten zu finanzieren. Bildung sollte nach dem Ende des Faschismus der erste Akt des Wiederaufbaus sein – und ein Gegenentwurf zu Krieg und autoritären Strukturen.Im Rathaus trifft die Prinzessin drei Frauen, die den Ansatz seit den 1960er Jahren geprägt haben: Eletta Bertani, Carla Moroni und die 95-jährige Ione Bartoli, einst kommunistische Regionalpolitikerin und Begründerin der ersten kommunalen Kita. «Wir haben ihr erklärt, dass hinter allem die Überzeugung steht, dass Kinder Bürger mit Rechten sind», sagt Bartoli. «Und dass eine Gesellschaft, die Kinder ernst nimmt, eine bessere wird.»Loris Malaguzzi, der spätere Vordenker des Modells, formulierte das Bild vom Kind mit den «hundert Sprachen», jenen vielfältigen Ausdrucksformen, mit denen Kinder denken, gestalten und forschen. «Es ist bis heute das fortschrittlichste Modell für kindliche Kreativität», sagt der italienische Pädagoge Daniele Novara. Der Reggio-Emilia-Ansatz wird weltweit von 3500 Schulen angewendet.In Italien selbst findet das Reggio-Konzept wenig NachahmerJährlich besuchen 130 000 Menschen das Malaguzzi-Zentrum. «Und doch brauchte es offenbar eine Prinzessin, damit Italien wieder darüber spricht», fügt Novara spitz hinzu. Denn im Land selbst findet das Konzept nur wenige Nachahmer. Es fehle Italien an Weitsicht, klagt der ehemalige italienische Bildungsminister Francesco Profumo. Er leitet heute die Stiftung Reggio Children. Die Kinder, die heute in die Kita kommen, werden in zwanzig Jahren ihr Studium abschliessen, sagt er.Am zweiten Tag ihres Besuchs führt der Weg Kate in die städtische Salvador-Allende-Schule, ein Bildungszentrum für Kinder von null bis sechs Jahren, das für seine Umweltpädagogik bekannt ist. Dort nimmt sie an der morgendlichen Versammlung im Freien teil – jenem ritualisierten Moment, in dem die Kinder gemeinsam mit den Pädagoginnen entscheiden, welchen Spuren sie an diesem Tag folgen wollen. «Ich hätte mir gewünscht, dass meine Schule so gewesen wäre, und ich würde mir wünschen, dass alle Schulen der Welt so wären», sagt Kate zum Abschied.Auch der Recyclinghof Remida begeistert die Prinzessin. Seit dreissig Jahren beliefern 200 Unternehmen aus der Gegend das städtische Materialdepot mit ihren industriellen Reststoffen, die in den Kita-Werkstätten von den Kindern verarbeitet werden. Kate wünscht sich, Grossbritannien möge auch diesen Teil des Modells übernehmen.Für die Schwiegertochter von König Charles III. ist die Reise nach ihrer Krebserkrankung ein weiterer wichtiger Schritt zurück in den royalen Alltag. Seit 2021 schärft sie mit dem Centre for Early Childhood das Bewusstsein für die Bedeutung der ersten fünf Lebensjahre für die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern. Ihre Stiftung soll internationaler werden, der Reggio-Emilia-Ansatz könnte dafür zum Referenzmodell werden. Bereits in diesem Herbst sollen Mitarbeiterinnen aus Reggio Emilia zur Schulung von Erzieherinnen nach Grossbritannien reisen.Passend zum Artikel