PfadnavigationHomeRegionalesHamburgOlympia-Debatte„Mutig oder ängstlich?“ – Hamburgs Zukunft steht zur AbstimmungStand: 07:50 UhrLesedauer: 7 MinutenProfessor Dr. Ulrich Reinhardt ist wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco“,
Quelle: Bertold FabriciusHamburg stimmt bis Ende des Monats über eine mögliche Olympia-Bewerbung ab. Dabei tun sich tiefe Gräben auf zwischen Gegnern und Befürwortern, aber auch zwischen Jung und Alt. Ein Gespräch mit Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt.Die Abstimmung über eine Olympia‑Bewerbung polarisiert die Stadtgesellschaft: Begeisterung trifft auf Misstrauen, Aufbruch auf Skepsis, und das oft entlang der Altersgrenzen. Was braucht es, damit sich in der Debatte alle gehört fühlen? Ein Gespräch mit Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt über Mut als Überlebensstrategie.WELT: In dem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ konstatiert der Soziologe Aladin L. Mafaalani, dass Vertrauen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt immer wichtiger, Misstrauen aber immer wahrscheinlicher wird. Warum eint das Gegen-etwas-sein mehr als das Für-etwas-sein?Ulrich Reinhardt: Man muss zuerst einmal unterscheiden. Misstrauen unterscheidet sich von Vertrauen in mehrfacher Hinsicht. Der zentrale Unterschied liegt unter anderem darin, dass Vertrauen sehr viel leichter in Misstrauen umschlagen kann als Misstrauen in Vertrauen. Denn die Enttäuschung einer Erwartung, also ein Vertrauensbruch, wird emotional viel stärker wahrgenommen als die Bestätigung einer Erwartung. Und da Vertrauen verletzlich macht, sinkt nach einem Bruch die Bereitschaft, erneut das Risiko einer Verletzung einzugehen.Lesen Sie auchWELT: Soziale Medien können Auslöser dieses Misstrauens sein, sie wirken aber vor allem als Katalysator.Reinhardt: Das stimmt. Wenn ich früher etwas angezweifelt habe, war ich allein mit meiner Meinung, habe keine Bestätigung bekommen und fühlte mich wahrscheinlich eher isoliert. Heute kann ich mir die tausendfache Bestätigung für meine Theorien über Social Media holen. Plattformen fördern die Bildung von Echokammern, in denen Menschen vor allem mit bestätigenden Sichtweisen konfrontiert werden. WELT: Viele Bürger fühlen sich durch den digitalen Fortschritt, der von KI noch einmal potenziert wird, überholt, überrannt, ja abgekoppelt. Die Weltpolitik befindet sich im Umbruch, es gibt eine Rezession, mehrere Kriege, drängende Fragen zur Migration. Gleichzeitig trauen die Menschen der Politik nicht mehr zu, die Probleme zu lösen.Reinhardt: Ja, das ist alles richtig. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und wir stehen in der Tat vor großen Herausforderungen, für die es nicht ohne Grund keine einfachen Lösungen gibt. Das ist so. Was jedoch oftmals vergessen wird: Wir leben in einem der sichersten und wohlhabendsten Länder dieses Planeten. Unsere Bildung ist kostenlos, unsere Medienlandschaft divers, unsere Freiheit riesig, um unser Renten- und Krankensystem – auch wenn beides nicht perfekt ist – beneidet uns fast die ganze Welt. Und wir sind nach wie vor die drittstärkste Volkswirtschaft der Welt. Das zeigen sowohl Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) als auch Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) für 2024/2025. Kurzum: Wir leben auf der Insel der Glückseligen. Trotzdem konzentrieren wir uns stark auf das, was nicht gut läuft, statt mit Optimismus auf das aufzubauen, was funktioniert.WELT: Welche Frage stellt sich also?Reinhardt: Es gibt dieses Bild mit der Schlange und dem Hasen. Die Frage ist: Was wollen wir: Wollen wir das Kaninchen sein, das aus Angst vor der Schlange erstarrt? Oder reagieren wir anders, lassen Herausforderungen auf uns zukommen und sehen sie als Möglichkeit, Veränderungen einzuleiten? Wenn wir die Historie betrachten, hat sich die Welt immer verändert. Es gab immer Herausforderungen und wir haben uns immer weiterentwickelt. Dass wir jetzt auf einmal die Vergangenheit so verklären, als etwas, das man zurücksehnt, ist ungewöhnlich. Zudem zeigen uns jahrzehntelange Forschungsergebnisse eindeutig, was Angst mit uns macht: Unser IQ sinkt statistisch signifikant. Wir werden also dümmer, weil wir auf das unmittelbare Überleben zurückgeworfen werden und nicht mehr langfristig planen können.WELT: Die Hamburger stimmen noch bis Ende Mai über eine mögliche Olympia-Bewerbung ab. In diesem frühen Stadium geht es weniger um eine klare Kosten-Nutzen-Abgleichung, dafür ist es noch zu früh. Worum geht es dann?Reinhardt: Es ist ein Test für Hamburg, und es geht um die Frage: Was trauen wir uns zu? Trauen wir uns zu, Spiele zu veranstalten? Wie selbstbewusst gehen wir da heran oder überlassen wir diese Chance vielleicht lieber anderen? Letztendlich geht es also um die Frage, wie wir auf die 2030er-Jahre schauen: ängstlich und verwaltend oder mutig und gestaltend. Lesen Sie auchWELT: Bei Veranstaltungen und in Umfragen zeigt sich: Die Älteren sind meist dagegen, die Mehrzahl der Jüngeren eher dafür. Warum?Reinhardt: Die Älteren wollen für die Zukunft eher Ruhe, Sicherheit, Beständigkeit, keine großen Experimente. Die Jüngeren sagen, unsere Infrastruktur wird modernisiert, es entstehen neue Jobs, wir erhalten internationale Sichtbarkeit und die ganze Region entwickelt sich weiter. Das ist eine Chance, die ich miterleben will. Persönlich wünsche ich mir an dieser Stelle mehr Vertrauen in die jüngeren Generationen. Historisch gesehen waren sie es stets, die Weiterentwicklungen vorangetrieben haben. Insofern geben wir doch jetzt bitte unseren Kindern und Enkeln die Chance, ihre eigene Zukunft zu gestalten.WELT: Es gibt aber auch Bedenken, die nachvollziehbar sind. Was müsste ein Konzept leisten, damit alle die Olympiade als ihr Projekt ansehen?Reinhardt: Ein überzeugendes Konzept muss von Anfang an beide Perspektiven mitdenken: Sicherheit und Verlässlichkeit, aber auch Chancen und Gestaltungsräume. Gleichzeitig müssen wir weg vom Perfektionsanspruch. Ich darf regelmäßig auch an einer amerikanischen Universität unterrichten. Wenn man es dort mit etwas Neuem zu tun hat, heißt es: „Wir probieren es aus, und wenn es nicht funktioniert, evaluieren wir die Gründe, lernen aus den Fehlern, verbessern uns und versuchen es erneut.“ Bei uns gilt dagegen viel zu oft: „Du hast es einmal verbockt, und deswegen gebe ich dir nicht nochmal die Chance, weil wir wissen ja, was dabei herauskommt.“ Was uns lähmt, ist, dass wir viel zu vorsichtig sind. Wir sollten mehr Trial-and-Error wagen und den Mut haben, Dinge auszuprobieren. WELT: Fehlt Ihnen etwas bei der Kampagne der Stadt?Reinhardt: Zahlen sind gut für den Verstand, wenn ich aber Stimmen für etwas sammeln möchte, muss ich die Herzen erreichen, Emotionen wecken. Ich muss deutlich machen, was hat der oder die einzelne konkret davon? Was bedeutet das für meinen Stadtteil, die Turnhalle meiner Kinder, meinen S-Bahn-Anschluss? Diese Veränderungen muss ich konkret für die Menschen herunterbrechen. Da könnte Hamburg noch mehr machen. Wobei ich schon finde, dass die Stadt richtig an die Sache herangeht.WELT: Hätten Sie einen Tipp für den Senat?Reinhardt: Was mir noch etwas fehlt, ist die Ansprache an die nächste Generation. Meine Kinder, 16 und 20 Jahre alt, dürfen beide mit abstimmen. Sie kennen meine Meinung, aber können sie sich eine eigene bilden? Diese Generation müsste viel mehr abgeholt werden, über Social-Media-Kampagnen, die von Gleichaltrigen gesteuert werden. Und ich glaube, es würde helfen, wenn die Politik von vornherein klarmachen würde: Wir werden auf diesem Weg wahrscheinlich feststellen, dass noch nicht alles richtig läuft, wir werden nachjustieren, anpassen, vielleicht auch mal einen Schritt zurückgehen müssen. WELT: Wir Deutschen denken gerne immer alle Eventualitäten mit und berücksichtigen alle möglichen Risiken. Reinhardt: Das ist ehrlich gesagt nicht clever, weil wir ja nicht wissen, was bis 2040, bis 2044 noch alles geschehen wird. Worauf wir aber immer bauen können, ist Flexibilität. Die Fähigkeit, sich neuen Situationen schnell anzupassen und entsprechend zu reagieren. Ich denke, dass diese Fähigkeit den hohen Stellenwert der Sicherheit ablösen sollte, einfach, weil es die Sicherheiten, auf die wir einst gebaut haben, so nicht mehr gibt. Dann kann man solche Spiele erfolgreich durchführen.Professor Ulrich Reinhardt, Jahrgang 1970, ist Zukunftswissenschaftler und wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco“, die seit 1979 an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik forscht. Er hält eine Professur für Empirische Zukunftsforschung an der Fachhochschule Westküste in Heide und lehrt als Dozent auf Zeit an der University of North Carolina Wilmington in den USA. Von ihm erschienen ist das Buch „German Mut statt German Angst. 44 Ideen für eine bessere Zukunft“ mit Beiträgen von Katherina Reiche, Frank Thelen und Christina Lindner.









