PfadnavigationHomeRegionalesHamburgStromversorgungWenn Netze und Speicher in Konflikt geratenStand: 07:50 UhrLesedauer: 7 MinutenSo soll der Batteriespeicher von Flower in Hamburg-Bergedorf aussehenQuelle: FlowerDas Unternehmen Flower will in Hamburg-Bergedorf Deutschlands größten innerstädtischen Batteriespeicher bauen. Solange der Ausbau der Stromnetze aber mit dem Wachstum der erneuerbaren Energien nicht Schritt hält, drohen Engpässe bei den Netzbetreibern.Aus der Vogelperspektive könnte die Aufreihung von Containern auch eine Art Notunterkunft für Flüchtlinge sein. Die Visualisierung des schwedischen Unternehmens Flower zeigt aber einen Batteriespeicher, der am Rand von Bergedorf entstehen und 2028 in Betrieb gehen soll. Mit 100 Megawatt Leistung und 400 Megawattstunden Speicherkapazität sei es derzeit der größte Stromspeicher, der innerhalb einer deutschen Großstadt geplant ist: „Dies ist ein wichtiger Meilenstein in unserem Bestreben, Batteriespeicher in Deutschland zu skalieren und die Stabilität des nationalen und regionalen Stromsystems zu unterstützen“, sagt John Diklev, Gründer und Chef von Flower.In jüngerer Zeit haben Investoren in Deutschland Hunderte Projekte für Batterie-Großspeicher beantragt. Ein Grund dafür sind die immer weiter zunehmenden Strommengen, die aus erneuerbaren Energien erzeugt werden und die auch dann ins Netz drängen, wenn sie gerade nicht gebraucht werden. Hinzu kommt: Durch den Hochlauf der Elektromobilität sinken die Kosten für Batteriespeicher. Der chinesische Konzern BYD etwa ist neben Tesla der weltweit führende Hersteller von Elektroautos. Zugleich liefert BYD massenhaft Akkus für stationäre Großspeicher, etwa für die Anlagen des Unternehmens Eco Stor in Schleswig-Holstein. Die stationären Speicher sind zwar für andere Lade- und Entladezyklen konstruiert als die Antriebsakkus für E-Autos, sie basieren aber auf denselben Grundstoffen.Lesen Sie auchFür das städtische Unternehmen Hamburger Energienetze stellt der geplante Batteriespeicher von Flower indes auch eine Herausforderung dar, obwohl der Netzbetreiber den Anschluss des Speichers selbst genehmigt hat. „Flower hat eine Zusage für einen Netzanschluss auf der Basis einer flexiblen Anschlussvereinbarung. Das bedeutet: Wir können im Bedarfsfall vom Betreiber des Speichers eine Begrenzung der maximalen Entnahme- oder Einspeiseleistung fordern“, sagte Geschäftsführer Peter Wolffram, Leiter des Ressorts Unternehmen und Kunde bei Hamburger Energienetze, WELT AM SONNTAG. „Die Projektanfrage für den Speicher hat Flower im Jahr 2023 gestellt. Über die exakte Ausgestaltung der flexiblen Netzanschlussvereinbarung sprechen wir mir dem Unternehmen.“Hamburger Energienetze muss verhindern, dass der geplante Batteriespeicher in Bergedorf zunächst mehr Last als Nutzen schafft – denn beim Speichern von Strom wirkt die Anlage am städtischen Netz wie ein zusätzlicher Großverbraucher. Deutschlandweit hinkt der Ausbau der Stromnetze den Anforderungen der Energiewende und der erneuerbaren Energien seit Jahren hinterher, aus vielen Gründen. Neben dem Projekt von Flower haben Unternehmen bei Hamburger Energienetze derzeit Anträge für mehr als drei Dutzend weitere große Batteriespeicher gestellt.Die Kapazität für die Stromversorgung zusätzlicher Großverbraucher in Hamburg wird knapper. Das liegt, wie in ganz Deutschland, an der laufenden Elektrifizierung aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche, vor allem der Gebäudewärme, der Mobilität und der Industrie. Hamburger Energienetze baut mit Milliardeninvestitionen sein eigenes Stromnetz aus – und ringt zugleich mit dem für die Hansestadt zuständigen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz darum, dass die Schnittstellen aus dem Höchstspannungsnetz schneller erweitert werden als bislang vorgesehen. Verbrauchszentren wie Hamburg sind abhängig vom Anschluss an dieses Übertragungsnetz – dort wird der Strom aus großen fossilen Kraftwerken, aus Wind- und Solarparks zu den urbanen Verteilnetzen transportiert.Boom bei kleinen und großen BatteriespeichernVor diesem Hintergrund verzeichnet Deutschland derzeit einen Boom bei kleinen und großen Batteriespeichern. Die RWTH Aachen University analysiert den deutschen Markt. Die meisten Batteriespeicher sind privat genutzte Heimspeicher, inzwischen mehrere Hunderttausend mit einer Gesamt-Speicherkapazität von 21,28 Gigawattstunden. Damit könnte man etwa 7000 deutsche Durchschnittshaushalte mit einem Verbrauch von 3000 Kilowattstunden ein Jahr lang mit Strom versorgen. Große Batteriespeicher mit mehr als einem Megawatt Leistung verfügen derzeit laut RWTH über eine Speicherkapazität von 5,38 Gigawattstunden. Hinzu kommen Gewerbespeicher mit 1,48 Gigawattstunden Kapazität. Die hohe Nachfrage nach Netzanschlüssen für große Batteriespeicher in Deutschland, auch im Norden, hängt damit zusammen, dass diese Speicher bislang noch von den Netzentgelten befreit sind und dass ihre Betreiber die teils extremen Schwankungen der Strompreise an der Energiebörse wirtschaftlich nutzen können. Die Betreiber von Batteriespeichern wollen Geld verdienen, sich dabei aber von den Netzbetreibern möglichst nicht sagen lassen, wann genau sie ein- und ausspeichern können und dürfen. Besonders in der aktuellen Lage, angesichts der teils knappen Kapazitäten in den Stromnetzen, ergeben sich daraus etliche Konflikte – speziell in Verbrauchszentren wie Hamburg. Die müssen die Netzbetreiber gemeinsam mit den Betreibern großer Batteriespeicher auflösen. Eine sogenannte „Dunkelflaute“ von einem oder mehreren Tagen – eine Kombination von Windstille und geringer Sonneneinstrahlung – könnte mithilfe von Batteriespeichern nicht annähernd überbrückt werden. Darum geht es bei der Installation der Anlagen derzeit auch gar nicht: Im Fokus steht für die Unternehmen vor allem die Realisierung von Gewinnen an der Strombörse. Bei besonders hohem Ökostrom-Aufkommen fällt der Strompreis temporär auf null. In extremen Situationen müssen die Netzbetreiber – am Ende also die Stromkunden – sogar dafür bezahlen, dass irgendjemand diese Strommengen abnimmt. Wenige Stunden später kann der Preis mit dem Strombedarf aber schon wieder in die Höhe schießen. Mit Batteriespeichern lassen sich diese Preisdifferenzen nutzen. Auch können die Speicher in Notlagen durchaus dazu beitragen, Netze zu stabilisieren. Insgesamt wirkt die steigende Zahl von Batteriespeichern über die Strombörsen zumindest dämpfend auf die Preisentwicklung am Strommarkt.Lesen Sie auchDer schwedische Energiekonzern Vattenfall ist nach wie vor der führende Stromversorger in Hamburg. Auf dem Gelände seines stillgelegten Atomkraftwerks Krümmel bei Geesthacht südöstlich der Hansestadt will Vattenfall einen Batteriespeicher mit ebenfalls 100 Megawatt Leistung bauen. Ursprünglich wollte Vattenfall einen Speicher mit 400 Megawatt direkt an das Übertragungsnetz anschließen. Doch dann reduzierte der Konzern die geplante Leistung auf ein Viertel und änderte die Ausrichtung für den Netzanschluss. „Wir planen den Batteriespeicher nunmehr so, dass wir ihn an das 110-Kilovolt-Stromnetz des lokalen Netzbetreibers Hamburger Energienetze anschließen können. Hierzu stehen wir im Austausch mit den Hamburger Energienetzen, die aktuell die technische Umsetzbarkeit des Vorhabens prüfen“, sagte ein Vattenfall-Sprecher der WELT AM SONNTAG.Eine Zusage der Hamburger Energienetze für den Anschluss des Batteriespeichers sei die Voraussetzung für die Realisierung des Projekts mit 100 Millionen Euro Investition und Baubeginn Anfang 2028: „Wir erwarten hierzu in Kürze eine Aussage der Hamburger Energienetze. Sollte die Zusage erfolgen, planen wir für die weitere Klärung der technischen Details eine Netzstudie, die als Basis für die konkrete Ausgestaltung des Netzanschlusses dient“, sagte der Sprecher. In Geesthacht betreibt Vattenfall seit vielen Jahren ein Pumpspeicherkraftwerk. Dort wird mit günstigem Strom Elbwasser den Hang hinauf in ein Speicherbecken gepumpt und bei hohem Strombedarf wieder durch die Generatoren abwärts gelassen: „Die Batterie kann den vorhandenen Speicher mit ihren systemdienlichen Eigenschaften sehr gut ergänzen.“Um eine sichere und stabile Versorgung mit erneuerbaren Energien zu erreichen, müssen aber vor allem die Stromnetze in Deutschland weiter stark ausgebaut werden. „Die Annahmen zum Netzausbau waren allesamt zu niedrig“, sagte Leonhard Birnbaum, Chef des Energiekonzerns E.on, kürzlich der WELT AM SONNTAG, auch mit Blick auf den starken Zubau stromintensiver Rechenzentren. „Die Nachfrage, die die Prognosen für 2030 erwartet hatten, haben wir schon 2025 erreicht.“Die städtische Agentur Hamburg Invest sieht den Bau des Batterie-Großspeichers in Bergedorf gleichwohl als einen schönen Erfolg für die städtische Wirtschaftsförderung: „Wir bringen innovative Unternehmen, geeignete Flächen, wissenschaftliche Nähe und leistungsfähige Infrastruktur zusammen“, sagte Rolf Strittmatter, Geschäftsführer von Hamburg Invest. „Das Batteriespeicherprojekt von Flower zeigt sehr konkret, wie aus Energiewende ein reales Standortprojekt wird. Solche Investitionen stärken Hamburg nicht nur technologisch, sondern auch als Wirtschaftsstandort der nächsten Generation.“ Der Standort in Bergedorf sei dafür „besonders passend: mit der Nähe zum Energie-Campus der HAW Hamburg und zum entstehenden Innovationspark Bergedorf, der unter anderem auf Erneuerbare Energien ausgerichtet ist“.Und Hamburg Invest, das die Ansiedlung von Flower seit 2023 unterstützt hat, sieht noch einen anderen Vorteil bei dem Projekt: „Der neue Standort in Bergedorf ist optimal“, teilte Hamburg Invest mit, „da die Gewerbefläche von etwa zwei Hektar in Allermöhe aufgrund bodenspezifischer Besonderheiten für eine andere gewerbliche Nutzung faktisch nicht infrage kommt, für einen Batteriespeicher aber sehr gut geeignet und gelegen ist.“Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die deutsche und die internationale Energiewirtschaft.
Stromversorgung: Wenn Netze und Speicher in Konflikt geraten - WELT
Das Unternehmen Flower will in Hamburg-Bergedorf Deutschlands größten innerstädtischen Batteriespeicher bauen. Solange der Ausbau der Stromnetze aber mit dem Wachstum der erneuerbaren Energien nicht Schritt hält, drohen Engpässe bei den Netzbetreibern.








