InterviewRoman Bürki sagt über seinen jüngeren Bruder, den Thun-Captain: «Marco ist weiter, wenn es darum geht, ein Erwachsenenleben zu führen»Roman war lange der Erfolgreiche der Bürki-Brüder. Nun ist Marco mit Thun sensationell Schweizer Meister geworden. Die beiden sagen, worum sie sich beneiden – und warum der Jüngere selbständiger ist.16.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDer FC Thun ist Schweizer Meister 2026, es ist die grösste Sensation im Schweizer Fussball – der Captain Marco Bürki am Donnerstagabend nach dem 3:8 gegen YB mit dem Meisterpokal.Kjetil Waber / ImagoRoman Bürki, die Fussballschweiz feierte den Meistertitel des FC Thun als Sensation. Waren Sie auch überrascht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Roman Bürki: Wir haben die Schweizer Meisterschaft hier in den USA natürlich auch verfolgt. Plötzlich war der FC Thun ein Gesprächsthema. Einige Spieler hier, deren Verträge auslaufen, haben sich erkundigt, ob ich nicht einmal meinen Bruder fragen könnte, ob ein Wechsel zum FC Thun infrage käme.Sie waren näher dran als die meisten. Spürten Sie, dass sich da etwas entwickelt, was so erfolgreich werden könnte?Roman Bürki: Nach dem guten Start dachte ich schon auch: «Denen geht es wie uns in St. Louis in der ersten Saison.» Wir gewannen anfangs auch fast alle Spiele, haben dann aber nachgelassen. Bei Thun ist es einfach so weitergegangen. Märcu und ich haben oft telefoniert vor den Spielen. Zuerst war ich schon überrascht. Als sie dann Basel und YB schlugen, wurde mir klar, dass es etwas Grosses werden kann.Ihr Bruder galt immer als der Erfolgreichere der Familie. Jetzt sind Sie, Marco Bürki, Schweizer Meister. Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: «So, jetzt habe ich meine eigene grosse Geschichte geschrieben?»Marco Bürki: Roman war immer mein Vorbild im Fussball. Darum sehe ich es nicht so. Ich konnte damit umgehen, dass der Fokus auf ihm liegt, er macht eine internationale Karriere, das gelang mir nicht. Umso schöner ist, was wir jetzt mit dem FC Thun geschafft haben. Was mir gar nicht so bewusst war: Es gibt Kinder in der Schweiz, die nicht mehr wissen, dass Roman in Dortmund spielte. Und Amerika ist so weit weg. Es war speziell für mich, zu spüren, dass die Kinder jetzt mich kennen, aber ihn gar nicht unbedingt.Ihr Vater war auch Goalie. Hatte er Einfluss auf die Positionen, auf denen Sie spielen?Roman Bürki: Bei mir wahrscheinlich schon. Ich war nie derjenige, der gerne herumrennt. Wenn wir als Kinder draussen spielten, war ich gerne hinten, weil man als Verteidiger nicht so viel laufen muss.Wieso sind Sie nicht gerne gelaufen?Roman Bürki: Weil es anstrengend ist. Im Tor ist der Kopf stärker gefordert. Nach den Spielen bin ich eher mental müde, wegen der Konzentration und des Drucks.Für Sie war das Tor keine Option?Marco Bürki: Es brauchte ja noch einen, der aufs Tor schiesst.Wie war Ihre Dynamik, wenn Sie draussen gespielt haben? Haben Sie sich untereinander gemessen, oder waren Sie die beiden Brüder gegen alle anderen? Roman Bürki: Wir hatten zum Glück Nachbarskinder, die mit uns spielten. Das war sehr kompetitiv, Familie war Nebensache. Aber genau dieser Ehrgeiz hat uns weitergebracht – auch wenn ich es manchmal übertrieben habe.Hat er es manchmal übertrieben?Marco Bürki: Wenn er hässig war, hat er mich schon gefoult. Manchmal weinte ich. Aber alles gut!Wie war es für Ihre Eltern, dass beide Buben Profifussballer wurden?Marco Bürki: Für unseren Vater ein Traum, und unsere Mutter hat sich auch schon früh darauf eingestellt, als sich das abzeichnete. Dank unseren Profikarrieren haben sie viel erlebt, verschiedene Länder gesehen, schöne Erlebnisse mit uns teilen können.Haben die Eltern nie gesagt: «Macht zuerst etwas Anständiges, bevor ihr Fussballer werdet»?Roman Bürki: Unsere Mutter ist Lehrerin; als ich bei YB einen Profivertrag unterschrieb, sagte sie: «Was ist, wenn du es nicht schaffst? Dann hast du keine Ausbildung.» YB bot mir damals aber eine Ausbildung im Verein an für den Fall, dass ich mich nicht durchsetzen würde. Unserem Vater wurde die Chance, Profifussballer zu werden, damals verwehrt, weil seine Eltern auf einer Ausbildung bestanden. Seinen Kindern wollte er diese Möglichkeit nicht nehmen.Roman war recht früh erfolgreich, Sie standen in seinem Schatten. Wie war das für Sie?Marco Bürki: Klar wurde anfangs fast ausschliesslich über ihn gesprochen. Wir hatten den gleichen Berater; wenn wir ein Nachtessen hatten, redeten wir eine halbe Stunde über ihn und vielleicht fünf Minuten über mich. Aber eifersüchtig war ich nicht; ich habe vielmehr zu ihm aufgeschaut und nach dem Gleichen gestrebt. Das hat mich gepusht.Roman Bürki: Ich war ja gar nicht früher erfolgreich. Wir haben zeitgleich fast die gleichen Schritte gemacht, und er ist drei Jahre jünger. Danach verlief aber vieles anders: Er hatte mit Verletzungen zu kämpfen, bei mir ging es immer nur aufwärts.Schaffte eine internationale Karriere: Roman Bürki spielte mit Borussia Dortmund in der Champions League und absolvierte neun Länderspiele für das Schweizer Nationalteam.Christopher Neundorf / ImagoMarco sagt, Sie seien sein Vorbild gewesen. Was haben Sie von ihm gelernt?Roman Bürki: Er ist erwachsener. Er packt die Dinge an. Ich will es nicht als Ausrede brauchen, aber ich hatte immer Leute, die alles für mich gemacht haben. Ich musste nicht einmal meine Schuhe selber putzen. Marco organisiert Dinge, erledigt sie. Ich bin immer noch in dieser Bubble, in der ich nur Fussball spielen muss, sonst gar nichts.Marco ist selbständiger?Roman Bürki: Auf jeden Fall. Wenn mir meine Frau etwas aufträgt, und ich weiss nicht genau, wie man es macht, frage ich einen Klubmanager. Marco ist weiter, wenn es darum geht, ein Erwachsenenleben zu führen.Wussten Sie das, Marco?Marco Bürki: Ich habe schon das Gefühl, dass ich mehr über den Tellerrand schaue. Verantwortung tragen zu müssen, hat mir auch weitergeholfen in meiner Karriere.Zwei Brüder, zwei Wegebko. · Die Brüder Roman Bürki, 35, und Marco Bürki, 32, wuchsen in Münsingen auf, beide durchliefen die Juniorenstufen der Berner Young Boys. Roman war ab 2015 sieben Jahre lang Stammtorhüter von Borussia Dortmund, spielte in der Champions League und machte neun Länderspiele für das Schweizer Nationalteam. 2022 wechselte er in die Major League Soccer nach St. Louis, wo er bis Ende 2027 gebunden ist.Marco Bürki musste zuerst einige Schritte zurückmachen. Er ging von YB leihweise nach Thun (2015–2017), dann nach Belgien (Zulte Waregem) und kehrte via Luzern 2021 zurück zum FC Thun – in die Challenge League. In dieser Saison wurde er mit dem Aufsteiger sensationell Schweizer Meister. Sein Vertrag mit den Berner Oberländern läuft bis im Sommer 2028.Leader-Figuren sind Sie aber beide. Sie tragen als Captains in Ihren Klubs Verantwortung für Ihre Teams. Tauschen Sie sich aus über diese Rolle?Roman Bürki: Wir sind sehr unterschiedliche Typen. Marco ist der positive, der aufbauende. Ich bin mehr derjenige, der es rigoros anspricht, wenn ihm etwas nicht gefällt. Damit haben gewisse Spieler Mühe. Marco füllt das Team mit Positivität. Ich bin eher wie ein alter Grossvater, der aus dem Fenster schaut und reklamiert, wenn einer falsch parkiert, der Typ Polizist.Stimmt das Bild, das Roman von Ihnen als Captain zeichnet? Marco Bürki: Mir war nie wichtig, dass Mitspieler sagen, ich sei der beste Verteidiger, mit dem sie je gespielt hätten. Wichtig ist mir, der bestmögliche Leader zu sein. Roman geht immer mit Leistung voran. Ich definiere mich nicht allein über die Leistung, sondern über meine Fähigkeiten als Leader, egal ob auf dem Platz oder in der Kabine. Die anderen sollen von mir sagen, ich sei ein guter Mensch, sie könnten mir vertrauen.Roman litt sehr, als er beim BVB plötzlich nicht mehr zum Zug kam. Konnten Sie ihn da unterstützen? Marco Bürki: Es ist schwierig geworden, über die räumliche Distanz eine nahe Verbindung zu halten. Aber als es ihm in Dortmund nicht gutging, habe ich ihn besucht. Die Zeit war vor allem auch für die Eltern schwierig: Man ist weit weg und kann nicht richtig helfen. Wenn ich spüre, dass es ihm nicht so gutgeht, spreche ich es an, weil er nicht selbst damit herausrückt. Haben wir mehr Zeit miteinander, zum Beispiel in den Ferien, ist die Bindung aber sehr schnell wieder da.Als Thun 2024 in der Barrage gegen GC spielte, haben Sie, Roman, intensiv mit dem FC Thun mitgefiebert – obwohl mit GC einer Ihrer Ex-Klubs der Gegner war. War das für Sie selbstverständlich?Roman Bürki: Meine Familie war mir da schon wichtiger, von meinen damaligen Mitspielern ist nur noch Amir Abrashi bei GC. Und bei den Grasshoppers hat sich leider viel verändert, seit ich dort war. Damals waren wir recht erfolgreich. Ich verstehe nicht, was mit GC seither passiert ist. Da wurden viele falsche Entscheidungen getroffen, die ungesund waren für den Klub.Gibt es Dinge, um die Sie den anderen beneiden? Roman Bürki: Ich hätte auch gerne einen Meistertitel, möchte mit einer Mannschaft nach 34 oder 36 Spielen auch einmal ganz oben stehen. Bisher habe ich nur den Schweizer Cup sowie zweimal den DFB-Cup gewonnen (2013 mit GC, 2017 und 2021 mit Dortmund; Anm. d. Red), Marco dagegen wurde zweimal Schweizer Meister, mit beiden Teams aus dem Kanton Bern.Hätten Sie gern den Glamour, den Roman in Dortmund beim BVB hatte?Marco Bürki: Überhaupt nicht. Als ich ihn dort jeweils besuchte, waren da immer Leute, die ihm nachliefen und etwas von ihm wollten. Irgendwann bedeutet das nur noch Stress. Worum ich ihn aber beneide: Ich musste immer mehr machen, im Winter stets hart trainieren. Roman war sehr talentiert und konnte viele Sachen einfach so. Anzuerkennen, dass ihm vieles leichtfällt, war manchmal schwierig für mich. Ich trainierte in den Ferien immer voll, Roman ging mit Freunden aus.Plötzlich war Roman Bürki beim BVB nicht mehr gefragt – am 14. Mai 2022 verabschieden die Dortmund-Fans ihren langjährigen Stammgoalie.Christopher Neundorf / ImagoSie, Roman, haben beides erlebt, den Fussball in Europa und in den USA. Worin unterscheiden sich die Major League Soccer und die Ligen in Deutschland und der Schweiz am stärksten?Roman Bürki: Der Personenkult ist in Europa ausgeprägter. In den USA ist es sehr entspannt, die Leute lassen einen in Ruhe. Der grösste Unterschied sind die vielen Reisen, man fliegt schnell einmal vier Stunden zu einem Auswärtsspiel, hat dann zwei Stunden Zeitverschiebung. Nach der Partie übernachten wir am Spielort und fliegen erst am nächsten Tag zurück. Meistens ist man für ein Auswärtsspiel drei Tage weg von daheim. Das ist zwar anstrengend, aber auch schön, auf den Flügen verbringt man viel Zeit mit den Kollegen. Das schweisst zusammen.Wären Sie Ihrem Bruder gerne wieder näher?Marco Bürki: Es war immer mein Traum, mit Roman in einer Mannschaft zusammenzuspielen. Bevor ich in Thun den neuen Vertrag unterschrieben habe (bis im Sommer 2028, Anm. d. Red), hatte ich eine Klausel im Kontrakt, die es mir erlaubt hätte, in einem solchen Fall günstig ins gleiche Team wie er zu wechseln. Die Wahrscheinlichkeit wird mit zunehmendem Alter immer kleiner, aber Roman spielt bestimmt noch bis 40 weiter. Und ich hoffentlich auch noch einige Jahre.Roman, können Sie sich vorstellen, die Karriere in der Schweiz zu beenden?Roman Bürki: Eher nicht. Sosehr ich die Schweiz liebe: Ich bin ein Wettermensch. Ich liebe gutes Wetter, es gibt mir viel Energie und gute Laune, wenn ich am Morgen aufstehe und es draussen warm ist und die Sonne scheint. Im Moment fühle ich mich sehr wohl in den USA. Aber Marco könnte hierherkommen. Ich habe bereits mit seiner Frau gesprochen, ich glaube, sie wären nicht abgeneigt.Passend zum Artikel
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