«Mogelpackung»: Milka lässt seine Schokoladentafeln schrumpfen – und bekommt einen Rüffel von einem GerichtDer Schokoladenhersteller habe die deutschen Konsumenten getäuscht, argumentieren die Richter. Dabei gibt es in Deutschland zahlreiche Fälle von «Shrinkflation» – und Kritik an Marken wie Ritter Sport oder Lindt.16.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPlötzlich leichter: die Milka-Schokolade in einem Supermarkt in Mannheim.Arnulf Hettrich / ImagoDie Milka-Schokolade im Regal deutscher Supermärkte sieht aus wie immer: 18 Zentimeter lang, 8 Zentimeter breit, violett und mit einer Kuh auf der Vorderseite. Seit vergangenem Jahr ist etwas an der Tafel aber anders.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie ist leichter geworden.Der Lebensmittelkonzern Mondelez, Eigentümer der Marke Milka, reduzierte das Gewicht seiner in Deutschland verkauften Tafelschokoladen von 100 auf 90 Gramm, indem er sie dünner machte. Verbraucherschützer sahen darin einen Täuschungsversuch, klagten vor Gericht wegen unlauteren Wettbewerbs – und bekamen recht.Diese Woche urteilte das Landgericht Bremen, dass Mondelez mit seiner Mengenreduktion gegen das Wettbewerbsrecht verstossen habe. Eine «relative Mogelpackung», sagte der vorsitzende Richter in den Verhandlungen. Mondelez hätte für vier Monate einen Hinweis auf der Verpackung anbringen müssen, damit ein Konsument «in der praktischen Situation eine reale Chance» gehabt hätte, auf die Anpassung aufmerksam zu werden.Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, es kann von Mondelez weiterverfolgt werden. Unmittelbare Konsequenzen für den Konzern gibt es nicht, da die leichtere Tafel bereits länger als vier Monate im Verkauf ist. Der Gerichtsentscheid sendet aber ein Signal an die gesamte Lebensmittelbranche.Starker Kostendruck bei SchokoladeDie Menge zu reduzieren, ohne dabei den Preis zu senken: Dieses Phänomen wird oft als «Shrinkflation» bezeichnet. Lebensmittelproduzenten erhoffen sich, dass eine Preiserhöhung von den Kunden weniger bestraft wird, wenn sie verschleiert stattfindet. Eine Studie der südkoreanischen Sogang-Universität verglich im Jahr 2023, wie Kunden auf verschiedene Formen einer Preiserhöhung bei Milch reagierten. Der Einbruch der Nachfrage nach einer Preiserhöhung bei gleichbleibender Menge war fünfmal so stark, wie wenn der Hersteller bei unverändertem Preis die Menge reduzierte.Milka ist kein Einzelfall. Auch andere Marken wie Knorr, Pampers oder Mars liessen in den letzten Jahren ihre Produkte schrumpfen, wie aus einer Liste der Verbraucherzentrale Hamburg hervorgeht. Die Folgen der Pandemie und des russischen Einmarschs in der Ukraine sorgten in zahlreichen Produktsegmenten für höhere Kosten in der Lieferkette. In keiner anderen Produktklasse war der Kostendruck offensichtlicher als bei den Schokoladenherstellern.Aufgrund von Ernteausfällen stieg der Preis für eine Tonne Kakao zwischen 2023 und 2024 von 2500 auf über 10 000 Dollar. Mittlerweile ist der Kakaopreis zwar wieder gesunken. Da viele Hersteller ihre Mengen aber lange im Voraus einkaufen, arbeiten sie noch immer ihre Bestände ab. Für deutsche Konsumenten bleibt Schokolade deshalb teurer, als sie es vor einigen Jahren noch war.Konkurrenz verzichtet auf Shrinkflation – und wird abgestraftNeben Milka stehen auch andere Schokoladenhersteller in der Kritik. So liess Ritter Sport das Gewicht seiner quadratischen Tafeln bei Sorten wie Voll-Nuss, Marzipan oder Alpenmilch zwar unverändert. Kostete eine Tafel Ritter Sport vor wenigen Jahren im Supermarkt aber noch 99 Cent, müssen Konsumenten heute 1.99 Euro dafür bezahlen. Der CEO Andreas Ronken sagte der NZZ kürzlich in einem Interview: «Viele Konsumenten glauben, wir Hersteller würden uns so die Taschen voll machen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir kämpfen mit sinkenden Margen und mit schwindenden Absatzmengen.»Jüngst hat die Firma aus Waldenbuch drei neue Sorten mit höherem Kakaogehalt auf den Markt gebracht. Diese sind ebenfalls quadratisch – aber nur noch 75 Gramm schwer. Verbraucherschützer sehen das als ein weiteres Beispiel von Shrinkflation. Ritter Sport hingegen argumentiert, dass sich die neuen Sorten am Kundenbedürfnis orientierten. So bevorzugten Konsumenten bei Schokoladen mit höherem Kakaogehalt dünne Tafeln.Ähnlich wie Ritter Sport verzichtete auch der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt in Deutschland auf Mengenreduktionen bei seinen Tafeln und setzte stattdessen Preiserhöhungen durch. Vor wenigen Jahren kostete eine Tafel Lindt-Milchschokolade in den deutschen Supermärkten noch 1.99 Euro, zuletzt waren es 2.69 Euro – eine Preiserhöhung von rund 35 Prozent.Das hatte Folgen bei der Nachfrage: Der verkaufte Absatz von Lindt in Deutschland sank 2025 um knapp 7 Prozent. Grosshändler wie Rewe oder Edeka beklagten jüngst, dass sich die goldenen Lindt-Hasen schlecht verkauften. Lindt reagierte und senkte im April die unverbindliche Preisempfehlung für die deutschen Supermärkte für eine Tafel Milchschokolade auf 2.19 Euro. Auch die Weihnachtsschokolade soll günstiger werden als ursprünglich geplant.Die nächsten Preiserhöhungen drohenDie Firma Mondelez hat noch nicht mitgeteilt, ob sie das Urteil des Bremer Landgerichts weiterzieht. Das Unternehmen nehme die Entscheidung des Gerichts zur Kenntnis, sagte eine Sprecherin. Unabhängig davon werde Mondelez weiter an der Kommunikation arbeiten. «Unser Anspruch war und ist es, transparent, umfassend und verantwortungsvoll mit allen zu kommunizieren, die unsere Produkte kaufen und geniessen.» Das Vertrauen der Konsumenten in die Marke sei das höchste Gut.Das Urteil hat eine abschreckende Wirkung. Lebensmittelhersteller dürften fortan bei Mengenreduktionen in Deutschland vorsichtiger vorgehen, damit ihnen anders als Mondelez ein symbolisches Gerichtsurteil und ein damit verbundener Imageschaden erspart bleiben. Dennoch könnten schon bald die nächsten Preiserhöhungen auf die Konsumenten zukommen: Der Iran-Krieg verteuert beispielsweise Energie und Düngemittel, zwei wichtige Vorprodukte bei der Lebensmittelproduktion.Passend zum Artikel