Bradley Secker / PanosImmer mehr Männer fliegen nach Istanbul, um sich die Beine verlängern zu lassen. Das Geschäft mit der Grösse boomt – nicht zuletzt, weil es dabei auch um eine Frage der Männlichkeit geht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Amir steckt den Inbusschlüssel in die Schraube, die aus seinem rechten Oberschenkel ragt, und dreht ihn um 90 Grad. Erst schreit er theatralisch auf, dann lacht er. Tut das weh? «Nein, nein, nein», sagt er. Und beteuert, nichts zu spüren.Amir hat mit der Drehung gerade seine beiden Knochenenden um 0,25 Millimeter auseinandergezogen. Das macht er täglich viermal – um einen Millimeter am Tag zu wachsen. Der Knochen bildet dabei ständig neues Heilgewebe nach, das versteinert und Amir grösser werden lässt. Acht Zentimeter sind es schon.Der Mann, der anonym bleiben will, war 1 Meter 70 gross, als er vor drei Monaten in Istanbul ankam. Dann schob ihm Doktor Öc Schienen ins Mark der Oberschenkelknochen, brach sie und befestigte Gestelle an seinen Beinen, an denen Amir nun herumschraubt. Diese «Fixateure» sind mit den Knochenteilen verbunden, um sie auseinanderzuziehen.Amirs Ziel: Istanbul mit einer Körpergrösse von 1 Meter 78,5 zu verlassen. Kein Millimeter weniger. Zur Sicherheit, wie er betont, will er noch acht Tage an den Schrauben drehen. Warum müssen es 1 Meter 78,5 sein? Die männliche Durchschnittsgrösse in seiner Heimat betrage 1 Meter 75, sagt er. «Ich möchte etwas grösser sein als die anderen.»Inbusschlüssel in die Schraube, eine Umdrehung von 90 Grad, und schon ist Amirs Bein um 0,25 Millimeter länger. Viermal am Tag schraubt er, am Tag wächst er so einen Millimeter.Der EntschlussAmir wollte das schon immer: grösser sein. Sein Leben lang hat er nach einer Lösung gesucht, bis er bei Instagram auf die ästhetische Beinverlängerung in der Türkei stiess. Das war im vergangenen Dezember. Er informierte sich, plante und stieg in ein Flugzeug. In Istanbul traf er sich mit Doktor Öc, schaute bei einer Operation zu, fragte Patienten aus und sprach mit verschiedenen Anbietern. Dann entschied er sich für den Eingriff.Amir buchte bei Wanna Be Taller die Beinverlängerung all inclusive: Der Anbieter organisiert vom Flughafentransfer über Kost und Logis bis zu den Operationen und der medizinischen Rundumbetreuung in der Wachstumsphase alles.Einen Monat später lag er auf dem Schragen. «Es fällt mir nicht schwer, Entscheidungen zu treffen», sagt er, während der Krankenpfleger seine Wunden säubert.Amir ist athletisch gebaut, hat volles schwarzes Haar, einen Bart und dunkle Augen. Er ist Anwalt, selbständig, hat mehrere Angestellte, mehrere Immobilien und einen Porsche 911. Der Mann hat es weit gebracht – und dennoch fehlte ihm etwas: ein paar Zentimeter Körpergrösse. Der Eingriff, so versichert er, habe nicht oberste Priorität gehabt. Doch der Moment passte. Der Winter sei empfehlenswert für die Wundheilung, es sei eine ruhigere Zeit bei der Arbeit, mental sei er bereit gewesen, er könne sich den Eingriff leisten – und was seien schon drei Monate im Leben?«Ich spürte immer, dass mir etwas fehlte», erzählt Amir. In seiner Umgebung seien alle grösser gewesen. Auch die Männer in seiner Familie: «Alle sind zwischen 1 Meter 90 und 1 Meter 95 – bloss ich nicht.» Auch bei Frauen sei seine Grösse ein Problem gewesen. «Sie bevorzugen grosse Männer.» Das habe er oft erfahren müssen.Stücke von Oberschenkelknochen, die weiblichen Patienten von Wanna Be Taller bei einer Beinverkleinerung entfernt wurden, stehen auf dem Pult von Ibrahim Algan. Er hat die Agentur gegründet. Die Inschriften auf den Fragmenten geben deren Längen an.Sein Leben lang hat Amir Witze über seine Grösse gehört, sogar von seinem noch kleinen Sohn. «Mama sieht grösser aus als du», so habe ihn der Junge geneckt, obwohl seine Frau zwei Zentimeter kleiner gewesen sei, aufgrund ihrer Statur aber grösser gewirkt habe. Amir lacht, wenn er davon erzählt. Offenbar haben ihn die Sprüche aber getroffen.Ausser seiner Frau weiss niemand, dass er sich in Istanbul die Beine verlängern lässt. Als er ihr davon erzählte, reagierte sie verärgert und eifersüchtig. Sie befürchte, so gibt er zu verstehen, sein Erfolg bei anderen Frauen könnte die Beziehung gefährden.Seinem Umfeld erzählte er, dass er einen medizinischen Eingriff am Bein vornehmen lassen müsse. Er wollte nicht, dass jemand die Wahrheit erfährt. Negative Energie und Neid nennt er als Gründe. Aber wie soll sein Umfeld denn nicht merken, dass er acht Zentimeter grösser ist? Das ist Amir egal, aber sie sollen es erst im Nachhinein bemerken.Der EingriffAmir ist im Februar allein nach Istanbul gereist. Zweieinhalb Stunden operierte ihn Doktor Öc in einem Privatspital, das an einer Schnellstrasse westlich von Istanbul liegt und wegen seiner verspiegelten Fassade und der Rolltreppen an ein Luxushotel erinnert. Drei Tage verbrachte er da. Im Sprechzimmer sitzt der Mann, der ihm die Knochen brach.Doktor Yunus Öc, der als Orthopäde normalerweise Knochen zusammenflickt, trennt solche inzwischen immer häufiger: 270 Mal in den vergangenen drei Jahren für Beinverlängerungen, 12 Mal für Beinverkürzungen.Die Methode entwickelte in den 1950er Jahren ein sibirischer Landarzt für die rekonstruktive Chirurgie bei Kriegsversehrten, Verunfallten oder Menschen mit angeborenen Fehlbildungen. Um die Jahrtausendwende begannen Ärzte sie auch zu ästhetischen Zwecken einzusetzen. Das Verfahren wurde technisch verfeinert. Aus einem Nischenphänomen wurde eine globale Industrie.Beinverlängerungen lassen hauptsächlich Männer vornehmen: Doktor Öc schätzt ihren Anteil auf 95 Prozent. Bei Beinverkürzungen, die viel seltener gemacht werden, sind Frauen in der klaren Überzahl. Das grösste Risiko der komplexen Operation sei eine Knocheninfektion, stellt der Arzt klar. Danach sei massive Disziplin bei der Rehabilitation und der Nachsorge wichtig für den Erfolg des Eingriffs. Essenziell sind Bewegung und intensive Physiotherapie, damit sich Muskeln und Sehnen anpassen und keine Thrombosen sowie keine bleibenden Schäden entstehen. Wer die ärztlichen Anweisungen befolge, so Öc, habe kaum ernsthafte Probleme.Die Wunden von Amir müssen nach der Operation regelmässig gereinigt werden, um Infektionen vorzubeugen.Repräsentative Studien des Hospital for Special Surgery in New York und der Yonsei-Universität in Seoul, beides führende Institutionen auf dem Gebiet, geben ihm recht: Zwar trete bei rund jedem fünften Patienten ein Problem auf, das eine längere Behandlung oder einen kleinen Korrektureingriff erforderlich mache – am Ende aber folgenlos abheile. Die Erfolgsquote des Eingriffs sei hoch. Das Risiko schwerer, dauerhafter Komplikationen wie bleibender Nervenschäden oder chronischer Entzündungen liegt laut den Studien bei lediglich drei bis fünf Prozent. Es steigt, je mehr man sich strecken lässt. Die Studien empfehlen daher, für ein sicheres Langzeitergebnis nicht mehr als sieben Zentimeter pro Gliedmasse zu wachsen.Der Eingriff ist in der Fachwelt umstritten. Kritiker, unter ihnen auch namhafte Orthopäden, beanstanden primär den Verstoss gegen das ärztliche Ethos, eine invasive Behandlung am gesunden Körper vorzunehmen. Sie warnen vor Komplikationen, die Patienten ein Leben lang beeinträchtigen können. Besonders unseriöse Kliniken stehen in der Kritik, weil sie günstigere Eingriffe anbieten und die Sicherheit der Patienten gefährden. Von misslungenen Eingriffen in solchen Einrichtungen ist immer wieder zu lesen. Da ästhetische Beinverlängerungen erst seit zehn bis fünfzehn Jahren durchgeführt werden, fehlen zudem Erkenntnisse über Langzeitfolgen im Alter. Auch Doktor Öc gibt das zu.Vor einer OP klärt er seine Patienten über sämtliche Risiken auf, und er vermisst sie akribisch. Entscheidend sind auch die Körperproportionen. Am Ende seien sie zwischen sieben und maximal acht Zentimeter grösser, sagt er. Alles andere sei ungesund und lehne er ab. Wer mehr wachsen will, muss sich in einer weiteren Operation die Schienbeine brechen lassen.Doktor Yunus Öc bricht heute vor allem Knochen, statt sie zusammenzuflicken: 270 Mal in den vergangenen drei Jahren für Beinverlängerungen, 12 Mal für Beinverkürzungen.Das GeschäftIbrahim Algan hat das gemacht – um insgesamt zwölf Zentimeter zu wachsen. 2015 gründete er Wanna Be Taller. Die Agentur kommerzialisierte die ästhetische Beinverlängerung in der Türkei für eine internationale Kundschaft. Mit Pauschalangeboten legte sie den Grundstein für eine ganze Branche. Heute gibt es zahllose Nachahmer, und Istanbul gilt als globaler Hub für Beinverlängerungen.Algan war einst 1 Meter 60 gross. «Zwei Zentimeter kleiner als türkische Frauen im Durchschnitt», sagt er und meint, das habe sich wie Krebs angefühlt. Die Operationen seien eine Erlösung gewesen. Darum gründete er sein Unternehmen: Er wollte Männern mit demselben Problem helfen. Die Nachfrage steigt laut seinen Aussagen seither stetig. Zahlen des Gesundheitsministeriums belegen, dass sich die Zahl der Eingriffe in den vergangenen Jahren vervielfacht hat.Ibrahim Algan weiss, was seine Patienten durchleben. Er hat sich selbst zweimal die Beine verlängern lassen. Um anderen Männern mit demselben Problem zu helfen, hat er sein Unternehmen gegründet.Mittlerweile kommen Männer aus der ganzen Welt in die Türkei, um sich die Beine verlängern zu lassen. Ausschlaggebend dafür sind die verhältnismässig tiefen Preise. Amir zahlte 35 000 Dollar für das Rundumpaket – knapp 4000 Dollar pro Zentimeter. In den USA, Deutschland oder Südkorea hätte es ein Mehrfaches gekostet.Eine Beinverlängerung ist die wohl extremste Form körperlicher Selbstoptimierung. Männer, die sich diesem Eingriff unterziehen, wollen ihre Körpergrösse nicht länger als Schicksal hinnehmen.Der Trend folgt dem Schönheitsideal, wonach grosse Männer als durchsetzungsfähig und attraktiv gelten. Operieren lassen sich darum Männer, die sich wegen ihrer Körpergrösse beruflich und gesellschaftlich nicht ernst genommen fühlen oder bei der Partnerwahl einen Nachteil verspüren. Laut Doktor Öc leiden sie unter psychischen Problemen. Kann eine Operation diese lösen? «In 90 Prozent der Fälle: Ja.»Auch Studien belegen: Es funktioniert. Fast alle Patienten berichten ein Jahr nach dem Eingriff von einem gesteigerten Selbstwertgefühl. Das erlebte auch Algan. Seit seiner Beinverlängerung habe er mehr Erfolg bei Frauen, sagt er. Grösse werde mit Männlichkeit verbunden. Deshalb bevorzugten Frauen grosse Männer. Er verweist auf Umfragen und Daten von Dating-Plattformen. Das sei wohl angeboren, Frauen wollten sich beschützt fühlen.In der digitalen Welt, in der die Grösse in Dating-Profilen als Filter fungiert, wird die Beinverlängerung zur ultimativen Lösung eines kompetitiven Nachteils. Algan behauptet, die grosse Mehrheit seiner bisher 750 Patienten habe sich darum die Beine verlängern lassen. Auch Doktor Öc sagt: «Es ist wegen der Frauen.»Beruflich zählt die Körpergrösse ebenfalls. Studien zeigen: Grössere Männer steigen öfter in Führungspositionen auf und verdienen mehr. Das gilt als weiteres Argument für eine Operation. Was auffällt: Die meisten Männer, die sich die Beine verlängern lassen, wollen keine Hünen sein, sondern einfach zum Durchschnitt gehören. Wer nicht klein sei, könne das nicht nachvollziehen, sagt Algan wiederholt. Der Leidensdruck sei gross, so gross, dass diese Männer sich auf diese schmerzhafte, komplizierte und langwierige Prozedur einliessen.Amir klagte in den ersten Wochen über sehr starke Schmerzen. Mittlerweile hat sich sein Körper daran gewöhnt.Das WachstumIn den ersten Wochen nach der Operation fragte sich Amir, weshalb er sich das angetan hat: «Die Schmerzen waren so stark.» Muskelkrämpfe quälten ihn, und er schlief höchstens fünf oder sechs Stunden am Stück. Doch mit der Zeit passte sich sein Körper an. Jetzt, da die Schmerzen verschwunden seien, sei das Leiden in den Hintergrund gerückt, sagt er gut gelaunt, während er seinen roten Rollator durch den Physioraum schiebt. Er nennt ihn seinen Porsche.Amir ist für die Rehabilitation und den Wachstumsprozess in das Hotel gezogen, das ihm Wanna Be Taller nach der Operation vermittelt hat. Es liegt weit ausserhalb der Stadt, viel gibt es hier nicht. Das ist wohl auch der Sinn der Sache: Hier treffen Männer auf Männer, die sich freiwillig aus dem Alltag reissen und sich höllischen Schmerzen aussetzen, um inkognito ein paar Zentimeter zu wachsen. Dann kehren sie zurück in ihr Leben, als wäre nichts passiert.Der Physioraum ist in dieser Zeit das Herzstück ihres Alltags. «No pain, no gain», steht auf einem Plakat, «Never give up» auf einem anderen. Neben Spitalbetten, Verbandmaterial und Medikamenten stehen Hometrainer, Hanteln und Stufen im Raum. Ein Physiotherapeut macht mit einem Japaner Dehnübungen. Seine OP liegt erst zwei Wochen zurück, Amir geht auf dem Laufband. Andere Patienten klagen über Langeweile. Amir findet jedoch, die Zeit vergehe schnell. Neben der Physiotherapie, sonstigem Krafttraining und dem Verbandwechsel arbeitet er online. Das lenkt ihn ab.Nach der Operation dreht sich alles um die Physiotherapie. Die Patienten müssen ihre Beine diszipliniert dehnen und bewegen.Die HeimreiseDas Schlimmste hat er bald hinter sich. Sobald er die letzten Millimeter geschafft hat, wird ihm Doktor Öc das äussere Gestell am Bein operativ entfernen, und er kann heimfliegen. Darauf freut er sich. Er vermisse die Familie und seinen Porsche, sagt er. Seine Frau wird in den kommenden Tagen nach Istanbul reisen und ihn abholen.Für Amir ist schon jetzt klar, dass sich der Eingriff gelohnt hat. «Ich würde es wieder tun», sagt er. Doch bis zur vollständigen Heilung liegt noch ein langer Weg vor ihm. Wochenlang wird er an Krücken gehen und intensiv trainieren müssen. Ein Jahr wird es dauern, bis er alles wieder normal machen kann. Dann kommt er für einen letzten Eingriff nochmals zu Doktor Öc: Der wird ihm die Schienen aus den Knochen entfernen.Auf die Frage, ob er bereits einen Unterschied merke, antwortet Amir mit einem Ja. Vor wenigen Tagen habe er im Hotellift eine unbekannte Frau nach ihrer Körpergrösse gefragt und sie deutlich zu klein geschätzt. Sein Gespür für Grösse habe sich verschoben, sagt er. Mit 1 Meter 72 sei sie nun kleiner als er, vor der Operation wäre das anders gewesen. «Es fühlt sich gut an, grösser zu sein.»Passend zum Artikel
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