Andri Jermak stand jahrelang an der Seite Selenskis – bis eine Korruptionsaffäre ihn einholteEr war ein mächtiger Drahtzieher in Kiew und jahrelang praktisch eins mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski. Nun sitzt der Ex-Stabschef Andri Jermak in Untersuchungshaft. Wer ist der Mann?15.05.2026, 15.10 Uhr4 LeseminutenVom Chef der Präsidialverwaltung zum Angeklagten in einem Korruptionsfall: Andri Jermak bei der Anhörung vor dem Antikorruptionsgericht in Kiew.Alina Smutko / ReutersDie Hände hat er zusammengefaltet, den Kopf gehoben. So zeigen die Bilder Andri Jermak am 14. Mai, dem Tag, als das Oberste Antikorruptionsgericht in Kiew für den früheren Chef der ukrainischen Präsidialverwaltung nach einer dreitägigen Anhörung Untersuchungshaft für zwei Monate anordnet. Jermak, der grossgewachsene, breitschultrige Mann, der nahezu alle im Gerichtssaal überragt, wiederholt in diesen Minuten das, was er all die Tage zuvor gesagt hat: Er habe sich nichts vorzuwerfen und werde Berufung einlegen. Bei einer Verurteilung drohen Jermak bis zu zwölf Jahre Haft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein Nachspiel einer Epoche in Kiew, die der 54-Jährige über Jahre prägte und in der er vor allem der Ukraine im Krieg – neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski – ein Gesicht gab. Sie endet unrühmlich und wirft auch Fragen an Selenski auf, die dieser nicht beantworten will: Wusste Selenski von den Machenschaften seines Stabschefs? Wusste er von den vier Villen im Datschen-Luxuskomplex Kosin in der Nähe von Kiew und davon, dass eine Villa für Jermak bestimmt war und eine andere für Selenski selbst, wie es in ukrainischen Medien heisst? Wusste er von der Bestechung beim staatlichen Atomenergie-Monopolisten Enerhoatom und letztlich der ganzen Affäre, die den Namen «Midas» trägt?Wer ist «Ali Baba»?Die Figuranten dabei sind neben Jermak auch der Geschäftsmann Timur Minditsch, der frühere Justizminister Herman Haluschtschenko und der frühere Vizeministerpräsident Olexi Tschernischow. Minditsch flüchtete im Zuge der Ermittlungen nach Israel. Er hatte jahrelang das Medienunternehmen Kwartal 95 geführt, das einst Selenski gehörte und mit dem der ukrainische Präsident bekannt wurde. Haluschtschenko verlor seinen Posten, Tschernischow kam ebenfalls in Untersuchungshaft und wurde später gegen eine Kaution in Höhe von 51 Millionen Hrywna (umgerechnet etwa eine Million Franken) freigelassen.Das Prinzip, das sie angewandt haben sollen, klingt simpel: Auftragnehmer, die Enerhoatom mit Gütern und Dienstleistungen belieferten, zahlten Bestechungsgelder von 10 bis 15 Prozent des Auftragswertes an hochrangige Beamte – als Gegenleistung dafür, ihren Lieferantenstatus zu behalten. Zynischerweise passierte dies in einer Zeit, in der Russland systematisch die ukrainische Energieinfrastruktur bombardierte und Millionen Ukrainer ohne Strom froren.Als die Ermittlungen in dem Fall begannen, soll Jermak versucht haben, diese zu stoppen und andere Strafverfolgungsbehörden gegen das Antikorruptionsbüro (Nabu) aufzubringen. In den Abhörprotokollen, die das Nabu portionsweise veröffentlicht hat, kommt ein «Ali Baba» vor, der Anweisungen zu solchem Handeln gibt. Der Codename mit der Abkürzung A. B. soll für Jermak stehen, weil sein Vorname mit A und sein Vatername mit B beginnt: Andri Borisowitsch. Jermak wehrte sich bei seiner Anhörung: «Ich habe nur einen Namen.»Gegen Selenski selbst ermittelt das Nabu nicht. Eine politische Belastung ist «Midas» dennoch für ihn, in Kiew sprechen so manche von einer Zeitbombe für den Präsidenten. Am 28. November 2025 durchsuchten die Ermittler Jermaks Privatwohnung. Damit begann das politische Ende des Kiewer Anwalts mit einem ukrainischen Vater und einer russischen Mutter, der von Selenskis Seite kaum wegzudenken war.Herausgetreten aus dem SchattenAls Selenski 2019 in bester Stimmung seinen Amtsantritt feiert, ist Jermak bereits Teil seines Teams – allerdings im Hintergrund. Auf dem Foto, das der mit grossem Vorsprung gewählte Präsident damals verbreiten lässt, läuft Jermak in der letzten Reihe, mit seiner Sonnenbrille ist er kaum zu erkennen. Er gehört nicht zu den engen Freunden aus seiner Zeit als Schauspieler bei Kwartal 95, die Selenski ins Kiewer Regierungsviertel an der Bankowa-Strasse transferiert.Jermak hat Jus studiert und sich in den neunziger Jahren auf Urheberrecht spezialisiert, in der jungen unabhängigen Ukraine ein Nischengebiet. Er wird einer der Ersten, die die ukrainische Gesetzgebung zu geistigem Eigentum aktiv mitgestalten. Seine Kanzlei entwickelt sich zur Anlaufstelle für Medienkonzerne, so lernt Jermak Selenski und das Team von Kwartal 95 kennen. Als Selenski in die Politik wechselt, wird Jermak sein Berater. Seine Aufgaben sind anfangs undefiniert. Im Februar 2020 macht Selenski ihn zu seinem Stabschef, von nun an ist der Jurist stets an seiner Seite.Wo immer der ukrainische Präsident in den Jahren darauf auftaucht, ist Jermak nicht weit. Er läuft einen Schritt hinter dem Staatschef und lässt durch seine kräftige Statur den Präsidenten schmächtig aussehen. Sie sind ein ungleiches Paar, aber eines, das seit Russlands Grossangriff auf die Ukraine den beschwerlichen Weg zusammen geht. Jermak wird in der Ukraine wegen seiner olivgrünen Armeeuniform «grüner Kardinal» genannt. Er bestimmt, wer Zugang zum Präsidenten hat und wer draussen bleibt.Während Selenski zur Symbolfigur des Widerstands gegen die Russen aufsteigt, übernimmt Jermak die operative Koordination des Präsidentenamts: Er ist Mitglied des Oberkommandos der ukrainischen Armee, koordiniert humanitäre Fragen, führt Delegationen aus dem Westen durch sein kriegsversehrtes Land und wird dadurch zum wichtigsten Verhandlungspartner für all jene, die die Ukraine unterstützen. Selenski delegiert gern und fragt selten nach, wie etwas erledigt wird. Er gilt als einer, der nicht von Problemen hören will, sondern von Lösungen. Jermak löst. In Kiew sprechen manche Beobachter von dem Präsidenten und seinem Stabschef als einem Organismus, mit vier Armen und vier Beinen. Jermak gilt als loyal und fleissig.Mit internationalen Experten erarbeitet er Pläne für Sanktionen gegen Russland. Er führt noch die ukrainische Delegation in Genf bei den Gesprächen mit Vertretern der Trump-Regierung, als bei ihm zu Hause bereits nach belastendem Material gesucht wird. Selenski hält an ihm fest – bis er am Tag der Hausdurchsuchung bei Jermak schliesslich in einer abendlichen Videobotschaft sagt: «Ich danke Andri dafür, dass er die ukrainische Position in Verhandlungen stets so vertreten hat, wie sie zu sein hat. Es war immer eine patriotische Position.» Es ist die Trennung der vermeintlich Unzertrennlichen.Andri Jermak war jahrelang nicht von der Seite des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski wegzudenken.Gleb Garanich / ReutersPassend zum Artikel
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