Erst war da nur ein dunkler Fleck. Lukas Wörle war sich nicht ganz sicher, was er da am Rand der Route entdeckt hatte. Es war der 15. Juli 2023, zehn Uhr morgens, auf gut 8000 Meter Höhe, und bis zu seinem großen Ziel, seinem ersten Achttausender, dem Gipfel des 8051 Meter hohen Broad Peak in Pakistan, war es nicht mehr weit. Er würde es schaffen, trotz aller Strapazen, trotz der Erschöpfung, trotz des langen Aufstiegs ohne Flaschensauerstoff in die „Todeszone“, wo der Körper nur noch abbaut und sich nicht mehr erholen kann. Dann entdeckte er den Fleck im Schnee.Ein zurückgelassener Rucksack? Ein toter Bergsteiger? Wörle kämpfte sich durch den tiefen Schnee und stellte fest: Es war ein menschlicher Körper. Ein Mann. Überzogen mit Erbrochenem, mit erfrorenen Fingern, froststarren Lippen, halb geschlossenen Augen. Aber: Der Mann lebte.Die rettende Sauerstoffflasche wird verweigertDie Geschichte, wie Lukas Wörle danach seinen eigenen Gipfelerfolg aufgab, um den zurückgelassenen Bergsteiger, einen pakistanischen Träger, aus dieser Höhe zunächst allein nach unten zu bringen und ihm so das Leben zu retten, diese bewegende Geschichte erzählt der 32 Jahre alte Österreicher in seinem Buch „Gratwanderung“.Es ist eine packende Erzählung: wie Wörle auf 8000 Meter Höhe von der mexikanischen Expedition des Trägers hört, er solle den halbtoten Mann liegenlassen, sie würden ihn bei ihrem Rückweg vom Gipfel mit nach unten nehmen; wie Wörle, selbst körperlich geschwächt, daraufhin den höhenkranken, kaum ansprechbaren Pakistaner unter größten Mühen Meter für Meter nach unten bugsiert; wie er mit einem amerikanischen Helfer, auf den er stieß, später einen Pakistaner um eine Sauerstoffflasche aus einem Depot für den um sein Leben ringenden Träger bittet – und die ihm verweigert wird; wie er dank eines weiteren Helfers, der von unten aufgestiegen ist, den Mann schließlich ins Lager 3 und damit vorerst in Sicherheit bringt; und wie er, zurück im Basislager, die Rückkehr der ihren Gipfelerfolg feiernden mexikanischen Expedition erlebt, die zuvor nicht einmal per Funk um Hilfe für ihren sterbenden Träger gebeten hatte.Es ist auch eine ernüchternde Erzählung – die Geschichte einer Desillusionierung aufgrund der fragwürdigen Auswüchse des modernen kommerziellen Höhenbergsteigens an einigen Achttausendern sowie deren Begleiterscheinungen und Folgen: Egoismus, Profitgier, Umweltverschmutzung, Ausbeutung. Lukas Wörle, aufgewachsen in Tirol, mit dem Skilift hinterm Haus, verbindet mit dem Bergsteigen traditionellere Werte. „Je mehr Menschen auf die höchsten Gipfel drängen“, schreibt er, „desto weniger Raum bleibt für das übrig, was die Berge eigentlich ausmacht: Ruhe und Stille. Respekt und Demut vor der Natur.“Als Held gefeiert? Für Wörle „fremd und unpassend“Murtaza, der von ihm gerettete pakistanische Träger, überlebte trotz schwerer Erfrierungen. Wörle hat ihn im Dezember 2023 in Tirol wiedergetroffen, im Sommer 2024 besuchte er ihn in Pakistan. Seine Rettungstat beschrieben Medien in aller Welt, er bekam zahlreiche Auszeichnungen, vom österreichischen Bundeskanzler, von der pakistanischen Botschafterin. Wörle wurde als Held gefeiert, ein Wort, schreibt er, „das mir fremd und unpassend vorkommt“. Denn: „Wäre ich einfach weitergegangen, hätte ich mich nie mehr im Spiegel anschauen können.“Und sein eigenes Ziel, der Broad Peak? Sein erster Achttausender? Er unternahm damals einen zweiten Anlauf, nach ein paar Tagen im Basislager, war aber noch so geschwächt, dass er auf 7700 Meter umdrehen musste. Einen anderen Traum aber erfüllte er sich: Vom Lager 3 aus flog er mit dem Gleitschirm hinab ins Basislager. 15 Minuten lang, jede Sekunde davon „wie eine Ewigkeit“. Trotzdem ist das Kapitel Broad Peak für ihn noch nicht beendet. Nicht so sehr wegen des Gipfels. Er habe vielmehr das Gefühl, schreibt Lukas Wörle am Ende, dass er „noch einmal an diese Orte muss, um mit der Geschichte abschließen zu können“.Lukas Wörle: Gratwanderung. Ein Extrembergsteiger im Kampf um Menschlichkeit und Verantwortung. Goldmann, 224 Seiten, 24 Euro.