Frau Leléka, Sie treten in diesem Jahr für die Ukraine beim Eurovision Song Contest (ESC) in Wien an, leben allerdings schon seit zehn Jahren in Berlin. Geboren wurden Sie in Dnipropetrowsk, das schon lange Frontgebiet im russisch-ukrainischen Krieg ist. War das der Grund, dass Sie 2016 Ihre Heimat verließen?Ich bin schon 2014 nach Deutschland gezogen. Aber um diese Frage zu beantworten, braucht es etwas Kontext. Ich war ein sehr aktives Kind: Ich besuchte alle möglichen künstlerischen Kurse, tanzte, sang und nahm an Talentwettbewerben teil. Schon damals wusste ich ganz genau, dass ich singen möchte. Das Schicksal führte mich jedoch zunächst an die Universität für Theater, Film und Fernsehen Ivan Karpovych Karpenko-Karyi in Kiew, wo ich meine erste Ausbildung als Schauspielerin absolvierte. Gleichzeitig gab ich aber nie den Versuch auf, mich als Sängerin zu verwirklichen. Deshalb begann ich in den letzten Studienjahren intensiv, mich mit Möglichkeiten einer musikalischen Ausbildung auseinanderzusetzen.Warum fiel Ihre Wahl auf Deutschland?Erstens gibt es dort eine sehr hochwertige Ausbildung, und zweitens war sie unentgeltlich – was damals, als ich mich bewarb, genauso wichtig war. Außerdem hat meine Familie deutsche Wurzeln: Meine Großmutter war Deutsche. Irgendwie ging das Wissen der deutschen Sprache in unserer Familie verloren. Deshalb empfand ich es als meine persönliche Aufgabe, diese Verbindung wiederherzustellen. So begann 2016 mein Bildungsweg in Deutschland. Ich hatte die Möglichkeit, Jazzgesang in Dresden zu studieren. Nach meinem Bachelor begann ich ein Masterstudium in Jazzkomposition an derselben Musikhochschule. Später studierte ich außerdem Filmmusik an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam.Wie kam es dazu, dass Sie am ukrainischen Vorentscheid Widbir teilnahmen? Haben Sie sich selbst beworben?Ich habe früher nie wirklich über die Bühne des Eurovision Song Contests nachgedacht. Aber meine Fans haben mich über viele Jahre hinweg immer wieder dazu ermutigt, mich zu bewerben – sie haben es mir persönlich gesagt und auch sehr viel darüber in den Kommentaren in den sozialen Netzwerken geschrieben. Und dieses Mal habe ich mich tatsächlich dazu entschlossen – nur wenige Wochen vor der Bewerbungsfrist.Der Vorentscheid fand kriegsbedingt wieder an einem unbekannten Ort unter der Erde statt, zum Schutz vor möglichen russischen Raketen. Wie war es dieses Jahr am 7. Februar in Kiew?Die Atmosphäre war sehr inspirierend. Mich hat beeindruckt, wie sehr sich unsere Menschen rund um die Musik vereint haben. Trotz Stromausfällen sowie fehlender Wasserversorgung und fehlender Heizung hat das gesamte Organisationsteam Außergewöhnliches geleistet, damit dieses Ereignis stattfinden konnte.Wie oft sind Sie in der Ukraine bei Ihrer Familie?In den vergangenen Jahren bin ich mehrmals im Jahr in die Ukraine gereist. Und jedes Mal ist das für mich eine sehr emotionale Erfahrung.Sie haben Ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland, haben Jazzgesang in Berlin und Dresden studiert, sprechen sehr gut Deutsch. Es gab angeblich Diskussionen in Ihrer Heimat, ob Künstler, die nicht in der Ukraine leben, überhaupt beim ESC für die Ukraine antreten sollten. Stimmt das?Die Ukrainer sind ein sehr demokratisches Volk. Jede Meinung hat hier ihre Daseinsberechtigung, und das schätze ich wirklich sehr. Ja, darüber wurde diskutiert. Gleichzeitig habe ich aber so viel Unterstützung bekommen, dass mir das noch mehr Vertrauen gegeben hat, auf dem richtigen Weg zu sein. All die Jahre habe ich die ukrainische Kultur auf internationaler Ebene repräsentiert – das ist meine Mission als Künstlerin.Auf der Bühne der Wiener Stadthalle: Wiktorija Leléka tritt beim ESC mit dem Lied „Ridnym“ an.Alma Bengtson / EBUWo haben Sie sich auf den ESC vorbereitet?Seit Dezember 2025, seit der Marathon für mich begonnen hat, lebe ich in Kiew, wo sich mein gesamtes Team befindet.Sie heißen eigentlich Wiktorija Kornikowa. Leléka ist auch der Name einer Drohne, die von Streitkräften der Ukraine eingesetzt wird. Doch damit hat Ihr Künstlername nichts zu tun. Was bedeutet er und wieso haben Sie ihn gewählt?Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Ich bin Wiktorija Leléka. Diesen Namen habe ich einige Jahre nach der Gründung der Band angenommen. Deshalb geht es dabei nicht nur um einen Künstlernamen, sondern auch um meine Selbstidentität. „Leléka“ bedeutet übersetzt „Storch“ – ein Zugvogel, der immer seinen Weg nach Hause findet. Das spiegelt auch meine eigene Geschichte wider. Außerdem gilt dieser Vogel im Volksglauben als Symbol der Hoffnung.Sie treten mit dem Lied „Ridnym“ an, eine Ballade, die Ihnen sehr am Herzen liegt. Dabei spielen Sie mit englischen Worten, die so klingen wie ukrainische, aber eine ganz andere Bedeutung haben. Konkret geht es um „wish you“, also „ich wünsche dir“, und „vyshyu“, was „ich sticke“ bedeutet. Sie haben das Lied mitgeschrieben, worum geht es?An der Entstehung meines Liedes „Ridnym“ waren meine talentierten Kolleginnen und Kollegen beteiligt – der Soundproduzent Jakob Hegner, der Songwriter Adama Cefalu sowie der virtuose Bandura-Spieler Yaroslav Dzhus. Interessanterweise stammt die Idee für dieses Wortspiel aber von meiner Freundin Tetjana. Deshalb kann man sie auch als Mitgestalterin bezeichnen. Im Kern ist das Lied ein Song über Transformation – über den Moment im Leben eines jeden Menschen, in dem plötzlich alle Sicherheiten verschwinden und man all seine Kraft sammeln muss, um den Mut zu finden, der eigenen Angst ins Gesicht zu sehen. Erst wenn man diese Angst überwindet, entsteht die Möglichkeit, eine neue Realität aufzubauen, ein neues Schicksal, das wir alle verdienen.Was hat Sie zu dem Lied inspiriert?Dieses Lied entstand in einer Zeit meiner eigenen persönlichen Transformation. Die ersten Skizzen dafür entstanden schon 2022, lange bevor ich mich für den Wettbewerb beworben habe. Damals war es mir wichtig, meinen emotionalen Zustand in einer Melodie auszudrücken. Als ich einige Jahre später zu dieser Demo zurückkehrte, spürte ich, dass sie in mir noch immer genauso stark nachhallt wie damals.Ist es auch ein politisches Lied?Nein. Es ist ein Lied darüber, an sich selbst zu glauben – daran, dass das Unmögliche möglich werden kann.Wie inszenieren Sie Ihr Lied und sich auf der Bühne?Ich habe einen wunderbaren Regisseur – den jungen, talentierten und sehr progressiven ukrainischen Künstler Illya Dutsyk. Zwischen uns herrscht eine völlige kreative Synergie. Er hat ein unglaublich feines Gespür und arbeitet bis ins kleinste Detail an jedem einzelnen Element, aus dem die Performance besteht. Das inspiriert mich sehr. Im Zentrum unserer Inszenierung steht das Thema Transformation. Während der gesamten Performance durchlaufe nicht nur ich diesen Prozess – in meinem Gesang –, sondern auch die Stoffe auf der Bühne, die als Symbol für die Zerrissenheit der Welt stehen. Auch die Bandura erscheint zunächst zerbrochen, in Stücke gerissen, und wird am Ende wieder neu geboren. Das sind alles sehr feine, sensible Ebenen. Und ich mag sehr, wie das zusammenwirkt.Will die ukrainische Kultur repräsentieren: Sängerin Wiktorija LelékaOlga ZakrevskaDer Schluss des Liedes ist beeindruckend, eine stimmliche Leistung, denn Sie scheinen einen Ton fast eine halbe Minute lang zu halten. Wie lange haben Sie das einstudiert?Das nennt man ein Vokalise. Als ich an der finalen Version des Liedes arbeitete, habe ich mich gefragt, worin eigentlich meine Stärke als Sängerin liegt. Früher habe ich bei meinen Konzerten oft improvisiert – in einem Atemzug, und das dauerte sogar länger als 28 Sekunden. Das Geheimnis dahinter sind Atemübungen, regelmäßiges Vocal-Training, eine gute Flüssigkeitszufuhr und gesunder Schlaf.Die Ukraine zählt zu den Ländern, die beim ESC seit Jahren stets weit vorn landen. Wie erklären Sie sich das?Das ist nicht überraschend, denn wir sind eine sehr singfreudige Nation. Und selbst jetzt, in so schwierigen Zeiten, erlebt unsere Kunst eine Art Wiedergeburt: Die Säle von Theatern, Kinos und Konzerthallen sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Wir lieben es einfach, zu erschaffen. Das ist ein Teil unserer Identität.Glauben Sie, dass Europa besondere Sympathie für die Ukraine hegt?Ich glaube, dass unsere Welt auf gemeinsamen menschlichen Werten aufgebaut ist — Freiheit und Würde. Natürlich bringen verschiedene Länder und Menschen das auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck, aber die Ukraine spürt weiterhin große Solidarität und ein echtes Interesse an der ukrainischen Kultur und ihren Stimmen.Wie stark ist der ESC in Ihrer Heimat verankert? Und wie wichtig ist er für Ihr Land?Das ist ein sehr wichtiges Ereignis für die Ukrainerinnen und Ukrainer. Für viele ist das Anschauen des Eurovision Song Contests eine Familientradition. Alle versammeln sich an einem großen Tisch und fiebern mit. Das ist ein sehr berührender Moment der Verbundenheit durch Musik.Was wäre, wenn Sie den Song Contest gewinnen? In der Ukraine könnte er nicht stattfinden. Würden Sie sich wünschen, dass er dann 2027 in Berlin ausgetragen werden würde?Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube an unseren Sieg. Wir investieren so viel Kraft da hinein, damit das Publikum dieses Lied wirklich erlebt und es mit allen Saiten seiner Seele spürt. Um die organisatorischen Fragen kümmert sich aber – wie auch in anderen Teilnehmerländern – unser nationaler Rundfunksender Suspilne Ukraine.