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Pflicht zur Transparenz: Ende der Verschwiegenheit – mein Gehalt bleibt kein Geheimnis mehr Im Juni tritt die EU-Transparenz-Richtlinie in Kraft – und die Unternehmen müssen Farbe bekennen und Unterschiede bei der Entlohnung erklären.

Daniel Goffart 15.05.2026 - 06:56 Uhr Die individuelle Gehaltsabrechnung unterliegt künftig nicht mehr der Vertraulichkeit. Foto: IMAGO/In vielen Ländern wird offen darüber gesprochen, was man verdient. Oft sind auch die Stellenanzeigen mit einem Gehaltsangebot versehen. In Deutschland ist das anders; hier herrscht immer noch ein traditioneller Konsens zur Diskretion: Über Geld redet man nicht, zumindest nicht am Arbeitsplatz.Damit ist es nun bald vorbei. Bis Juni dieses Jahres müssen alle EU-Mitgliedstaaten die neue Gehaltstransparenz-Richtlinie umsetzen. Das Ziel der Regelung besteht darin, gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit zu fördern und mögliche Diskriminierungen bei der Entlohnung sichtbar zu machen. Dafür müssen Unternehmen mit einhundert und mehr Mitarbeitern künftig ihre Kriterien zur Gehaltsfindung offenlegen. Fallen dabei Lohnlücken etwa zwischen Männern und Frauen auf, sind die Unternehmen verpflichtet, die unterschiedliche Entlohnung zu analysieren und zu veröffentlichen.Außerdem müssen die Arbeitgeber die Arbeitsuchenden bereits in der Stellenausschreibung oder vor dem Vorstellungsgespräch über das Einstiegsgehalt oder die Gehaltsspanne informieren. Zudem dürfen sie Bewerber nicht mehr nach früheren Gehältern fragen.Lohngerechtigkeit „In Deutschland spricht man nicht über Geld“ Für Frauen wird es immer einfacher, eine faire Bezahlung einzufordern. Was es dazu braucht und warum auch Männer davon profitieren könnten, verrät die Juristin Merle Templin. von Varinia BernauSanktionen drohenDaneben haben Arbeitnehmende, die eine Stelle angenommen haben, das Recht, durchschnittliche Gehälter in ihrer Mitarbeitergruppe zu erfahren sowie die Kriterien, die zur Bestimmung der Gehälter herangezogen werden. Für die Unternehmen bestehen außerdem mehrere Berichtspflichten. So müssen beispielsweise Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten jährlich über Lohngestaltung von Männern und Frauen in ihrer Organisation berichten. Für kleinere Firmen ab einhundert Beschäftigten gilt diese Pflicht nur alle drei Jahre.Wird in dem Transparenz-Bericht ein Lohngefälle von mehr als fünf Prozent festgestellt, das nicht durch objektive und geschlechtsneutrale Kriterien gerechtfertigt werden kann, müssen die Unternehmen Maßnahmen ergreifen. Wer sich als Geschäftsführer oder Inhaber eines Unternehmens nicht an diese Verpflichtungen hält, muss zudem mit Sanktionen rechnen.Die Richtlinie zielt in erster Linie darauf ab, Ungerechtigkeiten bei der Lohnfindung sichtbar zu machen und im zweiten Schritt zu beseitigen. Das Ziel der gleichen Bezahlung für gleichwertige Arbeit von Männern und Frauen ist keine neue Forderung, sondern wurde bereits 1957 im Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft festgeschrieben. Für die junge Bundesrepublik unterschrieb damals Konrad Adenauer. Doch eingelöst ist die Verpflichtung auch knapp siebzig Jahre später nicht.Der Gender-Pay-Gap innerhalb der EU liegt bei etwa elf bis zwölf Prozent zulasten der weiblichen Beschäftigten. Trotz Verbesserungen stagniert die Schließung der Lohnlücke in vielen Mitgliedstaaten, wobei Deutschland mit ca. 16 bis 18 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt. Unter den 27 EU-Staaten weist Estland mit 19 Prozent den höchsten Gender-Pay-Gap auf. Ebenfalls höher als in Deutschland war er sonst nur noch in Tschechien, Österreich, Ungarn, Finnland und der Slowakei.Welche Kriterien bestimmen das Gehalt?Ein offener Umgang mit Gehältern kann zwar zu Anfang heftige Diskussionen in der Belegschaft auslösen und zu Forderungen an die Firmenleitung führen. Doch die Transparenz nützt auch den Unternehmen, erklärt Lisa Feist, Arbeitsmarktexpertin und Ökonomin beim Indeed Hiring Lab, dem wissenschaftlichen Zweig der Jobbörse Indeed. „Unternehmen, die sich von Anfang an klar und transparent positionieren, gewinnen auf vielen Ebenen an Glaubwürdigkeit und werden dadurch für bestehende Mitarbeitende und Bewerbende attraktiver.“ Doch diese Offenheit scheint gerade deutschen Unternehmen schwerzufallen.Gender Pay Gap Ungleiche Bezahlung: „Viele Unternehmen wiegen sich in falscher Sicherheit“ Mit neuen Vorschriften will die EU Gehaltslücken in Unternehmen aufdecken und abbauen. Das zwingt viele Firmen jetzt zum Handeln, wie eine Befragung zeigt. Wie viel sollten sie preisgeben? Und was bringt die Transparenz? von Dominik Reintjes„Gehaltstransparenz beginnt nicht mit einer Zahl in der Stellenanzeige, sondern mit interner Klarheit“, sagt Feist. Unternehmen, die Gehälter offenlegen oder sich auf bestimmte Standards festlegen wollen, müssten sich zunächst intensiv mit ihren bestehenden Vergütungsstrukturen beschäftigen: „Wer verdient was und warum? Welche Kriterien gelten? Wo bestehen Ungleichgewichte? Das bedeutet vorab Arbeit, interne Aufklärung und gegebenenfalls unangenehme Anpassungen.“Nadine Nobile, Organisationsentwicklerin und New-Pay-Expertin, weist darauf hin, dass solche Kriterien in vielen Unternehmen gar nicht vorhanden sind oder uneinheitlich angewendet werden. Vieles basiere auf Bauchgefühl. „Das Thema Gehalt wird häufig sehr oberflächlich und emotional verhandelt.“ Nobile unterstützt Unternehmen dabei, gerechte und transparente Vergütungsmodelle zu entwickeln.In vielen Firmen tut sich ihrer Ansicht nach immer noch zu wenig. Dabei werde es für die Beschäftigten immer wichtiger, informiert und beteiligt zu sein. Sie wollen Gleichbehandlung und den Eindruck gewinnen, dass bei der Bezahlung innerhalb eines Unternehmens die gleichen Kriterien angelegt und die gleichen Verfahren angewendet werden. Genau deshalb solle offen erkennbar sein, wie Gehälter zustande kommen und wie sie sich entwickeln. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick Anzeige Gutscheine Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen Anzeige Weiterbildung Jetzt informieren! 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