GastkommentarLea Schmidlin und Sarah MontaniUnsere synthetische Persönlichkeit: wie KI das Selbstbild beeinflussen kannWer sich selber in eine künstlich generierte Szenerie versetzt, muss sich vorsehen: Die eigene Selbstwahrnehmung kann sich dadurch verändern, die eigene Identität wird mittels KI neu verhandelt.15.05.2026, 05.25 Uhr4 LeseminutenIn der KI wird das eigene Abbild rasch zum Köder.Ali Haider / EPAImmer mehr Menschen nutzen künstliche Intelligenz, um Bilder und Videos zu erzeugen. Die jüngste Generation dieser Systeme überschreitet eine weitere Schwelle: Es wird möglich, sich selbst zu filmen und sich in neue, künstlich erzeugte Szenen einzubetten. Wer sich darauf einlässt, gibt nicht nur biometrische Merkmale preis, sondern gibt auch Zugang zur eigenen emotionalen Architektur. In der digitalen Ökonomie werden somit nicht mehr nur Daten «über» Individuen verwertet, sondern zunehmend auch solche über ihre Sehnsüchte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selbstwahrnehmung wird beeinflusstJe realistischer die erzeugten Szenen sind, desto schwieriger wird es, Fiktion als solche zu erkennen. Das hat eine doppelte Dimension. Gesellschaftlich erodiert das Vertrauen in Bilder und Videos. Individuell wirkt die Erfahrung subtiler: Wer sich selbst in einer künstlich generierten Szene sieht, verändert unter Umständen unbemerkt die eigene Selbstwahrnehmung. Die eigene Identität wird neu verhandelt.Wenn Chat-GPT fragt: «Woran denken Sie gerade?», und die Antwort lautet: «Ich bin traurig», folgt oft eine standardisierte empathische Wendung: «Es tut mir leid.» Solche Reaktionen vermitteln das Gefühl, verstanden zu werden, und erleichtern es, Intimes mitzuteilen. Doch Chat-GPT ist nicht für kontinuierliche Beziehungen konzipiert. Diese Rolle übernehmen eher spezialisierte «Companion»-Systeme wie Character.AI (rund 20 Millionen monatliche Nutzer) oder Replika (etwa 30 Millionen Registrierungen). Chat-GPT selbst gibt an, etwa 800 Millionen Nutzer pro Woche zu erreichen.In der Schweiz berichten 15 bis 25 Prozent der Menschen von psychischen Beschwerden, die unterhalb diagnostischer Schwellen bleiben; weitere 15 bis 20 Prozent erfüllen die Kriterien einer psychischen Störung. Insgesamt ergibt sich damit eine Grössenordnung von 30 bis 45 Prozent Personen mit psychischen Vulnerabilitäten. Was passiert, wenn solche Menschen auf leicht zugängliche, hochrealistische Medien treffen, die sie in reale wie auch irreale Situationen versetzen können?Wenn Menschen sich in einer generierten Szene sehen, reagiert das Gehirn nicht neutral. Netzwerke für Bildverarbeitung und Emotion, etwa Amygdala und präfrontaler Cortex, behandeln solche Eindrücke mitunter so, als hätten sie Bezug zur eigenen Biografie. Die Szene kann sich damit unmerklich in die «innere Lebensgeschichte» einschreiben.Kognitiv ist klar, dass es sich um Fiktion handelt, emotional wird die Szene teilweise als real erlebt. Das kann befriedigen oder belasten. Bei intensiver Immersion können falsche Erinnerungen entstehen. Anerkennung im künstlichen Raum kann das Selbstwertgefühl kurzfristig stärken. Berührt die Szene jedoch tiefere Bedürfnisse, kann die Differenz zur Realität Stress erzeugen. Vergleichbare Effekte sind aus Studien zu Avataren, virtueller Realität und dem sogenannten Proteus-Effekt bekannt: Erscheinungsbild und Rolle beeinflussen Verhalten und Empfinden.Auch Reaktionen anderer, selbst wenn sie simuliert sind, lösen reale Emotionen aus. Applaus für das eigene synthetische Abbild wirkt, obwohl das Publikum nur inszeniert ist. Das Gehirn reagiert auf Belohnung, ohne zwischen echtem und nachgebildetem Blick zu unterscheiden. Wird Stabilität jedoch aus diesem äusseren Spiegel bezogen, wird es riskant: Je grösser die Differenz zwischen idealisiertem und gelebtem Selbst ist, desto stärker wächst die Verunsicherung und damit die Versuchung, in die virtuelle Welt zurückzukehren.Das eigene Abbild wirkt dabei wie ein Köder. Es ist vertraut, zieht Aufmerksamkeit an und lädt zur Wiederholung ein. Diese Dynamik lässt sich gezielt nutzen. Algorithmen können aus Mimik, Stimmverlauf und Präferenzen emotionale Profile ableiten, mit erheblicher Wirkungskraft. Rechtlich sind manipulative Systeme in der EU untersagt; in der Schweiz greifen Persönlichkeitsschutz und Datenschutzrecht. Emotionale Profile werden bislang jedoch vor allem indirekt reguliert.Distanzierungsrituale sind wichtigWenn generierte Sequenzen als innere Bilder haftenbleiben, kann das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung erodieren. Bestimmte Inhalte können destabilisieren und Scham, Schuldgefühle, Derealisation oder Entfremdung gegenüber sich selbst auslösen. Nutzer, die sich etwa auf Plattformen wie Grok bewegen, sollten sich dieser Risiken bewusst sein. Bei bereits bestehender psychischer Fragilität ist es denn auch nicht ratsam, eigene biometrische Daten wie Gesicht oder Stimme in Generatoren einzuspeisen.Auch in der Therapie kann mit Simulation gearbeitet werden, jedoch in einem strukturierten Rahmen. Sie nutzt teilweise ähnliche Werkzeuge wie immersive Medien, verfolgt aber andere Ziele: klären statt verführen, ordnen statt verwirren. Die Möglichkeit, Erinnerungen gewissermassen «umzuprogrammieren», kann therapeutisch genutzt werden, etwa um belastende Erfahrungen emotional neu zu verarbeiten. Im Zentrum steht die innere Kohärenz, die Fähigkeit, Erleben, Erinnerung und Selbstbild in eine tragfähige Geschichte zu integrieren.Die KI-Persönlichkeit dagegen ist wie ein Mietkostüm aus dem Theaterfundus: heute fliegende Superheldin, morgen Archivarin mit Laserschwert. Herrlich zum Ausprobieren, vielleicht noch unterwegs seinem inneren Kind begegnen und eine Allmachtsphantasie visualisieren. Es sollte also nicht vergessen werden, das Kostüm abends zurückzuhängen, bevor die Rollenbilder anfangen, selber Regie zu führen. Einfache Distanzierungsrituale können dabei helfen: vor und nach dem Konsum bewusst festhalten, dass es sich um eine generierte Szene handelt, kurze Rückkopplungen mit vertrauten Personen – solche Realitätschecks stabilisieren die Einordnung. Identität, innere Kohärenz und die Kontinuität des Selbst sollten unantastbar bleiben.Léa Kiener-Schmidlin ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Chefärztin am Universitätsspital Lausanne; Sarah Montani ist Juristin, gründete Weblaw und leitete während 25 Jahren als Verlegerin unter anderem das Magazin «Jusletter».2 KommentareDaniel Stalder HeuteDie Autorinnen zeichnen ein einseitiges Bild ohne ausreichend zu differenzieren zwischen harmloser spielerischer Nutzung und problematischer Übernutzung.Johann Sajdowski Heute4 EmpfehlungenWarum sollte man sich denn "in eine künstlich generierte Szenerie versetzen"? Reicht die natürliche nicht mehr? - Dann sollte diese attraktiver gemacht werden: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, darunter sehr interessante ...Passend zum Artikel
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