Brasiliens Wirtschaft boomt – doch Schweizer Firmen drohen den Anschluss zu verlierenSeit dem 1. Mai liefern Europas Maschinenbauer zollgünstig nach Brasilien und gewinnen im Kampf gegen China wertvolle Zeit. Schweizer Unternehmen dagegen warten immer noch auf Bern.15.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBundeskanzler Friedrich Merz trifft auf den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva im Rahmen der Hannovermesse. Dort ist Brasilien dieses Jahr Gastland gewesen.Martin Meissner / APSeit dem 1. Mai haben viele europäische Unternehmen privilegierten Zugang zu Südamerikas grösster Wirtschaftszone. An diesem Tag trat das Abkommen zwischen der EU und der südamerikanischen Freihandelszone Mercosur in Kraft. Zu ihr gehören Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Die heute teilweise hohen Importzölle von bis zu 35 Prozent werden nun schrittweise gesenkt oder fallen sofort ganz weg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) können ihre Produkte dann deutlich günstiger nach Brasilien liefern und ihre Position gegenüber der chinesischen Konkurrenz stärken. So exportieren Maschinenbauer aus der EU ab sofort Drehmaschinen für die Metallbearbeitung, für die Textil- und die Süsswarenindustrie zollfrei nach Südamerika.Das gilt jedoch nicht für Schweizer KMU: Zwar hat auch die Schweiz im Rahmen der Efta (Schweiz, Norwegen, Island, Liechtenstein) ein Handelsabkommen mit dem Mercosur ausgehandelt. Doch dieses muss erst noch ratifiziert werden.Schweizer Unternehmen geraten ins Hintertreffen«Seit dem 1. Mai haben aus der Schweiz nach Südamerika exportierende Unternehmen einen zusätzlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber ihren europäischen Konkurrenten», sagt Patrick Dümmler, der beim Schweizerischen Gewerbeverband für Wirtschaftspolitik und Nachhaltigkeit zuständig ist. «Dies trifft insbesondere die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die nicht einfach einen Teil ihrer Wertschöpfung in ihr EU-Werk verlagern können – weil sie gar nicht über ein solches verfügen.»Das ist bitter für die betroffenen Unternehmen: Denn der Druck der chinesischen Konkurrenz ist auf dem wachsenden Absatzmarkt für Industrieprodukte in Südamerika hoch. Das gilt insbesondere für Brasilien, den mit Abstand grössten Markt des Mercosur.Ein Besuch beim Brasilien-Ableger des deutschen Mittelständlers Harting zeigt, wie stark der Druck aus China geworden ist. In kaum einem anderen Markt wächst der Hersteller von elektromagnetischen Bauteilen derzeit so schnell wie in Brasilien. Doch immer häufiger trifft Harting dort auf Konkurrenten aus China – und manchmal sogar auf die eigene Technik. In Zügen chinesischer Hersteller, die nach Brasilien exportiert werden, stecken oft Harting-Komponenten, die wiederum in Werken in China hergestellt wurden. «Wir konkurrieren also teilweise mit unseren eigenen Teilen, die in China hergestellt werden», sagt Poliana Lanari, Brasilien-Chefin bei Harting.Wie die chinesische Konkurrenz den Maschinenbauern zusetzt, das zeigt auch der brasilianische Werkzeugmaschinenhersteller Romi. Im Massengeschäft wächst der Druck. Während Romi jährlich rund 100 Spritzgussmaschinen eines Typs produziert, fertigt ein chinesischer Wettbewerber vom gleichen Modell bis zu 2000 pro Monat. Der Preisunterschied ist erheblich und für viele Kunden ausschlaggebend.Im Premiumsegment kann sich Romi weiterhin behaupten. «Noch sind die chinesischen Anbieter dort nicht so weit», sagt Douglas Pedro de Alcântara, technischer Direktor beim Maschinenbauer Romi. Auch beim Service hätten deutsche und brasilianische Anbieter Vorteile.Der Wettbewerb um den wichtigen Zukunftsmarkt in Südamerika spitzt sich zu. Das Abkommen mit dem Mercosur verschafft den Unternehmen aus Europa die dringend nötige Atempause.Zwar muss das Abkommen mit der EU noch vom Europäischen Gerichtshof begutachtet werden, doch alle Zollsenkungsprogramme treten sofort in Kraft. Solche Kompromisse können lange halten: Das Ceta, also das Abkommen der EU mit Kanada, gilt seit 2017 nur für den Zoll- und Handelsteil, ohne jemals insgesamt ratifiziert worden zu sein.Jetzt rückt Brasilien wieder stärker in den Fokus der Industriezulieferer. Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Bundeskanzler Friedrich Merz eröffneten vor zwei Wochen die wichtigste europäische Industrieshow. Brasilien war Gastland auf der Hannovermesse.Ein Blick auf den Markt zeigt: Es steht viel auf dem Spiel. Brasilien ist mit 215 Millionen Einwohnern nicht nur die grösste Volkswirtschaft Lateinamerikas, sondern auch ein bedeutender Industriestandort. Mit einem Maschinenbauumsatz von rund 51 Milliarden Euro rangiert das Land weltweit auf Platz elf. Europäische Mittelständler sind seit Jahrzehnten eng mit der brasilianischen Industrie verflochten. Mehr als 1200 deutsche Firmen sind schon heute in Brasilien vertreten.Davon sind 400 Maschinen- und Anlagenbauer. Rund ein Drittel produziert auch vor Ort. Zwischen 350 und 400 Schweizer Unternehmen sind in Brasilien aktiv. Der MEM-Sektor (Maschinen, Elektro, Metall) gehört zu den wichtigsten Schweizer Industriezweigen in Brasilien.Der Markt in Brasilien wurde lange vernachlässigtFür internationale Anbieter ist Brasilien damit ein Schlüsselmarkt – gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen. Das sehen nicht nur europäische Firmen so, sondern auch die Konkurrenz aus China. Während der Zugang zum US-Markt für chinesische Unternehmen immer schwieriger wird, gewinnt Lateinamerika für sie an Bedeutung.Doch anders als europäische Unternehmen bekommen chinesische Konzerne keinen privilegierten Marktzugang in Brasilien. Brasilia pflegt gute politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Peking. Doch die Unterzeichnung eines Seidenstrassen-Abkommens, das chinesischen Investoren und Unternehmen einen einfacheren Marktzugang in Südamerika eröffnen würde, hat Brasilien stets abgelehnt.Laut dem Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) stammt dennoch inzwischen jede dritte in Brasilien verkaufte Maschine aus China. Deutschland liegt mit einem Marktanteil von rund 11 Prozent hinter den USA auf Rang drei der Maschinen- und Anlagenlieferanten.Für die deutschen Maschinenbauer ist Brasilien dennoch erst der Exportmarkt mit Rang 19 weltweit und damit deutlich nachrangiger, als es die wirtschaftliche Bedeutung des Landes als zehntgrösster Ökonomie in der Weltwirtschaft vermuten lässt. Lange Zeit haben sich deutsche Mittelständler auf China, Fernost und Osteuropa konzentriert. Nun müssen sie in Brasilien aufholen, was sie versäumt haben.Die Schweizer Unternehmen sind ähnlich schwach auf dem brasilianischen Markt vertreten. Im Jahr 2024 betrug das Exportvolumen der Eidgenossenschaft in Richtung der Mercosur-Staaten rund 4 Milliarden Franken (ohne Gold). Brasilien liegt nur auf Rang 18 der wichtigsten Schweizer Exportländer.«Das Wachstumspotenzial ist entsprechend gross», heisst es bei Economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Das Efta-Mercosur-Abkommen sieht für 95 Prozent der Schweizer Exporte Zollsenkungen vor. «Das ist das höchste Einsparpotenzial aller Schweizer Freihandelsabkommen, vergleichbar mit jenem mit Indien», so Economiesuisse.Zulieferer aus Europa sind seit Jahrzehnten vor OrtDie brasilianische Wirtschaft erweist sich in den aktuellen geopolitischen Turbulenzen als überraschend stabil: Seit fünf Jahren wächst sie jährlich um durchschnittlich 3,5 Prozent. Seit 2021 befindet sich Brasilien ausserdem stets unter den fünf wichtigsten Empfängerländern ausländischer Direktinvestitionen weltweit.Brasilien rangiert heute nach den USA und China auf dem dritten Platz der Empfängerländer in der Weltwirtschaft. Brasiliens Landwirtschaft, der Rohstoffsektor sowie die Öl- und Gasindustrie benötigen Spitzentechnologie. Die Arbeitslosigkeit ist historisch niedrig, und die Löhne ziehen an. Marktforscher erwarten, dass der brasilianische Robotikmarkt bis 2032 jährlich um bis zu 10 Prozent wächst. Gleichzeitig hat Brasilien den höchsten Anteil erneuerbarer Energien in seiner Energiematrix unter den G-20-Staaten.Brasilien baut auch seine Infrastruktur stark aus. Das Land setzt auf öffentlich-private Projekte mit Beteiligung ausländischer Kapitalgeber und Betreiber. Derzeit findet in Brasilien jede Woche eine Auktion für die Konzessionen von Fernstrassen, Häfen, Flughäfen, Eisenbahnverbindungen oder Stromnetzen statt. Der Infrastrukturverband Abdib rechnet mit jährlichen Konzessionen im Wert von rund 50 Milliarden Dollar über die nächsten Jahre. Das wäre der höchste Auftragswert für Konzessionen seit zwanzig Jahren.Für Schweizer Maschinenbauer ist Brasilien wichtigOb Schweizer Unternehmen dieses Potenzial jedoch ausschöpfen können, hängt davon ab, ob die Schweiz im Rahmen der Efta mit dem Mercosur das Abkommen in Gang setzt. Das ist nicht sicher. Noch in diesem Jahr wird im Parlament über das Mercosur-Abkommen debattiert, danach könnte ein Referendum folgen. «Es ist mit mehreren Vorstössen zu rechnen, die das Abkommen am liebsten versenken möchten oder unverhältnismässige – da teure – inländische Kompensationsmassnahmen fordern werden», fürchtet Patrick Dümmler vom Schweizerischen Gewerbeverband, der sich für das Abkommen einsetzen will.4 KommentareEster Mottini Heute3 EmpfehlungenQuizfrage:
Mercosur-Abkommen: Europas Hoffnung im Kampf gegen die Konkurrenz aus China
Seit dem 1. Mai liefern Europas Maschinenbauer zollgünstig nach Brasilien und gewinnen im Kampf gegen China wertvolle Zeit. Schweizer Unternehmen dagegen warten immer noch auf Bern.








