Es war Winter 1998, als bei der Verleihung der Grammy-Awards klar wurde: Bob Dylan war in den Jahren zuvor wohl keiner mehr gewesen, den jüngere Generationen von Hörern und Musikern besonders für seine seinerzeit aktuellen Arbeiten schätzten. Als der damals junge Rap-Shootingstar Usher die nominierten Künstler und Produzenten für die wichtigste Kategorie, das Album des Jahres, verlas, unterlief ihm der symbolische Lapsus: Er stellte Dylan als Bill statt Bob vor, auch wenn er sich schnell korrigierte.Der falsch Genannte gewann Preis dann aber! Sein Album „Time Out Of Mind“ setzte sich etwa gegen „OK Computer“ von Radiohead durch, eines der besten Rockalben aller Zeiten. Doch vielleicht war auch an dem „Bill“ etwas dran. Denn als der zugleich geehrte Produzent des Albums, Daniel Lanois, seine Dankesrede hielt, sagte er: „Als Bob mir die Texte des Albums vorlas, waren diese hart, tief, verzweifelt, stark, und sie entstammen einer Vielzahl von Leben, von denen ich glaube, dass Bob sie hat.“Abgesänge voller SchwermutDylan wurde wieder in den Mainstream katapultiert, mit 56 Jahren, für nicht wenige überraschend. „Time Out Of Mind“, von Lanois in eine atmosphärische, Dylan-untypische Klangwelt getaucht, wurde nicht nur von Kritikern gepriesen, sondern auch zum kommerziellen Erfolg, hielt sich fast 30 Wochen in den US-Charts, in Deutschland erreichte es Platz 6 der Album-Hitliste. Seither taucht es auf vielen seriösen Listen vom Typ „beste Alben aller Zeiten“ auf. Und es wurde zu jener Platte, die einen Wendepunkt markierte, viele meinen: hin zum Beginn des Alterswerks, mit grandiosen Alben wie „Love and Theft“ (2001), „Modern Times“ (2006), „Tempest“ (2012) oder zuletzt „Rough and Rowdy Ways“ (2020).Es ist nicht leicht, auf dem subtil-sphärischen, zugleich Blues-durchtränkten „Time Out Of Mind“ nach dem ersten, zweiten, dritten Hören das eine, herausragende Stück zu bestimmen. Da ist etwa die langsame Elegie „Standing In The Doorway“, ein Stück voller Schwermut, ein Abgesang auf eine Liebe, zu wem auch immer. Da ist das balladenartige „Tryin’ To Get To Heaven”, mit Zeilen wie „if you think you’ve lost everything / you’ll find out you can always loose a little more”, und einem augenzwinkernden Glauben, es vielleicht doch noch in den Himmel zu schaffen, „before they close the door“. Da sind rauhe Bluesnummern wie das Eröffnungsstück „Love Sick“, „Cold Irons Bound“ und vor allem „Can’t Wait”.Aber dann der DiamantUnd nicht zuletzt auch der Schlusstrack „Highlands”, eine gleichförmig mäandernde Erzählung, über 16 lange Minuten ein sich im Kreis drehendes, monotones Blues-Schema ohne musikalischen Höhepunkt, in dem die Geschichte von den großen Fragen urplötzlich in eine aberwitzig konkrete Szene fällt, um am Ende wieder zu den großen Fragen zurückzukehren und hinaufzusteigen zu den nicht nur schottischen Highlands, zumindest „in my mind“, wie Dylan singt.Und dennoch: nach dem fünfzigsten oder auch achtzigsten Hören des Albums sticht, mag man das bewusste sinnliche Erforschen dieser Platte mit dem behutsamen Schleifen von elf Rohdiamanten vergleichen, „Not Dark Yet“ als der Kor-i-Noor heraus. Der Wertvollste unter allen. Das sahen nicht nur etliche Kritiker so, sondern auch viele Künstler, die es in den Folgejahren interpretierten. Einen beachtenswerten Zugang fand vor ein paar Jahren Tom Jones, dazu später mehr.Was hat es mit diesem Stück auf sich? Bereits der Einstieg von Albumtrack Nummer 7 verströmt etwas, was sich musikalisch in einem atmosphärisch nicht zu bestimmenden, doch weit ausgreifenden Raum bewegt. Ein sanftes Schlagzeug und die dezente Basslinie schaffen den Unterbau für metallisch klar, doch zugleich zerbrechlich klingende Gitarren, darunter eine Pedal-Steel, sowie ein Wurlitzer-Elektropiano und eine Orgel. Es ist eine vage Höhe zu hören, und zugleich ein Horizont der Weite, ein klangliches Schwirren, die Handschrift von Lanois ist deutlich erkennbar. Der nahende Abend, die sinkende Sonne, die Nacht – sie sind hörbar, noch bevor Dylan mit einer auffällig zerbrechlichen Stimme zu den ersten Zeilen ansetzt.Shadows are falling and I’ve been here all day It’s too hot to sleep, time is running away Feel like my soul has turned into steel I’ve still got the scars that the sun didn’t heal There’s not even room enough to be anywhere It’s not dark yet, but it’s getting thereKein Raum, um irgendwo zu sein. Die Sonne konnte all die Narben nicht verheilen, die Schatten fallen, und es ist zwar noch nicht dunkel, doch „it’s getting there”. Diese letzte Zeile hat es in ihrer Vielschichtigkeit in sich. Wird es dunkel im Autor und Sänger selbst? Wird es dunkel – dort, irgendwo außen? Wenn Letzteres – wo oder was ist jenes „there”? Oder geht, wer oder was auch immer, selbst aktiv, wenn auch widerwillig in Richtung Dunkelheit?Kein Stimmen-Zwinkern hierViele Kritiker interpretierten das Stück im Allgemeinen und die am Ende jeder der vier Strophen wiederkehrende Schlusszeile im Besonderen als ein Vorausahnen der Sterblichkeit der Erzählerfigur oder gar des Sängers. Tatsächlich ist bei diesem Song, anders als bei Dutzenden anderer seiner Stücke, die ebenfalls Dramatisches oder Tragisches zum Kern haben, kein Spielen mit seiner Stimme zu hören, kein humoristischer Bruch des textlichen Ernstes, kein ‚Stimmen-Zwinkern‘, kein ins Absurde gezerrter Ton. Der Song ist, in der Album-Version, im Januar 1997 aufgenommen worden. Vier Monate später schwebte der Musiker in Lebensgefahr – eine Herzinfektion führte zu einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und zur zehnwöchigen Unterbrechung seiner Europa-Tournee. Später witzelte er darüber, er habe „wirklich gedacht, bald Elvis zu sehen“.Doch konnte er die kommende Krankheit vier Monate im Voraus erahnen? Eine noch vor der finalen Fassung eingespielte „Version 1“, 2023 als Teil von „The Bootleg Series, Vol. 17“ veröffentlicht, legt das nahe. In dieser Erstfassung singt Dylan heller, mit dem typischen stimmlichen Augenzwinkern, er bricht spielerisch auch die eher traurigen Zeilen, die Stimmung ist auf Leben gedreht, ein keckes Gitarren-Motiv unterstreicht dies wiederkehrend – und in der zweiten Hälfte erklingt ein fast völlig anderer Text. Es ist eigentlich ein anderes Lied; eines, das der Musiker kurze Zeit später verlangsamte, musikalisch und textlich ins Grau bettete, als wolle er die gleiche Medaille nicht nur von der anderen Seite, sondern in anderer Währung zeigen.Was dabei entstand, zählen viele Dylan-Kenner inzwischen zu einem seiner besten Songs. Der Musikkritiker Peter Tabakis etwa schrieb später über die Originalfassung: „Jede rauhe Verszeile ist von Bedauern durchtränkt. Zynismus durchdringt diese reflexive Bewertung eines gelebten Lebens. Der Sensenmann klopft, klopft, klopft an seine Haustür.“ Der Song, so Tabakis, gebe dem Hörenden zugleich das Gefühl von Katharsis, von Hoffnung, einer wirksamen Medizin gleich, wenn auch nur, oder eben gerade weil, in „homöopathischer“ Dosierung verabreicht.Wie das Licht reinkommtDies mag einer der vielen Schlüssel sein, der zumindest in die Nähe des Geheimnisses von „Not Dark Yet“ führt. Es scheint, als spüre man in der profunden Traurigkeit des Stückes einen kaum sichtbaren Lichtstrahl, der durch das sich unaufhaltsam anbahnende Dunkel hindurchbricht. Leonard Cohen sang in seinem Song „Anthem“ die bedeutenden Worte: „There is a crack, a crack in everything / That's how the light gets in.“ Wo dieser Bruch in „Not dark yet“ genau ist, durch den das Licht scheint, ist kaum identifizierbar. Vielmehr scheinen die gesamten sechseinhalb Minuten lang wie ein Bruch, ein Einbruch, ohne dass man wüsste, ob man diesen Bruch nun herbeisehnt, fürchtet – oder beides zugleich. Schon zu Beginn der zweiten Strophe wird dies deutlich.Well, my sense of humanity has gone down the drain Behind every beautiful thing there’s been some kind of painEs ist einer dieser Reime, die das Zeug dazu haben, nachhaltig zu erschüttern und dauerhaft im Kopf hängenzubleiben. Der Sinn für Menschlichkeit – den Bach hinuntergegangen? Und alles, wirklich alles Schöne soll den Schmerz als Unterbau haben? Während Ersteres ein individuelles Empfinden sein mag, dass wenige oder auch viele Menschen teilen mögen, scheint Letzteres wie eine, wenn auch kleine, doch universelle Wahrheit. Es gibt wohl keine „Liebe ohne Leiden“, wie Udo Jürgens einst süß und sanft für seine Tochter sang, und auch alles sonstige Schöne – wenn man einmal Schönheit nicht als profane Beschreibung für Allzutägliches, sondern als ein Phänomen wie das Guten und das Wahre deutet – ist wohl kaum schmerzlos zu haben.Und auch diesen Song dürfte sich Dylan mit einigem Schmerz erkauft haben; vielleicht nicht unbedingt in seinem Niederschreiben, sondern in den Jahren und Jahrzehnten seines Lebens, oder auch: seiner Leben, zuvor. Wissen kann man dies nicht, begründet fühlen gleichwohl schon: in der Vergangenheit erlebten, oder auch für die Zukunft vorgeahnten Schmerz, der sich in Schönheit wandeln kann, die dem nahenden Dunkel in seinem unwiderruflichen Kommen Licht entgegenstrahlt.Alles betäubt und im Stillstand?In der letzten Strophe dann, und in den letzten Songzeilen des Stückes, zieht der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2016 nochmals alle Register:I was born here and I’ll die here against my will I know it looks like I’m moving, but I’m standing stillEvery nerve in my body is so vacant and numb I can’t even remember what it was I came here to get away from Don’t even hear a murmur of a prayer It’s not dark yet, but it’s getting thereWovor wollte er fliehen – weiß er es wirklich nicht mehr? Warum will er das Flüstern eines Gebetes hören? Gibt es keine rettenden Gebete mehr für ihn und für andere? Es ist keine Frage: Das Stück wirft mehr Fragen auf, als es Antworten liefert, außer jener der offenbaren kalten Distanz des Sänger-Erzählers zu der ihn umgebenden Welt. Diese kann er hier wohl kaum mehr ertragen, er zweifelt an und verzweifelt in ihr, erkennt keinen Grund, sich überhaupt um etwas zu kümmern. Und er weiß nicht, ob er die leeren und tauben Nerven von Körper und Seele ertragen will in einer Welt, in der er ohnehin, und auch noch gegen seinen Willen, sterben muss. Hart und düster das alles, eigentlich.Am Ende LachenDoch der Sänger überlebte. Und so verwundert es nicht, dass Dylan das Düstere und Resignierende der Poesie dieses Stückes schon recht bald nach der Veröffentlichung von Album und Song, der als Single kaum Erfolg hatte, bei Livekonzerten durchbrach, etwa bei einem gemeinsamen Auftritt mit Eric Clapton im Jahr 1999. Der Gesang des galant gekleideten und kerngesunden Musikers wirkt bei diesem Auftritt so, als wolle er die eigenen verzweifelten Worte durch den Kakao ziehen. Man kommt wohl kaum ums Lachen herum, wenn man sich diese Darbietung von „Not Dark Yet“ anhört und ansieht. Letztlich, wie manche sagen, werden wir am Ende, oder auch nach dem Ende, nach der Dunkelheit, doch ohnehin alle lachen.In diesem Frühjahr wurde auf Dylans offizieller Homepage die oben erwähnte Version 1 von „Not Dark Yet“ nicht nur als Audiotrack, sondern in Verbindung mit einem Foto-Video veröffentlicht und prominent nach oben gesetzt. Ein Hören und Schauen dieser ursprünglichen Fassung stellt Vieles des soeben Geschriebenen komplett auf den Kopf – oder macht es womöglich vollständiger.Statt Resignation sieht man in „Version 1“ lachende Kinder. Statt Todesahnung hört man trotzigen Lebenswillen. Statt der Zeile „I just don’t see why I should even care / It’s not dark yet, but it’s getting there“, die Worte „A love that I know, that I never can share / Lot is not done yet, but it's getting there.“ Also: viel ist noch nicht getan, aber es geht dorthin. Und statt dem dunklen „I was born and I die here against my will / I know it looks like I’m moving, but I’m standing still“, der offenbar einem Vers aus den „Sprüchen der Väter“, einem Traktat der jüdischen Mischna entlehnt ist, heißt es hier: „Well, I can close my eyes and I see her from such a long ways off / Her lips were so tender, her skin was so soft“. Also kein baldiger Abschied, sondern neues (Liebes-)Leben? Genau dieses hat auch der vorher erwähnte Tom Jones in seiner rockigen Tanzversion herausgeschält; sie ist im Original schon angelegt.Das Geheimnis von großen Musikstücken wie diesem liegt wohl nicht nur darin, dass man sie nicht abschließend dechiffrieren kann. Sondern darin, dass man begründet hört, fühlt oder auch weiß, dass hinter dieser Unmöglichkeit der finalen Entschlüsselung, der letzten Öffnung, sich etwas Wahres verbirgt, das nicht greifbar und eindeutig sein darf.Die Kernpointe des Songs in seinem Album-Original sind eben nicht die finalen Worte – „it’s getting there”, also „es wird“ dunkel. Sondern jene davor: „It’s not dark yet” – es ist es noch nicht. Und solange es das noch nicht ist, gibt es viel zu sehen, zu tun, zu leben. Und zu hören. Unbedingt auch von dem ‚Master of Song‘.
FAZ-"Pop-Anthologie" über Bob Dylans "Not Dark Yet"
Bob Dylans Song „Not Dark Yet“ handelt vom nahenden Tod. Aber er ist durchwebt mit einem Faden der Hoffnung und zeigt sogar Humor. Eine alternative Fassung und ein neues Video unterstreichen das nur noch mehr.









