Als Kurt nach Hause kommt, muss er feststellen, dass seine Frau Hanne einen anderen Mann geheiratet hat. Die Scheidung vor dreißig Jahren hat er vergessen. Denn Kurt hat Alzheimer. Doch seine Tochter ist im Ausland; aus der Kurzzeitpflege reißt er immer wieder aus, und andere Pflegeheime haben keinen Platz. Hanne muss ihn kurzerhand im Gästezimmer aufnehmen. Dabei ist sie seit Jahren mit Bernd verheiratet. Aus der seltsamen Wohngemeinschaft erwächst ein komplexes Beziehungsgefüge, das eine Geschichte über weit mehr als die Demenz erzählt.In seinem Langfilmdebüt „Der verlorene Mann“ gelingt Welf Reinhart eine Tragikomödie, die humoristisch angelegt ist, das auch durchhält und dennoch die Erkrankung ernst nimmt. Die Kamera verfolgt das Geschehen mit Distanz, was dem Film bisweilen etwas Dokumentarisches verleiht: Mit Abstand folgt sie Kurt, wie er im Auto schläft oder Schneeflocken bestaunt. Diese Zurückhaltung rückt mit sparsam eingesetzter Musik und einer schlichten Inszenierung das Schauspielerische in den Vordergrund und gibt insbesondere Harald Krassnitzer den notwendigen Raum für eine bemerkenswerte Darbietung: Er lässt Kurt zwischen kindlicher Neugier, der Liebe zu Hanne (Dagmar Manzel) und Wutausbrüchen changieren, ohne seinen Charakter auf die Krankheit zu reduzieren. Die Darstellung seiner Demenz reduziert ihn also nicht auf ein Exempel für Alzheimer, sondern nimmt ihn als Person ernst. So kann Kurt zwar nicht begreifen, dass Bernd (August Zirner) Hannes neuer Partner sein soll. Als der ihm jedoch erzählt, dass Hanne und Kurt eine offene Ehe führen und Bernd Hannes Affäre sei, ist der Alt-Achtundsechziger zufrieden. Reinhart zeigt eindrücklich, dass Demenz zum Verlust der gemeinsamen Zeitebene führt. Zwischen beiden wartet BerndFür Hanne entspricht Kurts Gegenwart ihrer Vergangenheit, für Kurt ist diese Gegenwart hingegen nie vergangen. Als Hanne in der Nacht dem schlafenden Kurt berichtet, wie sehr er sie mit der Trennung verletzt hat, wird die Differenz offenbar: Hanne möchte mit einem Mann eine gemeinsame Vergangenheit besprechen, für die er gar nicht erreichbar ist. Dass das zu Konflikten und Missverständnissen führt, liegt auf der Hand. Immer wieder geht Hanne davon aus, dass Kurt sich an die Scheidung erinnert, während dieser jedes Mal von Neuem über die Nachricht erschrickt. Zwischen beiden wartet Bernd, der durch gemeinsame Musikvorlieben und pragmatische Kommunikation einen Zugang zu Kurt findet und als Vermittler beider Wirklichkeiten fungiert.Der Film nutzt die Demenz als Prisma, um größere Fragen über Freundschaft, Verantwortung und Liebe zu stellen. Mit Kurt steht Hanne die Wiederkehr ihres verlorenen Mannes gegenüber. Damit begegnet sie dem gegenwärtigen Bernd und dem vergangenen Kurt zugleich. Auf diese Weise ist der Film auch ein Liebesdrama, das die Vorstellung einer klar definierten, linearen Liebe infrage stellt. Wenn Hanne im Bus auf Bernds Schoß sitzt und zugleich Kurts Hand hält oder die drei zu Musik im Wohnzimmer tanzen, zeigt der Film Möglichkeiten auf, ohne deren Schwierigkeiten in der konkreten Handlung auszublenden.Zur Darstellung der Beziehung findet Reinhart weitere Perspektiven. Wenn Hanne und Bernd zu Beginn am Bildrand stehen, nehmen sie mit dem Zuschauer eine beobachtende Haltung ein – eine Totale fängt ein, wie Bernd und Hanne am Auto stehen und Kurt zuschauen, wie er auf einem Parkplatz den Grünsteifen untersucht. Mit der Zeit verringert sich die Distanz. Als Hanne und Kurt im Wald spazieren und Kurt ständig stehen bleibt, um Tannenzapfen aufzuheben, verknotet Hanne kurzerhand die Ärmel ihrer beider Jacken. Lächelnd gehen sie weiter, miteinander verbunden. Als sich Bernd hingegen von der Dreiecksbeziehung distanziert, kann der Zuschauer sein Gesicht nicht sehen: Bernd entzieht sich der Beziehung wie der Kamera. Auch Hanne muss am Ende aus der Nähe heraustreten: Kurt ist zu krank, um ihn noch zu erreichen. Dass Kurts Erkrankung und auch die Ménage-à-trois auf ein Ende zulaufen, deutet der Film von Beginn an durch Naturbilder an. Reinhard bedient sich dabei teils etwas zu ausführlich der Wald- und Nebelmetaphorik, um den Gefühlszustand der Protagonisten darzustellen. Stark sind jedoch die herbstlichen und winterlichen Szenen, vergängliche Schönheit: Als Kurt und Hanne in einem Feld voller verwelkter Blumen stehen, weist Hanne Kurt zunächst zurück, als der sich ihrer wieder nähern will. Kurt streckt daraufhin seine Hand aus: „Wo kann ich dich berühren? Zeig’s mir.“ Dass die erneute Blüte nicht auf ewig halten wird, zeigt die braun gewordene Ahornfrucht, die Kurt Hanne zu Beginn schenkt und die sie als Künstlerin auch in ihren Werken aufgreift. Kunst verwandelt: Der Film ist keine Krankengeschichte, sondern ein sozialutopisches Gedankenexperiment, das vor der Härte seiner Diagnose nicht zurückschreckt.