PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftRalph SiegelDer Unterschied zwischen Taylor Swift und Sarah EngelsStand: 13.05.2026Lesedauer: 6 MinutenRalph Siegel, in seiner Villa in Grünwald, mit Hund PuppiQuelle: Frédéric Schwilden/WELTKomponist Ralph Siegel nimmt nicht am ESC teil. Aber der 80-Jährige hat eine Meinung dazu, nicht zuletzt, weil er schon 24 Titel für den Wettbewerb komponierte. Für Sarah Engels, sagt er, wird's schwierig. Ein Besuch in Grünwald.Ralph Siegel, der Papst des deutschen Schlagers, wohnt direkt neben einer Kirche in Grünwald. Grünwald bei München, das ist das großbürgerlichste Viertel Deutschlands. Die Häuser hier sind groß. Aber nicht vulgär protzig. Auf der Straße stehen die Kleinwagen der Gärtner und Putzkräfte, die tagsüber dieses Viertel bevölkern, während die Bewohner meist außer Haus viel Geld verdienen. Viele, die es geschafft haben, leben hier. Der halbe FC Bayern, zahlreiche Schauspielerinnen, Manager und eben Ralph Siegel, Komponist von 24 ESC-Songs, die beim Eurovision Song Contest um den Sieg kämpften. Einmal hat Siegel gewonnen. Das war 1982, als Nicole sein Lied „Ein bisschen Frieden“ in Harrogate, England, sang, Europa und die Welt verzauberte und ihr Hoffnung gab. Noch heute, mit 80 Jahren, geht er jeden Tag ins Studio und jagt den nächsten Hit. 2014 war er zuletzt beim ESC dabei. Mit einem Lied für San Marino.Die Haustür öffnet Siegels Assistent. Es geht vorbei an einem überlebensgroßen goldenen Gorilla, hinein in ein Haus, dessen Eingang goldene Schallplatten zieren. Siegel sitzt auf dem Sofa. Er steht auf, begrüßt den Besucher. Um ihn herum saust Hund Puppi, ein weißes Wollknäuel, sechs Jahre alt. „Setzen Sie sich ruhig etwas näher“, sagt Siegel zu seinem Besucher, „ich höre seit zwei Hörstürzen nicht mehr so gut. Den ersten habe ich kurz vor Nicoles Harrogate-Auftritt bekommen. Der Stress war so hoch.“Damals wollte er gewinnen. Oder? „Nein, ich wusste, dass ich gewinne“, antwortet Siegel. „Ein Dreivierteljahr vorher wusste ich das schon.“ Im November 1981 hat Nicole das Demo eingesungen. „Da habe ich einen Weinkrampf bekommen und bin aus dem Studio raus in mein Büro. Ich konnte 20 Minuten nicht aufhören zu weinen. Es hat mich geschüttelt wie ein kleines Kind. Da wusste ich es. Ich dachte an Papi und Mami. Ich wusste, die passen im Himmel auf mich auf. Und die haben gesagt, der Bub hat letztes Jahr keine Punkte aus der Schweiz bekommen. Also kriegt er jetzt Inspiration von uns und gewinnt das Ding.“ Siegel stammt aus einer Musikerfamilie, das hat ihn geprägt.Lesen Sie auchIm verglasten Wintergarten steht ein weißer Flügel mit goldenen Intarsien im Licht der Nachmittagssonne. Nachts, so sagt Siegel, arbeitet er immer noch. Im Tonstudio im Keller seiner Villa probt die Internet-Bekanntheit Streichbruder mit einem Repetitor. Siegel will den jungen Mann zum Star machen und Songs mit ihm aufnehmen.Der Assistent bringt dem Komponisten eine Apfelschorle im Guinness-Glas. Es gibt Wasser und Kaffee. Siegel erzählt von seinem Hörsturz. Wie er nach Nicoles Sieg ins Krankenhaus kam. Wo er wochenlang blieb. Wie ihn Frank Elstner anrief und sagte: „Ralph, ruh dich in meinem Haus auf Mallorca aus, wenn du rauskommst.“ Wie Siegel dann mit seiner Frau aus dem Flugzeug stieg. Und Elstner extra aus Luxemburg nach Mallorca geflogen ist, um die beiden dort abzuholen, begleitet von seinem Banker. „Der Frank hat mir den Schlüssel gegeben und gesagt, ich soll mich erholen. Dann ist er wieder zurück nach Luxemburg geflogen. So etwas machen nur echte Freunde für einen.“Siegel erzählt von den 80er-Jahren. Von der Entstehung von „Ein bisschen Frieden“. Vom Falklandkrieg. Davon, dass er schon immer Friedenslieder geschrieben habe. „1981 auch ‚Friede für das Land‘ für ein Winnetou-Musical mit Pierre Brice in Bochum.“ Für Siegel sind die eigene Geschichte, die Geschichte Europas und die des ESC eine große und zusammenhängende Geschichte. „Ich leide bis heute an den Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Und das, obwohl ich erst 1945 geboren bin“, sagt er. „Wir Deutschen leben bis heute mit dieser Erbsünde.“ Im Internat in der Schweiz sei er von anderen Schülern „Nazi-Kind“ genannt worden. „Da habe ich mich mit denen geprügelt. Ich habe gesagt, ich habe damit nichts zu tun.“Später, als er in Frankreich war, sei er als L’Allemand, der Deutsche, beschimpft worden. „Das war aber auch verständlich. 20 Jahre vorher ist Hitler die Champs-Élysées hoch marschiert. Das haben die Alten nicht vergessen. Aber die Jungen haben uns, Gott sei Dank, verziehen.“ Sein ESC-Sieg mit Nicole: Auch Israel gab dem Lied die Höchstpunktzahl. Das zeigt, Menschen können, ohne vergessen zu müssen, verzeihen, sich wieder annähern. In Frieden und Freundschaft miteinander leben.Doch die Weltlage ist wieder kriegerischer. Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden, hat Verteidigungsminister Boris Pistorius mit Blick auf die russische Invasion erklärt. „Schrecklich“, findet Siegel das. „Die Ukraine muss sich natürlich verteidigen dürfen. Aber Deutschland liefert jetzt fast zu viel an Engagement. Jetzt sind wir doch zumindest im Kopf von Putin auch der Gegner. Und dann der Iran-Krieg. Darüber vergisst man fast den Schrecken, den Russland anrichtet. Und ich frage mich auch, was das ganze Geballer zwischen den USA und dem Iran bringen soll. Aber Pistorius rüstet so sehr auf wie noch nie in der Geschichte der Bundeswehr.“Lesen Sie auchWas hält er von Sarah Engels und deutschen Beitrag für den ESC dieses Jahr? Siegel überlegt. Dann antwortet er: „Ich wünsche ihr viel Glück. Ich gönne es ihr von Herzen. Es wird aber nicht leicht.“ Als Begründung schiebt er hinterher: „Erstens hat 1978 Ireen Sheer schon mit ,Feuer‘ den 6. Platz gemacht. Mit ,Fire‘ sollte Sarah Engels deswegen heute nicht mehr kommen. Zweitens habe ich ein Problem mit der Choreografie. Das habe ich so schon zigmal gesehen. Das hat das Mädchen doch gar nicht nötig. Diese Tänzer um sie herum lenken nur ab. Und drittens wäre es doch mal schön, wenn jemand wieder einen deutschen Schlager singt.“ Mädchen? Ist das nicht zu despektierlich? „Ich bin immer ehrlich und direkt“, erklärt Siegel. „Meine Einschätzung von Sarah Engels ist keine von ihr als Mensch, sondern aus künstlerischer Perspektive. Was ist der Unterschied zwischen Taylor Swift und Sarah Engels? Es geht hier um Persönlichkeit. Lady Gaga ist eine Künstlerin. Madonna ist eine große Künstlerin. Und Sarah Engels ist eine nette, bezaubernde junge Sängerin, die über DSDS nach oben gekommen ist.“ „Jetzt entscheiden Fangruppen und Wettbüros vorab“Wer gewinnt den ESC in diesem Jahr? „Wissen Sie, das ist ja auch so ein Thema“, sagt Siegel. „Jetzt hören Sie die Songs Wochen, teilweise Monate vorher. Diese Vor-Promotion führt den Wettbewerb eigentlich ad absurdum. Jetzt entscheiden quasi Fangruppen und besonders die Wettbüros vorab. Da entwickelt sich eine Marketing-Maschine. Früher haben die Leute den Song erst am Abend erlebt und dann entschieden. Heute sind sie schon vorher beeinflusst.“ Er glaubt, dass es Finnland oder wieder mal Schweden machen werden.Zum Abschluss noch ein Foto an seinem Flügel. Siegel hält Hund Puppi dabei auf dem Arm. Er greift einige Akkorde, schließt seine Augen, ist ganz bei sich. Bei seinem Puppi. Im Leben. In der Musik. In seinem Himmel schon auf Erden. Dann geht er wieder in den Keller. Ins Studio. Mit 80 Jahren strebt Siegel immer noch nach dem nächsten Hit. Ein zweites Mal den ESC gewinnen. Darauf arbeitet er hin.