Guggenheim, Metropolitan Museum of Art und jetzt der peruanische Pavillon der Biennale in Venedig: Die indigene Textilkünstlerin Sara Flores zeichnet das Wesen ihrer Heimat in einer komplexen Zeichensprache nach. Eine Reise in den peruanischen Amazonas.Wenn sich der Río Uyacali auf dem Höhepunkt der Regenzeit wie eine riesige, braun-glänzende Decke im Amazonasgebiet von Peru ausbreitet, Bäume, Büsche und Gräser umschwemmt, dann ist das Atelier von Sara Flores an der Shansho-Cocha-Lagune nur mit dem Boot zu erreichen.Die Route von Pucallpa aus, der nächstgrößeren Stadt mit Flughafen, ändert sich je nach Wasserstand. In den Trockenmonaten kann man mit dem Auto in 25 Minuten durchfahren, bei unserem Besuch im März dauert es dreimal so lang.Der Bootsführer taucht den Außenmotor wie einen langen Stabmixer in das ruhige Nass und steuert den schmalen Kahn durch die Gräser und Bäume des Sumpfes hindurch auf die offene Lagune. Vor ihm kauern wir Gringos auf dünnen Planken – Journalisten und Kuratoren aus Madrid, Mailand, Paris und New York, die weiße Winterhaut lückenlos mit Mückenspray bedeckt, die Handykamera den Reihern und Papageien entgegengestreckt. Manchmal muss er uns warnen, die Köpfe rechtzeitig einzuziehen, bevor ein tiefer Ast uns aus dem Kahn hebelt.Einige derjenigen, die heute im Boot durch das sumpfige Gewässer der Lagune gleiten, werden sich in wenigen Wochen durch die Kanäle von Venedig in Richtung Arsenale bewegen – wieder auf dem Weg zu Sara Flores. Als erste indigene Künstlerin vertritt die 76-Jährige Peru bei der 61. Biennale di Venezia.Perus zur indigenen IdentitätEin historischer Moment für zeitgenössische indigene Perspektiven auf einer der wichtigsten Bühnen für internationale Gegenwartskunst. Und ein überfälliges Bekenntnis Perus zur indigenen Identität des Landes als lebendigem Teil seiner kulturellen Gegenwart.Sara Flores gilt unter Kennern schon lange als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Shipibo-Conibo, einem indigenen Volk des peruanischen Amazonasgebiets. Die institutionelle Anerkennung im eigenen Land folgte erst, nachdem sie in den vergangenen Jahren von der Londoner Galerie White Cube vertreten und in bedeutende internationale Sammlungen wie dem Guggenheim oder dem Metropolitan Museum aufgenommen wurde.Lesen Sie auchDie Kunst von Sara Flores ist in der Tradition des Kené begründet – einer komplexen visuellen Sprache der Shipibo-Conibo, die Muster, Wissen und Kosmologie miteinander verbindet und seit Jahrtausenden von Mutter zu Tochter weitergegeben wird.Kené erscheint als ein Geflecht aus feinen, symmetrisch wachsenden Linien: verschlungene Wege, die sich öffnen und verdichten – wie Flussläufe oder sichtbar gewordene Schwingungen. Von Hand zeichnet Flores sie in akribischer Präzision auf gewebte Baumwollstoffe – mit natürlichen Pigmenten, die sie aus den Pflanzen des Regenwalds gewinnt: die Borke verschiedener Bäume für das Braun, Rot aus den zerdrückten Beeren der Achiote, Gelb aus zerriebenen Kurkumawurzeln und Grün aus gekochten Blättern.Nach einem Bad in Lehmwasser verwandelt sich die braune Farbe in tiefes Schwarz. Kein Muster wiederholt sich, nur das Neue zählt. Der Weg zum Atelier führt durch den Dschungel, über gewundene Pfade und knapp über dem Wasser schwebende Brücken. Wie alle Häuser hier steht ihres auf langen Stelzen. Auf einer ausladenden Terrasse lehnt sie, die nackten Füße auf die Planken gedrückt, an einem überdimensionalen Tisch, auf dem ein mit Mustern überzogenes Baumwolltuch ausgebreitet ist.„Früher habe ich auf dem Boden sitzend gearbeitet“, sagt sie und fasst sich an den Rücken. „Das geht heute nicht mehr.“ Neugierig sucht die winzige Frau die Gesichter ihrer Besucher ab, gibt jedem ihre große, weiche Hand und zieht uns sanft für einen Kuss auf die linke Wange zu sich herunter.Flores trägt die Shipibo-Tracht: Eine kobaltblaue Bluse mit pinkfarbenem Rundkragen (Koton), dazu ein knielanger Wickelrock, mit Kené-Mustern bestickt (Chitonti), ihre großen Ohren lugen neugierig aus dem glänzend schwarzen Haar, das sie offen trägt. Dass kein einziges weißes darunter ist, ist der Frucht des Huito-Baums zu verdanken, mit dem sich die Shibipo die Haare färben.Meine Mutter brachte mir bei, nicht nur mit Liebe und Sorgfalt zu arbeiten, sondern mit IntentionSie spricht ohne Eile mit leiser, warmer Stimme. „Ich bin schon mein Leben lang Künstlerin“, sagt sie. „Meine Mutter gab mir als Kind kleine Stoffe, auf denen ich mich ausprobierte, während sie neben mir arbeitete. Sie brachte mir bei, nicht nur mit Liebe und Sorgfalt zu arbeiten, sondern mit Intention.“Nachdem ihre Mutter starb, erzählt sie, suchten sich deren Kunden (deutsche Ärzte des örtlichen Krankenhauses) schon bald die Arbeiten der damals 14-jährigen Sara aus. Irgendwann begann diese, ihre Gemälde mit S.F.V zu markieren, für Sara Flores Valera.Während sie Fragen beantwortet, stützt Sara Flores ihren linken Unterarm mit der bunten Swatch-Uhr auf ein kleines Kissen und markiert mit der rechten das Tuch mit Linien, die sie später mit Farbe nachziehen wird. Ihre langen, knochigen Finger bewegen sich geschmeidig und wie unabhängig voneinander, so als hätten sie ein Extra-Gelenk.Der Griffel, den sie benutzt, ist eine zurechtgeschnittene Speiche eines Regenschirms. „Ist das eine gängige Methode?“ – „Nein“, sagt sie lächelnd, „das mache nur ich.“ Ihr Agent Matteo Norzi erinnert sich an einen Besuch in New York, bei dem nach einem Schauer überall kaputte Regenschirme lagen. „Sara wollte sie alle einsammeln.“Vollkommene Symmetrie aus freier HandDicht neben Flores steht ihre 36-jährige Enkelin Diana. Sie streicht ihrer Großmutter eine Haarsträhne aus dem Gesicht, reicht ihr Farbe oder legt ihr beschützend die Hand auf den Rücken. Sie nennt sie „Mama“, so wie alle anderen auch. Kené ist Familiensache.Gerade jetzt, in der Vorbereitung auf die Biennale di Venezia, helfen Tochter Pilar und die Enkelinnen Fiorella und Diana mit. Alle arbeiten in außergewöhnlicher Qualität – doch nur eine, sagen sie, könne an jeder beliebigen Stelle des Tuchs beginnen und das komplexe Muster, das sie im Kopf trägt, in vollkommener Symmetrie bis in die äußersten Ecken führen: Sara.Obwohl die Linien wie mit dem Lineal oder mit dem Zirkel gezogen wirken, entsteht alles aus freier Hand. Wenn die Frauen zusammenarbeiten, ist es, als ob ihre Muster, Köpfe und Körper miteinander verschmelzen. Kené ist Linie und Gedächtnis zugleich – Tradition und Innovation.Es ist ein Gespräch unter Frauen: Es wird gemalt, gesungen, geschwiegen, geweint oder gelacht. Die Muster erzählen davon, wie die Shipibo-Conibo das Leben verstehen – jede Farbe eine Pflanze, jede Pflanze ein Heilmittel, alles Teil eines Kreislaufs, der sich in den unendlichen Strukturen ihrer Arbeiten widerspiegelt.Die 76-Jährige geht, bei ihrer Enkelin eingehakt, ein Stück in den Wald. Als sie zurückkommt, legt sie mir ein Blatt in die Handfläche. Über die sattgrüne, ovale Fläche des Fittonia albivenis zieht sich ein feines Netz karminroter Adern – eine Symmetrie, die ihren Bildern verblüffend ähnelt. „Siehst du?“, sagt ihr Blick. „Es ist doch alles schon da.“„Die Muster der Shipibo-Conibo sind eng mit Heilung verbunden“, erklärt Norzi, während wir später alle gemeinsam an einem langen Tisch zu Mittag essen. „Krankheit gilt als eine Art ästhetische Störung im spirituellen Gefüge. Schamanen stellen die Ordnung durch Gesänge, Ayahuasca und andere Praktiken wieder her – und Kené ist ein Teil davon.“Es gibt Paiche, einen großen Süßwasserfisch, dazu Yucca-Kugeln und eine Sauce aus Camu Camu – eine süßlich-saure Frucht. Das Gelände, auf dem sich Flores’ Atelier befindet, gehört zu der von ihr gegründeten Schule Bakish Mai, übersetzt „Land des Gestern und Heute“ – Bakish vereint, was anderswo getrennt gedacht wird: Vergangenheit und Gegenwart.In die Vision der Schule übersetzt heißt es, dass das Erbe der Ahnen eine nachhaltige Zukunft inspiriert. Der Raum, in dem wir essen, ist der einzige mit Elektrizität und Internetanschluss. Hier finden regelmäßig Workshops statt, in denen sich junge indigene Anwälte weiterbilden, sich Shipibo-Frauen über ihre Rechte aufklären können, es finden Kunst-, Film- und Radioworkshops statt. Das Geld dafür stammt von Flores’ Kunst. „Was früher auf einem lokalen Kunsthandwerksmarkt für 30 Dollar verkauft wurde, erzielte beim Verkauf an das Guggenheim plötzlich 150.000 Dollar“, so Norzi. „Auf einmal entsteht ein Wert, der diese gemeinschaftliche Arbeit tragen kann.“Auch die Modebranche wurde auf Flores aufmerksam. Unter Maria Grazia Chiuri entwarf sie für Dior eine limitierte Edition der „Lady Dior“-Tasche. Nachdem sie sich in Paris von der Präzision des Ateliers überzeugt hatte, entwickelte Flores zwei Modelle, die das Kené-Muster aufgreifen und in aufwendige Perlenstickerei übersetzen.Kunst und AktivismusDer Italiener Norzi stieß vor 15 Jahren in einem Markt auf Flores’ Arbeiten und suchte jahrelang, bis er die Frau hinter den drei Buchstaben fand. Er half ihr, ihre erste öffentliche Ausstellung 2018 in New York zu realisieren, und agiert seither als Vermittler.Zusammen mit Norzi setzte Flores ein solidarisches Teilungsmodell auf, bei dem alle Einnahmen geviertelt werden. Ein Teil bleibt bei Flores, einer geht an ihre Tochter, ein dritter an indigene Organisationen im Kampf gegen Abholzung, Drogenkartelle und Siedlerkolonialismus, und ein Teil an Norzis Shipibo Conibo Center, eine Organisation, die Kunst und Aktivismus verbindet.Die Nacht verbringen die Besucher in den sieben Gästehütten, die sich entlang des Lagunenufers auf dem Gelände befinden. Per Taschenlampe bahnen wir uns den Weg durch die Dunkelheit und schlüpfen unter das Moskitonetz. Es ist laut im Dschungel, mein Ohr versucht sich im dichten Geflecht der ungewohnten Geräusche zurechtzufinden: zirpende Insekten, pochende Froschrufe, surrende Mücken, und war das ferne Grollen etwa ein Affe?Als Sara Flores ein kleines Mädchen war, begann sie im Dach des Moskitonetzes Muster zu sehen. Der Pavillon in Venedig wird zwei Installationen mit Netzen zeigen, die an diese erste Vision anknüpfen. Ich schließe die Augen und versuche den Gesang der Tiere in Kené zu verwandeln und schlafe darüber ein. Morgens um vier weckt uns ein krachender Knall, es blitzt und donnert über der Lagune. Dem Gewitter folgt ein rauschender Vorhang aus Regentropfen.Lesen Sie auchZum Frühstück gibt es Hühnersuppe und gekochten Bananensaft, und für die Europäer Espresso. Flores trägt Freizeitkleidung: weiße Spitzenbluse zu schwarzem Rock. Sie vermisst Aminish, ein Äffchen, das ihr, seitdem sie es vor zwei Jahren mit Bananenmilch aufgezogen hat, nicht von der Seite weicht. Heute passt ihr Mann in ihrem Studio in Pucallpa auf das Affenmädchen auf. Der Schwarzrückentamarin ist so klein, dass er in Flores’ Handfläche passt.„Entweder durchsucht sie Mama Sara die Haare oder hilft beim Malen“, sagt die 32-jährige Fiorella und zeigt uns Affenfotos auf ihrem Handy. „Sie ist eifersüchtig auf jeden, der sich Mama nähert.“Alle Töchter und Enkelinnen werden im Mai mit nach Venedig kommen – Aminish muss zuhause bleiben. Wenn sie ihre Affentochter auf Reisen allzu sehr vermisst, hat Sara Flores eine pragmatische Lösung gefunden: FaceTime – eine virtuelle Brücke zwischen ihrem Zuhause im Regenwald und der weiten Welt der Kunst in Venedig.
Peruanische Textilkünstlerin: Sara Flores gestaltet vollkommene Symmetrie aus freier Hand – Vorbild ist die Natur des Dschungels - WELT
Guggenheim, Metropolitan Museum of Art und jetzt der peruanische Pavillon der Biennale in Venedig: Die indigene Textilkünstlerin Sara Flores zeichnet das Wesen ihrer Heimat in einer komplexen Zeichensprache nach. Eine Reise in den peruanischen Amazonas.










