PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1971„Der gute Wille ist bei Brandt zweifellos vorhanden“Stand: 12.05.2026Lesedauer: 5 MinutenBundeskanzler Willy Brandt während der Verleihung des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 1971 in der Aula der Universität von OsloQuelle: picture-alliance/dpa/Alfred HennigAm 20. Oktober 1971 wird bekannt: Der Bundeskanzler bekommt den Friedensnobelpreis. WELT-Chefredakteur Herbert Kremp meldet öffentlich Zweifel an – und behält langfristig Recht. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Das Dilemma steckt schon in der Auslobung der wichtigsten politischen Auszeichnung der Welt. Der Friedensnobelpreis, heißt es in Alfred Nobels Testament, solle stets an denjenigen gehen, der „im vergangenen Jahr“, so die ausdrückliche Festlegung, „am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ habe. Doch wie soll eine Jury oder wer auch immer sicher beurteilen können, wer dem Frieden „im vergangenen Jahr“ am meisten genützt habe? Die naturwissenschaftlichen Preise für Physik, Chemie und Medizin wurden und werden fast immer für oft Jahrzehnte zurückliegende Leistungen vergeben; der Preisträger für Literatur kam und kommt schon immer mit mal kleinerer, mal größerer Beliebigkeit zustande. Doch der Friedensnobelpreis bleibt ein regelrechtes Politikum. Das zeigt sich exemplarisch beim bisher letzten deutschen Preisträger, Bundeskanzler Willy Brandt, 1971. Aus insgesamt 39 Nominierten hatte das laut Nobels Testament zuständige Komitee des Osloer Parlaments den Sozialdemokraten ausgewählt, und zwar ausdrücklich wegen eines in seiner Heimat heiß umstrittenen Vorhabens: der Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierung. „Das Komitee misst der Tatsache Bedeutung bei, dass Willy Brandt sowohl als Außenminister der Bundesrepublik Deutschland seit 1966 als auch als Bundeskanzler seit 1969 konkrete Initiativen für Entspannung ergriffen hat“, hieß es in der Begründung. Brandt habe die „Hand zur Versöhnung zwischen Völkern ausgestreckt, die lange Zeit Feinde waren“. Im „Geiste des guten Willens“ habe er „außerordentliche Ergebnisse bei der Schaffung von Voraussetzungen für Frieden in Europa erzielt“. Denn, so ganz allgemein: „Politische und militärische Entspannung zwischen Ost- und Westeuropa sind eine Voraussetzung für eine friedliche Entwicklung.“Das freilich sahen nicht alle so. WELT-Chefredakteur Herbert Kremp, bekennend skeptisch gegenüber der sozialliberalen Außenpolitik, beglückwünschte zwar den Kanzler persönlich für seine Ehrung („Brandt kann stolz sein, in die Reihe der Preisträger eingereiht worden zu sein“). Zugleich verwies er darauf, dass die so ausgezeichnete Ostpolitik höchst umstritten sei: „Im Augenblick weiß niemand, ob die gegenwärtige deutsche Politik zum Frieden oder nur zu einer noch festeren Etablierung der Sowjetmacht in Europa führen wird.“Eine hämische Volte mochte Kremp sich zum Abschluss seines Kommentars nicht verkneifen: „Das Letztere gilt als wahrscheinlich. Mit derartigen Einzelheiten beschäftigt sich das Nobel-Komitee jedoch nicht. Dort zählt der gute Wille, und der ist bei Brandt zweifellos vorhanden.“Die Reaktion in der westdeutschen Öffentlichkeit war gewaltig: Praktisch alle überregionalen Medien verurteilten Kremps Sicht teilweise ausdrücklich, teilweise kaum kaschiert indirekt. Zumal der Fortgang der Ostpolitik den WELT-Chef zu widerlegen schien: Nach dem Moskauer Vertrag vom 12. August 1970 als Grundlage, dem Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 und dem Viermächteabkommen über West-Berlin vom 3. September 1971 sowie dem ersten Verhandlungsergebnis mit der DDR, dem Protokoll über den Post- und Fernmeldeverkehr vom 30. September 1971, folgte am 17. Dezember 1971 das Transitabkommen mit der SED‑Diktatur. Der Grundlagenvertrag vom 21. Dezember 1972 begründete dann ein neues Verhältnis zum zweiten Staat in Deutschland.Am zentralen Grundsatz der Ostpolitik, „Wandel durch Handel“, hielten auch die auf Brandt folgenden Bundesregierungen fest, sowohl Helmut Schmidt als auch Helmut Kohl. Also musste doch Brandts vom Nobel-Komitee ausgezeichnetes Vorgehen richtig gewesen sein. Oder? Zumindest die SPD beschwor jahrzehntelang und beschwört oft auch noch, trotz Putins Aggressionen, die Richtigkeit.Ein halbes Jahrhundert später, im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Besonderen und den Westen im Allgemeinen, zeigen sich allerdings die Schwächen dieser Argumentation. Denn Voraussetzung für die auf westdeutscher Seite aus politisch-moralischen Gründen angestrebte Ostpolitik war klar erkennbar stets das erste Gasröhrenabkommen von 1970. Schon seit den späten 1950er-Jahren waren in den endlosen asiatischen Weiten der Sowjetunion immer neue Erdgasfelder entdeckt worden. Doch vor Ort war der Energieträger fast wertlos – und die für Pipelines notwendigen Röhren konnten nur US-amerikanische und westdeutsche Konzerne in der notwendigen Menge und Qualität anbieten. Also versuchte der Kreml, die bundesdeutsche Regierung zur Genehmigung solcher Geschäfte zu bewegen. Im November 1962 hatten die USA einen solchen Deal noch verhindert. Weil die westdeutschen Konzerne, vor allem Mannesmann, Thyssen sowie Hoesch, und die UdSSR aber weiter drängten, sah der Ende 1966 ins Amt gekommene Außenminister Willy Brandt eine Gelegenheit, sein Ziel einer Entspannung mit dem Osten durchzusetzen. Anfang Februar 1970 kam es zum ersten Röhrendeal, und seit 1973 floss sibirisches Erdgas in die Bundesrepublik. Lesen Sie auchFür den Kreml war die Ostpolitik allerdings nicht mehr als ein billiges Zugeständnis an Brandt, um dessen Unterstützung für die eigene Strategie zu bekommen: langfristig den Westen durch Energieabhängigkeit erpressbar zu machen. Außerdem erlaubten die Einnahmen aus dem Gasexport dem Kreml die Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20. Obwohl Brandts Nachfolger Helmut Schmidt dagegen den Nato-Doppelbeschluss initiierte, unterstützte er trotzdem 1981 einen weiteren Röhrendeal mit Moskau – auch gegen vehemente Gegenwehr aus Washington. Am Ende musste sich Präsident Ronald Reagan geschlagen geben: Die USA nahmen Sanktionsdrohungen zurück, die neue Pipeline wurde gebaut. Westeuropas Abhängigkeit vom sibirischen Gas nahm weiter zu.Erst der russische Krieg gegen die Ukraine seit 2022 zeigte, dass Herbert Kremp im Kern richtig lag: Brandts nobilitierte Ostpolitik stärkte die Sowjetunion massiv und erlaubte Russland im Zuge einer Langzeitstrategie neue Aggressionen. Vielleicht sollte auch der Friedensnobelpreis besser erst nach Jahrzehnten verliehen werden. Das Problem: Potenzielle Preisträger dürften bis dahin meist verstorben sein.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.