Zum Muttertag erzählt Krista Tcherneva vom Wunsch vieler Frauen, Karriere und Familie zu verbinden – und vom Preis, den sie dafür oft zahlen. Es geht um verschlossene Türen, brutalen Schlafmangel, Mutterschaft als Karriererisiko – und ein Leben an der Seite von Ex-Bundesligaprofi Ádám Szalai.Mit elf Jahren stand Krista Tcherneva zum ersten Mal vor der Kamera, mit 14 begann sie zu modeln, mit 17 fotografierte sie ihr erstes Cover. Heute ist ihr Gesicht in internationalen Modemagazinen zu sehen, darunter auch in der „Vogue“. Nach ihrem ersten großen Serienauftritt in der Netflix-Produktion „Kitz“ wurde sie mit 23 Mutter: Gemeinsam mit Ádám Szalai, ehemaligem Bundesligaprofi, einstigem Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft und heutigem Co-Trainer des Teams, bekam die Berlinerin ihre erste Tochter. Heute kämpft die 27-Jährige um beides: eine Karriere, die weitergeht, und ein Familienleben, das nicht darunter leidet. WELT: Wie organisieren Sie Karriere und Muttersein?Krista Tcherneva: In der ersten Zeit nach der Geburt habe ich mich ganz auf meine Tochter konzentriert. Heute versuche ich, Jobs so zu organisieren, dass ich möglichst kurz weg bin: morgens um fünf anreisen, drehen oder shooten – und im besten Fall nachts direkt wieder zurück nach Hause. Das sind extrem lange Tage. Geholfen hat sicher auch, dass mein Mann aufgehört hat, aktiv zu spielen, als unsere Tochter vier, fünf Monate alt war. Wenn der Partner Profisportler ist, viel reist und ständig unterwegs ist, macht das die Organisation mit einem kleinen Kind noch einmal deutlich schwieriger.WELT: Als Ihre Karriere gerade Fahrt aufnahm, wurden Sie schwanger. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?Tcherneva: Drei Tage nach der Premiere von „Kitz“ habe ich erfahren, dass ich schwanger bin. Ich dachte mir: Wie Gott es sich da oben wünscht, so wird es halt sein. Ich glaube, in dem Business, in dem ich arbeite, gibt es nie den perfekten Zeitpunkt dafür, weil immer irgendetwas Aufregendes kommen kann. Ich hatte danach auch viele Anfragen, die ich ablehnen musste. Natürlich hat man dann den Gedanken, dass man Chancen verpasst und sich in gewisser Weise Türen schließen – was ja auch stimmt. Aber es war eine bewusste Entscheidung: für die Kleine und dafür, dass wir eine Familie sind. In den ersten eineinhalb Jahren war sie meine Priorität, und das wird sie auch immer bleiben. Jetzt ist es für mich wieder einfacher geworden, auch außerhalb von zu Hause zu arbeiten.WELT: Wie verändert Muttersein Ihre Arbeit heute?Tcherneva: Das Maximum, das ich bisher von ihr getrennt war, waren zwei Wochen. Da war ich in den USA, weil ich mein Arbeitsvisum bekommen hatte und schauen wollte, was dort für mich passieren kann. Ich erkläre Efi immer am Abend vorher, dass Mama arbeiten geht – und wir uns die Fotos zusammen anschauen können, wenn ich wieder da bin. Wenn ich für ein Magazin shoote, kann ich ihr ein paar Wochen oder Monate später das Heft zeigen. Dann versteht sie besser, warum ich weg war. Für sie ist vor allem diese Verwandlung spannend: das Schminken, Fertigmachen, Anziehen. Im Alltag bin ich eher lässig unterwegs – meistens in Jeans und T-Shirt. Mit drei findet sie es toll, wenn Mama plötzlich geschminkt ist, die Haare gemacht sind und alles hübsch aussieht.WELT: Wann waren Sie nach der Geburt bereit, wieder zu arbeiten – und wie hat die Branche reagiert?Tcherneva: Ich glaube, das war nach etwa einem, eineinhalb Jahren. Ich wollte mir keinen Druck machen. Was meine Figur angeht, war ich relativ schnell wieder in Form, weil ich während der Schwangerschaft hauptsächlich durch Wasser und natürlich durch das Baby zugenommen hatte. Aber bereit zu sein, wieder zu arbeiten, heißt in dieser Branche nicht automatisch, dass die Branche auch auf dich wartet. Ich hatte zum Beispiel eine irrsinnig gute Modelagentur in Paris. Damals hatte ich ihnen gesagt, dass ich ein Kind erwarte – und dass ich mich natürlich melde und nach Paris kommen kann, sobald ich wieder arbeiten kann. Sie hatten mir auch ganz freundlich gratuliert. Als es dann so weit war, habe ich ihnen geschrieben, dass ich wieder good to go bin und sie mich gerne vorschlagen können. Aber sie haben ewig nicht geantwortet. Ich habe ihnen mehrfach geschrieben – per E-Mail, WhatsApp und Instagram, auch an verschiedene Ansprechpartner innerhalb der Agentur. Irgendwann habe ich auf der Website nachgeschaut und gesehen, dass sie mich einfach von der Agenturseite entfernt hatten – kein Ton, kein Nichts. Sie haben mich da einfach rausgekickt. Weil ich Mama geworden bin. Da war für mich ziemlich eindeutig: Wenn jemand wegen meiner Familiensituation nicht mehr mit mir arbeiten möchte, ist das im Grunde auch Antwort genug.Lesen Sie auchWELT: Glauben Sie, dass Mutterschaft in Ihrer Branche noch immer ein Nachteil ist?Tcherneva: Auf jeden Fall. Man wird als Frau gefühlt dafür bestraft, dass man Mutter geworden ist. Ich hatte noch einen ähnlichen Vorfall: Vor etwa zwei Monaten hatte ich einen Zoom-Call mit einer Modelagentur aus New York. Am Ende wurde ich explizit gefragt, ob ich Kinder habe. Ich habe ehrlich geantwortet – danach hat sich niemand mehr gemeldet. Natürlich weiß ich nicht, ob es daran lag. Aber es ist schon seltsam, dass man in so einer Art Bewerbungsgespräch überhaupt gefragt wird, ob man Kinder hat.WELT: Was müsste sich ändern, damit Muttersein in Ihrer Branche kein Karriereknick ist?Tcherneva: Ich glaube, in der Branche selbst lässt sich nur schwer etwas ändern. Jeden Tag kommen neue, junge Gesichter dazu. Wenn du ein absolutes Supermodel bist, ist es vielleicht anders. Aber wenn man eine Zeit lang weg ist, rücken andere nach. Das ist die Realität. Ich würde mir vor allem mehr Menschlichkeit wünschen: dass man zumindest eine Nachricht bekommt oder sich jemand die Zeit nimmt, anzurufen.WELT: Sie verdienen seit Ihrem 14. Lebensjahr eigenes Geld. Wie unterscheiden sich Modeln und Schauspiel für Sie?Tcherneva: Modeln und Schauspiel unterscheiden sich stark. Als Model wirst du nicht in erster Linie als Mensch oder wegen deines Talents gebucht, sondern wegen dem, was du mitbringst: dein Gesicht, dein Körper, eine bestimmte Ausstrahlung. Beim Schauspiel ist die Dynamik persönlicher, man wird für eine Rolle gebucht und am Set ganz anders betreut. Was beides verbindet, ist das Reisen – und der Druck, jedes Mal so zu überzeugen, dass die Leute wieder mit dir arbeiten möchten.WELT: Was ist für Sie das Schwierigste an Ihrem Beruf?Tcherneva: Die Arbeitstage können wahnsinnig lang sein. Ich hatte gerade tagsüber einen Job und wurde danach direkt vom Studio abgeholt, um die ganze Nacht für eine neue Netflix-Serie zu drehen. Das waren 17 Arbeitsstunden am Tag, drei Tage lang. Aufregend, aber wahnsinnig anstrengend. Das Schwierigste ist für mich aber die Ungewissheit. Du bist ständig in dieser Warteposition. Ich bin jetzt zu Hause und weiß nicht, wann ich das nächste Mal arbeiten werde. Es kann sein, dass am Montag ein Anruf kommt: Kannst du heute Abend irgendwo hinkommen? Oder es kann sein, dass ich wieder einen Monat nicht arbeite. Diese fehlende Stabilität ist für mich am schwierigsten. Vor der Geburt meiner Tochter habe ich so viel gearbeitet, dass ich im ganzen Jahr vielleicht zwei Wochen zu Hause war. An das Reisen habe ich mich gewöhnt – aber diese Unplanbarkeit bleibt.WELT: Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie für Jobs nicht bei Ihrer Tochter sein können?Tcherneva: Ich hatte eher beruflich das Gefühl, etwas zu verpassen, weil der Job so schnelllebig ist. Wenn man eine Weile weg vom Fenster ist, vergessen einen die Leute schnell. Aber meiner Tochter gegenüber habe ich kein schlechtes Gewissen. Ich bin sonst jeden Tag bei ihr, bringe sie zu Spielplätzen und Arztterminen und begleite sie beim Einschlafen. Deshalb ist es okay für mich, wenn ich ein paar Tage für einen Job weg bin.WELT: Was ist für Sie die größte Herausforderung als Mutter?Tcherneva: Die größte Herausforderung ist, alles auszubalancieren: präsente Mutter zu sein, dem Kind etwas mitzugeben und trotzdem Zeit für sich selbst, den Partner und den Job zu haben. Wenn ich meine Tochter im Kindergarten abgesetzt habe, sitze ich morgens oft noch zehn Minuten im Auto und höre einen Nachrichtenpodcast. Ich schaue nicht aufs Handy, ich fahre nicht los. Ich sitze einfach da. Danach bin ich bereit für den Tag – und für die paar Stunden, in denen ich meine Sachen erledigen und Sport machen kann.Lesen Sie auchWELT: Gab es Momente, in denen Sie dachten: Ich schaffe das nicht?Tcherneva: Oh, Dutzende Male. Gerade der Schlafmangel mit einem neugeborenen Kind war brutal. Wenn um 6 Uhr der Flieger ging, bin ich um 3 Uhr nachts aufgestanden – und vorher musste alles so vorbereitet sein, dass es für Efi und Ádám möglichst smooth abläuft. Unsere Tochter hatte eine lange Phase, in der sie immer wieder aufgewacht ist. Ich habe oft nicht länger als drei Stunden am Stück geschlafen. Vorher dachte ich, ich würde das gut überstehen, einfach weil ich jung bin – aber so war es nicht. Der Schlafmangel hat mir sehr zugesetzt: Ich habe viel Gewicht verloren, war gereizter und hatte deutlich weniger Geduld. Das ging über viele Monate, mit besseren und schlechteren Phasen. Das zehrt enorm am Körper und an der Psyche. Ich glaube, darauf kann man sich nicht wirklich vorbereiten. 17-Stunden-Arbeitstage sind nichts gegen diesen brutalen Schlafmangel, den man als Mutter erleben kann.WELT: Sie haben Ihre Beziehung zu Ádám Szalai anfangs eher privat gehalten. Warum?Tcherneva: Ich würde nicht sagen, dass ich sie geheim gehalten habe. Aber ich bin eine junge Frau, die arbeitet und sich diese Türen selbst geöffnet hat. Ich wollte meine Beziehung nicht in den Vordergrund stellen – und auch nicht diesen Spielerfrau-Stempel haben. Der ist für mich negativ konnotiert. Ich möchte mich nicht darüber definieren, mit wem ich zusammen bin.WELT: Wie hat sich Ihr Alltag verändert, seit Ihr Mann nicht mehr aktiv spielt?Tcherneva: Komplett. Als er noch aktiv war, hatte er jeden Tag stundenlang Training und kam danach nach Hause – manchmal völlig platt, manchmal weniger. Vor Spielen war er meistens mindestens eine Nacht im Hotel und kam erst am Abend oder mitten in der Nacht zurück. Manchmal gab es auch zwei Spiele in einer Woche. Wochenendausflüge waren dadurch praktisch unmöglich. Jetzt hat er einen deutlich geregelteren Alltag, und es bleibt viel mehr Zeit für uns als Familie. Und natürlich unterstützt er mich auch bei meiner Arbeit. Wenn ich ihn im Stadion anfeuere, kann er mir auch bei Castings helfen – dann liest er mit mir Zeilen, nimmt sie mit mir auf oder hilft bei der Kamerahaltung.WELT: Sie sagen, Frauen müssten sich oft zwischen Karriere und Familie entscheiden. Wie blicken Sie dann auf Ihre eigenen Zukunftspläne?Tcherneva: Hm, ich muss ehrlich sagen: I think I’m checking all the boxes. Aber ich will auf jeden Fall noch mehr für meine Karriere machen, weil ich meine Arbeit liebe. Ein zweites Kind könnte ich mir grundsätzlich aber schon vorstellen. Ich bin Einzelkind und habe eine grandiose Bindung zu meinen Eltern, aber ich würde Efi auch gerne als große Schwester sehen. Momentan liegt die Priorität aber erst mal darauf, mehr an mir selbst zu arbeiten und mir durch meine Karriere weitere Türen zu öffnen. Ich glaube schon, dass man alles haben kann – aber es hängt sehr davon ab, wie viel Unterstützung man hat. Wenn beide Familien eines Paares in derselben Stadt leben oder man zusätzliche Hilfe von außen hat, ist es bestimmt machbarer. Aber gerade mit einem kleinen Kind, das noch nicht in die Kita geht, ist es schon sehr, sehr schwierig.WELT: Was würden Sie Frauen raten, die Karriere machen und trotzdem Familie wollen?Tcherneva: Geduld. Wenn der Moment kommt, in dem man sich entscheiden muss, fühlt man sich oft überfordert. Aber Frauen haben eine enorme Kraft und Ausdauer. Wenn wir Karriere machen und gleichzeitig für unser Kind da sein wollen, schaffen wir das – auch wenn es anstrengend ist. Ich habe größten Respekt vor allen Müttern. Es gibt Momente, in denen man nicht weiß, wie man das körperlich alles aushalten soll. Und dann lächelt dich dieser kleine Mensch an, und du denkst: Ah ja, deswegen.
Krista Tcherneva: Zwischen Modelkarriere und Muttersein – „Wenn man eine Zeit lang weg ist, rücken andere nach“ - WELT
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