PfadnavigationHomeICONISTTrendsDSDS-FinaleDieter sucht auf der Resterampe – sein Liebling Menowin gewinntStand: 12.05.2026Lesedauer: 8 MinutenMenowin Fröhlich siegt im Finale der RTL-Casting-Show „DSDS“Quelle: Rolf Vennenbernd/dpaDie bessere Geschichte schlägt die bessere Sängerin. Nach einem Jahr Pause hat RTL wieder einen, na ja, „Superstar“ gefunden. Das Finale war so schwach wie die ganze Staffel. Die eigentlichen Lichtblicke waren diesmal abseits der Bühne zu finden.Dieter Bohlen wird im Alter nicht weise, aber er robbt sich mit seinen 72 Jahren zumindest etwas näher an die Realität heran. Bereits vor Beginn der 22. Staffel von „DSDS“ ließ er ernsthafte Zweifel am Titel der Show erkennen, die ihn so berühmt wie gefürchtet machte. Superstar, verkündete er in dem Promo-Interview mit seinem Sender RTL, der Begriff sei doch ein wenig hochgegriffen. Es wäre schon ganz gut, wenn zumindest ab und an ein Star dabei herauskommen würde. Besonders erfolgreich war der Mann darin in letzter Zeit nicht. Der Sieger aus dem Jahr 2024 hieß Christian Jährig, falls sich jemand erinnern möchte. Jährigs Siegersingle kam nicht einmal in die Top 100 der deutschen Charts – aktuell arbeitet der Sänger unter leicht verändertem Namen (Christian Jaycob) mit Schlager-Urgestein Ralph Siegel, 80, an einem neuen Versuch. Jaycob ist Teilnehmer bei „America's Got Talent“. Deutschland hat sicher auch Talente, nur sind die meisten eben nicht mehr zu DSDS gegangen, sondern eher zu „Voice of Germany“. Die Zeit von DSDS schien schon lange vorbei, die Quoten sind seit zehn Jahren im Sinkflug, Bohlen wurde zwischenzeitlich von RTL vor die Tür gesetzt (für Florian Silbereisen) und wieder zurückgeholt, die Jury mehrfach ausgetauscht, das Jahr 2025 sogar ganz pausiert. Statt aber DSDS endgültig in die ewigen Fernsehgründe zu schicken, versuchte man 2026 einen Neustart. Das Ergebnis: neue Jury, leicht modifizierte Regeln, alte Quotenschwäche (schlechtester Staffelstart ever) und am Ende ein „Superstar“, der noch bessere DSDS-Zeiten und persönlich viel schlechtere erlebt hat. Im gestrigen Finale siegte Menowin Fröhlich. Es siegte damit – so funktionieren Castingshows – die bessere Geschichte über die talentiertere und auch am Finalabend bessere Sängerin.Es gewann damit auch (wieder einmal) Dieter Bohlen, der in Menowin seinen Liebling gefunden hatte, seit dieser bei einem der Castings in Köln auftauchte. Offiziell begleitete Menowin „nur“ seine siebzehnjährige Tochter, die Schlager liebt und sich bewarb. Aber natürlich wurde der tief gefallene Fast-„Superstar“ von einst von Bohlen zum Mitmachen „überredet“ und mit einem Ticket für den Recall bedacht. Der Recall ist eine Art Zwischenrunde, das Scharnier vom großen Aussieben bei den Castingtagen und den drei Liveshows (inklusive Finale). Lesen Sie auchMenowin, für alle, denen der Name nichts (mehr) sagt, war zu Hochzeiten von DSDS im Jahr 2010 als allzu selbstsicherer Favorit im Finale nur Zweiter geworden. Seitdem hat er nicht nur mehr Kinder gezeugt als Bushido (das neunte ist unterwegs, Bushido hat acht, davon sieben leibliche). Menowin hat vor allem sehr viel Zeit wegen Drogen- und Alkoholdelikten im Gefängnis verbracht. Er hat sich zwischenzeitlich auf 170 Kilo hochgefressen, dann den Magen verkleinern lassen, seitdem 90 Kilo verloren – aber nie sein Wochenabo im Solarium. „Wenn Bräune wahr werden“, kalauerte Moderatorin Laura Wontorra, die eine gute Figur machte – für die nächste Staffel aber lernen sollte, sich nicht für jeden etwas „frecheren“ Spruch zweimal zu entschuldigen.Zwei Songs mussten die vier Finalisten jeweils singen, einen Coversong und den für sie komponierten eigenen. Da aber – eine der Neuigkeiten – am Anfang noch fünf Kandidaten da waren, mussten sich die beiden mit den wenigsten Anrufen aus der letzten Live-Show (Paco und Abii) direkt in einem „Showdown“ musikalisch duellieren – auf der Bühne zu Justin Biebers und Nicki Minajs „Beauty and a Beat“. Ein Duett Not fordert Elend (Paco kam weiter), welches, wie auch die zwei Auftritte des 19-jährigen Mädchenschwarms Tyrell, aber vor allem zeigte, wie limitiert das Talent der DSDS-Klasse von 2026 war. Bohlen hatte in einer der ersten Castingsendungen noch räsoniert: „Meine Analyse der letzten Staffeln hat ergeben: Was uns fehlte, waren die ‚outstanding characters‘. Wir müssen daher diesmal jeden Bekloppten retten.“ Wenn man sich den weiteren Verlauf anschaut: Besser wäre es gewesen, die „outstanding voices“ zu retten, auch wenn Bohlen in einem Anfall von geistiger Umnachtung in einer Show behauptete: „Qualitativ sind wir sehr, sehr gut aufgestellt.“ Nein, sind wir nicht. Manche Folgen in dieser Staffel sahen eher nach Stochern in Dieters Resterampe aus.Lesen Sie auchSo siegte ein Mann, 38 Jahre alt, vom Leben deutlich gezeichnet, dem Bohlen, RTL, eigentlich jeder, der auch nur einen Funken Sinn für Dramaturgie hat, natürlich eine zweite Chance anbieten mussten. Die Geschichte war einfach zu gut. Wer mit so einer Story kommt, der muss nicht jeden Ton treffen. Nicht einmal jeden zweiten. Und da reicht auch eine dünne, gepresste Stimme. Das weiß auch Bushido. Der Rapper („Ich bin in Rente“) war viel zu schlau, um sich auf ein offenes Duell mit dem alten DSDS-Sheriff Bohlen einzulassen. Bushido hatte sich im Finale eindeutig für Constance, die klar beste Sängerin stark gemacht. Bohlen wollte danach den Showdown mit „Doktor Rap“ (Bohlen über Bushido): „Bushido hat sich klar geäußert. Ich will mich auch klar äußern: Mein Favorit ist Menowin. Er muss die Nummer 1 werden. Leute, das könnt Ihr ihm doch nicht antun …“ Eine knackige Gerade in Richtung seines Jury-Gegenübers, der dieser salomonisch auswich, ohne seine Meinung zu ändern. Constance hatte beim ersten Song viel Volumen in die nicht leicht zu singende Hymne „Euphoria“ gebracht, mit der einst Loreen 2012 den ESC gewann – und später in ihrem eigenen Finalsong („Get back up“) Adele-artige Qualitäten gezeigt. Auch ihre Bühnenpräsenz war sicher nicht schlechter als die von Menowin, der mit einer stimmlich quietschenden und tänzerisch mitteleleganten „Billie Jean“-Version startete, um dann in seinem eigenen Song pathetisch „Mercy On Me“ vom Publikum zu fordern. Menowin trat mit seinem Song als letzter an – RTL hatte die Dramaturgie der Sendung voll auf die erwartete große Menowin-Apotheose ausgelegt. Mit Erfolg.Satz des Finales: „Du hast es geschafft, Du hast es geschafft. Du hast es geschafft!“ (Dieter Bohlen zu seinem Schützling Menowin) Die wahren Sieger: Anis Ferchichi, wie der Rapper Bushido im echten Leben heißt, und die Partysängerin Isi Glück. Beide haben sich ihre in der Sendung bestätigte Vertragsverlängerung redlich verdient. Sie sind der aktuell (einzige) Grund, weshalb sich diese Castingshow im nächsten Frühjahr eine weitere Chance verdient hat. Beide funktionierten in Kombination und als Gegengewicht zum Oberzampano Bohlen in der Jury wirklich gut. Vermutlich gerade weil die beiden – anders als frühere Jurys mit Bohlen-Zöglingen wie Pietro Lombardi – mit dem Bohlen-Kosmos nichts zu tun haben und musikalisch so fern sind, dass sie von Bohlen nicht als Konkurrenz gesehen werden. Und wenn es dann doch mal zum Konflikt kam, waren sie schlau genug, es nur dann – siehe Bushido – auf ein Duell ankommen zu lassen, wenn sie sicher waren, dass kein bleibender Schaden entsteht.Lesen Sie auchBushido ist dabei die noch größere Entdeckung. Anfangs noch arg maulfaul (großes Herz, kleiner Wortschatz), fand er von Sendung zu Sendung immer mehr seine Rolle: die eines strengen, kompetenten, Leistung fordernden Vaters. Hart im Urteil, wenn es sein muss, aber stets mit elterlicher Fürsorge. Einer, der wie Bohlen die unangenehmen Dinge anspricht – und das auf eine nettere, konstruktivere Art. Dazwischen saß die ewig strahlende, gute Laune versprühende Isi Glück, die sehr viele Dinge vor allem „geil“ findet. Im Finale glänzte sie wortwörtlich mit Frisur und einem goldenen Kleid, das eindeutig an Sharon Stone in dem Film „Casino“ orientiert war. Von Laura Wontorra wurde sie recht uncharmant, aber nicht falsch als „Herbergsmutter“ von DSDS vorgestellt. Mit ihrem Ballermann-Blick auf die Darbietungen konnte sie manchen Kandidaten vorübergehend retten. Nur singen sollte sie vielleicht nicht selbst, jedenfalls nicht abseits ihres gewohnten Mallorca-Terrains. Bushido, leicht entgeistert, aber Gentleman, sagte zu ihrem Auftritt in der letzten Lifeshow mit ihrem Partyhit „Delfin“ nur, er habe den Text (irgendetwas mit „Schluckspecht“) nicht verstanden.Peinlichkeit des Finales: Dieter Bohlen trat allen Ernstes in der Finalshow unter einem Logo mit der Aufschrift „Pop-Titan DB – German Legend since 1984“ (dem Start von Modern Talking) auf und fiebste „You‘re my heart you‘re my soul“. Anschließend nahm er eine Goldene Schallplatte für „Brother Louie“ entgegen und entblödete sich nicht auf der Bühne seinem Ex-Partner Thomas Anders noch einen mitzugeben. Die „Goldene Schallplatte“ bekomme er für 100 Millionen Streams des Songs, sie würde vergeben vom Bundesverband Musikindustrie. Das sei wichtig. Es wäre nämlich nicht so eine „Fake-Goldene-Platte“ wie Anders sie kürzlich bei Florian Silbereisen in der Show bekommen hat. „6-Fach-Fake-Gold“ sei das gewesen: „Ich schick die hier an Thomas, damit er auch eine echte Goldene hat.“Peinlichkeit der Staffel: In den Castingfolgen strahlte die Jury an ihrem Tisch vor einem Panorama des Kölner Rheins. Dieter Bohlen, 72, strahlte so sehr, dass man bei dem 72-Jährigen keine einzige Falte im Gesicht oder am Hals sah. Er strahlte so sehr, dass zeitweise seine Nase zu einem weißen Punkt wurde – und sich immer mehr Zuschauer (etwa auf X) fragten, was für einen Filter RTL denn nutze. Oder ob Bohlen mittlerweile so krass geliftet sei. Auf eine Bitte von WELT um Stellungnahme, ob und welchen Filter man nutze, antwortete RTL zunächst, dass es dazu nichts sagen wolle. Das tat dann der Meister selbst. Bohlen beschwerte sich auf Instagram, früher wären das andere Leute gewesen, die hätten einen besseren, natürlicheren Filter genutzt. Am nächsten Tag kam ungefragt eine zweite Mail von RTL: „Wir wollen Dieter immer ins beste Licht rücken, daran ändert sich auch in dieser Staffel nichts.“ Wahrster Spruch im Finale: „Der Sender sagt Danke!“ (Laura Wontorra zwischendurch über die offenbar vielen Anrufer, die das klamme RTL gut gebrauchen kann) Wahrster Kommentar im Netz, leider: „Grausam!!! Das ist alles soooo schlecht. Wer hat diese Leute ausgesucht?“ (eine Userin namens Sabine1004 auf X) Finaler Spruch: „Mein Kleid fällt auseinander. Ist aber auch echt egal.“ (Isi Glück zu Bushido)