In Gerichtsverfahren darf nicht fotografiert werden. Der Gerichtszeichner Erich Dittmann hielt am 11. Juni 1975 diese Szene im Stammheimer Verfahren fest. Hintere Reihe v. l. ein Justizbeamter, dann Jan-Carl Raspe, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. In der vorderen Reihe die Wahlverteidiger v. l. Rupert von Plottnitz (für Raspe), Helmut Riedel (für Meinhof), Marie-Luise Becker und Otto Schily (für Ensslin) sowie Hans-Heinz-Heldmann (für Baader)Quelle: Erich Dittmann/Stiftung Haus der GeschichteAm Muttertag 1976 verübte Deutschlands bekannteste Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Zelle Suizid. Die Spannungen zwischen den Häftlingen im „Trakt“ hatten zuvor schon seit Monaten zugenommen.Ausgerechnet am Muttertag. Es war Sonntag, der 9. Mai 1976. Um 7.34 Uhr morgens öffneten die diensthabenden Vollzugsbeamten der Frühschicht im Gefängnis Stuttgart-Stammheim die schwere Metalltür zu Zelle 719. An sich Routine, denn die vier im Hochsicherheitsbereich, dem kurzen Flügel des siebten Stocks des Hafthauses, eingesperrten RAF-Terroristen bekamen natürlich jeden Morgen Frühstück. Oft hagelte es dann wüste Schimpftiraden oder Beleidigungen aus den Zellen. Doch dieses Mal war es still in dem 21 Quadratmeter großen Raum. Als die zwei Aufseher hineinsahen, erstarrten sie: Vor dem linken der beiden Fenster hing Ulrike Meinhof.Sofort rief die Wache am Eingang zum „Trakt“ den Anstaltsarzt Helmut Henck an sowie den stellvertretenden Vollzugsleiter Horst Bubeck, der freihatte. Um 7.40 Uhr erschien Henck, fühlte an Meinhofs bereits kaltem Körper und stellte an ihren Unterarmen (die Ärmel ihrer Bluse waren aufgekrempelt) ausgeprägte bläuliche Verfärbungen der Haut fest, die sich nicht mehr wegdrücken ließen: Totenflecken, ein sicheres Todeszeichen. Es war 7.45 Uhr; der Mediziner verließ die Zelle und wies an, die Tür von außen abzuschließen.Lesen Sie auchInzwischen war Bubeck eingetroffen. Seine Aufgabe war es, den anderen Gefangenen im siebten Stock Meinhofs Tod mitzuteilen. Deren Überraschung war nicht sehr groß, fiel dem knapp 43-Jährigen auf: „Auch Trauer konnte ich keine feststellen.“ Stattdessen verlangte Andreas Baader, der Wortführer der linksextremistischen Terrorgruppe und zusammen mit der nun Toten Namensgeber der Baader-Meinhof-Bande, die Leiche sehen zu dürfen. Bubeck lehnte ab, denn zuerst mussten die Spurensicherer der Kriminalpolizei ihre Arbeit machen. Daraufhin schrie Baader: „Ihr Schweine, was habt Ihr da wieder zu verbergen?“Nichts. Eben deshalb ordnete die Gefängnisleitung umgehend die Obduktion an, deren Ergebnis um 17 Uhr feststand: Freitod durch Strangulation, keine Fremdeinwirkung. Doch Wienke Zitzlaff, Meinhofs ältere Schwester, mochte das nicht glauben; deshalb fand zwei Tage später eine weitere Untersuchung durch andere Gerichtsmediziner statt, mit identischem Befund.Lesen Sie auchDa hatten die Terroristenanwälte um Gudrun Ensslins Verteidiger Otto Schily sowie die wegen aktiver Unterstützung der RAF rechtskräftig vom seit gut einem Jahr laufenden Verfahren ausgeschlossenen Juristen Klaus Croissant und Hans-Christian Ströbele längst erkannt, welche Chance ihnen Meinhofs Suizid bot. Trotz Wochenende luden sie noch für denselben Sonntagabend zur Pressekonferenz in eine Stuttgarter Gaststätte. Außer gleich zehn Anwälten erschienen etwa 120 weitere Personen. „Etwa die Hälfte der Anwesenden gab sich offen als Baader-Meinhof-Sympathisanten zu erkennen“, schätzte der baden-württembergische Verfassungsschutz (LfV). Die Rolle der AnwälteCroissant eröffnete den zweistündigen Termin mit der typischen Mischung aus geforderter Genauig- und eigener Beliebigkeit. Nach der „offiziellen Version“ habe Ulrike Meinhof durch „Erhängen am Fensterkreuz der Zelle“ Selbstmord verübt, sagte er – und fügte triumphierend hinzu: Dort gebe es aber überhaupt kein Fensterkreuz. Tatsächlich stimmten beide Angaben nicht: Sehr wohl bildeten vor jedem Fenster Gitterstäbe Kreuze, genau genommen drei. Aber Meinhof hatte ihren Strick nicht dort befestigt, sondern durch die Maschen des Drahtgeflechts gezogen.Die Staatsschutzbehörden sprächen häufig vom Selbstmord, wenn ein Häftling sterbe, ergänzte Otto Schily laut LfV-Bericht. Doch man müsse gegenüber solchen Erklärungen der Behörden äußerst wachsam sein. Er verlangte die Einsetzung eines internationalen Untersuchungsausschusses, besetzt natürlich mit Sympathisanten der Extremisten – ähnliche Forderungen hatte es schon zu Beginn der Kampagne wegen angeblicher „Isolationsfolter“ gegeben, obwohl die RAF-Gefangenen einzigartig viele Privilegien in der Haft genossen. Die verbliebenen Angeklagten im Stammheimer Prozess griffen die Andeutungen ihrer Verteidiger umgehend auf. Jan-Carl Raspe, neben Baader und Ensslin das dritte RAF-Mitglied, das sich hier verantworten musste, nutzte gleich den nächsten Verhandlungstag: „Wir glauben, dass Ulrike hingerichtet worden ist. Wir wissen nicht, wie, aber wir wissen, von wem“, verkündete er am 11. Mai 1976. Da lief die beantragte Kontrollobduktion noch.Lesen Sie auchAllerdings wusste Raspe natürlich, was tatsächlich geschehen war. Die Spannungen zwischen den Häftlingen im „Trakt“ hatten schon seit Monaten zugenommen: Ein ums andere Mal demütigte Andreas Baader Ulrike Meinhof, indem er ihre nächtens getippten Traktate zerriss, ohne auch nur ein Wort gelesen zu haben, und höhnte: „Diese Scheiße kannst Du doch vergessen!“ Trotzdem hing Meinhof weiter mit jener Mischung aus unerwiderter Liebe und Unterwürfigkeit an ihm, die das Verhältnis der beiden seit ihrem Kennenlernen 1968 prägte.Vielleicht noch mehr traf Meinhof, dass Ensslin ihr „Verrat“ vorwarf; der Grund sei „die nicht mit Stiel und Stumpf ausgerissene falsche Klasse“. Das war wohl als Hinweis auf Meinhofs Luxusleben in Hamburg-Blankenese an der Seite ihres zeitweiligen Ehemanns Klaus Rainer Röhl Mitte der 1960er-Jahre gemeint. Geradezu hämisch schrieb Ensslin über die „deklassierte, gedemütigte, gefangene Kolumnistin“ – Meinhof hatte jahrelang in „Konkret“, dem Blatt ihres Mannes, einer Mischung aus Sexpostille und linksextremem Politmagazin, Kommentare veröffentlicht. Persönliche Beleidigungen kamen hinzu: Sie sei „giftig und triefäugig“, schimpfte Ensslin in sichergestellten Kassibern über ihre Mitgefangene.Auf diese Attacken hatte Meinhof mit radikaler Selbstkritik reagiert: „Tatsache ist – ich habe mich fürchterlich weit von Euch entfernt“, schrieb sie etwa. Oder: „Ich war einfach eine elitäre Sau, ich wollte alles besser und aus mir selbst wissen. Eine blöde intellektuelle Schnalle.“ Ihre Selbstbezichtigung schloss sie mit den Worten: „RAF oder Tod.“Lesen Sie auchDer Druck der Mitgefangenen trieb Meinhof in eine psychische Ausnahmesituation, die sogar physische Folgen hatte. Horst Bubeck fiel auf: „Manchmal lallte sie richtig.“ Außerdem plagten die 41-Jährige Orientierungsprobleme, selbst in der naturgemäß abgeschlossenen Enge des Hochsicherheitstrakts in Stammheim. Manchmal lief sie „in irgendeine Ecke“ und blieb „dort einfach stehen“, erinnerte sich der Justizbeamte. Auch ihren täglichen Hofgang auf der überdachten Terrasse absolvierte sie immer öfter allein.Das Finale begann Anfang Mai 1976. Einer Kollegin Bubecks fiel auf, dass Baader und Raspe über einen Tisch hinweg heftig auf Meinhof einredeten – und sie nur kleinlaut antwortete: „Ja, wenn Ihr meint ...“ Da die Beamtin eigentlich nicht zuhören durfte, wandte sie sich ab. Später erinnerte sich die Frau nicht mehr an das genaue Datum; es könnte aber der 3. Mai 1976 gewesen sein.Außerhalb des siebten Stocks bekam zunächst niemand etwas von der Zuspitzung mit. Am 4. Mai 1976, dem 106. Verhandlungstag, nahm Meinhof nur wenige Minuten am Prozess teil, von 14.09 bis 14.24 Uhr; dann zog sie sich in ihre Zelle zurück. Diese Wahl hatte das Gericht den Angeklagten zugestanden, weil sie sonst so lange störten, bis sie ausgeschlossen werden mussten.Knapp drei Stunden später, der anstrengende Prozesstag neigte sich dem Ende entgegen, gab der Vorsitzende Richter Theodor Prinzing der Angeklagten Ensslin das Wort für eine persönliche Erklärung. „Hier nochmal einfach“, sagte sie: „Wir sind auch verantwortlich für die Angriffe auf das CIA-Hauptquartier und das Hauptquartier des V. US-Corps in Frankfurt/M. und auf das US-Hauptquartier in Heidelberg insofern, wie wir in der RAF seit 1970 organisiert waren, in ihr gekämpft haben und am Prozess der Konzeption ihrer Politik und Struktur beteiligt waren.“Das war zum ersten Mal im Verlauf des Stammheimer Verfahrens ein konkretes Geständnis der Angeklagten. Dann fuhr Ensslin fort: „Insofern sind wir sicher auch verantwortlich für Aktionen von Kommandos, z. B. gegen das Springer-Hochhaus, deren Konzeption wir nicht zustimmen und die wir in ihrem Ablauf abgelehnt haben.“ Ein paar der üblichen RAF-Floskeln folgten noch, bevor Ensslin aufstand und um 17.11 Uhr den Gerichtssaal verließ.Lesen Sie auchNiemand erkannte die Brisanz der Äußerung. Der Vorsitzende sagte laut Protokoll lediglich: „Ich glaube, jetzt sind alle Erklärungen abgegeben.“ Zwei Minuten und einige Formalitäten später schloss er die Hauptverhandlung für diesen Tag. Nicht anders die Journalisten, die das Verfahren teilweise tagtäglich beobachten: Entweder fiel ihnen die Distanzierung vom Hamburger Anschlag gar nicht auf oder sie glaubten, Ensslin habe im Namen aller vier Angeklagten gesprochen. So berichtete es auch der WELT-Reporter Walter Pfuhl.Dabei hatte das Gericht die Explosionen zweier Bomben (drei weitere versagten glücklicherweise) im Hamburger Gebäude des Springer-Verlags 1972 erst in der Woche zuvor ausführlich behandelt. Das Ergebnis: Indizien wie Fingerabdrücke, eine Schreibmaschine und ein Wohnungsschlüssel belegten, dass Meinhof persönlich diesen Anschlag organisiert hatte.Das Ende der SolidaritätDass sich Ensslin nun öffentlich gerade davon distanzierte, bedeutete das Ende der angeblich so wichtigen Solidarität zwischen den Angeklagten. Durch ihre Formulierung, „wir“ hätten der „Konzeption“ des Anschlages auf den Axel Springer Verlag nicht zugestimmt und die „Aktion“ in „ihrem Ablauf abgelehnt“, stellten sich die drei Mitangeklagten gegen Ulrike Meinhof. Das war offenbar zu viel für die 41-Jährige: Am Samstagabend, dem 8. Mai 1976, zerriss sie in ihrer Zelle eines der groben Anstaltshandtücher und drehte sich aus den Streifen einen Strick. Die Nachtschicht der Vollzugsbeamten vermerkte routinemäßig gegen 22 Uhr den letzten persönlichen Kontakt mit Ulrike Meinhof; eine halbe Stunde später hörte man zum letzten Mal ein Geräusch aus Zelle 719. Als ihr Leichnam am folgenden Morgen gefunden wurde, war sie schon mehrere Stunden lang tot. Zur Beisetzung am 15. Mai 1976 auf einem Parkfriedhof in West-Berlin versammelten sich rund 4000 RAF-Sympathisanten. Einige hielten Plakate hoch; auf einem stand: „Ulrike Meinhof, wir werden Dich rächen.“ Der linke Dichter Erich Fried schickte ein Telegramm, in dem er Ulrike Meinhof „die bedeutendste Frau in der deutschen Politik seit Rosa Luxemburg“ nannte. Grabreden hielten unter anderem Otto Schily und Klaus Croissant. Widerspruch blieb die Ausnahme. Lediglich ein junger Berliner rief empört: „Die Meinhof hat fünf unschuldige Menschen auf dem Gewissen. Habt ihr das vergessen?“ Doch er wurde geschlagen und weggezerrt. Andreas Baader nutzte den Suizid für seine Zwecke: Er behauptete, Meinhof sei kurz vor ihrem Tod vergewaltigt worden. Das hatte die gerichtsmedizinische Untersuchung zwar eindeutig widerlegt, doch gerüchteweise hielt sich diese Lüge – mitunter bis heute. Zu Beginn des nächsten Verhandlungstags im Stammheimer Prozess am 11. Mai 1976 teilte der Vorsitzende Richter förmlich mit: „Das Verfahren gegen Frau Meinhof ist infolge ihres Todes beendet.“Haben Sie suizidale Gedanken, oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ und „Der Stammheim-Prozess“.