Seine Porträts von Depeche Mode, den Rolling Stones oder Nelson Mandela machten ihn weltberühmt. Anton Corbijn über seinen Kampf gegen Vergänglichkeit, schöne Falten und seelenlose KI-Bilder.Die Lounge eines Fünf-Sterne-Hotels an der Amsterdamer Prinsengracht wirkt wie ein Gegenentwurf zu Anton Corbijns grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern: salbeigrüne Wände treffen auf Beige, sandfarbener Teppich schluckt die Geräusche, hohe Rundbögen verleihen dem Raum etwas klassisch Europäisches. Hier sitzt der 70-jährige Fotograf und Regisseur, ruhig, konzentriert – und doch sichtbar unter Strom. Die Dreharbeiten für seinen neuen Thriller „Switzerland“ mit Helen Mirren sind abgeschlossen, der nächste Film steht bevor, und parallel laufen die Vorbereitungen für seine große Werkschau im Fotografiska Berlin, die dort vom 9. Mai bis 20. September zu sehen sein wird. Kurz vor unserem Interview hatten in der Lobby zwei Influencerinnen noch unablässig Selfies vor Spiegeln gemacht. Darauf angesprochen, schüttelt Corbijn den Kopf: „Heute denkt jeder, er sei interessant – nur, das ist oft nicht der Fall.“ Dabei hat er selbst Bilder geschaffen, die längst zum visuellen Gedächtnis der Popkultur gehören. Seit mehr als fünf Jahrzehnten fotografiert der Niederländer Musiker, Regisseure, Künstler – Joy Division, U2, Depeche Mode, Tom Waits, die Rolling Stones. Seine Nähe zu den Porträtierten, sein Blick für das, was unter der Oberfläche liegt, prägen seine Arbeit bis heute. Und er ist bis heute wandelbar geblieben, als Fotograf, als Art Director für die Konzertshows von Depeche Mode oder Herbert Grönemeyer und als Filmemacher. Dass es dazu kam, war keineswegs geplant. Im 600 Seiten starken Fotoband „Anton Corbijn“ (Belser Verlag) ist er als junger Mann zu sehen, 1973, mit Saxofon in einer Band in Groningen. „Ich hatte keinen Plan B, wenn es mit der Fotografie nicht geklappt hätte“, sagt er. Hätte er auch als Musiker Erfolg haben können? Corbijn lacht: „Nie im Leben. Ich war ein furchtbarer Saxofonist.“ U2-Sänger Bono sagt, Corbijn habe nie die Band, sondern immer ihre Songs fotografiert. Vielleicht ist das der Schlüssel zu seinem Werk.WELT: Mr. Corbijn, als ich Sie im Jahr 2000 anlässlich Ihrer Werkschau in Groningen fragte, ob Sie sich als Künstler sehen, antworteten Sie: „Ich glaube, ich beginne, den Künstler in mir zu finden.“ Haben Sie mehr als ein Vierteljahrhundert später, vor der bisher größten Ausstellung Ihrer Werke in Deutschland, den Künstler in sich gefunden?Anton Corbijn: Nein, und das mag Ihnen zugegebenermaßen kurios erscheinen. Ich arbeite zwar künstlerisch, nur glaube ich nicht, dass mich das zu einem Künstler macht. Ich bin vielleicht ein kommerzieller Künstler. Das ist immer noch ein fortlaufender Prozess. Wolfgang Tillmans ist ein Künstler, weil er viel abstrakter als ich arbeitet und viel stärker Fotos um des schönen Fotos willen macht. Ich dagegen konzentriere mich auf Menschen, das ist eher ein kommerzieller Bereich.WELT: Ich würde Ihnen gern eine Zeile aus einem weniger bekannten Song einer Band vorlesen, deren Image Sie mit Ihren Fotos seit mehr als vier Jahrzehnten maßgeblich geprägt haben: „When you stop seeing beauty, you start growing old. The lines on your face are a map to your soul – wenn du Schönheit nicht mehr erkennen kannst, fängst du an, alt zu werden. Die Falten in deinem Gesicht sind eine Landkarte, die zu deiner Seele führt.“Corbijn: Das muss von Bono sein. Er hat immer großartige Texte geschrieben.WELT: Die Zeile stammt aus dem U2-Song „Summer Rain“ – und trifft auf sehr viele Ihrer Fotos zu. Selbst bei jungen Musikern und Stars zeigten Sie in Ihren grobkörnigen Bildern auch die Falten und Schatten in den Gesichtern. Im Katalog zu Ihrer Ausstellung ist von einer Sammlung der Seelen die Rede.Corbijn: Bono sagte mir mal, viele Menschen würden in die Fotos, die ich von ihnen gemacht habe, hineinwachsen und erst mit dem Lauf der Zeit zu jener Person werden, die ich schon in jungen Jahren in ihnen gesehen habe.WELT: Was fasziniert Sie an Gesichtern mit Falten?Corbijn: Ich glaube nicht mal, dass mich Falten an sich besonders anziehen. Ich habe nur einfach nie gelernt, auf Fotos Dinge zu schönen oder glattzubügeln. Schönheit ist für mich immer mit einem Blick in die Tiefe verbunden, sie erschließt sich für mich nicht, wenn ich an der Oberfläche bleibe. Lesen Sie auchWELT: Was passiert mit den Seelen in all Ihren Fotos, die Sie über ein halbes Jahrhundert aufgenommen haben, wenn die realen Personen darauf gestorben sind? Und das sind inzwischen sehr viele: John Lee Hooker, Charlie Watts, Tom Petty, Kurt Cobain, Andrew Fletcher von Depeche Mode, Herman Brood, Marianne Faithfull, Dennis Hopper, Allen Ginsberg, B. B. King, Nelson Mandela, Robin und Maurice Gibb, Joe Cocker …Corbijn: … Captain Beefheart, David Bowie, Miles Davis, Ian Curtis und viele andere sind inzwischen gestorben. Ich weiß. Für mich sind sie alle noch lebendig, einfach deshalb, weil meine Geschichte mit ihnen für mich selbst noch lebendig ist. Viele Kollegen, die wie ich kreative Menschen fotografieren, wie es beispielsweise Irving Penn gemacht hat, besitzen ein Studio und lassen die Leute dorthin kommen. Das ist dann ihr eigener Raum, in dem sie ihr Licht-Set-up und all die anderen Dinge nutzen können. Und nach der Session gehen die Leute dann wieder. Ich dagegen reise um die ganze Welt, um diese Menschen zu treffen. Dieses Unterwegssein bringt Unsicherheiten mit sich, weil ich nie weiß, was genau mich vor Ort erwartet. In meinen Fotos stecken viele Abenteuer, und diese bleiben für mich mit den Bildern verbunden. WELT: Mit Frank Sinatra in einer Bar oder mit Kris Kristofferson vor einem Stoppschild.Corbijn: Ich bin ziemlich gut darin, Wege zu finden, solche Situationen, die nicht planbar sind, zu nutzen. Denn so habe ich angefangen. Ich hatte anfangs kein Geld, um ein Studio zu mieten. Also habe ich jeden Ort, an dem ich fotografierte, für meine Zwecke genutzt.WELT: Sie haben Ihre Arbeit mal als einen Kampf gegen die Vergänglichkeit beschrieben: Nichts stehe wirklich fest, auch wenn man noch so verzweifelt versuche, es festzuhalten. Was treibt Sie heute an, nachdem Sie schon seit mehr als 54 Jahren fotografieren?Corbijn: Im Moment weiß ich das selbst nicht ganz genau. Mich selbst besser zu verstehen, ist bei meiner Arbeit das eigentliche Ziel. Ich versuche immer, etwas zu machen, zu finden, das für mich neu ist. Dazu gehört beispielsweise, dass ich mit jüngeren Musikern wie dem Schweden von The Tallest Man on Earth arbeite oder dem niederländischen DJ und Produzenten Martin Garrix. Und diese Suche nach etwas Neuem war und ist nach wie vor der Grund, warum ich seit Langem häufiger Filme drehe, statt zu fotografieren. Fotografie ist nach wie vor eine wunderbare Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen – Filme zu machen, ist im Vergleich dazu schwere Arbeit. Aber letzteres interessiert mich, weil ich über Filme immer noch sehr wenig weiß.Lesen Sie auchWELT: Ist das holländisches Understatement? Sie haben vier Kinofilme gemacht, mit Stars wie George Clooney, Herbert Grönemeyer, Philip Seymour Hoffman oder Robert Pattinson. Corbijn: Mit Filmemachen ist für mich nach wie vor eine sehr abenteuerliche Lernkurve verbunden. Ich beginne demnächst mit der Arbeit an einem neuen Film, habe gerade einen anderen fertiggestellt, der im Herbst erscheinen wird. Er heißt „Switzerland“, Helen Mirren spielt die Hauptrolle, die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith, die in der Schweiz lebte und die Ripley-Kriminalromane geschrieben hat. Aber ich habe jetzt keinen ihrer Romane verfilmt, sie ist eine Figur in einer fiktionalen Geschichte, in einem Thriller.WELT: Um nochmal auf Vergänglichkeit zurückzukommen: Sie sind 70. Hat sich Ihr Blick auf Fotografie mit dem Alter verändert?Corbijn: Ja, vor allem insofern, als Fotografie an sich inzwischen derart populär geworden ist. Als ich anfing, gab es kaum Fotoausstellungen. Fotos, wie ich sie machte, waren vor allem für Magazine und Zeitungen bestimmt. Heute ist Fotografie als Kunstform akzeptiert, und wird in Museen und Galerien präsentiert. Darüber hinaus hat das iPhone alles verändert – durch seine Möglichkeiten glaubt heute jeder, er sei Fotograf. Mit Smartphones wird heute jeden Tag eine unvorstellbar große Menge an Bildern gemacht. Ich habe selbst ein Buch mit Fotos veröffentlicht, die ich mit dem iPhone aufgenommen habe. Man hat es eben immer bei sich. Du kannst mit diesem Ding auf gewisse Weise die intimste Geschichte deines Lebens erzählen, weil du ständig deine Frau, deine Freundin oder deine Freunde fotografierst, wohin du reist, wo du schläfst, was und wo du isst. In diesen Bildern stecken sehr viele Informationen drin.WELT: Bei unserem Gespräch in Groningen vor 26 Jahren sprachen Sie von der Degeneration von Sehgewohnheiten, von visueller Umweltverschmutzung – und bezogen das damals auf die retuschierten und zunehmend mit Mitteln der Computertechnologie aufgehübschten Glamour-Bilder der Hochglanzmagazine. In der Lobby dieses Hotels stand ich vorhin offenbar zwei Influencerinnen im Weg, als sie unablässig Selfies in den diversen Spiegeln machten – eine stieß mich dezent zur Seite, weil ich offenbar im Bild war … Corbijn: (lacht) Ja, es ist schrecklich, denn diese Bilder, die sie ständig von sich machen, sehen ja alle gleich aus (er imitiert den typischen Instagram-Duckface-Kussmund). Was dieses Phänomen betrifft, müsste die Fotografie mal richtig durchgeschüttelt werden. Denn es scheint leider so, dass dieses Medium für viele heute nur noch ein Mittel darstellt, um sich selbst zu vermarkten. Jeder glaubt, er sei interessant. Aber oft ist er es eben nicht. WELT: Sie haben sich Entwicklungen, die mit digitaler Fotografie über uns kamen, ja nicht per se verschlossen, arbeiten selbst mit dem iPhone. Was macht die ständige optische Reizüberflutung mit einem Fotografen wie Ihnen? Corbijn: Die Qualität der iPhone-Fotos ist gut genug. Ich selbst war ja zunächst zurückhaltend, digital zu arbeiten. Das iPhone hat mich tatsächlich überzeugt. Einfach deshalb, weil ich damit mit nur sehr wenig Licht ein Foto machen kann. Dennoch war ich dagegen, wenn man auf diese Weise vor allem Perfektion anstrebt. Du kannst dir die Bilder eben sofort auf dem Screen anschauen und sagst dann: „Oh, das könnte ich noch ein bisschen verbessern, aufhellen oder was auch immer machen.“ Perfektion wird überbewertet und – sie ist nicht menschlich. Meine Fotografien sprechen die Leute deshalb an, weil sie merken, dass sie von einem Menschen gemacht sind. Weil sie ein Gefühl von Unvollkommenheit vermitteln. Und Unvollkommenheit ist menschlich. Dieses Gespür für das Unvollkommene, das Nicht-Perfekte möchte ich nicht verlieren. 2015 habe ich einen Film über James Dean namens „Life“ gemacht …WELT: In dem Dane DeHaan James Dean spielte und Robert Pattinson den Nachwuchsfotografen Dennis Stock.Corbijn: Ja, als Vorbereitung auf seine Rolle hatte ich Robert bereits ein paar Monate vor Drehbeginn eine alte Leica-Kamera gegeben, damit er sich an den Umgang mit ihr gewöhnen konnte. Bei den Dreharbeiten sah ich ihn dann dennoch oft, wie er, nachdem er ein Foto gemacht hatte, auf die Rückseite der alten Kamera blickte. Auf der war aber nun mal kein Display zu sehen. Dieses Verhalten ist in der jüngeren Generation, die ausschließlich mit digitalen Kameras aufwuchs, offenbar tief verwurzelt. Selbst bei dieser alten Leica blickte er auf die Rückseite – obwohl dort kein Display war, das ihm irgendetwas hätte zeigen können. WELT: Wie ist das mit Ihnen, können Sie in beiden Fotografie-Welten, der analogen wie der digitalen, gut leben?Corbijn: Ich glaube schon. Ich benutze immer noch meine alte Hasselblad-Kamera. Aber in zwei von drei Fällen fotografiere ich digital. Weil es schneller und kostengünstiger ist. Viele Magazine haben heute überhaupt kein Budget mehr für Fotoproduktionen. Das macht es sehr schwierig. Denn Magazine boten ja den wichtigsten Platz, auf dem man solche Fotografien zeigen konnte.WELT: Und was sagt der Filmemacher Corbijn angesichts der rasanten Veränderungen, mit der KI die Branche durcheinanderwirbelt? An die KI-generierten Trailer zu fiktiven Filmen mit Stars wie Brad Pitt und Tom Cruise, die ohne deren Zustimmung erstellt werden, haben wir uns schon fast gewöhnt. Zuletzt gab die Familie des verstorbenen Val Kilmer ihre Zustimmung, dass der Schauspieler mittels KI für einen neuen Film in einer größeren Rolle wiederauferstehen soll.Corbijn: Ja, und als Nächstes möchten sie womöglich James Dean wiederbeleben.WELT: Oder Charlie Watts und Brian Jones.Corbijn: Und so die Rolling Stones nochmal neu gründen.WELT: Was macht das mit Ihnen? Corbijn: Was mir große Angst macht, ist eher, dass KI Möglichkeiten bietet, unsere Gesellschaft zu kontrollieren. Was den Filmbereich betrifft, kann ich nur sagen, dass ich selbst mit sehr integren Produzenten arbeite. Wir würden nie anfangen, KI auf diese Weise zu benutzen. Als wir allerdings auf der Suche nach dem passenden Titel für meinen Film mit Helen Mirren waren, fiel uns zunächst nichts Besseres als „Switzerland“ ein. Ich war damit zunächst nicht wirklich zufrieden, weil es mir nicht passend für einen Thriller schien. Er erinnerte mich eher an Edelweiß oder schöne Berge mit Kühen. Dann fingen ein paar Mitarbeiter an, ChatGPT oder welches Tool auch immer nach Vorschlägen zu fragen – in einer Minute hatten sie Hunderte von neuen Titeln. Völlig verrückt. Und keiner davon war gut. Nach diesem Umweg kamen wir schließlich doch wieder zurück zu „Switzerland“. Inzwischen finde ich diesen Titel richtig gut, ich mag ihn.Lesen Sie auchWELT: Um nochmal auf Ihre Fotografien zurückzukommen. Es gibt nur sehr wenige Bilder, auf denen die von Ihnen porträtierten Menschen lachen. Tom Jones tut es, Nelson Mandela auch und einmal sogar U2, als sie in Amsterdam auf Fahrrädern posieren…Corbijn: Und sie haben auch nur deshalb gelacht, weil ich beim Fotografieren meine Hose runtergelassen habe.WELT: Warum hat das Lachen auf dem Gros Ihrer Bilder keinen Platz? Corbijn: Weil es für mich das Klischeehafteste überhaupt ist, wenn Menschen auf Bildern lachen. Wenn also der Fotograf sagt: „Okay, jetzt bitte lächeln. Say cheese“. Lachen wirkt für mich auf vielen Fotos oft nur wie ein flüchtiger Moment. Als wäre es nur kurz da und dann schon wieder verschwunden. WELT: Warum und wie haben Sie Nelson Mandela zum Lachen gebracht?Corbijn: Weil Nelson Mandela fast ausschließlich mit sehr ernstem Gesichtsausdruck fotografiert worden war. Dabei war er ein wunderbarer und schöner Mensch. Ich hatte immer den Eindruck, er sei nicht nur der Vater Afrikas, sondern der Vater der Menschheit. Er war ein außergewöhnlicher Mensch. Und das wollte ich mit diesem Bild zum Ausdruck bringen. Ich kann Ihnen aber nicht verraten, womit ich ihn zum Lachen gebracht habe – denn damit würde ich dem Foto seine Wirkung nehmen.WELT: Sie sagten mal, Sie wären als Fotograf grundsätzlich nicht an Machtmenschen interessiert, nur an solchen mit Charisma und Visionen. Ein Angebot der „New York Times“, den österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider zu fotografieren, hatten Sie abgelehnt, weil Sie ihn durch Ihre Art der Fotografie nicht zu einer Art Star erhöhen wollten. Außer Mandela haben Sie meiner Kenntnis nach nur den früheren holländischen Premier Wim Kok porträtiert, die Sie beide bewunderten. Corbijn: Das stimmt nicht ganz, ich habe noch Tony Blair fotografiert. Das war, als er zur Wiederwahl antrat. Ich war mit Mark Ellen, dem Chefredakteur eines Magazins namens „Word“ befreundet. Anfang der 1980er Jahre hatte ich mit ihm mal in einem besetzten Haus gelebt. Mark hatte in seiner Schulzeit mit Tony Blair in einer Band gespielt. Im Wahlkampf wollte Blair natürlich die junge Generation ansprechen, also bat er Mark, ein Interview mit ihm für sein Magazin zu führen. Und Mark bat mich, die Fotos zu machen. Ich fotografierte Tony Blair dann, wie er Gitarre spielte, und machte noch ein weiteres Porträt von ihm. Leider. Denn seine spätere Politik fand ich furchtbar.WELT: Die Zeiten, als sich Politiker ihr Image durch Starfotografen wie beispielsweise Annie Leibovitz aufpolieren ließen, sind auch schon länger vorbei. So etwas überlassen selbst Präsidenten der KI, die sie dann als Jesus oder König porträtiert ... Corbijn: Zum Glück gibt es bislang nur einen, der so etwas macht. Und es ist ja für jeden sehr offensichtlich, dass diese Bilder fake und nicht real sind. Ich weiß nur auch nicht, wie wir aus dieser Situation wieder herauskommen.WELT: Theoretisch sei zwar jedes Foto, auch ein kunstvolles, eine Lüge, sagten Sie mal, weil es immer nur einen Standpunkt dokumentiere. Dennoch könne ein Foto etwas davon vermitteln, was einen Menschen wirklich ausmache. Wie schaffen Sie es, bei all den Influencer-Selfies und KI-Bildern, Ihren Blick auf das Wesen des Menschen zu bewahren?Corbijn: Ich glaube, das stellt sich bei mir ganz natürlich ein. Was Sie ansprechen, hat auch mit der Art zu tun, in der viele heute Fotos wahrnehmen. Vielleicht mögen die Leute die Fotos, wie ich sie mache, irgendwann nicht mehr, weil sie nicht genug Fantasiewelt oder geschönte Oberfläche bieten. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen irgendwann einfach die Nase voll haben von der Masse all dieser oberflächlichen Bilder. Denn sie geben dem Betrachter nichts zurück. Irgendwann müssen die Menschen davon doch ausgelaugt sein. Denn diese Flut an Selfies, Insta-Posts und KI-Bildern erreicht unsere Seele nicht. Und wir alle brauchen Fotos, die unsere Seele ansprechen.Zur Person:Der am 20. Mai 1955 in Strijen in den Niederlanden geborene Anton Corbijn begann Anfang der 1970er-Jahre als Fotograf der Musikszene. 1979 zog er nach London und arbeitete unter anderem für den „New Musical Express“. Bekannt wurde er durch Porträts von Joy Division, U2, Depeche Mode, Tom Waits und den Rolling Stones sowie durch Musikvideos und visuelle Konzepte für Bands. Zu seinen bekanntesten Fotobüchern zählen „Famouz“, „Star Trak“, „1-2-3-4“, „Hollands Deep“ und „Instanton“. Zuletzt ist der umfangreiche Fotoband „Anton Corbijn“ im Belser Verlag erschienen. Als Regisseur drehte er Kinofilme wie „Control“ (2007), „The American“ (2010), „A Most Wanted Man“ (2014), „Life“ (2015) und den Dokumentarfilm „Squaring the Circle“ (2023). Sein neuer Film „Switzerland“ wird im Herbst 2026 erwartet.