PfadnavigationHomePanorama„Markus Lanz“„Vom Sparen zu reden, ist in dieser Situation fast wie Satire“, sagt Wirtschaftsweise GrimmVon Kristoffer FilliesVeröffentlicht am 08.05.2026Lesedauer: 4 MinutenVeronika Grimm bei „Markus Lanz“Quelle: Screenshot „Markus Lanz“ – TalkshowWirtschaftsweise Veronika Grimm warnt vor einem äußerst angespannten Haushalt ab 2029. Dann könnten Steuern nur noch für Soziales, Verteidigung und Zinsen reichen. Während sie Reformen fordert, setzt Karl Lauterbach auf das „Sondervermögen“ mit 500 Milliarden Euro.In Berlin steigt der Druck: Angesichts drohender Defizite streitet die schwarz-rote Koalition über tiefgreifende Reformen und Einsparungen bei Rente und Gesundheit. Die Spielräume im Haushalt sind gering: Eine seit Jahren stagnierende Wirtschaft lässt die Steuereinnahmen schwinden.Wirtschaftsweise Veronika Grimm blickte im ZDF-Talk von Markus Lanz am Donnerstagabend mit großer Sorge auf die Finanzplanung der Bundesregierung. „Die Zinsausgaben werden bis 2030 auf 80 Milliarden Euro steigen. Das ist besorgniserregend“, sagte sie.Die Wirtschaftswissenschaftlerin forderte: „Wir müssen endlich sparen.“ Dabei gehe es nicht nur um Schulden, sondern um die gesamte Ausgabenstruktur. Sollte die Entwicklung so weitergehen, könnten in wenigen Jahren nur noch Verteidigung, Soziales und Zinsen finanziert werden – und das nur unter optimistischen Annahmen.Besonders problematisch sei zudem die politische Entwicklung: Die Mitte des politischen Spektrums schrumpfe. Ohne Reformen drohe der Verlust jener Mehrheiten, die grundlegende Veränderungen überhaupt ermöglichen.Lesen Sie auchDie Bundesregierung hatte Ende April in einer Kabinettsklausur über Reformen beraten, die unter anderem Einsparungen von rund 60 Milliarden Euro ermöglichen sollen. Laut Journalist Robin Alexander, Kolumnist für WELT AM SONNTAG, lagen konkrete Vorschläge auf dem Tisch, etwa zum Abbau von Subventionen wie dem Dienstwagenprivileg. Diese seien jedoch von Teilen der Union abgelehnt worden.Lesen Sie auchGrimm hält die bisherigen Maßnahmen für unzureichend. Zwar werde über einzelne Einsparungen diskutiert, doch insgesamt laufe der Bundeshaushalt strukturell aus dem Ruder. Für 2029 warnte sie vor einem Szenario, in dem der Haushalt faktisch nur noch Pflichtausgaben abdecke. „Das Ausgabenwachstum muss gedämpft werden, aber davon sind wir noch weit entfernt“, sagte sie.Lesen Sie auch„Um wieder auf den Wachstumspfad zu kommen, reichen diese ganzen Reformdebatten überhaupt nicht aus. Es ist nicht annähernd das, was wir brauchen, um wieder dynamisch aus diesem Tal herauszukommen“, bilanzierte die Volkswirtin. Es brauche einerseits gute Kompromisse, andererseits müssten auch die Reformfelder gewählt werden, die tatsächlich einen großen Hebel auf das Wachstum oder die Senkung der Ausgaben haben. „Und das, was wir diskutieren, ist oft nicht das.“Dann kritisierte Grimm, dass bei vorgeschlagenen Steuerreformen die unteren Einkommen entlastet werden sollen, „die ohnehin nicht so viel zum Steueraufkommen beitragen“, und die Einkommensteuer für Höherverdienende, also auch Unternehmen, erhöht werden soll. „Und wenn ich jetzt die Spitzensteuersätze erhöhe, dann dämpfe ich die Investitionsanreize für Unternehmen noch stärker in einer Situation, in der ohnehin die Unternehmen schon weniger investieren.“In der aktuellen Legislaturperiode plant die Bundesregierung, 850 Milliarden Euro an Schulden zu machen. „Das gab es noch nie. Und trotzdem fehlt das Geld. Vom Sparen zu reden, ist in dieser Situation fast wie Satire“, sagte Grimm. „Die Ausgaben explodieren, und wir müssen dringend, damit es generationengerecht bleibt, das Ausgabenwachstum dämpfen.“ Deutschland sei weit entfernt von der Austerität (also einer strengen, auf Kürzungen ausgerichteten Haushaltsdisziplin), schloss sie.Lauterbach verweist auf 500-Milliarden-InvestitionspaketKarl Lauterbach bezeichnete die Ausführungen der Wirtschaftsweise als „Katastrophenszenario“, das so nicht zutreffe. „Wenn man uns hier zuhört, kann man den Eindruck bekommen, der Laden fliegt uns um die Ohren.“ So sei es in Wirklichkeit aber nicht. Die Regierung habe das 500-Milliarden-„Sondervermögen“ für Investitionen aufgenommen, um das Defizit in der Infrastruktur anzugehen. „Der gesamte Umbau unserer Wirtschaft, der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Aufbau der kaputten Infrastruktur: Das wird nicht gelingen, ohne dass der Staat sich verschuldet.“Grimm konterte Lauterbach direkt: „Das müssen wir ja erst einmal sehen, ob dieses Geld tatsächlich in Infrastruktur gesteckt wird“, zeigte sie sich skeptisch. „Wir haben auch sehr viele Beschlüsse gesehen, die wir eigentlich aktuell nicht stemmen können.“ Darunter falle auch die Rentenreform – zweistellige Milliardenbeträge (bis 2035 dann dreistellige Milliardenbeträge), die zusätzlich ausgegeben werden, „die wir aber eigentlich nicht haben“. Die Regierung hätte die Möglichkeit, dagegenzusteuern, sagte sie. Dennoch sehe man in der Finanzplanung nicht, dass es sich in den 2030er-Jahren in die richtige Richtung bewege. So müsse etwa die Verteidigung in den Haushalt zurückgeholt werden. „Dafür müssten wir jetzt Vorkehrungen treffen“, so Grimm.Was Deutschland jetzt benötige, erläuerte die Ökonomin anschließend. „Es ist nicht so, dass ich ein paar Reformen mache und dann geht es wieder bergauf.“ Um wieder wirtschaftlich zu wachsen, brauche es Hightech-Branchen, es müsse Neues entstehen. Die Politik müsse mehr loslassen, forderte sie: „Die Wirtschaft, Innovatoren und Unternehmen werden sich überlegen, wo die Innovationen herkommen, nicht die Politiker.“ Die Politik müsse nur die Rahmenbedingungen so gestalten, dass diejenigen, die die Ideen haben, diese gern in Deutschland umsetzen wollen. „Und genau das fällt uns als Land derzeit schwer“, so Grimms Fazit.