Wenn alles nach Plan liefe, würde sich die niedersächsische CDU allmählich ihrer Wettkampf-Form nähern: Im September 2026 stehen die Kommunalwahlen an und im Herbst 2027 die nächste Landtagswahl. Dann will der CDU-Landesvorsitzende Sebastian Lechner seinen Rivalen Olaf Lies von der SPD aus dem Amt des Ministerpräsidenten verdrängen.Lechner hatte bisher vier Jahre Zeit, sich auf diese Auseinandersetzung vorzubereiten. Doch derzeit wirkt die von ihm geführte Landtagsfraktion aufgrund einer Affäre stark mit sich selbst beschäftigt. Ein wichtiger Mitarbeiter hat in einer internen Chatgruppe KI-generierte, sexualisierte Bilder geteilt, die unverkennbar eine Kollegin aus der Fraktion zeigten. Parteiintern für Unruhe sorgt nicht nur der Vorfall samt seinen peinlichen Begleitumständen, sondern auch die Reaktion der Fraktionsführung.Ausgangspunkt war eine Reise nach SüdafrikaDie Affäre geht zurück auf eine sechstägige Delegationsreise der CDU-Fraktion nach Südafrika im Mai 2025. Zum Programm der Reise gehörte auch eine Busfahrt, während der die Teilnehmer unter anderem einen männlichen Elefanten aus der Nähe betrachten konnten. Dies inspirierte einige männliche Mitarbeiter der Fraktion zur Gründung einer Chatgruppe unter dem Titel „MitGLIEDER“.Das Emblem der Gruppe zeigt einen männlichen Elefanten mit deutlich sichtbarem Geschlechtsteil. Die Fraktionsmitarbeiter sollen sich in den Chats vorwiegend robust über Fußballergebnisse ausgetauscht haben, bisweilen auch über politische Fragen. Laut einer Auswertung soll aber nichts Skandalöses enthalten gewesen sein.Das änderte sich am 17. Januar, als ein wichtiger Mitarbeiter der Fraktion – nach überwiegender Lesart versehentlich – am Bundesliga-Samstagnachmittag ein zuvor erstelltes KI-generiertes Video postete. Es zeigte eine Kollegin aus der Fraktion lasziv im Bikini tanzend und mit sexualisierter Mundbewegung.Der Fraktionsgeschäftsführer der CDU-Fraktion, der ebenfalls der Chatgruppe angehörte, schritt umgehend dagegen ein und drang in der Gruppe auf eine Löschung sämtlicher Versionen des Videos. Zwei Tage später, am Montag, informierte er die Parlamentarische Geschäftsführerin Carina Hermann über den Vorfall und erteilte dem Mitarbeiter eine schriftliche Abmahnung. Der Fall schien damit zunächst erledigt, wobei man das Opfer allerdings in völliger Unkenntnis beließ.Durch den Fall Collien Fernandes kochte alles hochEnde März sorgte dann der Fall Collien Fernandes bundesweit für Aufsehen, die Opfer von gefälschten Pornos geworden war. Auch die niedersächsische CDU-Fraktion wollte sich in dieser Debatte positionieren. Die Parlamentarische Geschäftsführerin Carina Hermann forderte in einer Pressemitteilung „klare strafrechtliche Regelungen für Deepfakes und digitale sexualisierte Gewalt“.Diese Position der eher dem liberalen Flügel der Partei zugerechneten Juristin war innerhalb der Fraktion allerdings nicht unumstritten und führte intern zu einer Kontroverse. Und im Verlauf dieser Auseinandersetzungen bekam das Opfer besagtes Video von einem Mann aus der Chatgruppe gezeigt, der es anders als gefordert im Januar nicht gelöscht hatte.Nun eskalierte die Affäre. Hermann und Lechner, der nach eigener Darlegung erst zu diesem Zeitpunkt von dem Video erfuhr, gingen in die Vorwärtsverteidigung und reagierten hart: Der Urheber des Videos wurde entlassen und der Fraktionsgeschäftsführer freigestellt. Darüber hinaus wurde ein externer Medienberater engagiert, die Öffentlichkeit informiert, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, die frühere niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast als Vertrauensperson installiert und ein Mediator bestellt, um die Gräben zu überbrücken, die über den Fall innerhalb der niedersächsischen CDU aufgebrochen sind.Das Arbeitsklima in der CDU-Fraktion ist belastetWeitgehend einig ist man sich in der Partei, dass die Kündigung des Urhebers des Videos angemessen ist und die Elefantenmänner mit ihrer Chatgruppe eine von Beginn an potentiell kompromittierende Eselei begangen haben. Für anhaltende Debatten in der niedersächsischen CDU sorgt jedoch der Umgang mit dem entlassenen Fraktionsgeschäftsführer. Dessen Verhalten kann als mögliche Vertuschung ausgelegt werden, schließlich war er selbst Teil der Chatgruppe und schützte womöglich nicht zuletzt sich selbst, als er die Sache im Stillen zu regeln versuchte.Es gibt allerdings auch noch eine andere Lesart, nach der die Strategie des Fraktionsgeschäftsführers, alle Videos so rasch wie möglich verschwinden zu lassen, primär auf den Schutz der eigenen Partei zielte. Dazu passt, dass er zwar eine Abmahnung aussprach, es jedoch vermied, den künftigen CDU-Spitzenkandidaten Lechner direkt in den heiklen Vorgang zu verwickeln, sondern bloß die Parlamentarische Geschäftsführerin Hermann informierte.Hermann wirft dem Fraktionsgeschäftsführer allerdings vor, ihr im Januar wesentliche Informationen verschwiegen zu haben, darunter auch den Namen und das Profilbild der Gruppe. Der Fraktionsgeschäftsführer widerspricht der Darstellung, dass er unvollständig informiert habe. Und Hermann hätte auch selbst genauer nachfragen können.Vielfach ist deshalb in der Partei die Einschätzung zu vernehmen, der Fraktionsgeschäftsführer sei von der Spitze als Bauernopfer herangezogen worden. Die betroffene Mitarbeiterin muss indes mit der Belastung leben, dass einige ihrer Arbeitskollegen von einem sexualisierten Fake-Video von ihr wussten, es aber nicht für nötig hielten, sie darüber zu informieren. Und der männliche Mitarbeiter, der ihr das Video zeigte, wird intern von manchen als „Nestbeschmutzer“ angesehen. Das Arbeitsklima in der CDU-Fraktion gilt als belastet. Beobachtern fiel zuletzt auch auf, dass die CDU-Fraktion in der einen oder anderen Ausschusssitzung nicht optimal vorbereitet wirkte.Wie schnell sich die aufgerissenen Gräben wieder schließen lassen, ist offen, zumal der Fall auch noch eine juristische Dimension hat. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegenwärtig auf Antrag des Opfers gegen den Ersteller des Videos, allerdings nicht wegen eines Sexualdelikts, sondern wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz, da er das Bild der Mitarbeiterin ohne deren Zustimmung verwendet hat. Mehr gibt die gegenwärtige Rechtslage nicht her. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft stellt zudem klar, dass das KI-generierte Bikini-Video aus der CDU-Chatgruppe anders als die Fake-Videos im Fall Collien Fernandes „mit Pornografie nichts zu tun“ hat.Der Fall ist für die CDU aber auch arbeitsrechtlich diffizil, nicht nur im Falle des freigestellten Fraktionsgeschäftsführers, sondern auch im Falle des Urhebers des Videos, denn er wurde für einen Vorfall gekündigt, für den er zuvor bereits abgemahnt worden ist. Eine Auseinandersetzung vor einem Arbeitsgericht wäre für die CDU zudem nicht nur rechtlich, sondern womöglich auch politisch riskant, da es sich in beiden Fällen um langjährige Mitarbeiter mit Insider-Kenntnissen handelt. Ein solches Szenario bleibt der CDU aber wohl erspart. Lechner bestätigte am Dienstag die Information, dass arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung mit den beiden Mitarbeitern mittlerweile vom Tisch sind. Die Affäre habe die CDU-Fraktion „durchgeschüttelt“, sagte er, aber inzwischen habe man sie „abgehakt“.
CDU Niedersachsen: Ein KI-Video, das eine Fraktionskollegin im Bikini zeigt
Auf der niedersächsischen CDU lastet eine Affäre um ein Deepfake-Video. Landeschef Lechner gibt zu, die Fraktion sei „durchgeschüttelt“ worden.







