Außenansicht der Kocatepe Moschee in Hamburg-BergedorfQuelle: Sonja JacobsenDie Kulturtage der Ditib in Hamburg stehen massiv in der Kritik: Auf dem Plakat wirbt die Gemeinde nun mit dem Logo der türkischen Staatsbehörde YTB. Auch sorgt ein Protescamp von antisemitischen Gruppen für große Sorge in der Jüdischen Gemeinde – und der Senat und die Versammlungsbehörde reagieren.Die Debatte um die Kulturtage des deutsch-türkischen Moscheeverbandes Ditib im Hamburger Stadtteil Bergedorf erhält eine neue Dimension. Nachdem mehrere Hassprediger aus dem Programm des sogenannten Familienfestes entfernt wurden, wirbt die Gemeinde auf ihrem offiziellen Veranstaltungsplakat nun mit dem Logo der türkischen Staatsbehörde YTB. Diese untersteht direkt dem Präsidialamt in Ankara und ist für die Diasporapolitik der Türkei zuständig. Brisant ist zudem die Rolle von Fedayi İleri, der zugleich Vorsitzender der Ditib Bergedorf und Assistent der Geschäftsführung des Landesverbands Ditib Nord ist. Und nicht zuletzt sorgt ein Protestcamp am Dammtor-Bahnhof für Sorge in der Jüdischen Gemeinde – ein Zustand, den Hamburgs früherer Antisemitismusbeauftragter Stefan Hensel zu einem deutlichen Post auf Facebook veranlasst. Demnach werde Antisemitismus in der Hansestadt „nicht entschieden benannt, sondern relativiert“. Seit Wochen stehen die 40. Gedenk- und Kulturtage der Kocatepe Moschee – eine religiöse Einrichtung des Ditib – infolge der WELT-Berichterstattung im Mittelpunkt einer politischen Auseinandersetzung über das Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaat, friedlichem Zusammenleben sowie Schutz jüdischen Lebens. Dabei lädt die Moschee vom 14. bis 17. Mai eigenen Angaben zufolge zu einem interkulturellen und barrierefreien Fest mit Bühnenprogramm und Dialog ein – auf dem Frascatiplatz, mitten im öffentlichen Raum des Stadtteils Bergedorf im gleichnamigen Bezirk im Südosten Hamburgs.Lesen Sie auchIn diesem Zusammenhang wurden mehrere Redner eingeladen, denen in sozialen Netzwerken antisemitische Inhalte und die Verherrlichung terroristischer Organisationen vorgeworfen werden. Jüngstes Beispiel ist der türkische Influencer Sertac Abi. Er soll auf Instagram ein Video geteilt haben, das iranische Raketen beim Einschlag in Israel zeigt – dazu ein tanzendes Kleinkind, wie der Autor Eren Güvercin auf der Plattform X öffentlich machte. Güvercin gehört zu den lautesten Kritikern des politischen Islam in Deutschland, gilt als Experte bei Fragen zum muslimischen Leben hierzulande. Eine neue Anfrage der Vorsitzenden der FDP-Bergedorf, Sonja Jacobsen, an das Bezirksamt Bergedorf hinterfragt derweil eine mögliche Beteiligung der türkischen Staatsbehörde YTB an den Ditib-Kulturtagen in Bergedorf. So ist auf dem offiziellen Veranstaltungsplakat der Ditib Bergedorf, das vom offiziellen Instagram-Account ditib.bergedorf.hh öffentlich verbreitet wurde, oben rechts das Logo von YTB, dem Präsidium für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften, abgebildet. Der gesetzliche Auftrag der Behörde besteht ausdrücklich darin, die Bindung der im Ausland lebenden Türkeistämmigen an die Türkei zu stärken, Diasporapolitik zu betreiben sowie kulturelle und religiöse Programme für türkische Gemeinschaften im Ausland zu fördern und zu gestalten, wie Jacobsen in ihrer Anfrage schreibt. YTB sei damit kein zivilgesellschaftlicher Verein, sondern ein Instrument türkischer Außen- und Kulturpolitik.Direkte Verbindung nach Ankara?Als besonders relevant nennt die FDP-Politikerin dabei die Doppelfunktion von Fedayi İleri: Er ist Gemeindevorsitzender der Ditib Bergedorf und Assistent der Geschäftsführung des Landesverbands Ditib Nord. Damit bündelten sich lokale Organisationsverantwortung und Landesverbandsorganisation in einer Person. In der Anfrage an das Bezirksamt Bergedorf heißt es weiter: „Partnerschaften mit einer türkischen Staatsbehörde wie YTB werden typischerweise nicht auf Gemeindeebene, sondern auf Verbandsebene koordiniert.“ Die Verbindungslinie verlaufe somit direkt von der Ditib Bergedorf über Ditib Nord und Ditib Deutschland zu Diyanet/YTB und Ankara. YTB und die türkische Religionsbehörde Diyanet, auf der Ditib strukturell aufbaue, arbeiteten in der türkischen Diasporapolitik regelmäßig zusammen.Vor diesem Hintergrund stellt sich laut Jacobsen die Frage, ob die Beteiligung von YTB an den Bergedorfer Kulturtagen auf einem öffentlichen Platz in Hamburg dem Bezirksamt gegenüber bewusst verschwiegen wurde – und ob das, was nach außen als lokale Gemeindefeier präsentiert wurde, tatsächlich in einen größeren Rahmen organisierter türkischer Diasporapolitik eingebettet ist. Dieser Gesamteindruck lässt für die FDP den Verdacht entstehen, dass die Veranstaltung gegenüber dem Bezirksamt nicht nur hinsichtlich ihrer Prediger und ihres Programmcharakters, sondern auch hinsichtlich ihrer strukturellen Einbettung in türkische Staatspolitik bewusst verharmlosend dargestellt wurde.Lesen Sie auchAuf WELT-Anfrage teilt ein Sprecher des rot-grünen Senats von Peter Tschentscher am Mittwoch mit: „Im Staatsvertrag mit den islamischen Religionsgemeinschaften sind gemeinsame Wertegrundlagen vereinbart. Dazu zählen insbesondere die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Geltung der Grundrechte, der Völkerverständigung und der Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen sowie der freiheitlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen Verfassung des Gemeinwesens.“In der Stellungnahme heißt es ebenso, dass der Senat die jüngsten Vorgänge um die Gedenk- und Kulturtage der Ditib-Gemeinde Bergedorf zum Anlass genommen habe, nochmals mit dem Vorstand des Landesverbands in Kontakt zu treten und zu verdeutlichen, dass die Mitte April angekündigten Maßnahmen und die Prüfung des Veranstaltungsprogramms durch eine Aufarbeitungskommission umgesetzt werden müssen. „Der Senat erwartet vom Ditib-Landesverband die Unterbindung jeglicher antisemitischer, rassistischer oder extremistischer Tendenzen. Das Bekenntnis des Landesverbands zu einem respektvollen Zusammenleben, in dem Antisemitismus, Gewaltverherrlichung, Hetze und Diskriminierung keinen Platz haben, muss in der Veranstaltung zum Ausdruck kommen.“Darüber hinaus haben der Senat und seine Fachbehörden gegenüber dem Ditib-Landesverband stets betont, wie der Senatssprecher weiter mitteilt, dass die Selbstständigkeit dieser Religionsgemeinschaft und eine hinreichende Staatsferne gegenüber dem türkischen Staat weitere wesentliche Voraussetzungen für die Zusammenarbeit sind. Hamburg hat 2012 als erstes Bundesland Staatsverträge mit islamischen Verbänden geschlossen. Dieser Pakt regelt den islamischen Religionsunterricht, Feiertage, Bestattungen und Seelsorge. Trotz Kritik und Forderungen nach Aussetzung, etwa wegen Einflüssen aus dem Ausland, wurden die Verträge 2024 nach Evaluation fortgesetzt, jedoch mit häufigeren Überprüfungen. Auslöser der Diskussionen in Bergedorf waren Mitte April die Prediger Bünyamin Topçuoğlu und Mustafa Özcan Güneşdoğdu. Mit ihnen und den weiteren Referenten sollten Personen eine Bühne erhalten, die immer wieder mit antisemitischen Aussagen und Glorifizierungen der Terrororganisation Hamas aufgefallen waren. Durch die Recherchen von Autor Güvercin und Medienanfragen distanzierte sich der Landesverband der Ditib von den Aussagen der Personen und betonte, dass er nicht in die Planungen der Bergedorfer Gemeinde involviert gewesen sei. Eine Aufarbeitungskommission des Landesverbands sollte aufklären, wie es zu den Einladungen von höchst problematischen Personen kommen konnte. Bezirksamt führt Gespräch mit DitibEin Sprecher des Bezirksamtes Bergedorf teilt auf WELT-Anfrage am Mittwoch mit, dass Bezirksamtsleiterin Cornelia Schmidt-Hoffmann die Ditib-Gemeinde aus Bergedorf am Donnerstag in einem Gespräch mit den öffentlich gewordenen Vorwürfen konfrontieren und eine persönliche Stellungnahme zum geplanten Programm einfordern wird. Das Ergebnis werde maßgeblich dafür sein, welche weiteren Schritte unternommen würden.Schmidt-Hoffmann sagt: „Das Bezirksamt hat der Ditib-Gemeinde aus Bergedorf den Bergedorfer Festplatz für die Feier des 40-jährigen Jubiläums vertraglich überlassen, auch in Würdigung der 40 Jahre Arbeit für die türkisch-stämmigen Bergedorferinnen und Bergedorfer und vor dem Hintergrund, dass Ditib Vertragspartner der Stadt ist.“ Der Gemeindevorstand habe ihr anlässlich der veröffentlichen Erkenntnisse über Podiumsteilnehmer der Veranstaltung ausdrücklich versichert, dass Antisemitismus, Gewaltverherrlichung, Hetze, Menschenfeindlichkeit und jede Form von Diskriminierung in der Gemeinde keinen Platz hätten. „Die Gemeinde steht seit vielen Jahren für religiöses Leben, Dialog, Nachbarschaft, Frieden und ein respektvolles Zusammenleben in Bergedorf“, so Schmidt-Hoffmann. Die Bezirksamtsleiterin fügt hinzu: „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn sich jetzt aufgrund dieser Feierlichkeit herausstellen sollte, dass dies nur ein Bekenntnis auf dem Papier war. Damit würde die Gemeinde den Kredit aufs Spiel setzen, den sie sich in 40 Jahren – ungeachtet der bekannten Abhängigkeiten des Ditib-Verbands – erarbeitet hat.“ Sie sei hierzu aber mit der Gemeinde im Dialog. Auch FDP-Politikerin Jacobsen wollte am Donnerstag das Gespräch mit Ditib in Bergedorf suchen, sie sagt zu WELT: „Als Mutter macht mich fassungslos, dass ein angebliches Kinder- und Familienfest mit Kinderschminken und Bastelständen ausgerechnet Prediger im Hintergrund haben soll, denen Hamas Verherrlichung und antisemitische Hetze zugeschrieben werden.“ An ihrer Forderung, die Kulturtage in Bergedorf abzusagen, hält die FDP fest. Lesen Sie auchNoch deutlicher wird Hamburgs ehemaliger Antisemitismusbeauftragter Stefan Hensel, der anlässlich eines Protestcamps auf der Moorweide in Hamburg, direkt neben dem Dammtor-Bahnhof, einen Facebook-Post mit dem Titel veröffentlichte: „Wo Antisemitismus in Hamburg plötzlich ‚kompliziert‘ ist“. Darin betont er: „Wieder einmal zeigt sich, wie schwer sich diese Stadt damit tut, klare Grenzen zu ziehen. Antisemitismus wird nicht entschieden benannt, sondern relativiert und eingeordnet, bis der Eindruck entsteht, es handle sich um ein verhandelbares Problem.“ Hensel gab sein Amt im vergangenen Jahr auf. Vom 9. bis 16. Mai ist auf der Moorweide war Protestcamp mit dem Titel „Bridges of Resistance“ angekündigt. Es wird von Gruppierungen organisiert, die nachweislich antisemitische Positionen vertreten. Hierzu zählt insbesondere Thawra Hamburg, die im März 2026 ihren Antrag gegen die Beobachtung durch das Landesamt für Verfassungsschutz zurückzog, nachdem das Verwaltungsgericht gewichtige Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen den Gedanken der Völkerverständigung festgestellt hatte. Dies geschah unter ausdrücklichem Verweis auf die Befürwortung militärischer Aktionen von Hamas und Hisbollah gegen Israel.Hensel zufolge geht es bei Antisemitismus nicht um die übliche Abwägung zwischen Meinungsfreiheit und ihren Grenzen. Es gehe um die Grundlagen unseres Zusammenlebens. „Was in anderen Fällen unmissverständlich zurückgewiesen würde, wird hier plötzlich als ‚kompliziert‘ behandelt, sobald es um Jüdinnen und Juden geht“, so Hensel. Die Konsequenzen seien konkret. Jüdisches Leben werde unsicherer, vorsichtiger, verletzlicher. Gleichzeitig verschiebe sich der öffentliche Raum. Positionen, die Hass normalisierten oder Gewalt relativierten, würden geduldet, wo ihnen entschieden widersprochen werden müsste.„Der Ort, an dem eine Stadtgesellschaft versagte“Hensel verweist in seinem Post auf ein aktuelles Schreiben der Jüdischen Gemeinde Hamburg an die Mitglieder der Bürgerschaft. Dieses dokumentiere eine Entwicklung, die zeigt, „dass sich Maßstäbe verschieben und dass diejenigen, die darauf hinweisen, zu oft allein gelassen werden“.So mahnt die Jüdische Gemeinde in dem Papier an die Abgeordneten: „Dass ausgerechnet an diesem Ort ein Protestcamp solcher Gruppen errichtet werden soll, ist nicht hinnehmbar und stellt eine zynische Verhöhnung der Opfer der Schoa dar. Der ‚Platz der jüdischen Deportierten‘ ist kein beliebiger öffentlicher Raum.“ Von der Sammelstelle im ehemaligen Logenhaus an der Moorweidenstraße aus wurden rund 6000 Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Romnja über den Hannoverschen Bahnhof in Ghettos und Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. „Die gesamte Moorweide war der Ort, an dem eine Stadtgesellschaft zusah, schwieg und versagte.“Daher fordert die Jüdische Gemeinde die zuständigen Behörden im Jahr 2026 auf, ihrer Schutzpflicht wirksam nachzukommen. Punktuelle Auflagen reichten nicht aus. Die Nutzung der gesamten Moorweide als Campstandort sei zu untersagen und die Versammlung auf einen zumutbaren alternativen Standort zu verweisen. Die Versammlungsfreiheit sei ein hohes Gut. Gerade an historisch hochsensiblen Orten erfordere sie jedoch eine besonders sorgfältige und substanzielle Abwägung, die der Würde der Opfer sowie der Schutzbedürftigkeit des Ortes gerecht werde. Versammlungsbehörde gibt anderen Standort vorAm Mittwochnachmittag reagierte auch die Hamburer Versammlungsbehörde. Das Protestcamp gegen Israel soll nun ab Samstag im Sternschanzenpark stattfinden. „Unter Berücksichtigung des besonderen historischen örtlichen Kontextes untersagte die Versammlungsbehörde die Nutzung der Örtlichkeit „Moorweide““, teilte ein Polizeisprecher mit. Die Versammlungsbehörde führe mit den Anmeldern des Camps Kooperationsgespräche.
Antisemitismus: Werden ein Ditib-Kulturfest und ein Protestcamp zum Testfall für Hamburgs Islam-Politik? - WELT
Die Kulturtage der Ditib in Hamburg stehen massiv in der Kritik: Auf dem Plakat wirbt die Gemeinde nun mit dem Logo der türkischen Staatsbehörde YTB. Auch sorgt ein Protescamp von antisemitischen Gruppen für große Sorge in der Jüdischen Gemeinde – und der Senat schweigt.






