PfadnavigationHomeRegionalesHamburgExtremisten auf der Bühne„Kinderfest vorne, Hamas-Applaus hinten“ – Kritik an Ditib-Kulturtagen weitet sich ausVeröffentlicht am 05.05.2026Lesedauer: 6 MinutenAußenansicht einer Ditib-MoscheeQuelle: picture alliance/Panama Pictures/Christoph HardtZwei umstrittene Referenten stehen weiter auf der Gästeliste der Ditib-Kulturtage in Hamburg. Während die Veranstalter von einem Familienfest sprechen, warnen Experten vor antisemitischer Hetze auf öffentlicher Bühne – und fordern die Absage der Kulturtage.Die Kritik an den bevorstehenden Kulturtagen des deutsch-türkischen Moscheeverbandes Ditib im Hamburger Stadtteil Bergedorf reißt nicht ab. Nachdem vier von sechs Prediger aus dem Programm des sogenannten Familienfestes entfernt wurden, wirbt die Veranstaltung mit zwei verbliebenen umstrittenen Gästen. Dabei handelt es sich um Furkan Tiraşçı und Mahmut Sağır, denen ebenfalls in sozialen Netzwerken antisemitische Inhalte und die Verherrlichung terroristischer Organisationen vorgeworfen werden, wie der Autor Eren Güvercin auf der Plattform X schreibt. Güvercin gehört zu den lautesten Kritikern des politischen Islam in Deutschland, gilt als Experte bei Fragen zum muslimischen Leben hierzulande. Demnach ließen die Veröffentlichungen von Tiraşçı – Muezzin der Kocatepe Moschee im türkischen Ankara – auf der Plattform X „keinen Spielraum für Interpretationen“. In mehreren Beiträgen soll er den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober relativiert beziehungsweise gerechtfertigt sowie den verstorbenen Hamas‑Funktionär Ismail Haniyye als „Märtyrer“ und „guten Mudschahid“ bezeichnet haben. Überdies soll Tiraşçı laut Güvercin mehrfach Bildmontagen verbreitet haben, die Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu direkt mit Adolf Hitler gleichsetzen oder in NS-Kontexte rücken. Auch der bei den Ditib-Kulturtagen angekündigte Gast Mahmut Sağır steht in der Kritik. Ihm werden Beiträge zugeschrieben, in denen er Haniyye religiös verklärt und eine „verfluchte Gemeinschaft“ beschreibt, die die Welt „seit Jahrhunderten in Blut tränkt“ – Formulierungen, die Beobachter als antisemitische Narrative einordnen. Sağır „teilt Inhalte, die weit über legitime Kritik hinausgehen und tief in hasserfüllte Ideologien greifen“, betont Güvercin. Ebenso betreibe Sağır eine religiöse Verklärung von Terror-Akteuren, in dem er Haniyye einen „hohen Rang im Paradies“ wünsche. Lesen Sie auchSeit Wochen stehen die 40. Gedenk- und Kulturtage der Kocatepe Moschee – eine religiöse Einrichtung des Ditib – infolge der WELT-Berichterstattung im Mittelpunkt einer politischen Debatte über das Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaat, friedlichem Zusammenleben sowie Schutz jüdischen Lebens. Dabei lädt die Moschee vom 14. bis 17. Mai eigenen Angaben zufolge zu einem interkulturellen und barrierefreien Fest mit Bühnenprogramm und Dialog ein – nicht auf privatem Gelände, sondern auf dem Frascatiplatz, mitten im öffentlichen Raum des Stadtteils Bergedorf im gleichnamigen Bezirk im Südosten Hamburgs.Auslöser der Auseinandersetzung waren zunächst die Prediger Bünyamin Topçuoğlu und Mustafa Özcan Güneşdoğdu. Mit ihnen und den weiteren Referenten Ahmet Bulut und Osman Eğin sollten Personen eine Bühne erhalten, die immer wieder mit antisemitischen Aussagen und Glorifizierungen der Terrororganisation Hamas aufgefallen waren. Durch die Recherchen von Autor Güvercin und anschließenden Medienanfragen distanzierte sich der Landesverband der Ditib von den Aussagen der vier Personen und betonte, dass er nicht in die Planungen der Bergedorfer Gemeinde involviert gewesen sei. Eine „Aufarbeitungskommission“ des Landesverbands sollte aufklären, wie es zu den Einladungen von höchst problematischen Personen kommen konnte. Mit dem Festhalten an den Gästen Furkan Tiraşçı und Mahmut Sağır ergeben sich für Islam-Kritiker Güvercin nun zwei wesentliche Fragen: Wie glaubwürdig ist ein Ditib-Landesverband, „der die Verantwortung zunächst auf die Bergedorfer Gemeinde geschoben hat und jetzt trotz einer ‚Aufarbeitungskommission‘ selbst nicht in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass keine Antisemiten und Terrorverherrlicher eine Bühne in Hamburg bekommen?“ Und: „Wenn der Landesverband behauptet, Antisemitismus und Hetze hätten keinen Platz – warum werden diese Personen weiter für ein Fest auf einem öffentlichen Platz in Hamburg eingeflogen?“ Bergedorf gerät erneut ins öffentliche VisierUnterstützung vor Ort in Bergedorf erhält Güvercin nach wie vor von der FDP, die am Montag eine weitere Anfrage an das zuständige Bezirksamt gestellt hat. Denn Bergedorf war bereits im Februar 2025 Schauplatz eines islamistischen Geheimtreffens. In einer Sporthalle hatte die Polizei damals eine als Sportveranstaltung getarnte Versammlung von rund 270 Männern aufgelöst, hinter dem laut Medienberichten die islamistische Gruppierung Muslim Interaktiv stand. Diese wurde Ende 2025 vereinsrechtlich verboten.Und nicht zuletzt geriet die Ditib-Moschee in Bergedorf schon einmal ins öffentliche Visier, nachdem sie 2022 nach WELT-Informationen den Imam Hasan Caglayan beschäftigt hatte. In einem später gelöschten Facebook-Post vom 18. April 2021 hatte Caglayan den Hamas-Begründer Ahmad Yasin als einen von „fünf schönen Menschen“ mit „Botschaften und Lehren für all jene, denen die Sache um Jerusalem wichtig ist“, bezeichnet.Bezogen auf die jetzt bevorstehenden Kulturtage sagt die Vorsitzende der FDP-Bergedorf, Sonja Jacobsen, gegenüber WELT: „Als Mutter macht mich fassungslos, dass ein angebliches Kinder- und Familienfest mit Kinderschminken und Bastelständen ausgerechnet Prediger im Hintergrund haben soll, denen Hamas Verherrlichung und antisemitische Hetze zugeschrieben werden.“ Sie fügt hinzu: „Kinderfest vorne, Hamas-Applaus hinten – genau das darf es auf einem öffentlichen Platz in Hamburg nicht geben.“Lesen Sie auchDer offizielle Flyer und eine deutschsprachige Broschüre bewerben die Veranstaltung laut Jacobsen als kostenloses „Jubiläums- und Kulturfest“: „Wer so offensiv ein Familienfest verkauft und gleichzeitig Personen einfliegen lässt, denen Hamas-Verherrlichung und antisemitische Hetze zugeschrieben werden, verharmlost bewusst, worum es hier tatsächlich geht.“„Ausladen, wenn es auffliegt“ – das ist nach Einschätzung der FDP-Politikerin „kein glaubwürdiges Bekenntnis zu Rechtsstaat und Demokratie.“ Nach Informationen der Liberalen wirbt der Ditib-Landesverband weiter auf Facebook, Instagram und TikTok mit dem Auftritt von Furkan Tiraşçı und Mahmut Sağır aus der Türkei. Sie werden als Teil des Veranstaltungsprogramms seit Wochen angekündigt. Das Bezirksamt hatte auf eine Kleine Anfrage der FDP erklärt, aus dem vorgelegten Konzept sei weder ein politisches Bühnenprogramm noch die eingeladenen Prediger erkennbar gewesen. „Wenn nur die Namen verschwinden, die schon in der Zeitung standen, während andere Problemfälle bleiben, ist das keine Aufarbeitung, sondern reine Schadensbegrenzung“, kritisiert Jacobsen.FDP fordert Absage der KulturtageDeshalb fordert die FDP Bergedorf die Absage der geplanten Ditib-Kulturtage auf dem Frascatiplatz. Bei einem als Fest- oder Sondernutzung genehmigten Event habe die Behörde einen größeren Gestaltungsspielraum, weil kein klassischer Versammlungsschutz greife. Diesen müsse das Bezirksamt jetzt nutzen, betonen die Freien Demokraten. Sie verweisen zugleich darauf, dass sich ihre Kritik nicht gegen gläubige Musliminnen und Muslime richte, „sondern gegen Verantwortliche, die trotz breiter Debatte weiter mit Personen arbeiten, denen Antisemitismus und Terrorverherrlichung zugeschrieben werden“. Die Kocatepe Moschee spielt Bergedorfern zufolge eine zentrale Rolle für Menschen mit muslimischem Hintergrund – nicht nur als Ort des Gebets, sondern auch als soziales und kulturelles Zentrum, als Raum für Austausch, Beratung und Unterstützung im Alltag. Dabei engagiert sich die Einrichtung eigenen Angaben zufolge „aktiv für die soziale Integration – insbesondere von Frauen und Familien – und leistet damit einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt im Stadtteil“.Hamburg hat 2012 als erstes Bundesland Staatsverträge mit islamischen Verbänden geschlossen. Dieser Pakt regelt den islamischen Religionsunterricht, Feiertage, Bestattungen und Seelsorge. Trotz Kritik und Forderungen nach Aussetzung, etwa wegen Einflüssen aus dem Ausland, wurden die Verträge 2024 nach Evaluation fortgesetzt, jedoch mit häufigeren Überprüfungen. Die FDP Hamburg fordert seit 2017, dass der Staatsvertrag mit der Ditib solange ausgesetzt werden muss, bis eine glaubwürdige und überprüfbare Abkehr von Terror-Verherrlichung und antisemitischer Rhetorik nachgewiesen ist. Jacobsen zufolge „darf der Staat nicht zum Komparsen einer Inszenierung werden, die nach vorne Kinderfest und Dialog heißt und nach hinten Judenhass und Terrorverherrlichung duldet“. Die FDP-Politikerin ergänzt: „Wer eine Bühne auf einem öffentlichen Platz in Hamburg will, muss ehrlich sagen, was dort passieren soll. Wer täuscht, sollte diese Bühne nicht bekommen.“
Antisemitismus: „Tief in hasserfüllte Ideologien“ – Experten schlagen Alarm vor Ditib-Kulturtagen - WELT
Zwei umstrittene Referenten stehen weiter auf der Gästeliste der Ditib-Kulturtage in Hamburg. Während die Veranstalter von einem Familienfest sprechen, warnen Experten vor antisemitischer Hetze auf öffentlicher Bühne – und fordern die Absage der Kulturtage.







