PfadnavigationHomePanorama„Hart aber fair“„Das ist doch unfassbar. Dann sind Bedingungen außerhalb der Städte viel zu schlecht“Von Tonci PetricVeröffentlicht am 05.05.2026Lesedauer: 5 MinutenCDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck und Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas GassenQuelle: Hart aber fairTeuer, komplex – und für viele dennoch unbefriedigend: Das deutsche Gesundheitssystem steht unter Druck. Bei „Hart aber fair“ diskutieren die Gäste über Kosten und Reformbedarf. Eine Influencerin zeigt sich zwischendurch fassungslos.Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit – dennoch wächst das Gefühl bei vielen Bürgern, nicht gut versorgt zu sein. Unter dem Titel „Teuer und nur Mittelmaß – was läuft schief bei Ärzten, Kliniken und Kassen“ fragt Louis Klamroth in seiner Sendung „Hart aber fair“ den CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck, den Arzt und Wissenschaftsjournalisten Eckart von Hirschhausen, die an Krebs erkrankte Influencerin Patrice Aminati, den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und Orthopäden Andreas Gassen und die Gesundheitsökonomin Clara Schlagowski, die wegen eines Hirntumors behandelt wurde.Die an unheilbarem schwarzen Krebs erkrankte Designerin und Influencerin Patrice Aminati befindet sich in palliativer Behandlung. Sie nutzt ihre Reichweite, um für die Hautkrebs-Vorsorge und Früherkennung zu werben. Sie machte zu Beginn der Sendung klar, dass eine Krebsdiagnose existenziell ist: „Man hat Todesangst und greift nach jedem Strohhalm.“Lesen Sie auchAminati sieht es kritisch, dass die flächendeckende Früherkennung (Vorsorgeuntersuchungen) im Rahmen der aktuellen Gesundheitsreform „auf den Prüfstand“ kommt: „Wir verlagern einen riesigen Kostenapparat nur in die Zukunft zu diesen unglaublich teuren Therapien.“ Gleichzeitig ist Hautkrebs früh erkennbar: „Er beginnt meist oberflächlich. Im Gegensatz zu vielen anderen Krebsarten sieht man es von außen, wenn man rechtzeitig damit beginnt.“ Aminati will die Vorsorge durch die Hausärzte stärken und sieht in ihnen eine Schlüsselfunktion im System: „Der Hausarzt könnte eine Ampelfunktion übernehmen.“ Warum man Prävention und Screenings jetzt einschränken will, fragt Klamroth CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck.Die Regelung zur Früherkennung soll nicht einfach gestrichen, sondern vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) überprüft werden. Er sei „voll bei Aminati“, sagt Streeck. Das aktuelle Beitragsstabilisierungsgesetz ist „nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Es stabilisiere kurzfristig Beiträge, löse aber das Grundproblem nicht. „Es bringt uns nur Zeit.“ Streeck fordert eine grundlegende Neuausrichtung und explizit: ein „präventionszentriertes Gesundheitssystem“.Lesen Sie auchDie Gesundheitsökonomin Clara Schlagowski hat ebenfalls schon eine Krebserkrankung hinter sich. Für sie ergibt es aus gesundheitsökonomischer Sicht Sinn, was Streeck sagte, aber aus Patientensicht gibt sie Aminati recht. Sie plädiert dafür, „die Einnahmeseite zu erhöhen, zum Beispiel durch eine Bürgerversicherung“, statt Kosten einzusparen.Was bringt die Zuckersteuer?Das Thema Zuckersteuer wurde beim CDU-Parteitag diskutiert, und sie wurde von den Delegierten mehrheitlich abgelehnt. Die Bundesregierung hat sich hingegen in der letzten Woche auf eine Zuckerabgabe geeinigt. Ob es also doch zu einer Besteuerung zuckerhaltiger Getränke komme, will Klamroth von Streeck wissen.Lesen Sie auch„Das kann ich nicht sagen.“ Er finde es aber generell richtig, „die Zuckersteuer auf Limonaden anzusetzen, weil sich in anderen Ländern gezeigt hat, dass es einen Effekt hat.“Zwei-Klassen-MedizinGerade bei der Terminvergabe bei Fachärzten haben es Privatpatienten oft einfacher. Ob man hier von einer Zwei-Klassen-Medizin sprechen könne, fragt Klamroth den CDU-Gesundheitspolitiker. Der spricht sich dafür aus, die Vergabe von Facharztterminen grundlegend zu reformieren.„Die Frage der Veränderung ist nicht, dass wir eine Vergütung für die Terminvergabe haben – wir müssen an das gesamte System ran, dass nicht Krankheit besser bezahlt wird, sondern jemanden gesund zu erhalten vergütet wird.“Lesen Sie auchAndreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, widerspricht indirekt der These der Zwei-Klassen-Medizin: „Wir haben Terminengpässe häufig in Regionen, wo es gar nicht viele Privatpatienten gibt, sondern einfach die Infrastruktur schlecht ist – wenig Ärzte, die große Bereiche abdecken.“Gleichzeitig weist Gassen darauf hin, dass das System falsche Anreize setzt und es in der gesetzlichen Krankenversicherung Budgetgrenzen gibt. „Ärzte bekommen nicht jede Leistung bezahlt.“ Danach behandeln sie Patienten teilweise ohne zusätzliche Vergütung. „Sie kriegen für weitere Patienten, die gesetzlich versichert sind, kein Honorar mehr.“Aminati zeigt sich geschockt und kann nicht fassen, was sie hört: „Das ist doch unfassbar. Dann sind die Bedingungen für Ärzte außerhalb der Städte viel zu schlecht. Da muss es viel attraktiver für die Ärzte sein, wenn ihre Leistung nicht honoriert wird“, sagt sie und findet es unmöglich, dass es anscheinend zu wenig Ärzte gibt. Digitalisierung die Krankenkassen„Wir haben ein extrem teures Gesundheitswesen, das teuerste in Europa, das drittteuerste in der Welt, aber wir haben keine richtige Steuerung in dem System“, sagt Streeck. Patienten werden allein gelassen, es gibt keine zentrale Instanz, die sie begleitet. „Nicht jeder hat das Gefühl, er geht jetzt zu einem Arzt, der mir sagt, er ist mein Lotse, mein Lokomotivführer durch das Gesundheitssystem.“ Streeck schlägt eine Einführung eines Primärarztsystems vor, bei dem der Hausarzt die erste Anlaufstelle ist. Er betont, solche Systeme gibt es bereits in anderen Ländern. Hierzu benötigt man aber eine gute Digitalisierung.Aminati will von Gassen wissen, ob für diese Digitalisierung die Krankenkassen sorgen können. „Also im Moment sind wir, was die Digitalisierung angeht, in Europa ungefähr so gut aufgestellt wie mit unseren Ergebnissen beim Eurovision Song Contest“, sagt Gassen. „Da ist definitiv noch Luft nach oben – man kann das natürlich verbessern.“Lesen Sie auchAminati ergreift zum Ende der Sendung erneut das Wort und will wissen, warum es so viele Krankenkassen gibt und ob diese nicht fusionieren können. Sie argumentiert: „Es ist doch ein riesiger bürokratischer Aufwand. Jede dieser Kassen hat ein Verwaltungsgebäude, einen Vorstand, einen stellvertretenden Vorsitzenden.“ Es gebe so viele davon, rund 93 gesetzliche Kassen und circa 40 private Anbieter. Durch Fusionen könnte man Kosten sparen: „Wenn wir das ein bisschen drosseln könnten, hätte man mehr Geld übrig, zum Beispiel für den Patienten.“„Sicherlich sind 93 Kassen nicht wirklich notwendig. Aber die reine Reduktion der Kassen bringt nicht automatisch eine Steigerung der Effizienz“, argumentiert Gassen. „Das Kernproblem ist nicht, dass wir zu wenig Geld im System haben. Das Kernproblem ist, dass wir das Geld der Beitragszahler für viele andere Dinge verwenden – für Gesundheitsvorsorge, Prävention und viele andere Dinge, die gar nichts damit zu tun haben.“
„Hart aber fair“: „Das ist doch unfassbar. Dann sind Bedingungen außerhalb der Städte viel zu schlecht“ - WELT
Teuer, komplex – und für viele dennoch unbefriedigend: Das deutsche Gesundheitssystem steht unter Druck. Bei „Hart aber fair“ diskutieren die Gäste über Kosten und Reformbedarf. Eine Influencerin zeigt sich zwischendurch fassungslos.







