Promis wie Nicole Kidman, Lauren Sánchez Bezos und Anna Wintour präsentierten auf der Met-Gala in New York ausgefallene Outfits. Der Dresscode „Mode ist Kunst“ sorgte für spektakuläre Looks. Heidi Klum erschien im Ganzkörperkostüm einer steinernen Statue.Die Frau von Jeff Bezos liefert den stärksten Moment der Met Gala: ein Kleid, das 1884 zitiert und plötzlich wieder erstaunlich aktuell wirkt. Während einige „Fashion is Art“ illustrieren, zeigen andere Stars, wer den Abend wirklich versteht.Die Met Gala ist, nüchtern betrachtet, ein Benefizabend für ein Museum – also für genau jene Orte, in denen sich New Yorks intellektuelle Selbstvergewisserung gern in Ausstellungen gießt.Dann kommt Jeff Bezos, legt rund zehn Millionen Dollar auf den Tisch – ein Betrag, bei dem man eigentlich höflich klatschen und einen Flügel nach ihm benennen sollte, stattdessen wird draußen demonstriert. Gegen Bezos, Milliardäre, Amazon, ICE gleich auch noch und Trump sowieso. Man sitzt im kulturellen Überbau und führt einen moralischen Diskurs über genau die ökonomische Basis, die ihn möglich macht. Das Thema der diesjährigen Gala, das immer auch Dresscode ist, lautet „Fashion is Art“, etwas wenig originell, Gossip Girl Blair Waldorf hat dazu schon 2012 alles gesagt – aber fruchtbarer Boden für besonders klug-provokante Roben ist es allemal – sollte man zumindest meinen. Zunächst vorbildlich umgesetzt von Lauren Sánchez Bezos. Sie tritt in einem nachtblauen Kleid von Schiaparelli auf, das exakt dem einer Pariser Society-Dame auf dem „Portrait of Madame X“ von John Singer Sargent entspricht. In der Pariser Gesellschaft löste es 1884 ein Skandal aus – wegen eines verrutschten Trägers. Es folgte moralische Entrüstung und gesellschaftliche Ächtung, der Maler wird aus Frankreich getrieben.Sánchez Bezos, seit sie an der Seite des Amazon-Eigentümers steht, von vielen als zu vollbusig und „zu viel“ für die linken Nasenringfrauen und Akademiker-Museums-Kuratorinnen im heutigen New York kritisiert, verwandelt diese Kritik nun in ein Stilzitat.Nicht über ein vermeintlich skandalöses Kleid, sondern über ein Bild, das einst an den engen Maßstäben seiner Zeit zerschellte. Sie nutzt es als Kommentar auf ein vermeintlich progressives Milieu, das sich für aufgeklärt hält, aber mit erstaunlicher Kleingeistigkeit urteilt, sobald jemand nicht in sein ästhetisches Tugendkorsett passt.Ratlosigkeit hingegen, als Anna Wintour den roten Teppich der Gala betritt, die sie seit 28 Jahren kuratiert. Ein türkisfarbenes Federvolumen von Chanel – viel Effekt, wenig Gedanke, keine Idee. Chanel-Federn auf dem Laufsteg sind Handwerk, Haute Couture. Auf einer Motto-Gala allerdings reiht sich das Kleid in zahlreiche andere Federkostüme ein, die unfreiwillig an den Bastelladen erinnern. Kendall Jenner entscheidet sich dagegen und tut das Überraschende: Sie arbeitet mit Gap, ja Gap zusammen, früher mal Galerie für perfekte Basics, danach leider nicht mehr. Auch Victoria Beckham hat gerade eine Kollektion mit der Marke herausgebracht. Zeitgleich modelliert Zac Posen, der aktuelle Creative Director der Marke, Kendall Jenner eine Robe direkt auf den Körper, die von der geflügelten Siegesgöttin von Samothrake, auch bekannt als Nike von Samothrake, inspiriert ist. Das einzige Kleid, zur Form geronnene Bewegung, das ins Museum gehört, weil es keines mehr ist. Mode dagegen gehört auf den Körper. Ein getragenes Kleid, das ins Museum soll, hat meist schon verloren, weil es erstarrt, wo es eigentlich leben sollte.Zwei, die auf diese Gala gehören wie die The Mark Bar zum Vorglühen: Man sieht förmlich vor sich, wie Rihanna und A$AP Rocky jeden Morgen in einer riesigen gemütlichen Sofalandschaft in einem Apartment auf der Upper East Side zusammen mit den drei Kindern enthusiastisch ihr nächstes Gala-Outfit planen. Sie, die 2025 dort ihre dritte Schwangerschaft verkündet hat, shines bright like a diamond. Er, der im selben Jahr Co-Chair war, läuft – ebenfalls in Chanel – Anna Wintours Outfits konsequent den Rang ab. Shoutout an Hailey Bieber, die (oder deren Stylistin) dem hektisch winkenden Reflex widerstanden hat, irgendein Gemälde in Textil zu übersetzen oder noch schlimmer, es aufzupinseln oder zu drucken, wie Versace Warhols Marilyn Monroe Pop-Art in seiner Spring Summer 1991 Kollektion. Bieber weiß: Nicht Mode braucht Kunst, um sich zu legitimieren. Im Zweifel aber braucht Kunst Mode, um zu zirkulieren. Lesen Sie auchIhre Robe folgt genau dieser Logik. Kein Zitat aus dem Museum, sondern eine Hommage an die Mode selbst – an ein Kleid aus der Couture von Yves Saint Laurent aus dem Jahr 1969, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Claude Lalanne.Beyoncé nimmt das erste Mal nach zehn Jahren wieder an der Gala teil. Grandios überladen in Olivier Rousteing.Cara Delevingne macht ihren Auftritt in Ralph Lauren zum Gemälde. Bei zu langem Betrachten fragt man sich allerdings, wer eigentlich verantwortlich für diese Hecke ist, die die Fotografen abtrennt, dazu verlorene, hilflos arrangierte Blumenkübel und ein Teppich in aufgesprühter Fliesenoptik? Anna Wintour?