PfadnavigationHomeRegionalesHamburgElbphilharmonieVom Anfang der Musik durch ihr EndeVeröffentlicht am 06.05.2026Lesedauer: 4 MinutenDirigent Manfred Honeck, ein Meister klarer GestenQuelle: Sophie WolterDas um Chöre und Gesangssolisten verstärkte NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnete unter der Leitung von Manfred Honeck das Internationale Musikfest Hamburg mit dem hochdramatischen Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt.Bleibt stark im Glauben, Gott wird siegen. Die Kernbotschaft der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament der Bibel ist klar. Der österreichische Komponist Franz Schmidt (1874-1939) vertonte das Werk unter dem Titel „Das Buch mit sieben Siegeln“, derweil er den Bibeltext nach eigenem Gusto zu einem Libretto umgestaltete. Sein außerordentlich dramatisches Oratorium wurde 1938, drei Monate nach dem Anschluss Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland, in Wien uraufgeführt. Der Kampf zwischen Gut und Böse in ewig wandelbarer GestaltWar für die Austrofaschisten um den Spätromantiker Schmidt, der für den Anschluss stimmte und von den Nazis hofiert wurde, auch die Versuchung groß, Adolf Hitler für den Erlöser zu halten und mit Jesus Christus gleichzusetzen: Das Werk war in seiner Entstehung von 1935 bis 1937 keineswegs faschistisch motiviert, sondern stets als christliches Manifest seines religiösen Schöpfers gemeint. Die missbräuchliche Vereinnahmung, die falschen Parallelen endeten bald. Bereits sieben Jahre später war das tausendjährige Reich Geschichte.Der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Satan, dem weißen Reiter und dem Drachen, setzt sich in ewig wandelbarer Gestalt fort. Das Oratorium, stark im katholischen Glauben Schmidts verankert, kam nach dem Krieg in Wien weiter regelmäßig zur Aufführung. Nun wurde es zum Auftakt des Internationalen Musikfests Hamburg erstmals in der Elbphilharmonie gespielt, man möchte schreiben „ausgerollt“, und begeisterte mit seiner sinfonischen Wucht auch das Publikum im Norden. Das Musikfest-Motto lautet 2026 „Ende“Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung von Manfred Honeck, verstärkt um Solisten und einen 80-köpfigen Chor von NDR Vokalensemble und MDR-Rundfunkchor, überzeugte restlos. Ein passender Auftakt zu einem Konzertreigen, der in diesem Jahr unter dem Motto „Ende“ steht, das als Roter Faden durch ein so vielfältiges wie reichhaltiges Programm bis zum 3. Juni führt.Bei einem Festakt vor dem Eröffnungskonzert wurde klar, wie nah dem Ende die Hoffnung liegt. Der bekanntlich aus Wien stammende Intendant Christoph Lieben-Seutter forderte die Gäste auf, die Apokalypse zu genießen. Denn das Wort „Apokalypse“ bedeutet „Enthüllung, Offenbarung“ und nicht etwa das „Ende“. Kultursenator Carsten Brosda, bekannt für seine Aufforderungen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten, gab den sachdienlichen Hinweis, dass noch nie jemand vom Weltuntergang habe berichten können. Als Gastredner sprach der Philosoph Byung-Chul Han, der sich selbst als Dichter begreift und der aktuell an einer „Metaphysik der Treue“ arbeitet. Nachdenklicher Festakt mit leisen TönenHan verwies in seiner Festrede unter dem Titel „Bitte die Augen schließen“ auf die in unserer hektischen Zeit weitgehend verloren gegangene Fertigkeit, etwas zu „schließen, abzuschließen“, um es als erfüllt anzusehen und mit einem neuen Anfang darauf aufzubauen, sei es nun ein Tag oder ein Leben. Den musikalischen Rahmen des Festakts im kleinen Saal gestaltete die feinfühlige Pianistin Elisabeth Brauß mit Werken von Schubert, Bach und Schumann.Der Kontrast des zarten Auftakts zur anschließenden Aufführung des gewaltigen Oratoriums war fast schmerzhaft ernüchternd. Der international gefeierte Dirigent Manfred Honeck, der zum Saisonanfang im Herbst als Chef des Pittsburgh Orchestra in die Elbphilharmonie zurückkehren wird, faszinierte mit seiner klaren Lesart des Schmidt‘schen Dramas. Er weiß, was er hören will. Orchester, Chor und Solisten liefern. Pop-Up-Bar mit Miles-Davis-MarathonAls Sänger beeindruckten besonders der Bass Tareq Nazmi als „Stimme des Herrn“ und der Tenor Maximilian Schmidt als Johannes in der Funktion des Erzählers. An der Orgel, die im Oratorium nach dem Prolog auf den Anfang „Die ersten sechs Siegel“ einstimmt und in einem zweiten Solo auf den zweiten Teil „Das siebente Siegel“, grub Thomas Cornelius in tiefen Gefühlen. Das Publikum feierte die Aufführung.Vor und nach dem Konzert konnten die Besucher in der Pop-Up-Bar im Kaispeicher bei einem Drink in einen Miles-Davis-Marathon hineinhören. Der 1991 verstorbene Jazztrompeter wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass wird in der Bar in wechselnden Programmen sein Gesamtwerk in fünfzig Stunden gespielt, von 67 Vinylplatten. Die Bar ist bis zum kommenden Mittwoch geöffnet.Internationales Musikfest, Programm unter: www.elbphilharmonie.de/de/festivals/internationales-musikfest-hamburg/1249
Elbphilharmonie: Pure Gänsehaut – Musikfest startet mit dramatischem Oratorium - WELT
Das um Chöre und Gesangssolisten verstärkte NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnete unter der Leitung von Manfred Honeck das Internationale Musikfest Hamburg mit dem hochdramatischen Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt.






