PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungKanzler-BashingDie Lust, Friedrich Merz misszuverstehenVeröffentlicht am 02.05.2026Lesedauer: 2 MinutenDie Kritik an Bundeskanzler Friedrich Merz wächst: Nach dem öffentlichen Schlagabtausch zwischen Berlin und Washington und dem Koalitionsstreit zweifeln immer mehr Politiker an seiner Führungsstärke.Wie ein hassverhungertes Wolfsrudel fallen die Kritiker des Bundeskanzlers über ihn her. Warum dieser Furor? Beim Psychoanalytiker Sigmund Freud findet sich eine gute Erklärung für das Phänomen.Im Umgang der Deutschen mit Friedrich Merz lässt sich eine fast orgiastische Freude am Missverständnis wahrnehmen. In geradezu sinnlicher Erregung scheint jeder darauf zu lauern, den Kanzler endlich wieder nach Kräften misszudeuten. Dann stürzt man sich wie ein hassverhungertes Wolfsrudel auf den Tabubrecher und stößt ihm die Zähne in den Leib. In diesem Furor ist die Sehnsucht nach einer kantigen Persönlichkeit in der Politik genauso vergessen wie die oft zu hörende Klage, Politiker seien wandelnde Plattitüden. Merz redet anders – und das ist dann auch wieder nicht recht. Schlimmer noch: Wer die Empörten wenige Tage später darauf hinweist, dass Merz recht habe, die staatliche Rente reiche zum Erhalt des Lebensstandards heute schon kaum, der erhält häufig die Antwort: „Aber so wie er es gesagt hat, geht es gar nicht.“Lesen Sie auchVielleicht bietet Sigmund Freud zumindest einen Teil der Erklärung für das Merz-Bashing. In seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ schreibt Freud: „Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben.“ Auf die heutige Lage bezogen: Dank Friedrich Merz kann die gespaltene Gesellschaft für einige Tage vergessen, wie gespalten sie ist.Hinzu kommt die aus den sozialen Medien in die Öffentlichkeit geschwappte Lust an der Empörung. Sie erklärt jeden Maulwurfshügel der Misslichkeit sofort zum Mount Everest. Dennoch irrt Merz, wenn er wehleidig erklärt, kein anderer Kanzler habe erlitten, was er durchmache. Helmut Kohl erging es ähnlich – und Olaf Scholz. Dass es bei Letzterem so gewesen ist, lag auch am damaligen Oppositionschef Friedrich Merz.