PfadnavigationHomeRegionalesHamburgSPD in der KriseAufruhr oder Aufbruch? Der Genosse, der sich in Stellung bringtVeröffentlicht am 02.05.2026Lesedauer: 8 MinutenFinanzsenator Andreas Dressel: Ist der Mann, der überall zu sein scheint, bald auch dort, wo nur einer sitzen kann?Quelle: Bertold FabriciusWie kaum ein anderer hält Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel den Sozialdemokraten im Bund derzeit den Spiegel vor. Doch helfen ihm Mut und Ehrgeiz auf dem Weg nach ganz oben?Es sind wenige Wochen her, da platzt Andreas Dressel sprichwörtlich der Kragen – ein Wesenszug, für den Hamburgs Finanzsenator öffentlich nicht bekannt ist. Doch das desaströse Ergebnis seiner Partei bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg wühlt den Sozialdemokraten auf. Und so zückt der 51-Jährige am Morgen danach sein Handy und postet auf seinen Social-Media-Kanälen: „Wir haben in vielen Bundesländern (...) die arbeitende Mitte verloren. Wann begreifen das einige – insbesondere im linken Flügel – in der Bundestagsfraktion und im Parteivorstand der SPD endlich und handeln entsprechend?“Dass weder der Bürgermeister noch die Parteivorsitzenden aus einer der letzten sozialdemokratischen Hochburgen den offenen Angriff gegen die Parteispitze in Berlin wagen, stattdessen der Finanzsenator, verwundert nur auf den ersten Blick. Bei genauer Betrachtung wird sichtbar: Dressel wartet ungern, bis etwas passiert. Er ist ein Politiker, der lieber frühzeitig selbst aktiv wird – nicht laut, eher systematisch. Er hat erfahren, dass Präsenz Macht verschafft, sei es durch Talkshowauftritte, Gastbeiträge auch in überregionalen Medien oder klug gewählte Posten wie den des Ländersprechers bei den jüngsten Tarifverhandlungen. Schachzüge, die in der SPD nicht unbemerkt bleiben. Dort wird er von einigen bewundert, von anderen belächelt – von allen aber beobachtet. Und so fragen sich immer mehr Sozialdemokraten, ob der Mann, der überall gleichzeitig zu sein scheint, bald auch dort sein möchte, wo nur einer sitzen kann.Auf höhere Ambitionen wie das Bürgermeisteramt angesprochen, wiegelt Dressel in einem Gespräch mit WELT AM SONNTAG staatsmännisch ab: „Wir, die SPD, liegen deshalb in Hamburg bei 30 Prozent plus X, weil wir uns nicht mit uns selbst beschäftigen, sondern mit der Zukunft der Stadt.“ Er fügt hinzu: „Wir funktionieren als Team – das ist Teil unseres Erfolgs.“ Er werde alles dafür tun, seinen Beitrag zu leisten, „wie ich das immer getan habe“. Und sicherheitshalber fügt er noch hinzu: „Das meine ich ernst, das ist keine Floskel.“ Lesen Sie auchDas Besondere an der Methode Dressel ist, dass ihn viele seiner Wegbegleiter für authentisch halten, was die stets hohen Personenstimmen in seinem Wahlkreis Alstertal/Walddörfer im Norden der Stadt bestätigten. Einer, der mit ihm studiert hat, sagt, ohne seinen Namen veröffentlicht sehen zu wollen: „Egal, um welche Ecke man kam, Andreas war schon da – und so ist es bis heute.“ An der Universität Hamburg studierte Dressel einst Rechtswissenschaften und promovierte. Trotz eines herausragenden Examens entschied er sich zunächst für den bequemen Weg als Referatsleiter in der Stadtentwicklungsbehörde, trieb parallel dazu seine Politkarriere voran. 2004 gelang ihm erstmals der Sprung in die Bürgerschaft, er wurde Fachsprecher für Inneres und agierte später für viele Jahre als Vorsitzender der SPD-Fraktion. Bis heute lenkt der Umtriebige in Wandsbek den mitgliederstärksten SPD-Kreisverband in Hamburg. Ein steiler Aufstieg, weshalb ihn viele bereits 2018 aufgrund des Wechsels von Olaf Scholz nach Berlin als dessen Nachfolger im Amt des Bürgermeisters sahen. Doch Scholz, der erst Bundesfinanzminister und schließlich Bundeskanzler wurde, hievte damals überraschend den unscheinbaren Peter Tschentscher auf den Posten. Dem bis dato als Kronprinzen gehandelten Dressel gab er den Ratschlag, so geht jedenfalls die Legende, vorerst Regierungserfahrung zu sammeln. Seine Enttäuschung darüber ließ sich Dressel öffentlich nie anmerken, er lächelte weiter in die Kameras und feilte fortan im von Tschentscher geerbten Finanzressort an seinem Einfluss. Seine von ihm selbst gepflegten Social-Media-Auftritte stellte er strategisch um, die Schlagzahl der Posts erhöhte sich seither deutlich. „Die Sozialkosten gehen durch die Decke“Und so ist Dressel mehr denn je gefühlt dauerpräsent, beim Erklären der Steuerschätzung im Rathaus, beim Spatenstich eines neuen Vereinsheims, im Morgengrauen an der U-Bahn-Station im Einsatz für eine Olympia-Bewerbung. Seinen Stil, sich gut informiert um Probleme zu kümmern und stets ansprechbar für die Bürger zu sein, hat er sich bewahrt – das attestieren ihm Anhänger und Kritiker gleichermaßen. Überdies die Fähigkeit, den Kompromiss als oberste Haltung zu verstehen. Nicht zuletzt genoss Dressel als Verhandlungsführer der Länder für die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst über Monate eine bundesweite Aufmerksamkeit, die ihm einen Talkauftritt bei Markus Lanz sowie einen viel diskutierten Gastbeitrag im „Handelsblatt“ bescherte. Der Staat leide massiv durch „Steuerausfälle, explodierende Sozialleistungen und hohe Flüchtlingskosten“, schrieb Dressel darin. Zudem „kommt die deutsche Wirtschaft nicht aus den Startlöchern – da kann der öffentliche Dienst nicht Lohnführer sein“. Ferner richtete er einen flammenden Appell an seine Partei, den Sozialstaat zu verschlanken: „Die Sozialkosten gehen durch die Decke. Die Bürger sind bereit für Reformen – hoffentlich fällt jetzt auch bei der SPD in Berlin der Groschen.“ Nötig seien „Vereinfachung, Abkehr von teuren Einzelfallhilfen und Kostensenkung“.In seinem bereits erwähnten Social-Media-Post nach der Wahl in Baden-Württemberg fleht er nun seine Partei förmlich an: „Wann schwenkt die SPD beim Sozialstaat endlich auf einen dringend nötigen Reformkurs, der die arbeitende Mitte in den Fokus rückt und in den Kassen von Bund, Ländern und Gemeinden zeitnah kostendämpfend spürbar wird? Warum orientiert man sich nicht endlich an den Bundesländern, in denen die SPD noch in der Lage ist, in der Mitte Wahlen zu gewinnen – zum Beispiel in Hamburg?“ Und weiter: „Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit, diesen Satz von SPD-Urgestein Kurt Schumacher sollten sich einige Genossinnen und Genossen (...) bitte dringend zu Herzen nehmen.“Lesen Sie auchIm Gespräch mit dieser Zeitung schärft Dressel nach: Die SPD in Hamburg zeige, dass Politik aus der Mitte für die Mitte Bestwerte bei sozialer Gerechtigkeit erziele. „Manche behaupten, wir seien so mittig, dass man das SPD-Profil nicht mehr erkenne – aber das Gegenteil ist der Fall“, so der 51-Jährige. Während sich Dressel früher in Debatten in These und Antithese verlor, unentwegt abwägte und sich selten positionierte, ist er mittlerweile bereit, Gegenwind auszuhalten – selbst aus den eigenen Reihen. Aktuelles Beispiel ist die vom Senat beschlossene Reform des Hamburgischen Vergabegesetzes, wonach Tariftreue bei Liefer- und Dienstleistungen erst ab einem Auftragswert von 50.000 Euro gelten soll. Während Dressel in dem mühsam ausgehandelten Kompromiss faire Löhne und wirtschaftliche Attraktivität erkennt, schäumen die Gewerkschaften vor Wut und stimmen den Klassiker „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ an. „Es ist ein Grundproblem der linken Mitte, dass sie Übereinkünfte nicht mehr als Interessenausgleich begreift, der demokratische Prozesse erst möglich macht“, konterte das Dressel-Lager.Zeit zum Durchatmen bleibt dem Finanzsenator nicht: Mit der Aufstellung zum Doppelhaushalt 2027/28 wartet bereits die nächste Herausforderung auf ihn. Da selbst die Kassen des reichen Stadtstaates klamm sind, muss Dressel massiv sparen – zum Ärger der Senatoren, der Behörden, der Partei. Insbesondere der linke Nachwuchs beäugt den Finanzsenator skeptisch. „Wenn man bestimmte Ämter anstrebt, kann man es nicht mehr allen recht machen“, sagt ein weiterer Beobachter – und verweist auf einen gern von Dressel zitierten Satz des früheren SPD-Chefs Franz Müntefering: „Da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen.“ Und der Weggefährte prognostiziert: „Wenn Dressel bei den Haushaltsberatungen Härte beweist, wird das sein Meisterstück auf dem Weg zum Bürgermeister-Posten.“ Wenn Hybris Kompetenz überholtMit gemischten Gefühlen blicken derweil jene aus den eigenen Reihen auf den Finanzsenator, die möchten, dass alles so bleibt, wie es ist. Gewiss, Dressel sei ehrgeizig, heißt es – um sogleich anzumerken: „Er will den finalen Schritt nach ganz oben vielleicht um zehn Prozent zu viel, weshalb er ab und an übertreibt.“ Der Tipp des Parteifreundes: „Er sollte öfter abwägen, ob es nötig ist, sich zu allem zu äußern.“ Zwar teilen etliche Genossen Dressels Einschätzungen hinsichtlich der Parteispitze in Berlin, wo „Hybris Kompetenz überholt hat“, raunt es an der Elbe. Doch lauert für andere wiederum genau in diesem Nach-vorn-Preschen etwas, was Hanseaten möglichst vermeiden möchten: Aufruhr. „Wenn es um die künftige Spitzenkandidatur in der Hamburger SPD geht, führt kein Weg an Andreas Dressel vorbei, er ist kompetent, fleißig – und bereit“, fasst ein Parteifreund zusammen. Ein weiterer, der ebenfalls unerkannt bleiben möchte, fügt hinzu: „Die Tatsache, dass sich Andreas in Stellung bringt, ist unstrittig.“ Würde er darauf wetten, dass der Finanzsenator der nächste Spitzenkandidat wird? „Nein.“ Würde er dagegen wetten? „Auch nicht.“ Es sei ein offenes Rennen zwischen Dressel und seiner natürlichen Konkurrentin, der Co-Landeschefin und Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard. Der Genosse ergänzt: „Aber hoffentlich macht es der Peter noch einmal.“ Denn mit Tschentscher habe die SPD bei der Bürgerschaftswahl 2030 die besten Chancen. „Er ist nach wie vor beliebt“, heißt es. Das belege die jüngste Umfrage, wonach die SPD im Moment auf 30 Prozent der Stimmen käme, gefolgt von CDU und Grünen mit jeweils 20. Lesen Sie auchTschentscher, der Hamburg mit einer ungefährdeten rot-grünen Mehrheit regiert, gilt innerhalb seiner Partei als ein Bürgermeister ohne Glamour, der aber verlässlich auftritt, nie wankt, selten laut wird. Das vehemente Festhalten an dem 60-jährigen Labor-Mediziner ist nichts Geringeres als das Resultat jahrzehntelanger Dominanz der Roten an der Elbe. Nicht, weil die Genossen Dressel oder Leonhard für ungeeignet halten. Sondern, weil ein interner Machtkampf an der Statik der Partei rütteln würde. Hamburgs SPD ist eine Partei, die Stabilität bevorzugt und Unruhe missbilligt. So funktioniert Dressels Strategie der Dauerpräsenz, solange Tschentscher schweigt. Solange die Partei hoffen darf, dass sie sich nicht entscheiden muss. Solange die Mechanik der Macht nicht zum offenen Wettbewerb wird. Und Dressel ist nach Jahrzehnten des Aufstiegs klug genug, um zu wissen, dass Macht nur dann entsteht, wenn die Hamburger SPD bereit ist, sie zu vergeben. Noch ist sie es nicht, aber irgendwann wird sie es müssen. Und manchmal geschieht das schneller, als man glaubt.
Andreas Dressel: Aufruhr oder Aufbruch in der SPD? Der Genosse, der sich in Stellung bringt - WELT
Wie kaum ein anderer hält Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel den Sozialdemokraten im Bund derzeit den Spiegel vor. Doch helfen ihm Mut und Ehrgeiz auf dem Weg nach ganz oben?







