PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenRohstoffknappheitDie Schätze im Boden von Rheinland und WestfalenVon Stefan LaurinStand: 12.05.2026Lesedauer: 6 MinutenSchema der unterirdischen Lage von Öl- und GaslagerstättenQuelle: picture alliance/Zoonar/Olga KostrovaIn den Tiefen des Landes NRW lagern viele Rohstoffe. Gefördert werden nur wenige. Doch das müsse man in Zeiten globaler Krisen überdenken, sagen Experten.Am Rand eines Gewerbegebiets am Stadtrand Krefelds sitzt der Geologische Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen. Was im Boden des Landes liegt, wird hier seit Jahrzehnten untersucht. Ein Wissen, das immer wertvoller wird. Kann Nordrhein-Westfalen sich selbst mit Gas versorgen? Gibt es zwischen Rhein und Weser die wertvollen seltenen Erden, von denen die Industrie abhängig ist? Lange interessierten sich nur wenige für die heimischen Bodenschätze, doch die Krisen der vergangenen Jahre haben das Interesse an ihnen neu geweckt. Kaum jemand weiß so gut darüber Bescheid, was unter den Häusern, Straßen und Äckern Nordrhein-Westfalens liegt, wie Roland Strauß, der Leiter des Geschäftsbereichs Angewandte Geowissenschaften beim Geologischen Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen. „Nordrhein-Westfalens Gesteine spiegeln mehr als 540 Millionen Jahre Erdgeschichte wider. Das Rheinische Schiefergebirge wurde seit dem jüngeren Tertiär gehoben und war über lange Zeit der Erosion ausgesetzt.“ Dadurch seien die Gesteinsschichten des Erdaltertums heute häufig an der Erdoberfläche freigelegt. Oft lägen nur wenige Meter Lockergestein darüber, dann folge bereits das Festgestein. „Entsprechend vielfältig sind die Vorkommen von Bodenschätzen – von Mineralen bis hin zu unterschiedlichen Kohlearten.“Ob seltene schwere Erden wie Yttrium und Thulium, das für den Bau von Batteriespeichern wichtige Lithium oder das für Halbleiter benötigte Gallium: Viele der begehrten Bodenschätze wurden in NRW gefunden. 34 der hier vorkommenden Rohstoffe sind im europäischen „Critical Raw Materials Act“ aufgeführt. Mit ihm will die Europäische Union die Versorgung mit Rohstoffen sicherstellen, auch durch Förderung innerhalb der EU. Entscheidend sei aber die Unterscheidung zwischen einem Vorkommen und einer Lagerstätte, erklärt die Geowissenschaftlerin Christa Claßen: „Ein Vorkommen bedeutet lediglich, dass ein Rohstoff vorhanden ist. Von einer Lagerstätte sprechen wir erst dann, wenn sich dieser Rohstoff wirtschaftlich gewinnen lässt. Ob das der Fall ist, hängt unter anderem vom jeweiligen Marktpreis ab.“Steinkohle ist noch in großen Mengen vorhanden, so etwa im Münsterland, wo sie allerdings in 6000 Meter Tiefe liegt. Rentabel ist der Abbau schon seit den 60er-Jahren nicht mehr. Auch der Abbau der seltenen Erden lohnt sich nicht. Zu gering sind die Vorkommen, zu kompliziert ist es, sie zu fördern.Doch drei Schätze im Boden Nordrhein-Westfalens sind nutzbar: Kies, Sand, Kalkstein. Diese Rohstoffe, die vor allem am Niederrhein gefördert werden, sind die Grundlage für Beton und wichtig für die Bauindustrie. 131 Betriebe haben 2024 51,3 Millionen Tonnen Kies, Sand und Ton im Wert von 729,5 Millionen Euro gefördert. Die Kiesgruben sorgen immer wieder für Streit, Bürgerinitiativen laufen seit Jahren Sturm gegen die Förderung.Und dann ist da noch ein ganz besonderer Sand: Quarzsand. In NRW gibt es drei Lagerstätten: in Haltern am See im nördlichen Ruhrgebiet, bei Frechen bei Köln sowie in Herzogenrath in der Städteregion Aachen. Quarzsand besteht aus Siliziumdioxid mit einem Reinheitsgrad von bis zu 99,8 Prozent. Das Halbmetall ist die Grundlage für Computerchips.Am wertvollsten sind allerdings die Gasvorkommen. „Diese Vorräte vor allem an Schiefergas“, sagt Roland Strauß, „liegen im Weserbergland an der Grenze zu Niedersachsen.“ Dort lagern nach Erkenntnissen der Geologischen Dienstes Tausende Kubikkilometer Gas. Nicht alles davon lasse sich fördern, aber doch eine große Menge. Experten gehen davon aus, dass die Vorräte ausreichen würden, um ganz NRW 30 Jahre lang mit Gas zu versorgen. Doch das ist bisher nur Theorie: „Da mit den bundesgesetzlichen Regelungen und der Zielformulierung im Landesentwicklungsplan des Jahres 2017 die Genehmigung eines Fracking-Einsatzes in unkonventionellen Lagerstätten in Nordrhein-Westfalen ausgeschlossen ist, stellt sich diese Option derzeit nicht“, sagt Strauß. Auch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung wird das umstrittene Fracking, bei dem die tiefen Gesteinsschichten aufgesprengt werden, um an das Schiefergas heranzukommen, ausgeschlossen. Doch als der 2021 geschlossen wurde, hatte Russland noch nicht mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen, und auch der Krieg Israels und der USA gegen das Regime im Iran war nicht absehbar. Gas war preiswert, die Versorgung schien gesichert. Lesen Sie auchDoch auch jetzt will das Wirtschaftsministerium das heimische Gas nicht fördern, wie es auf Anfrage von WELT AM SONNTAG mitteilt: „Von den Planungen bis zur Aufnahme einer Gewinnung würden viele Jahre vergehen, falls die standortbezogene Prüfung überhaupt zu einer Genehmigungsfähigkeit führt. Zudem ist angesichts des mangelnden Interesses von Unternehmen fraglich, ob eine wettbewerbsfähige Förderung in Nordrhein-Westfalen überhaupt möglich wäre.“ Auch die SPD setzt nicht auf Gas aus NRW: Deutschland habe sich vor einigen Jahren mit dem Ausbau der LNG-Infrastruktur für den Gasimport entschieden, sagt André Stinka, energiepolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: „Das würde man konterkarieren.“ Die Sozialdemokraten führen auch ökologische Bedenken an: „Fracking bedeutet Risiken fürs Trinkwasser, Bodenerschütterungen und -senkungen.“ Anders sieht es Dietmar Brockes, energiepolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion: „Die Folgen des Iran-Kriegs zeigen wieder einmal eindrücklich, wie verletzlich unsere Energieversorgung ist.“ Energiepolitik müsse Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Unabhängigkeit zugleich im Blick behalten. „Deshalb müssen wir ideologische Denkverbote endlich überwinden und die verantwortungsvolle Nutzung heimischer Energiepotenziale ermöglichen.“ Deutschland und NRW verfügten über erhebliche Schiefergasvorkommen, die einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten könnten.So sieht es auch der Energieökonom Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereiches „Umwelt und Ressourcen“ beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. Heimisches Gas könne Abhängigkeiten verringern, sagt er, besonders von Importen von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Katar und den USA. Doch damit Gas in NRW gefördert werden kann, müsste es zu einer Aufhebung des seit zehn Jahren geltenden Fracking-Verbots kommen. Die ökologischen Risiken wären gering – so hat es jedenfalls eine Expertenkommission Fracking in ihrem Bericht für den Bundestag im Jahr 2021 festgestellt: „Moderne Fracking-Technologien haben strenge Umweltauflagen. Die rechtlichen Einschränkungen sollten daher auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und der veränderten energiepolitischen Lage überprüft werden.“Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie, geht davon aus, dass die Erschließung der unkonventionellen Lagerstätten 20 Prozent des deutschen Gasbedarfs decken und Nordrhein-Westfalen dabei eine relevante Rolle spielen könnte. Die Industrie stehe bereit, wenn Fracking erlaubt würde und die Genehmigungen erteilt würden: „Rein technisch wären die Gasproduzenten dazu in der Lage, innerhalb eines halben Jahres nach Beginn der Bohrarbeiten die Erdgasproduktion aufzunehmen“, so Möhring. Die in Deutschland infrage kommenden Unternehmen könnten auf international verfügbares Know-how zugreifen. Auch unter Klimagesichtspunkten sei heimisches Erdgas vorteilhaft. Mit der Förderung könne man die CO2-Emissionen, die beim Import von LNG entstehen, um bis zu 30 Prozent verringern.Die Ressourcen sind da. Doch ob sie genutzt werden, entscheidet die Politik. Und die ist beim Thema Gas bislang zurückhaltend. Noch.