PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenNRW-Chemieindustrie„Die Einschläge kommen näher“Veröffentlicht am 05.11.2025Lesedauer: 8 MinutenDas Ineos-Werk in Köln-Worringen liegt gleich am Rhein, rund 2500 Menschen werden hier beschäftigt.Quelle: INEOSIn der Chemieindustrie stehen mehrere Werke vor der Schließung, weitere sind bedroht. Die SPD-Opposition fordert nun deutliche Entlastungen für die Schlüsselbranche mit ihren etwa 100.000 Beschäftigten an Rhein und Ruhr.Im Ineos-Werk in Köln-Worringen wird gerade eine neue Gas- und Dampfanlage in Betrieb genommen. Mehr als hundert Millionen Euro hat der britische Konzern dazu an seinem größten deutschen Standort investiert. „Die Investitionsentscheidung dazu ist 2019 gefallen“, sagt Stephan Müller, Manager bei Olefins & Polymers Europe, einem der größten Ineos-Geschäftsbereiche. „In der derzeitigen Lage würde eine solche Investition sicherlich nicht mehr genehmigt“, ergänzt der promovierte Chemiker.Denn die deutsche Chemieindustrie, deren Herz traditionell auch an Rhein und Ruhr schlägt, ist massiv unter Druck. So hat die Zentrale von Ineos gerade erst die Schließung von zwei Werken im Kreis Wesel am Niederrhein verkündet, betroffen sind 175 Mitarbeiter. Das Aus für ein weiteres Werk im Kreis Recklinghausen wurde bereits im Sommer kommuniziert, dort sollen bis Ende 2027 knapp 280 Jobs wegfallen. Seitdem geht auch in Köln die Angst um. Der Standort war 1957 als Firma Erdöl-Chemie von Bayer und BP gegründet worden, seit 2005 gehört er zur britischen Gruppe. Viele Mitarbeiter zwischen Anfang 30 und Ende 40 seien sich nicht mehr sicher, ob es in Köln noch bis zum Ruhestand weitergehen könnte. „Man hört hier oft: Die Einschläge kommen näher“, sagt Leonhard Huckschlag, stellvertretender Betriebsratschef bei Ineos. „Und dem kann ich mich nur anschließen.“ Huckschlag war gerade erst beim Herbstfest des Firmennachwuchses in Köln-Worringen. „Da habe ich auch wieder die Frage gehört: Wie sieht es denn in zwei, drei Jahren aus, wenn meine Ausbildung zu Ende ist?“, berichtet der 37-jährige Elektro-Ingenieur. Während derzeit noch 161 junge Menschen in sieben Ausbildungsberufen und vier Studiengängen in Köln ausgebildet werden, hat das Management einen Quasi-Einstellungsstopp am Standort Köln verfügt. „Es werden aktuell nur noch Posten neu besetzt, wo es unbedingt notwendig ist“, berichtet Huckschlag. „Die Job-Sicherheit, die man hier vor fünf Jahren noch glaubte zu haben, die ist abhandengekommen.“ Die Chemie ist für die NRW-Wirtschaft seit Jahrzehnten eine Schlüsselbranche. Etwa 500 Unternehmen mit derzeit noch etwa 100.000 Beschäftigten stehen für ein Viertel der bundesdeutschen Chemieindustrie, der bislang größten Europas. Diese ist mit anderen Industriebranchen eng verknüpft, etwa 70 Prozent aller hergestellten Stoffe gehen in die industrielle Weiterverarbeitung. Doch wie die Stahlindustrie leidet die Chemie unter billiger Konkurrenz aus Übersee, vor allem aus Asien. Dort ist Energie wesentlich günstiger, und es gibt keine Regelungen zur Bepreisung von CO₂-Emissionen, die beide Branchen zusätzlich unter Druck setzt. So wurden alleine am Ineos-Standort in Köln zuletzt 90 bis 100 Millionen Euro im Jahr für CO₂-Zertifikate fällig. Derzeit wäre man dort froh, wenn das laufende Geschäftsjahr möglichst mit einer „schwarzen Null“ abgeschlossen werden könnte, wie zu hören ist.SPD will die Branche bei den CO₂-Kosten entlasten Vor diesem Hintergrund forderte vor wenigen Tagen die SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag eine Aussetzung oder zumindest eine Lockerung des Zertifikatehandels zur Reduktion von CO₂-Emissionen. „Die Chemie- und Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen steht enorm unter Druck“, sagte Fraktionschef Jochen Ott. Der europäische CO₂-Zertifikatehandel in seiner derzeitigen Form drohe „die Branchen in die Knie zu zwingen“. Im Vergleich zu China, den USA und dem arabischen Raum habe die NRW-Industrie einen großen Kostennachteil. Der Grund liege in den Energiekosten, in Zöllen und vor allem in der Bepreisung des klimaschädlichen Kohlendioxids, die es nur in Europa gebe. Es drohe eine Deindustrialisierung, obwohl NRW hocheffiziente, moderne Anlagen mit den weltweit höchsten Umwelt- und Arbeitsstandards habe. Bedingung für Erleichterungen müsste aber sein, dass die Unternehmen in den ökologischen Umbau investierten und gleichzeitig mit Standortsicherung die Beschäftigung garantierten.Raffinerie von BP in Gelsenkirchen steht zum Verkauf NRW-Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur kritisierte den SPD-Vorstoß hingegen als falsches Signal: „Der europäische Emissionshandel ist ein zentrales Instrument für den Klimaschutz in Europa – und damit auch für die Modernisierung und Zukunftsfähigkeit unserer Industrie“, erklärte die Grünen-Politikerin. „Er sorgt dafür, dass der CO₂-Ausstoß einen Preis bekommt und Investitionen in klimafreundliche Technologien angereizt werden.“ Eine pauschale Aussetzung dieses Mechanismus würde notwendige Transformationsprozesse verzögern und die Glaubwürdigkeit europäischer Klimapolitik untergraben. Im Düsseldorfer Regierungsviertel sieht man derzeit vor allem Berlin in der Pflicht: „Wir sind und bleiben Industrieland“, erklärte die Ministerin gegenüber WELT AM SONNTAG. „Nun muss der Bund liefern: Wir brauchen verlässliche Entlastungen bei den Strompreisen – nicht nur für alle Verbraucherinnen und Verbrauchern, sondern auch und insbesondere für energie- und handelsintensive Unternehmen.“ Hier bleibe das Bundeswirtschaftsministerium „leider weiterhin im Ungefähren. Was unsere Wirtschaft braucht, ist Planungssicherheit bei den Energiekosten und Förderbedingungen, damit unsere Unternehmen in ihre Standorte investieren können“.„Brandbriefe“ der Industrie an die Politik Gerade erst haben 79 Industriebetriebe aus Deutschland und Österreich von der Politik Änderungen beim geplanten Emissionshandelssystem gefordert. Ihre „Brandbriefe“ vom 20. Oktober, die auch von Lanxess, Thyssenkrupp und Ineos unterstützt wurden, gingen unter anderem an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident António Costa und verschiedene Mitglieder der Bundesregierung.Unterdessen haben neben Ineos weitere große Hersteller Schrumpfungspläne verkündet oder Anlagen bereits geschlossen. So prüft die deutsche BP mit Sitz in Bochum seit Februar den Verkauf der Ruhr Oel GmbH – inklusive der Raffinerie in Gelsenkirchen mit rund 2000 Beschäftigten. Aus „Vertraulichkeits- und Wettbewerbsgründen“ könne man aktuell keine weiteren Angaben hierzu machen, so ein Sprecher. 2024 habe man bereits einen geplanten Abbau von etwa 230 Stellen angekündigt, „den wir zwischenzeitlich sozialverträglich und ohne betriebsbedingte Kündigungen im Wesentlichen haben umsetzen können“. Die laufende Marktsondierung verfolge das Ziel, „dass die Ruhr Oel GmbH unter einem neuen Eigentümer ihr volles Potenzial entfalten kann“. Wie geplant seien in der Raffinerie Gelsenkirchen zwei Anlagen abgeschaltet worden, was aber nicht zu einer Reduzierung der Gesamtproduktionskapazität am Standort führe. „Weitere Stilllegungspläne gibt es aktuell nicht.“ Noch produziere man Benzin, Diesel und Heizöl für Westdeutschland, über Züge werde die Schweiz von Gelsenkirchen aus mit sogenanntem Winterdiesel beliefert. Bei der zweiten großen NRW-Raffinerie, die Shell in Köln-Godorf betreibt, läuft derzeit ein Umbau der Produktpalette, wie ein Sprecher erläutert. „Das Ziel: ein Standort, der wirtschaftlich stark ist und gleichzeitig aktiv zur Dekarbonisierung beiträgt.“ Ein zentraler Schritt hierzu sei die Abschaltung der Rohöldestillation in Wesseling im März gewesen. Statt fossiler Kraftstoffe setze man in Köln mehr und mehr auf zukunftsfähige Produkte und Technologien – ohne die Versorgungssicherheit nach weiter nachgefragten Produkten wie Benzin, Diesel oder Flugkraftstoffe zu gefährden. Seit einem Jahr sei zudem eine Bio-LNG-Anlage für Flüssiggas in Betrieb ist. „Sie ist die größte ihrer Art in Deutschland und kann jährlich bis zu 100.000 Tonnen Bio-LNG aus nachhaltigen Reststoffen wie Gülle und Mist produzieren“, so der Sprecher. Damit könnten jährlich bis zu 5000 Lkw betrieben werden – und im Vergleich zu Diesel-Lkw würden so rund eine Million Tonnen CO₂ vermieden. Detaillierte Angaben zur derzeitigen wirtschaftlichen Lage oder zur Auslastung von Anlagen in NRW könne man jedoch nicht machen. Derzeit wird bei Shell in Köln ein teurer „Checkup“ der Anlagen durchgeführt, der alle vier bis fünf Jahre fällig ist. Diese millionenschwere Überprüfung ist auch in der Raffinerie Gelsenkirchen regelmäßig vorgeschrieben. Die Frage scheint aber zu sein, ob sich das noch lohnt, auch wegen der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten und dem beschlossenen Auslaufen fossiler Brennstoffe. Bei Evonik in Essen wurde gerade erst die Jahresprognose von 2 bis 2,3 Milliarden Euro Jahresgewinn auf rund 1,9 Milliarden Euro gesenkt. „Bis April hatten wir einen guten Jahresauftakt“, sagte Konzernsprecher Jörg Wagner dieser Zeitung. „Aber im Mai gab es einen rapiden Nachfrageabriss, und die erhoffte Erholung in der zweiten Jahreshälfte blieb aus.“ Vor diesem Hintergrund habe man auch die jährlichen Investitionen von rund 950 Millionen Euro auf 800 Millionen in diesem Jahr heruntergefahren. Wie Wagner erläutert, hat bereits 2022/23 im Rahmen des Programms „Evonik Tailor Made“ ein größerer Umbau begonnen. Abgebaut werden sollten 2000 Stellen, etwa 1500 davon in Deutschland, auch vor dem Hintergrund von Firmenzukäufen. „Sonst machen es die Inder, vielleicht mit russischem Öl“ An den Evonik-Standorten Marl und Wesseling sollen zum 1. Januar 2026 rund 3600 Mitarbeiter in eine GmbH mit Namen SYNEQT ausgegliedert werden, bei weitgehendem Erhalt aller Rechte und Besitzstände, so Wagner. Weitere 1400 Mitarbeiter sollen durch Verkäufe verschiedener Bereiche den Konzern verlassen. „Aber wir verabschieden uns ja nicht aus Deutschland und NRW“, betont der Evonik-Sprecher. „Wir sind und bleiben ein deutscher und europäischer Chemiekonzern.“ Es mache auch gar keinen Sinn, alle Anlagen nach Übersee zu verlegen und dann die Produkte nach Europa zu schaffen.Ähnlich argumentiert man auch bei anderen Chemieproduzenten in NRW. „Was wir hier produzieren, wird auch in Zukunft benötigt und produziert werden“, sagt ein hochrangiger Manager, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Aber das passiere dann eben in Asien und anderswo, mit weniger strikten Umwelt- und Arbeitsstandards. Und für das Weltklima bringe die CO₂-Bepreisung somit gar nichts.Auch Michael Vassiliadis, Chef der einflussreichen Industriegewerkschaft IGBCE, warnt vor einem „Domino-Effekt“; die CO₂-Bepreisung der Industrie müsse schnellstmöglich weg. Dem schließt sich der Chemiemanager aus NRW an. „Was hier bei uns in Deutschland und Europa wegfällt, verarbeiten dann etwa die Inder, vielleicht auch mit russischem Öl.“