PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungZum Tod von Craig VenterEin großer DisruptorVon Jan DamsChefreporter WELT am SonntagVeröffentlicht am 01.05.2026Lesedauer: 3 MinutenCraig Venter starb im Alter von 79 JahrenQuelle: AP/Ruth FremsonDer amerikanische Genforscher war maßgeblich an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der Schaffung des ersten Bakteriums mit künstlichem Erbgut beteiligt. Solche Pioniere braucht die Menschheit.Erinnert sich abseits der Wissenschaftsszene noch jemand an Craig Venter, den Genomforscher? Im April 2000 sorgte Venter mit seiner Firma Celera Genomics für eine Sensation: Damals verkündete er öffentlich und vor allem öffentlichkeitswirksam die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts, des Genoms. Venters Auftritt war seinerzeit wie ein lauter Knall, der nicht nur Wissenschaftler aufgeschreckt hat. Gerade für Laien war das eine unerhörte Sensation. Venter starb am Mittwoch im Alter von 79 Jahren infolge einer Krebserkrankung.Anfangs war seine Methode umstritten. Anders als andere zu dieser Zeit setzte Venter auf die sogenannte Schrotschuss-Methode. Dabei wird die menschliche DNA in kleine Teile zerlegt, sequenziert und dann mit riesiger Computerleistung wieder zusammengebaut. Konkurrenten bezweifelten die Qualität seiner Ergebnisse.Der Forscher, der eben nicht nur Wissenschaftler, sondern auch begnadeter Geschäftsmann war, erregte Kritik, weil er aus der Entschlüsselung des Genoms – anders als öffentlich finanzierte Projekte – ein Geschäft zu machen gedachte. Seine Erkenntnisse, so die Überzeugung seiner Gegner, sollten allen zugänglich sein, nicht nur einigen wenigen, kapitalstarken Firmen, die auf Gewinne hofften.Was verband sich auch alles für Erwartungen mit den neuen Erkenntnissen. Wissenschaftler gingen davon aus, dass man mit den Daten den raschen Übergang zu einer neuen, auf das Genmaterial des einzelnen Menschen zugeschnittenen Medizin finden würde. Schwere Volkskrankheiten wie Krebs oder Alzheimer sollten mithilfe dieser Erkenntnisse für immer besiegt werden können.Lesen Sie auchHeute lässt sich sagen: So einfach ist es nicht. Noch immer arbeiten Forscher daran, aus den Gen-Codes deren Funktion herauszulesen. Das Erbgut ist nun einmal kein Bauplan mit direkter Reparaturanleitung. Und was man mittlerweile auch weiß: Krankheiten wie Krebs werden nicht allein durch Funktion oder Fehlfunktion einzelner Gene ausgelöst, sondern durch ein Zusammenspiel vieler Faktoren.Das macht Venters Arbeit aber nicht weniger wichtig, zumal die Entschlüsselung des Genoms durch Celera nicht sein einziger großer Erfolg war. Was er und seine Konkurrenten vom öffentlichen Human Genome Project damals erarbeiteten, ist letztlich die Grundlage für die andauernde Suche nach Medikamenten, die auf die genetische Ausgangslage des einzelnen Patienten zugeschnitten sind. Das ist – wenn es erfolgreich ist – lebensverlängernd, vielleicht sogar lebensrettend. Es ist aber auch unglaublich teuer. Dennoch war die Entschlüsselung des Genoms der Anfang einer neuen Krebsmedizin. Damals hat man angefangen, den Gegner zu lesen.Was Venters Erfolg umso bemerkenswerter macht: Sein Werdegang war ihm nicht in die Wiege gelegt. Der 1946 geborene Wissenschaftler war kein besonders guter Schüler. Erst während seiner Zeit als Militär-Sanitäter im Vietnamkrieg entschied er sich, danach Medizin zu studieren. Anders aber als oft in dieser Szene üblich, war Venter nie der Wissenschaftler, der im Labor vor sich hinarbeitete und seine Ergebnisse dann leise veröffentlichte.Venter liebte das Aufsehen, er war ein Unternehmer mit riesigem Ehrgeiz. Denn er wollte nicht nur den Erkenntnisgewinn. Venter wollte sein Wissen auch in Aufmerksamkeit, Macht und in ökonomischen Erfolg übersetzen. Das macht ihn zu einer der prägendsten Figuren der Genomforschung, zu einem Disruptor, wie die Menschheit sie braucht.