PfadnavigationHomeIconNischenparfümerieMit diesem Parfum knüpft Berlin an seine glorreichen Zeiten anVon Ulf PoschardtHerausgeber WELT, „Politico“, „Business Insider“Veröffentlicht am 01.05.2026Lesedauer: 4 MinutenAls Parfums nach Gewicht verkauft wurden – und Lehmann auch künstliche Blumen anbot: Durch die Jahrzehnte blieb das Geschäft stets im Bewusstsein der BerlinerQuelle: Harry LehmannAn der Hauptstadt findet unser Autor fast alles unerträglich. Mit einer Ausnahme: die Parfümerie Harry Lehmann. Sie wird 100 Jahre alt – und zwei junge Berliner hauchen dem Betrieb neues Leben ein.Der Abstieg Deutschlands von einer beeindruckenden Volkswirtschaft zu biederem Mittelmaß, in dem nur noch Bürokratie und Beamtentum wachsen, zeigt sich aktuell nirgendwo so deprimierend wie in der Hauptstadt.Sowohl in den Jahren der Teilung, als beide Teile Berlins irgendwie wild und verschroben waren, als auch in den Techno- und Kink-Abgründen der Neunziger- und Nuller-Jahre schien Berlin eine große Zukunft zu haben: als ein Ort düsterer deutscher Abgründe und eines neuen wilden Hedonismus. Kaum etwas davon hat überlebt.Lesen Sie auchDie Touristen machen seit kurzem einen Bogen um Berlin, die Kunstwelt hat keinen Bock mehr abseits von vier bis fünf guten Galerien, und wären da nicht die Klassiker wie die Berliner Philharmoniker oder die Museumsinsel, diese Stadt wäre nur noch ein Schatten ihrer selbst.Berlin, neu interpretiert – qua ParfumDeshalb freut sich jeder Berliner und jeder Tourist, wenn es zumindest an der einen oder anderen Stelle noch Dinge gibt, die man so nur in Berlin findet. So wie die Parfümerie Harry Lehmann, die in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag feiert und die im noch nicht polierten Teil West-Berlins, an der Kantstraße, dafür sorgt, dass es ein Produkt gibt, das auf fast geheimnisvolle Art und Weise den Charme des alten Berlins konserviert, weiterentwickelt und dabei neu interpretiert.Die Düfte von Harry Lehmann sind – selbst wenn man die Nischenparfümerien in New York, Paris, Mailand oder London kennt – absolut unverwechselbar. 2024 haben sich zwei junge Männer entschieden, diese alte Marke neu aufzulegen. Die beiden gebürtigen Berliner Jannis Lucian Groh und Vianney Lancres entdeckten den Laden in der Kantstraße, kurz nachdem Lutz Lehmann, der Sohn von Harry und letzter Inhaber, 2022 verstorben war.Sie, die Superstyler, erkannten in dieser Tradition ein Versprechen für die Zukunft. Ihre Art, mit Tradition umzugehen, reicht weit über ihre Parfüms hinaus. Sie erzählen eine Geschichte von Berlin und Deutschland und den Zwanzigerjahren, die im postmodernen Lärm und Social-Media-Rodeo sonst kaum anzutreffen ist.Das Interessanteste daran ist, dass man sehr dankbar ist in Zeiten von Highend-Instagram-tauglichen Duftarmadas, eine Art von vornehmer Zurückhaltung mit unglaublich frischen Akzenten kaufen zu können. 1926 von Eduard Lehmann und seinem Sohn Harry gegründet, fing die stets beschauliche Erfolgsgeschichte dieser kleinen Parfümfabrik, welche die beiden neuen Inhaber nun keck „Die vielleicht kleinste Parfumfabrik der Welt“ nennen, in der Potsdamer Straße in den goldenen Jahren der Weimarer Republik an.Lesen Sie auchUnd wenn man so will, spürt man etwas von diesem untergegangenen „Atlantis der Moderne“, wie der amerikanische Marxist Mike Davis es nannte: dieses Babylon der Zwanziger, in dem die Deutschen zum ersten Mal auch modisch aus der Provinz auszubrechen in der Lage waren. Zu dem Parfüm wurden auch künstliche Blumen verkauft, und alles sah so sehr aus, wie David Lynch sich die Berliner in der Weimarer Republik wohl vorgestellt hätte.Schon die Dietrich ging hier shoppenMarlene Dietrich kaufte bei Lehmann ihren Lieblings-Veilchenduft. Schon damals hing ein Tropfer aus der Fassade des Ladens, und die Passanten konnten überlegen, ob sie nach der Geschmacksprobe Kunden werden wollten. Dann kamen Krieg, Zerstörung und nach dem Krieg der unbedingte Wille, damit weiterzumachen. Im Wirtschaftswunder–Deutschland wurde der Laden in der Kantstraße 1958 auf eine fast betörende Art restauriert.Das Geschäft selbst ist eine Reise wert, wenn man in Berlin ist. Liebevoll gestaltet bis in die winzigen Ecken, kann man dort alle Düfte ausprobieren. Und was besonders hinreißend ist: Die jungen, coolen Besitzer haben Jutta Dahlmann reaktiviert, die dort in diesem Laden Ende der Fünfziger als junges Mädchen angefangen hat, Kunden zu beraten.Nicht nur ihr Service ist exzellent, und so kann man dort gut und gern eine halbe Stunde verbringen und sich auch durch eine Geschichte der Düfte schnüffeln, die so untergetaucht ist. Der Duft macht nicht den Auftritt, sondern dieser Duft unterstreicht Aspekte des Auftritts. Er ist klug in seiner Zurückhaltung.Zweite Filiale in MitteHat man das Gefühl, dass aktuelle teure Düfte so riechen, wie man sich einen Lamborghini vorstellt – einfach von allem zu viel –, so sind die Düfte von Lehmann auf eine moderne Art zurückhaltend und fein. Oder um noch mal Automobil-Analogien zu bemühen: Harry-Lehmann-Düfte sind leicht und haben Grazie wie ein Ferrari aus den Fünfzigern.Im Mai wird eine zweite Filiale in Berlin-Mitte in der Gipsstraße eröffnet – und Ende Mai gibt es auch eine 100-Jahr-Party im Ur-Laden in der Kantstraße. Mittlerweile hat sich die unverwechselbare Eleganz der Düfte auch global herumgesprochen, die Besitzer beliefern Kunden in der ganzen Welt. Noch gilt das Ganze als Geheimtipp. Aber es könnte sein, dass es damit bald vorbei ist.