PfadnavigationHomeRegionalesHamburgAreal der ehemaligen „Esso“-HäuserWarum nach zwölf Jahren Stillstand in der Reeperbahn-Baulücke Pragmatismus siegtVeröffentlicht am 30.04.2026Lesedauer: 4 MinutenPacken es an: Thomas Krebs (Saga), Frank Gerhard Schmidt (Quantum), Ralf Neubauer (Bezirk Mitte) Bau-Senatorin Karen Pein (SPD) und Finanzsenator Andreas Dressel (SPD)Quelle: Christian Charisius/dpaIn einer nächtlichen Hauruckaktion wurden 2013 die berühmten „Esso“-Hochhäuser auf dem Kiez geräumt, 2014 abgerissen. Es folgten 12 Jahre Planung, Hoffnung, Enttäuschung. Nun siegt die Kunst des Machbaren: Statt „Paloma-Viertel“ kommt jetzt die „Kiezkante“.Ein knallblauer Frühlingshimmel spannt sich über die Baulücke an der Reeperbahn, doch statt bestem Sonnenschein hielt sich niemand mit Smalltalk übers Wetter auf. Stattdessen schwelgten viele Gäste des feierlichen Baustarts auf dem ehemaligen Areal der „Esso“-Hochhäuser in Erinnerungen an die Jugend. Ja, auch Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) gestand, dass für sie so mancher Abend auf dem Kiez an der „Esso“-Tankstelle begann. Hier rüstete sich so mancher Millennial mit Nikotinhaltigem für die Nacht und ließ sich mit einem kühlen Tannenzäpfle auf dem Bordstein nieder. Um dabei zuzusehen, wie Aushilfsluden ihre in regenbogenfarbenem Schimmerlack getünchten Mercedes S-Klasse-Karren aus der Waschstraße manövrierten. Von dem Bunten ist nicht viel geblieben. Lediglich der Bauzaun trägt heute poppige Farben. „Kiezkante“ steht darauf und wer die letzten zwölf Jahre verfolgte, in denen es auf dem Grundstück nicht vorwärtsging, leitet aus dem neuen Namen des Immobilienprojekts auch so etwas wie ein Umdenken ab. „Kiezkante“, so könnte auch ein Mitarbeiter des Milieus heißen. Einer, der nicht lange schnackt, sondern macht. Das passt. Denn in diesem ganz speziellen Fall trifft diese Beschreibung auf die Stadt Hamburg zu. Nach jahrelangem Hin und Her, das geprägt war von Wünschen, Hoffnungen und geplatzten Träumen, ging sie hin und machte Nägeln mit Köpfen. Lesen Sie auchIn enger Abstimmung mit der Stadtentwicklungs-, Finanz- und Kulturbehörde sowie dem Bezirksamt Hamburg-Mitte realisiert das städtische Wohnungsbauunternehmen Saga zusammen mit dem Immobilienentwickler Quantum das Bauvorhaben. Der Entwurf ist nicht das, was sich manche erhofften. Angesichts der andauernden Krise in der Baubranche ist es dennoch ein großer Wurf. Denn im Fokus stehen soziale Nachhaltigkeit sowie kulturelle Nutzung. Geplant sind ausschließlich geförderte Wohnungen in sechs- und achtgeschossigen Gebäuden. Die Kaltmieten sollen zwischen 7,10 Euro und 12,10 Euro pro Quadratmeter liegen. Damit löst die Stadt hier ein Versprechen ein, auf das die Menschen im Kiez am hartnäckigsten pochten: mehr bezahlbarer Wohnraum auf St. Pauli. Insgesamt werden 169 Wohnungen in drei Förderwegen errichtet. Ergänzt wird der Komplex durch eine Kita sowie Gewerbeflächen im Erdgeschoss, angedacht ist aktuell eine Fahrradwerkstatt. Dass auch Marc Ciunis, Macher des Hotel „Tortue“ in den Stadthöfen, zum feierlichen Spatentisch gekommen war, legt die Vermutung nahe, dass er die geplante Gastronomie bespielen wird. Was er anpackt, läuft. Die Ansage ist klar: Die Zeit großer Experimente ist auch auf dem Kiez gerade nicht. Vielleicht ist es genau das, was die zunehmend verramschende „geile Meile“, die gerade 400 Jahre alt geworden ist, bitter nötig hat.Darüber hinaus entsteht ein Gebäude mit Raum für die Kultur- und Kreativszene, das bereits an die Hamburg Kreativ Gesellschaft vermietet ist. Vorgesehen sind hier auf sieben Etagen Bereiche für kreative Nutzungen sowie ein Livemusik-Club im Erd- und Untergeschoss. Finanzsenator Andreas Dressel lobte das Resultat, von dem eine Signalwirkung für andere Lücken in der Stadt ausgehe. „Alle wissen: Der Weg war herausfordernd, und jene, die die Prozesse genauer verfolgt haben, wissen: Diese Beschreibung ist noch untertrieben. Was aber zählt, ist die Botschaft, die wir hier aussenden: „Vieles ist möglich, wenn wie schwierige Ecken zusammen angehen und alle Partner den nötigen Pragmatismus an den Tag legen.“ Lesen Sie auchStadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) nutze ihre Ansprache, um sich an jene zu wenden, die sich hier mehr soziale Angebote gewünscht hatten. Die jahrelange, wichtige Arbeit der „Planbude“-Macher, eine Bürger-Initiative, die mit Anwohnern ein Bebauungskonzept erarbeitet hatte, das am Ende allerdings nicht wirtschaftlich machbar war, sei nicht umsonst gewesen, so Pein. „Der Grundgedanke ist erhalten geblieben: Dass hier etwas entstehen muss, was in erster Linie dem Stadtteil dient: günstiger Wohnraum und keine Enklave aus teuren Eigentumswohnungen.“ Die jetzigen Pläne lösten dieses Versprechen ein. Auch Quantum-Gründer und Vorstandsmitglied Frank Gerhard Schmidt freute sich, dass es nun endlich losgeht. „Unter neuem Namen und mit einem Konzept, das zum Kiez passt.“ Für ihn zeige das Vorhaben vor allem eins: „Dass die Stadt mutig an Projekte geht, bei denen allen Beteiligten bewusst ist: Ja, das Ganze ist kompliziert, aber wir machen das. Denn: St. Pauli hat´s verdient.“