Wie richtet man Balkon oder Terrasse wohnlich ein? Fabian Freytag, Architekt und Interiordesigner, schreibt über passende Möbel und Materialien – und darüber, warum Pflanzen der bessere Sichtschutz sind als Stoff.Mein Name ist Fabian Freytag. Ich bin Architekt und ich gestalte seit 20 Jahren Innenraumkonzepte, die wie spannende Drehbücher sind und zum fesselnden Film werden. In dieser Kolumne möchte ich Ihnen zeigen, was gutes Interiordesign ausmacht, welche Geschichten sich dahinter verbergen und wie man es erfolgreich umsetzt.Viele Interieurs sind langweilig und uninspirierend. Mein Ziel ist es, das zu ändern. Dabei gibt es sowohl ein ästhetisches Element – den Wunsch, in einer weniger langweiligen und schöneren Welt zu leben – als auch ein finanzielles Element: Gutes Design zahlt sich aus. Und es gibt viele Wege, dies zu realisieren.Ein herzliches Willkommen in Folge neun meines „Behind the Scenes“-Tagebuchs der Innenarchitektur.Bei allen Trends und Nicht-Trends, Strömungen und Entwicklungen der Designwelt ist eines sicher: Wenn es nach draußen geht, auf den Balkon oder die Terrasse, dann geht es mittlerweile in ein zweites Wohnzimmer. Wo früher ein Esstisch und eine Sonnenliege standen, haben heute Sofalandschaften ihren Platz gefunden, die dem Interieur in nichts nachstehen. Das ist vor allem der Entwicklung neuer Stoffe und Polster zu verdanken, die Regen und Hitze erstaunlich gelassen begegnen – und sich trotz aller technischer Raffinesse nicht nach recycelter PET-Flasche anfühlen.Lesen Sie auchAls ich vor einigen Jahren aus der Wohnung im Vorderhaus in die Remise gezogen bin, in der sich heute unser Studio und Showroom befinden und in der auch meine Wohnung liegt, wurde ich plötzlich zum Besitzer einer Dachterrasse. Ein völlig neues Lebensgefühl: Ich hatte unterschätzt, welche Qualität ein privater Außenraum mit sich bringt. Aus der Panik des Städters, sich bei gutem Wetter schnell ein Programm überlegen zu müssen, wurde ein entspanntes „Chilli Vanilli auf der Dachterrasse“.Dabei habe ich viel über den Umgang mit Möbeln und Materialien gelernt. Ob für Garten, Balkon oder Terrasse – es ist ein anspruchsvolles Thema, vor allem in unseren Breitengraden, wo Temperaturen von minus 20 bis plus 40 Grad Outdoor-Möbeln alles abverlangen und die Sonnenliege auch im Schnee bestehen muss.Lesen Sie auchMein erstes Möbel war eine riesige kreisförmige Sonnenliege – ein fantastisches, massives Objekt. Mit richtiger Matratze, einer dekorativ mit Seilen bespannten Rückenlehne und Kissen, die an französische Riviera-Filme erinnern. Ein Möbelstück, auf dem man ein ganzes Wochenende verbringen konnte. Aber: Auf Dauer funktioniert das vielleicht in einem toskanischen Sommer, in dem ein kurzer Regenschauer die Landschaft küsst und dann wieder verschwindet. Für mich begann mit Wind und Regen plötzlich eine neue Form von Aufmerksamkeit – oder besser gesagt: Angst. Habe ich die Husse über das Möbel gezogen? Und wenn ja – hält sie oder weht sie weg? Ist sie dicht, oder wird das gesamte Polster irgendwann zum Schimmelbett?Permanente MomentaufnahmeÄhnlich bei den Sonnenschirmen: wunderschöne Stücke einer Firma, bekannt für gestreifte, fransenbesetzte Klassiker. Und doch bleibt die Frage: Wo stehen sie bei Regen? Jeder Windstoß wird zur Prüfung. Kissen, Auflagen, Polster – alles muss raus und wieder rein. Genau darin unterscheiden sich der Balkon oder die Terrasse vom Innenraum: Es handelt sich um eine permanente Momentaufnahme. Die Frage ist nicht nur, wie man gestaltet, sondern ob man bereit ist, jeden Sommertag neu zu inszenieren. Diese Erfahrung hat mich zum Nachdenken gebracht: Was sind eigentlich die Dinge, die es erlauben, einen Sommertag wirklich entspannt zu erleben?Die Nuss mit Esstisch und Stühlen ist grundsätzlich am einfachsten zu knacken, da erprobt. Wenn gar nichts geht, dann das klassische Brasserie-Ensemble – ein Pariser Straßencafé im eigenen Außenraum. Ich habe auf meinen Metall-Esstisch eine alte, gestreifte Marmorplatte gelegt, und das funktioniert wunderbar. Klar wird sie durch die Witterung mit der Zeit matt, was mich nicht stört – im Gegenteil. Sie hat den Vorteil, dass man sie nicht streichen muss.Die Stühle bestehen ebenfalls aus einem Metall- beziehungsweise Aluminiumgestell mit gewebter Struktur und stehen mittlerweile seit fünf Jahren draußen, ohne auch nur den Anschein eines Alterungsprozesses zu zeigen. Und genau hier stellt sich vielleicht die wichtigste Frage: Möchte man bei acht Stühlen mit acht Polstern wirklich das tägliche Hin und Her mitmachen? Ich meine, dass der bedingungslose Außenraum die richtige Wahl ist. Der Tisch, der stehen bleiben kann. Der Stuhl, der der Witterung standhält.Aber: Man muss die Materialwahl ernst nehmen. Auch hier gibt es Lösungen mit Feinsteinzeug und allerlei bedruckten Oberflächen. Bleiben wir bei der Materialwahl ehrlich – Naturstein und Metall sind Trumpf. Holz stehe ich in unseren Breitengraden eher kritisch gegenüber, weil es exakt eine Saison gut aussieht und dann langsam den Weg des Kompostierens einschlägt. Leider.Das Gewächshaus als AlleskönnerAus der großen Sonnenliegen-Wind-Regen-Panik wurde schließlich ein Gewächshaus. Eine etwas umständliche Lösung – aber eine mit Qualität. Ein großes Ja zu Gewächshäusern: Wer den Platz hat, sollte sich trauen. Es ist ein Raum, der in den Zwischenmonaten eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt, Stauraum bietet, Pflanzen überwintern lässt und sogar Platz für die Tomatenzucht schafft. Ich würde sagen: der Alleskönner des Gartens – nur im Sommer wird es dort schlicht zu heiß.Dementsprechend musste eine neue Lösung für die Sonnenliegen her. Ich habe viel recherchiert und bin am Ende wieder bei einem Metallgestell mit Gewebe gelandet. Es bietet zwar nicht den Komfort einer gepolsterten Auflage, erlaubt dafür aber an heißen Tagen eine angenehme Luftzirkulation auf der Liegefläche – und bleibt vor allem draußen, ohne dass man jeden Abend in Alarmbereitschaft gerät. Lesen Sie auchVielleicht das entscheidende Thema: Kein Balkon, keine Terrasse, kein Dachgarten soll ein Präsentierteller sein. Es soll ein Ort des Rückzugs, der Privatheit sein, an dem man sich keine Gedanken darüber machen muss, ob man den ganzen Sommertag im Pyjama verbringt und einmal nicht instagrammable auf dem Kanapee posiert. Daher sollte man großen Wert auf Sichtschutz legen – wohlgemerkt auf einen, der immer funktioniert. Und genau hier habe ich schmerzlich ein paar Lektionen lernen müssen. Wie bereits erwähnt, sind Stoff und Wind nicht die besten Freunde, wenn es nicht gerade um Segelsport geht.Ebenso wenig zu unterschätzen ist ihre Geräuschkulisse. Auch wenn die Konstruktion stabil ist, flattert der Stoff. Permanentes Rascheln trägt wenig zur Entspannung bei. Die richtigen – und vor allem immergrünen – Pflanzen sind hier die zuverlässigeren Begleiter. Sie bieten nicht nur Schutz, sondern auch eine deutlich angenehmere Geräuschkulisse als ein Segel im Wind.In meinem Fall ist es zwar nur ein vertikaler Sichtschutz, aber Pflanzen klettern dorthin, wo man sie klettern lässt. Wir hatten früher zu Hause einen Gartenpavillon aus einer Metallkonstruktion, der nach einiger Zeit komplett eingewachsen war. Den ganzen Sommer saßen wir unter Weintrauben am Esstisch. Bilde ich es mir ein, oder spendet nichts besseren Schatten als Blätter? Vielleicht ist es auch ihre kühlende Wirkung – Pflanzen machen gute Außenräume.Lesen Sie auchAuch die meisten Zimmerpflanzen fühlen sich im Sommer draußen wohl – gönnen Sie ihnen einen Ausflug auf den Balkon oder die Terrasse. Und plötzlich wird Berlin zu Mexiko-Stadt und Hamburg zu Nizza – ganz ohne zusätzliche Anschaffungen.Bei der Planung von Balkon oder Terrasse sollte man ohnehin umgekehrt denken: nicht nur daran, wie es im Sommer aussieht, sondern auch daran, was man im Winter sehen möchte. Wie wirken Möbel und Pflanzen an einem grauen Novembertag? Entfaltet der hochgepriesene Outdoor-Teppich dann noch seinen Charme – oder wird er schlicht zum Moosbett? Man sollte nicht unterschätzen, was Witterung und Temperaturschwankungen alles auf die Müllkippe katapultieren können.Ich bin daher dazu übergegangen, Dinge für den Außenraum bewusst über bekannte Onlineplattformen von privaten Anbietern zu kaufen. Warum? Diese Objekte haben den Beweis bereits erbracht: Sie haben Regen, Sonne und Wind überstanden und fallen bei Frost nicht auseinander. Gerade bei Pflanzgefäßen ist es erschreckend zu sehen, wie viele Modelle nach wenigen Jahren den Geist aufgeben.Damoklesschwert PolsterboxIn unseren Breitengraden sind Balkon oder Terrasse kein Selbstgänger – und im Detail ein anspruchsvolles Thema, wenn man 365 Tage Freude daran haben möchte. Widerstehen Sie Baumarkt-Impulsen und dem Gedanken: „Das machen wir jetzt erst mal so.“ Dinge, die eine Saison halten und danach nur noch Mitleid ernten, sind keine Lösung. Begrenzen Sie die Zahl der Polster und Kissen auf ein Minimum und überlegen Sie, ob es nicht sogar Dinge gibt, die sich drinnen wie draußen nutzen lassen.Denn ein Thema schwebt wie ein Damoklesschwert über der unbeschwerten Zeit auf der Terrasse: die berühmte Kiste für die Auflagen – die Polsterbox. Viele Hersteller bieten sie an, von klapprig-leicht bis massiv, sodass einen der Deckel beinahe erschlagen könnte. Seien Sie vorsichtig: Ich habe bislang keine Lösung gefunden, die dauerhaft funktioniert, bei Regen wirklich dicht hält und gleichzeitig Ungeziefer fernhält.Nach all den praktischen Tipps möchte ich noch dazu ermutigen, gestreiften Dingen einen würdigen Platz einzuräumen. Kaum ein Ort eignet sich besser als Balkon oder Terrasse. Das Gefühl, unter einer gestreiften Markise zu sitzen, ist bereits eine kleine Reise für sich. Kissen, Decken und Accessoires dürfen hier durchaus mutiger sein. Flecken fallen weniger auf, und Streifen richten einen Außenraum sofort und positiv ein. Aber auch wenn ich sonst ein großer Befürworter kräftiger Farben bin: Bleiben Sie in einer hellen Farbwelt. Die Sonne verschluckt intensive Töne innerhalb weniger Wochen, und dunkle Farben heizen sich zudem erstaunlich stark auf. Nehmen Sie sich Zeit für den Außenraum. Es lohnt sich. Er sollte kein einmaliger Sommernachtstraum sein, sondern möglichst viele Jahre Freude bereiten.Chin chin!FREYTAGS FÜNF FÜR BALKONIEN1. Setzen Sie auf Möbel, die draußen bleiben dürfen: Der größte Stress im Außenraum entsteht durch Dinge, die jeden Abend hinein- und jeden Morgen wieder hinausgetragen werden müssen. Reduzieren Sie Polster, meiden Sie empfindliche Materialien und entscheiden Sie sich für Möbel, die Regen, Sonne und Frost standhalten. Metallgestelle mit Gewebe, Natursteinplatten oder Aluminiumkonstruktionen funktionieren dauerhaft – und nehmen dem Außenraum seine logistische Schwere.2. Bleiben Sie bei der Materialwahl ehrlich: Naturstein und Metall altern würdevoll, Holz in unseren Breitengraden oft nicht. Was im ersten Sommer perfekt aussieht, kann im zweiten bereits ermüdet wirken. Denken Sie weniger an den ersten Eindruck und mehr an den November. Gute Outdoor-Materialien dürfen matt werden, Patina entwickeln und trotzdem überzeugend bleiben – ohne gestrichen, geölt oder geschützt werden zu müssen.3. Planen Sie den Sichtschutz mit Pflanzen statt mit Stoff: Stofflösungen flattern, altern schnell und bringen akustische Unruhe. Immergrüne Pflanzen dagegen schaffen Privatsphäre, filtern Licht, wirken kühlend und verändern den Raum im Laufe der Jahreszeiten. Rankpflanzen, eingewachsene Pergolen oder bepflanzte Strukturen sind langlebiger – und atmosphärisch deutlich überzeugender als jedes gespannte Segel.4. Denken Sie den Außenraum vom Winter her: Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie sieht es im Juli aus? Sondern: Was sehe ich im Winter? Viele Outdoor-Accessoires funktionieren nur als Sommerinszenierung. Prüfen Sie Möbel, Teppiche und Pflanzgefäße darauf, ob sie auch bei Nässe, Kälte und grauem Licht bestehen. Wer den Winter mitdenkt, schafft einen Außenraum, der ganzjährig funktioniert.5. Weniger Polster, mehr Freizeit: Kissen, Auflagen und Polster erhöhen zwar den Komfort, aber auch den Aufwand. Jede zusätzliche textile Ebene verlangt Lagerung, Schutz und Pflege. Reduzieren Sie bewusst – und investieren Sie stattdessen in gute Grundmöbel. Der entspannte Außenraum entsteht nicht durch maximale Ausstattung, sondern durch Dinge, die einfach bleiben dürfen.Fabian Freytag ist ein mehrfach ausgezeichneter Interiordesigner und Architekt aus Berlin.
„Kein Balkon soll ein Präsentierteller sein“ – Darauf kommt es bei Möbeln, Materialien, Sichtschutz an - WELT
Wie richtet man Balkon oder Terrasse wohnlich ein? Fabian Freytag, Architekt und Interiordesigner, widmet sich diesmal dem Außenraum: Er schreibt über passende Möbel und Materialien – und darüber, warum Pflanzen der bessere Sichtschutz sind als Stoff.







