Welche Erwartungen müssen Räume erfüllen, die Gäste beherbergen? Interiordesigner Fabian Freytag ist viel auf Reisen. Oft erlebt er dabei Irritationen – wie in den Lounges der Deutschen Bahn oder zuletzt auf Gran Canaria. Aber es gibt auch Jet-Set-Momente.Mein Name ist Fabian Freytag. Ich bin Architekt und ich gestalte seit 20 Jahren Innenraumkonzepte, die wie spannende Drehbücher sind und zum fesselnden Film werden. In dieser Kolumne möchte ich Ihnen zeigen, was gutes Interiordesign ausmacht, welche Geschichten sich dahinter verbergen und wie man es erfolgreich umsetzt.Viele Interieurs sind langweilig und uninspirierend. Mein Ziel ist es, das zu ändern. Dabei gibt es sowohl ein ästhetisches Element – der Wunsch, in einer weniger langweiligen und schöneren Welt zu leben – als auch ein finanzielles Element: Gutes Design zahlt sich aus. Und es gibt viele Wege, dies zu realisieren.Ein herzliches Willkommen in Folge acht meines „Behind the Scenes“-Tagebuchs der Innenarchitektur.Vergangene Woche fand die ITB in Berlin statt – die internationale Tourismusmesse. Und scheinbar bringt sie, was man als in Berlin lebender Mensch kaum mitbekommt, die gesamte Stadt an die Kapazitätsgrenzen der Hotelbetten. Reisen, um auf eine Reisemesse zu gehen – und das in Zeiten, die bei diesem Thema ohnehin ein großes persönliches Fragezeichen hinterlassen. Wo fährt man heute noch hin, was weder Krieg noch Krise ist – und auch noch nicht Mainstream? Was sind eigentlich die Anforderungen an Räume, die für Bewegung, Ankommen und Aufenthalt gemacht sind? Kurzum: Was erwartet man eigentlich von einer entzauberten Welt, wenn es um die Aufenthaltsqualität von Reisezielen geht?Ich war zum Auftakt der Messe zu einem Talk eingeladen, um zu erörtern, welche Erwartungen Räume erfüllen müssen, die Gäste beherbergen. Natürlich muss es irgendwie „instagrammable“ sein – ernst gemeint, sonst droht die Google-Sterne-Keule. Gleichzeitig geht es um eine Form von Schutz, um eine parallele Welt: introvertiert, konzentriert, eigenständig. Mich erinnert das an das Las-Vegas-Prinzip: Jedes Hotel eine in sich geschlossene Insel, so perfekt und inszeniert, dass man die laute, heiße, stressige Realität des Strips kaum betreten möchte. Und eigentlich geht es doch um Ablenkung. Um Prokrastination. Um ein kleines schlechtes Gewissen, weil man eigentlich die Welt retten müsste – aber nicht heute. Hier ist es gerade so schön. Und hey: Yolo! So oberflächlich das klingt, umso wahrer ist der Kern.Mehr denn je geht es im Interior-Design darum, auf unterschiedlichen Ebenen Momente zu schaffen, die einen nicht resignieren lassen, die die Außenwelt temporär ausblenden und im besten Fall etwas fördern: Wohlbefinden, Gesundheit oder auch Konsum. Es entstehen visuelle Welten wie Drehbücher, die Geschichten erzählen, in die man eintauchen möchte. Eine gute Zeit für die Innenarchitektur.Lesen Sie auchGing es vor einigen Jahren noch darum, einen Schlafplatz und eine Dusche zu haben, geht es heute um viel mehr. Das Hotelzimmer ist Lebensraum und Home- beziehungsweise Traveloffice. Workation als permanenter Zwischenzustand. Neben dem Bett geht es um einen Schreibtisch mit vernünftigem Stuhl, eine gute Kaffeemaschine und eine wohlsortierte Minibar. Moment, Minibar? In vielen Teilen ist diese Corona-Kürzungen zum Opfer gefallen, was mir ein Rätsel ist. Eine gefüllte Minibar ist doch seit „Kevin – Allein in New York“ das Must-have eines jeden Hotels, das etwas auf sich hält. Wie konnte man sie sterben lassen? Nichts lässt einen trauriger zurück als ein leerer Kühlschrank. Und der Prozess ist magisch – man packt einen profanen Schokoriegel in die Minibar und holt ein Stück Pâtisseriekunst wieder raus. Es schmeckt anders, wahrscheinlich ein ähnlicher Vorgang wie beim Tomatensaft, den man am besten in einem Flieger in zehn Kilometer Höhe genießen sollte. So sind es kleine Portionen, Snacks, die man am besten auf einem Hotelbett direkt aus der Minibar konsumiert. Auch der kleine Rotwein bekommt direkt etwas Theatralisches. Lebensmittel werden zu Geschichten.Ich bin ein großer Fan des Begriffs Jetset – allerdings nicht im Sinne eines absurden, glänzenden Pseudo-Luxus. Sondern im ursprünglichen Sinn: einer Zeit, in der das Reisen komfortabler und zugänglicher wurde und ein neues Lebensgefühl entstand. Ein Begriff dafür, wie es sich anfühlt, unterwegs zu sein. Daraus entwickelte sich eine eigene Stilistik: Abenteuer, große Welt, andere Währungen, andere Kulinarik, andere Gepflogenheiten – gepaart mit Neugier und großen Sonnenbrillen in funkelnden Düsenflugzeugen.Igor Cassini (1915–2002) war ein US-amerikanischer Journalist und Society-Kolumnist. Bekannt wurde er unter dem Pseudonym Cholly Knickerbocker, unter dem er über die internationale High Society berichtete. In den 1950er-Jahren prägte und popularisierte er den Begriff „Jetset“ für die neue, reisende Elite der Düsenflugzeug-Ära. Cassini galt als einflussreiche Figur der amerikanischen Gesellschaftsberichterstattung des 20. Jahrhunderts.Lesen Sie auchDer Flughafen wurde in dieser Zeit in seiner Form neu gedacht – als Insel, als eigener Raumtypus. Wenn der Beginn einer Reise bereits Teil der Reise ist, dann gehören auch diese Übergangsräume dazu. Als leidenschaftlicher Bahnfahrer in Europa – insbesondere in Deutschland – wiederhole ich daher meine Forderung: Auch Lounges verdienen eine gestalterische Aufwertung. Viele dieser Räume sind grau, funktional beleuchtet, mit roten, abwischbaren Oberflächen – Orte, die jede Idee von Jetset eher widerlegen als verkörpern. Warum können diese Räume nicht selbst zu Zielen werden? Orte, die Atmosphäre haben und Orientierung bieten? Hier wünsche ich mir ein Umdenken. Und ich nehme dafür gerne Aufträge entgegen!Erstmal am Ziel angekommen, ist das Sich-Einlassen auf den Ort doch am spannendsten. Ich habe meinen Jahreswechsel auf Gran Canaria verbracht. Schon im Vorfeld habe ich dafür müde Blicke geerntet, verbunden mit einem fragenden Lächeln. „Du auf Gran Canaria?“ Selbst die KI riet mir davon ab bei einer Frage nach Tipps. Diese Insel sei nichts für Fabian Freytag. Einmal dagewesen, muss ich sagen: Ja, der Begriff des Jetsets wurde hier überstrapaziert oder hat in seiner Interpretation Wege genommen, die ich nicht nachvollziehen kann.Zumindest, was den Süden anbelangt. So hinterlässt der Ort Playa del Inglés unfassbar viele Irritationen bei mir. U-förmige Hotel- und Wohnbauten, auf deren Rückseite man flaniert und in deren Untergeschossen Restaurants untergebracht sind mit dem Look einer abgehalfterten Mondstation. Und das Ganze nicht einmal am Meer, sondern hinter einer Düne. Noch nie fiel es mir so schwer, einen Ort zu verstehen wie diesen, der ohne Notwendigkeit so geworden ist, wie er jetzt ist. Aber durchaus interessant und dem Thema Jetset entsprechend fand ich das Hotel in Maspalomas aus den 1970er-Jahren, das den Standard im Luxus für die Zeit und für die Insel setzte. Das Gebäude steht inmitten eines kleinen städtebaulichen Kleinods zwischen Düne und Meer, durch das eine Straße führt. Wasserseitig eine Reihe zweigeschossiger Bungalows, hotelseitig dreigeschossige Bungalows und dahinter der Siebengeschosser, bestehend aus zwei verdrehten Riegeln in Form von Zuckerstangen, die man von Weihnachten kennt und die in der Mitte Platz zur Erschließung lassen. Obwohl die Siebzigerjahre architektonisch auch für ihre brutalen und gescheiterten Großstrukturen bekannt sind: Hier ging mein Herz auf. Das Hotel rahmt dazu einen Palmengarten mit zwei Pools. Man bewegt sich also mit dem Auto und zu Fuß schneckenförmig immer weiter in den Palmengarten, und Schritt für Schritt bekommt man die Jetset-Glasur aufgepinselt.Das Hotel wurde jüngst von einem französischen Interior-Designer auf den Stand der Zeit gebracht – aber leider nur in Teilen. Das große Problem vieler Hotels, und eben auch von diesem, die einst radikal als Kind der Zeit geplant waren und dann im Rahmen von bestimmten Sanierungen versucht werden, an den Zeitgeschmack anzupassen. Das schmerzt. Es ist so ein bisschen die Berlin-Diskussion: Ist es schön, vom Kaiserreich über den Krieg bis zur DDR alle Ebenen der Baugeschichte ablesen zu können? Was sich schön liest, sorgt trotzdem bei den meisten dafür, dass Berlin in einem Schönheitswettbewerb nicht auf Platz 1 landen würde. Man würde sicherlich mal wieder den Begriff „interessant“ bedienen.So weit würde ich bei dem Palmengarten-Hotel aus den Siebzigern nicht gehen, schließlich gibt es hier drei Ebenen zu bewundern: das Original, ein Makeover aus den 1990er-Jahren und Anpassungen der 2020er-Jahre. Wie erwähnt, sind das Original und die Design-Rückblende das geringste Problem. Es sind leider die 1990er-Jahre, die sich so gar nicht mit dem Jetset verheiraten wollen. Vor allem in der Lobby, den äußeren Restaurants und den Bädern in den Zimmern klatschen zu viele Erzählstränge aufeinander, was aber eines nicht weglügen kann: die unfassbar gute Aufteilung und Organisation des Hotels, die trotz der 1970er-Jahre-Attitüde „Ich stell mein Ego als Mondstation in die Landschaft“ viel feinfühliger und auf die Wind- und Lichtverhältnisse des Ortes eingehend geplant ist. Sehr bewundernswert. So liegen Bar und Hotel in den Untergeschossen und damit sozusagen in einer Kuhle des Gartens, was Schutz vor Wind bietet und der Sonne zugewandt trotzdem maximales Tageslicht zulässt.Auch die Zimmer sind für ihre Zeit schlau geplant, mit Fenster im Bad zum Flur, was eine Diskretionsgrenze überschreitet, aber irgendwie ein Familiengefühl aufkommen lässt. Immerhin lässt sich das Bad vernünftig lüften. Und Balkone zum Palmengarten oder zum Meer. So weit, so gut. Aber was mein Herz höher schlagen ließ, ist die Bar im Keller. Ach, was sage ich Bar – eine originale Diskothek mit Tanzfläche, Nischen und schummriger Beleuchtung. Was für eine Qualität! Und das Absurde: Wenn die meisten Hotelbars ein eher halbakzeptiertes Dasein fristen, war diese jeden Abend voll. Der Altersdurchschnitt den Kanaren entsprechend, beziehungsweise dem eines klassischen Kreuzfahrtschiffes, aber mithilfe des ein oder anderen progressiven DJs ging hier in Teilen die Post ab. Der Beweis, dass gutes Interior-Design bleibt und eine Stimmung kreieren kann. Die Verbindung aus dunklen Hölzern, gedeckten Rot-Orange-Lila-Tönen und dem punktuellen Lichtkonzept – besser könnte ein Szenenbild für einen Jetset-Film nicht aussehen. Ebenso hat die Silvesterdeko mein Herz höher schlagen lassen, denn der gesamte Raum wurde mit Luftballongirlanden geflutet. Eine wirkliche Reise in eine andere Welt.Zu Gran Canaria möchte ich abschließend sagen, dass trotz der Touri-Hölle Playa del Inglés die Insel ein sehr abwechslungsreiches Fleckchen der Kanaren ist. Von den Kraterlandschaften, die man umwandern kann und an denen teilweise Golfplätze kleben (Caldera de Bandama), über Orte wie Zeitkapseln der Siebzigerjahre (man besuche unbedingt Puerto Rico im Süden von Gran Canaria) bis hin zu Las Palmas, das mit Altstadt, Strand und einem Grandhotel im Kolonialstil wirklich eine gute Erfahrung war. Und da ich ein großer Fürsprecher der Kanaren als europäische Alternative zu Fernreisen bin, kann Gran Canaria meine große Liebe Lanzarote zwar nicht vom Sockel werfen, aber meine Kanarenliebe würdevoll ergänzen.Also, was ist das, was wir von Hotels erwarten? Eigentlich doch das Gefühl, zu verschwinden, einer neuen Regel zu folgen und gestalterisch einer Linie zu folgen, die sich wie eine gute Welle reiten lässt. Und je mehr ich reise und je mehr ich mich mit Räumen in Hotels auseinandersetze, desto wichtiger wird für mich, dass man merkt, dass etwas seiner Geschichte treu bleibt. Dass man bei Renovierungen das Begonnene weitererzählt (natürlich nur, wenn es gut war – sonst bitte neu anfangen) und – nicht zu unterschätzen, aber wahr: funktionierende Allgemeinbereiche, in denen man sich gerne aufhält. Orte, die leben, weil sie angenommen werden. Eigentlich kommt man auch bei der Hotelsuche immer wieder auf das Gedicht von Kurt Tucholsky von 1927:„Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast dus nicht weit. Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit!“ Aus Interior-Sicht kann ich sagen, dass einige Themen für mich unverhandelbar sind und das wirklich gute Hotel bzw. die perfekte Reiseerfahrung liefern:Fünf Tipps für die gute Reise: 1. Recherche: Meistens suche ich nach dem ersten Hotel am Platz. Was ist der traditionsreichste Ort am Ziel? Und wie wurde mit ihm über die Jahre gestalterisch umgegangen? Hier lernt man die DNA eines Ortes, und selbst wenn man hier nicht schläft, lohnt es sich, einen Kaffee zu trinken, denn Inspirationen lauern überall!2. Das Las-Vegas-Prinzip: Wenn ich schon davon ausgehe, dass ich den Udo-Lindenberg-Ansatz verfolge und das Hotel auf bestimmte Zeit nicht verlassen möchte, lohnt es sich, die Lobby, die Hotelbar, die Restaurants und gegebenenfalls Extras wie den Wellnessbereich zu prüfen. Und ja, hier kommt es stark auf das Lichtkonzept und die Materialien an. Hotels müssen etwas Geheimnisvolles haben. Sonst wird man selbst zum Fremdkörper!3. Das Zimmer: Mich machen offene Zimmerkonzepte aus mehreren Gründen und je älter ich werde, wahnsinnig! Wer hat sich das überlegt und welches Leben haben diese Menschen geführt? Eine offene Toilette? Warum? Jemandem permanent beim Duschen und Ohrensaubermachen zuschauen wollen. Ernsthaft? Keine Trennung zum Schlafraum, damit wirklich alle Anwesenden wach sind, wenn man nachts das Bett verlässt? Nein, danke. Ja, Grundrisse und Interior-Design können stressen!4. Die Minibar: Ja, leider muss dies ein Extrapunkt werden, weil die Minibar der Altar des Reisens ist. Neulich war ich in einem neuen Hotel in München, hier wurde ein eigener, freistehender Schrein als Bar ins Zimmer gebaut. Mein Herz schlug höher. Mit Schokolade des Hauses, die ich sofort verschlungen habe, denn alles aus der Minibar hat keine Kalorien. Bilde ich mir zumindest ein.5. Hotelbar: Man kann, sollte und darf nicht auf eine valide Hotelbar verzichten. Alles andere ist Verrat am Gast. Sie kann sehr klein oder sehr groß sein, aber sie muss da sein. Im Idealfall ist sie sogar für die Stadtbewohner ein Anlaufpunkt. Und die Qualität ist unverhandelbar. Keine schlechten Mischungen mit weißen Eiswürfeln sind erlaubt. Hier ist das Leben: beim Ankommen, beim Nach-Hause-Kommen, beim Abreisen.Nehmen wir das Reisen ernst und feiern den vergangenen Jetset! Gute Reise!Fabian Freytag ist ein mehrfach ausgezeichneter Interiordesigner und Architekt aus Berlin. Am 17. März erscheint sein Buch „Building Paradise“ über Lanzarote im Callwey Verlag – eine persönliche Gebrauchsanleitung für eine gute Zeit auf dem Vulkan.
Interior Design: Wie Hotels unsere Reiselust neu entfachen - WELT
Welche Erwartungen müssen Räume erfüllen, die Gäste beherbergen? Interiordesigner Fabian Freytag, ist viel auf Reisen. Oft erlebt er dabei Irritationen – wie in den Lounges der Deutschen Bahn oder zuletzt auf Gran Canaria. Aber es gibt auch Jet-Set-Momente.






