PfadnavigationHomeRegionalesHamburgArchitekturFestival der BaukulturVeröffentlicht am 28.04.2026Lesedauer: 6 MinutenArchitekt Christoph Winkler im UrbaneoQuelle: Bertold Fabricius/BERTOLD FABRICIUSDer Hamburger Architektur Sommer thematisiert von Mai bis Juli Fragen zur Entwicklung der Stadt – in mehr als 300 Veranstaltungen. Die Bandbreite reicht von Ausstellungen, Vorträgen und Filmen bis zu Konzerten, Tanz und einem Abend über „Maklerpoesie“.Joseph II. beauftragte 1778 in Wien den kaiserlichen Hofarchitekten Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, eine römische Burgruine im Park von Schloss Schönbrunn zu errichten. Sie hat sich als Folly, also Narretei, bis heute gehalten. In Mecklenburg-Schwerin wollte Herzog Friedrich sich nicht lumpen lassen und bat Hofbaumeister Johann Joachim Busch zehn Jahre später um eine Grotte in Gestalt einer mittelalterlichen Ruine für den Park hinter dem Schloss Ludwigslust. Auch sie steht noch heute völlig zwecklos herum. Beide Ruinen dienen einzig der Stimmungsaufhellung von Spaziergängern, die sich an ihrem Anblick erfreuen.Follies wecken die Lust an der ArchitekturWas Adligen im späten 18. Jahrhundert recht war, kann dem Hamburger Büro Kawahara Krause Architects knapp 250 Jahre später nur billig sein. Es lädt bei einer von rund 300 Veranstaltungen des Hamburger Architektur Sommers den Juli über dazu ein, neue Follies zu bauen – aus textilen Materialien einer Ausstellung von 2023. Auch die neuen Objekte sollen zunächst einmal nur Lust und Freude an der Architektur wecken. Denn beim Architektur Sommer ist von Mai bis Juli so gut wie alles möglich. „Der Zweck des Architektur Sommers ist, in Gestalt eines Festivals, Baukultur zu vermitteln“, sagt Architekt Christoph Winkler WELT AM SONNTAG, „und zwar in erster Linie als baukulturelle Bürgerinitiative für eine nicht kuratierte Veranstaltung. Jeder darf sich mit einem Beitrag anmelden.“ Winkler bildet gemeinsam mit Professor Ullrich Schwarz den Vorstand des Vereins Initiative Architektur Sommer.„Der Architektur Sommer findet jetzt zum elften Mal statt“, sagt Winkler, „und in der Vorbereitung der Triennale kann sich jeder mit seinem Projekt vorstellen, von Privatleuten und Initiativen über Firmen sowie Architekturbüros bis zu Institutionen. Er ist eben keine Fachveranstaltung, sondern der Versuch, die Baukultur über verschiedene Perspektiven jedermann näherzubringen.“ Dafür gibt es Formate von Ausstellungen und Filmvorführungen über Rundgänge, Vorträge sowie Konferenzen bis hin zu Workshops. Hinzu kommen Konzerte und weitere Aktionen, oft von Bürgern für Bürger im Stadtteil organisiert.„Touren an Orte, die viele noch nicht kennen“Die Vielfalt der Angebote gibt einen Hinweis auf die inhaltliche Bandbreite. „Das reicht von Touren und Treffpunkten an Orten, die viele noch nicht kennen bis zu Formaten, die man nicht unmittelbar mit Architektur in Verbindung bringt“, sagt Winkler. „So haben wir zum Beispiel auch die City Parade zum Auftakt der Tanztriennale Hamburg im Programm, bei der es darum geht, über Bewegung Räume zu erkunden. Oder einen Abend unter dem Titel ‚Maklerpoesie‘ zur Differenz zwischen der Beschreibung von Objekten und dem wahren Zustand des Angepriesenen.“ Finanziert wird das Spektakel Architektursommer – dessen Programm wirkt, wie ein Blick durch ein architektonisches Kaleidoskop – durch Spenden und ehrenamtlichen Einsatz. Die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen unterstützt das Format mit einer Basisförderung von 250.000 Euro.Der Architektur Sommer wurde 1994 durch Schwarz und weitere Akteure der Hamburger Kulturszene, darunter Direktoren großer Ausstellungshäuser, ins Leben gerufen und hat sich seither zu einem Festival mit zuletzt mehr als 300.000 Besuchern entwickelt. „Natürlich arbeiten wir eng mit der Architektenkammer zusammen, wo wir gute Synergien sehen. Dabei ist der Architektur Sommer aber völlig unabhängig“, so Winkler, der hauptberuflich gemeinsam mit zwei Partnern das mittelständische Architekturbüro SEHW Architekten betreibt.Bismarck-Denkmal wird zur ProjektionsflächeOffiziell wird der Architektur Sommer am 4. Mai auf Kampnagel eröffnet. Die Kulturfabrik beteiligt sich diesmal auch mit eigenen Veranstaltungen. So stellt Intendantin Amelie Deuflhard den Wandel des Kampnagel-Geländes von der historischen Fabrik, die zuletzt Kräne fertigte, bis zum modernen Avantgarde-Theater vor, das renoviert und erweitert wird. Zur Eröffnung sprechen Karin Pein, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, sowie Christoph Winkler. Der Architektur- und Kunstkritiker Niklas Maak hält eine Festrede. Und obwohl das Event sich nicht vorrangig um spektakuläre Bauten und Projekte wie die Elbphilharmonie, den Elbtower, die Kühne-Oper oder das Deutsche Hafenmuseum dreht, werden auch grundsätzliche Fragen der Stadtentwicklung aufgeworfen und thematisiert. Es geht auch um Architekturgeschichte und um Bauten wie das Bismarck-Denkmal, das diesmal als Projektionsfläche für Filme und Fotografien dient. 2015 trug es beim Festival einen Steinbock auf dem Kopf des Reichskanzlers („Bock auf Bismarck“) – ganz der Intention des Wiener Künstlerkollektivs Steinbener/Dempf & Huber folgend, das Denkmal durch die Installation „Capricorn Two“ ironisch zu brechen und zum Nachdenken anzuregen. Ohnehin gehe es auch, so Winkler, um die Vermittlung der Historie: „Um Baukultur beurteilen zu können, bedarf es auch des Wissens um die Geschichte. Das wird zum Beispiel durch Fotoausstellungen vermittelt oder durch eine Schau über ehemalige Oberbaudirektoren, die maßgeblichen Einfluss auf die Stadtplanung und damit auf die Baukultur hatten.“Anlaufpunkt für Besucher des Festivals ist 2026 das vor einem Jahr eingeweihte Urbaneo – Junges Architektur Zentrum, ein Mitmachmuseum für Kinder und Familien. Es lädt dazu ein, Architektur spielerisch zu entwickeln, von der Burg(ruine) in der Sandkiste bis zu selbstgebastelten Modellen aus einfachen Materialien. Das bunte, verschachtelte Gebäude mit Café zum Ufer hin liegt in der Hafencity direkt an der Elbe, am Strandkai 7. Davor haben engagierte junge Architekten von Frugal Bauen ein Zeichen errichtet – eine begehbare Installation mit einer Front aus Birkenrinde, die als innovativer, nachhaltiger Bau(m)stoff mit wasserabweisenden Fähigkeiten gilt. Birkenrinde wird zunehmend als umweltfreundliche Alternative zu synthetischen Materialien genutzt.Prolog: Ungebaute Visionen, Epilog: „Water City“Wer sich anregen lassen möchte, ist beim Architektur Sommer gut aufgehoben. Als Prolog vor der offiziellen Eröffnung am 4. Mai darf die bereits laufende Ausstellung „Das ungebaute Hamburg. Visionen einer anderen Stadt. Entwürfe von 1960 bis heute“ in der Freien Akademie der Künste gelten. Dort zeigen die Kuratoren – frei nach einem beim Verlag Dölling & Galitz veröffentlichten Sammelband – acht Modelle architektonischer Entwürfe, die aus unterschiedlichsten Gründen nie verwirklicht wurden. Da gibt ein beeindruckendes Modell des gigantischen „Alsterzentrums“, mit dem die Neue Heimat Ende der Sechzigerjahre weite Teile des Stadtteils St. Georg überbauen wollte.Weitere Bauideen, auf Schautafeln gezeigt, umfassen den Entwurf einer Living Bridge über die Elbe von Hadi Teherani, eine Seilbahn über die Elbe oder eine Tiefgarage unter der Binnenalster. „Für das Scheitern dieser Projekte gab es mannigfaltige Gründe, nicht nur finanzielle“, erläutert Winkler, „manchmal sind die Hamburger ja auch nicht so mutig.“ So lehnte die Mehrheit der Wähler 2015 eine Olympia-Bewerbung bei einem Referendum ab. Elf Jahre später wird der Mut der Hamburger in dieser Frage erneut getestet – mit einer Abstimmung zu den Olympischen Spielen 2036, 2040 oder 2044.Die wachsende Stadt und ihre HerausforderungenHamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing betonte zur Eröffnung der Schau in der Freien Akademie der Künste: „Nur Selbstgespräche zu führen, bringt uns nicht weiter. Es gibt eine große fachliche Kompetenz in der Stadt und Menschen und Institutionen, die es als ihre Aufgabe betrachten, sich zu engagieren, sich einzubringen in den Diskurs über den richtigen Kurs, wenn es um das Planen und Bauen in dieser Stadt geht, um ihre gebauten und offenen Räume, um ihr Gesicht.“Höing sprach die großen offenen Fragen der Stadtentwicklung in den kommenden Jahrzehnten an: Die wachsende Stadt, die Umgestaltung der Magistralen, den Weg zur Kreislaufwirtschaft beim Bauen, die Entwicklung der Infrastruktur und die Bewältigung des Klimawandels in „einer Stadt mit begrenzten Flächenreserven“. Es gäbe, so der Oberbaudirektor, viele Fragen „auf die keine fertigen Antworten vorliegen“. Höing kündigte für den 28./29. September als Epilog des Architektur Sommers eine internationale Fachkonferenz unter dem Titel „Water City Where Next?“ an, bei der es um Fragen der Entwicklung an Alster, Elbe und Bille gehen soll.Das volle Programm: www.architektursommer.de
Architektur: Festival der Baukultur - WELT
Der Hamburger Architektur Sommer thematisiert von Mai bis Juli Fragen zur Entwicklung der Stadt – in mehr als 300 Veranstaltungen. Die Bandbreite reicht von Ausstellungen, Vorträgen und Filmen bis zu Konzerten, Tanz und einem Abend über „Maklerpoesie“.






