„Angst verkauft sich gut – aber sie hilft nicht weiter“: KI-Experte Andreas Loff weist apokalyptische Szenarien beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz zurück. Die deutsche Gesetzgebung aber habe ein Thema komplett verschlafen.Mancher bezeichne seinen Werdegang als unstet, sagt Andreas Loff. Seinen beruflichen Einstieg fand er einst als Fluggerätemechaniker bei der Lufthansa. Später brachte er sich die Grundlagen des Webdesigns bei, arbeitete ab Mitte der 1990er-Jahre bei Internetagenturen, entwickelte Fernsehformate und launchte mit Ingmar Stadelmann den Podcast „Richard, wo erreiche ich Dich?“, der sich allwöchentlich mit der aktuellen Ausgabe von „Lanz & Precht“ beschäftigt.Seit drei Jahren widmet sich Loff obsessiv der Arbeit mit Künstlicher Intelligenz. Als „AI Creative Expert“ setzt er KI-Videoprojekte um – mal für die Nato, mal für Joko und Klaas. Mit seinem Buch „Das geht nicht mehr weg“ wirbt er nun für einen offenen, furchtlosen Umgang mit der Technologie, warnt Europa davor, in der Statistenrolle zu verharren – und appelliert zugleich an die demokratische Öffentlichkeit, den Systemen ethische Grenzen zu setzen.WELT: Es müsse über KI gesprochen werden, schreiben Sie, aber „anders als bei Lanz und Precht, Spiegel, Bild und Zeit, ARD und ZDF oder bei Baywatch Berlin“. Was machen all diese Medien falsch?Andreas Loff: Es bringt natürlich mehr Klicks, wenn der „Spiegel“ mit der Superintelligenz „Terminator“ titelt, die die Menschheit auslöschen möchte, als wenn er sagen würde: ‚Wir müssen uns alle erstmal beruhigen.‘ Angst verkauft sich gut. Selbst der Historiker Yuval Noah Harari verkauft damit viele Bücher. Es steckt schon viel Endzeitszenario in der Art drin, wie er in „Nexus“ über KI spricht. Teilweise behandeln auch Menschen das Thema, die es nicht verstehen.WELT: Haben Sie dafür ein Beispiel?Lesen Sie auchLoff: Richard David Precht hat im Podcast davon gesprochen, dass „die KI“ jetzt im Auto unsere Müdigkeit überwache. Früher hatte ich eine IT-Firma, die Cloud-Infrastruktur für Automobilhersteller aufgebaut hat. Wir haben die ersten Fahrsysteme in der Cloud bei Audi und Volkswagen zum Laufen gebracht. Und bereits da gab es die Müdigkeitserkennung. Das war ein algorithmusgesteuerter Dienst, der sagen konnte, ob sich die Augen des Fahrers schließen oder die Hände das Lenkrad verlassen. Mit KI hatte das erst mal gar nichts zu tun. Und das wird es auch nicht, nur weil das System jetzt vielleicht mit Deep Data trainiert wird. Es hilft nur dem Alarmismus, wenn Precht sagt, das Müdigkeitssystem überwache uns. Alle denken: Da ist eine KI im Auto, die uns überwacht, filmt und dann bald umbringt.Lesen Sie auchWELT: Sie wiederholen häufiger, dass wir anfangen müssen, KI als Infrastrukturtechnologie zu begreifen. Was ist damit gemeint?Loff: Wir müssen uns überlegen und einig werden, was wir mit KI machen. So war es schon bei der Elektrifizierung. Packen wir Tauchsieder in die Spree, damit es wärmer wird und wir besser darin baden können? Oder überlegen wir, dunkle Stadtteile von Berlin mit Licht zu fluten? Wir haben uns in Deutschland und Europa dazu entschieden, mit Strom keine elektrischen Stühle zu betreiben. Ähnliches müssen wir bei KI auch tun. Wie wollen wir damit zum Wohle des Bürgers und der Welt umgehen? Und was müssen wir regulieren – und was nicht? Es ist an uns Bürgern in der Demokratie, mitzubestimmen, was wir mit einer Infrastrukturtechnologie anfangen. WELT: Die neunjährige Tochter eines Freundes hatte Ihnen einst den KI-Bildgenerator Midjourney nähergebracht. „An diesem einen Tag verstand ich, dass KI kurz davorstand, unsere Welt von Grund auf zu verändern. Und das bedeutete für mich: Ich muss ein Teil davon sein, ich will diese Systeme verstehen und beherrschen – mit ihnen spielen.“ Welche Rolle spielt das spielerische, womöglich auch kindliche Element im Umgang mit KI?Loff: Der Spieltrieb ist bei mir unglaublich groß. Deswegen sieht mein Lebenslauf wahrscheinlich auch so aus. Es gab mal eine Ausgabe von „Joko & Klaas gegen ProSieben“, in der sie eine Art Hochzeitsspiel gemacht haben, bei dem sie eine Frage bekommen und einen Punkt gewinnen, wenn sie unabhängig voneinander die gleiche Antwort geben. Beide sind gefragt worden, was das Gegenteil von Arbeit sei. Sie haben sich angeguckt und beide haben aufgeschrieben: Spielen. Das finde ich genial. In dem Moment, in dem du spielst, macht es einfach nur Spaß. Du vergisst die Anstrengung. Diesen Funken zu bewahren, ist unglaublich schwer.Lesen Sie auchWELT: Wird der Spieltrieb gerade hierzulande zu früh abtrainiert?Loff: Das kann ich nicht hundertprozentig beurteilen, aber er wird in den Schulsystemen, die ich kenne, zumindest nicht sonderlich groß gefördert. Experience-Klassen, in denen Kinder selbst entscheiden können, was sie lernen wollen, kennt man nur von Schulsystemen, wo vielleicht Nena ihre Kinder hinschicken würde. WELT: Wie müsste Künstliche Intelligenz vermittelt werden?Loff: Unternehmen, die KI einsetzen, müssen ab einer gewissen Größe laut EU AI-Act einen Menschen haben, der darauf trainiert worden ist, mit den Systemen umzugehen. Da sind gerade ganz viele Gangster und Scharlatane unterwegs, die damit werben, dich zum KI-Master zu machen. Da wird dir ein wenig ChatGPT beigebracht, du bekommst ein anerkanntes Zertifikat – und dann kostet so ein Kurs 8000 Euro. Das Selbststudium ist der Weg – der einzige Weg –, sich mit KI-Systemen auseinanderzusetzen. Bei der Schulung, die ich mache, gehe ich rein und sage: Leute, wenn wir später rausgehen und die Tür ins Schloss fällt, ist alles, was ich euch heute erzählt haben werde, komplett veraltet. Lesen Sie auchWELT: Sie skizzieren im Buch, wie sich 2024 Ihre Metamorphose zum „AI Creative Expert“ über den Kurzfilm „Oma, was war nochmal dieses Deutschland?“ vollzog, eine Art postapokalyptisches Szenario nach einem diktatorischen Umsturz. Wie kam dieses Projekt zustande?Loff: Ich hatte vorher schon den AI-Kurzfilm „Nuns with Guns“ gemacht, den ich einer Gruppe von Filmproduzenten geschickt habe. Einer hat mir dann vorgeschlagen, einen Film über das Thema Remigration zu machen. Dann meinte ich, das sei ja noch keine Geschichte. Eine Geschichte wäre zum Beispiel, den Film 2060 spielen zu lassen, wo ein Kind seine Oma nach Deutschland befragt, und sie erzählt, wie sie nach Afrika geschickt worden ist. Und dann legte ich auf und dachte: Scheiße, ich muss diesen Film machen.WELT: Gab es negative Reaktionen?Loff: Ja, es gab Morddrohungen. Ich war plötzlich mit Gesicht in der Telegram-Gruppe von Martin Sellner. Der YouTuber Clownswelt hat einen Beitrag darüber gemacht – und dann kamen sie alle über E-Mails und in die Kommentare bei Instagram. Das war dann doch ein bisschen scary. Aber dadurch steht mein Unternehmen in den Geschichtsbüchern des Deutschen Bundestages. Es gab nämlich eine Kleine Anfrage der AfD an die Bundesregierung, ob mein Unternehmen „Ponywurst Productions“ bei dem Film „Oma, was war nochmal dieses Deutschland?“ von dieser beauftragt worden sei. Die Bundesregierung hat dann geantwortet: Nö, ist nicht so. Danke und Wiedersehen. Lesen Sie auchWELT: Später haben Sie für Joko und Klaas ein Konzept zum Thema „Was wäre, wenn es die EU nicht mehr gäbe?“ als KI-Kurzfilm umgesetzt. Haben Sie ein Faible für politische Themen?Loff: Überhaupt nicht, ich habe keine Ahnung davon. Auch meine Podcasts habe ich immer versucht, unpolitisch zu halten. Das hat sich erst in den letzten Jahren durch den Podcast „Richard, wo erreiche ich Dich?“ geändert, in dem wir „Lanz & Precht“ besprechen. Ingmar Stadelmann hat mir viel dazu beigebracht, Haltung zu zeigen.WELT: Könnten Sie sich vorstellen, mit Ihrer Herangehensweise an KI politische Kampagnen umzusetzen?Loff: Ich bin im Entertainment zu Hause, mag bunte Bilder und schöne Geschichten. Einem politischen Lager würde ich mein Wissen nicht als Kampagne anbieten wollen. Für ein Amt etwas zu machen, wäre nochmal was anderes. Wenn jetzt das Kanzleramt vorbeikäme, um zu fragen, ob ich einen Film über die Zukunft machen könnte, wäre ich dabei. Dann wäre es egal, ob ich Merz lustig, obskur oder doof finde.Lesen Sie auchWELT: Sie haben auch die imposante Werbung für das Buch „Szenario: Die Zukunft steht auf dem Spiel“ produziert, in der Florence Gaub im Stormtrooper-Kostüm dem Meer entsteigt. Wie ist es dazu gekommen? Und wie haben Sie den Clip umgesetzt?Loff: Wir arbeiten viel zusammen. Für mein Buch hatte ich einen Clip produziert, in dem ich an einem Steg sitze und dann verschiedene Fotos so verbinde, dass ich mich auf die Kamera zubewege. Das habe ich ihr gezeigt und gefragt, ob ich sowas nicht auch für ihr „Szenario“-Buch machen solle. Dann habe ich echte Fotos von ihr genommen und diese miteinander verbunden. Das ist wirklich einfach. Dazu habe ich die Musik selbst gemacht und im Filmschnitt die Bilder darauf getimet.WELT: Gaub hat auch das Vorwort zu Ihrem Buch geschrieben, in dem es heißt, sie hätte Sie bei einer Militärkonferenz kennengelernt, wo Sie „die Konflikte der Zukunft mithilfe von KI so überzeugend visualisieren konnten, dass niemand mehr zweifelte, dass wir alles tun müssen, um sie zu verhindern“. Was haben Sie da genau gemacht?Loff: Kennengelernt haben wir uns bei Micky Beisenherz auf der Bühne der „Apokalypse & Filterkaffee“-Tour. Da hätte ich ihr aus Versehen fast Rotwein über das Kleid gegossen. Wir haben uns danach lange über KI unterhalten. Irgendwann hat sie meine Filme gesehen und mich dann gebucht, um Zukunftsstudien der Nato zu bebildern. Wenn du Zukunftsszenarien darstellen willst, kommst du um generative KI nicht herum. Es sei denn, du hast ein großes Budget für Kostüme zur Verfügung. Vorletztes Jahr hat sie mich gefragt, ob ich für die Nato-Konferenz in Rom den Eröffnungsfilm baue. Ich mag es, mit Zukunftsforschern zu arbeiten, weil sie – entgegen dem, wo wir eingestiegen sind – oft viel optimistischer in die Zukunft blicken.Lesen Sie auchWELT: Dennoch warnen Sie im Buch vor autonomen Waffensystemen ohne menschliche Kontrolle. Loff: Ja, aber davor hätte ich auch schon vor zehn Jahren gewarnt. In den 1950er-Jahren hat man mal Tauben in Raketen gesetzt und ihnen beigebracht, sie zu lenken. Wir haben schon die ganze Zeit selbstlenkende Raketen. Die Frage ist nur: Wo ziehen wir die Grenze? Da müssen sich die Demokratien und die UN mal zusammensetzen und sagen: Nee, machen wir nicht mit KI. WELT: Seit Beginn des Iran-Kriegs erleben wir den verstärkten Einsatz von KI. Immer wieder verbreiten sich Aufnahmen des vermeintlich getöteten Netanjahus. Zugleich werden echte Pressekonferenzen von ihm von Menschen als Fake abgetan.Loff: Ich glaube, das gab es schon immer. Durch unsere Öffentlichkeit und unsere Möglichkeiten, News und Fotos zu verschicken, fällt es nur stärker auf. KI ist da nicht das grundsätzliche Problem. Stalin hat Menschen aus Fotos entfernt. Seit es Fotografie und Malerei gibt, ist es ein Teil davon. Mein Traum wäre einfach, dass Medien und Plattformen zusammenarbeiten, um echte und unechte Fotos zu verifizieren. Und die Menschen müssen erzogen werden, nicht im ersten Moment alles zu glauben, was sie sehen.WELT: Das dürfte die größte Aufgabe sein. Loff: Ja, und die haben wir jahrelang schon bei Photoshop verpasst. Bei jeder Werbung, die du dir anguckst, ist die Haut gemacht, die Körper schmaler, größer, kleiner. Das haben wir alles so gefressen. Eigentlich hätten wir da schon anfangen müssen, an Schulen Medienkompetenz zu lehren.Lesen Sie auchWELT: Wie nehmen Sie die Debatte um Deepfakes wahr?Loff: Das Thema ist von der deutschen Gesetzgebung komplett verschlafen worden. Ein Täter, der ohne Einverständnis von jemandem Bilder – und damit meine ich nicht nur pornografische, sondern auch ehrabschneidende Darstellungen – erstellt, muss damit rechnen, ins Gefängnis zu gehen oder eine hohe Geldstrafe zu kriegen. Zudem müssen wir in Europa X für die Grok-Bikini-Bilder an die Kandare nehmen. Wir müssen den Plattformen verbieten, das weiterzuverbreiten. Aber Pornografie scheint ein großer Wirtschaftstreiber zu sein.WELT: Inwiefern ist sie das?Loff: Alles, was unsere tierischen Triebe anspricht, ist ein großer Wirtschaftsfaktor und Technologietreiber. Als ich mit dem Internet angefangen habe, waren es damals noch die Supermodels, die in erotischen oder pornografischen Bildern gefaket worden sind. Ich weiß nicht, wie viel Prozent des Internet-Traffics noch immer Pornografie sind, aber es ist ein erstaunlich großer Anteil. Ja, das sind wir Männer. Nicht umsonst ist die Spieleindustrie so groß, weil wir einen tierischen Trieb zum Spielen haben. Lesen Sie auchWELT: „Photoshop gibt es schon lange, Deepfakes auch. Der Unterschied ist: Früher war es Aufwand, heute ist es ein Prompt. Wenn die Hürde bei null liegt, wird aus Einzelfällen ein Massenphänomen.“ Wäre demzufolge anzunehmen, dass es zu einer Desensibilisierung kommen könnte, sodass es später heißt, es sei halb so wild?Loff: Nein, das glaube ich nicht, weil die Privatsphäre ja immer noch verletzt wird – egal, womit das passiert. Die Gesetzgebung kann da eine ganze Menge machen. Es ist ja zum Beispiel immer noch verboten, im Supermarkt zu klauen. Nur weil es Kassen zum Selbstauschecken gibt, mag es vielleicht leichter sein, zu stehlen, aber es ist immer noch genauso verboten. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, Kindern und Jugendlichen der nächsten Generation mitzugeben, dass man das nicht macht. Auf dem Land funktioniert es doch auch, dass Bauern ihre Erdbeeren auf einen Tisch stellen und eine kleine Dose danebenpacken, in die du Geld hineinwirfst, wenn du welche mitnimmst. Das passiert auf Vertrauensbasis. Am Ende ist es eine Frage der Bildung. Wir müssen Männern beibringen, dass man das nicht macht.WELT: Haben Sie den Eindruck, dass die Debatte um Deepfakes und die Anschuldigungen von Collien Fernandes KI in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz schadet?Loff: Es bläst eben in das Horn, wonach alles schlimmer werde. Aber es gibt uns auch die Chance, zu sagen: Nicht KI ist das Problem, sondern dass Männer sich so benehmen. Es ist Teil meiner mir selbst auferlegten Aufklärungsarbeit zu sagen: Nein, nicht der Hammer ist das Problem, sondern der Mensch, der damit einem anderen den Kopf einschlägt.„Das geht nicht mehr weg – KI in der Welt von morgen“ von Andreas Loff ist seit dem 17. April 2026 im Rowohlt Verlag erhältlich.