PfadnavigationHomeIconVintage-Jagd„Kein Teil ist je ganz ausverkauft“ – wie Fashion-Detektive rare Stücke findenVon Silke WichertVeröffentlicht am 24.04.2026Lesedauer: 6 MinutenEine Szene aus dem Film Clueless: Alicia Silverstone als Shopping-Queen Cher HorowitzQuelle: picture alliance/COLLECTION CHRISTOPHEL/PARAMOUNTDas eine Gucci-Kleid von Tom Ford, das Vintage-Teil, das perfekt zu diesem Star passt, die Limited Edition, die überall ausverkauft ist: In der Mode geht es immer mehr um Stücke, die schwer zu finden sind. Aber wer gräbt die eigentlich aus?Johnny Valencia ist derzeit nicht leicht zu erreichen. In Hollywood herrscht „Awards Season“, die Oscars stehen vor der Tür, alle Stylisten sind auf der Suche nach den besten Looks für ihre Stars. Und wenn sie dafür ein Vintage-Teil im Kopf haben, rufen sie im Zweifelsfall Valencia an.Seine Online-Boutique „Pechuga Vintage“ in Los Angeles unterhält eine der besten Sammlungen weit und breit, wenn es um Ikonisches von Vivienne Westwood, Dior-by-John-Galliano-Accessoires aus den Nullerjahren oder „Corsets“ geht. Vor allem ist Valencia aber auch dafür bekannt, alles zu finden und aufzustellen, was er nicht selbst im Repertoire hat.Lesen Sie auch„Treasure Hunter“ nennt man Leute wie ihn. Jemand, der verborgene Modeschätze ausgräbt. „Die Jagd macht für mich immer den halben Spaß aus“, so Valencia. Wenn er eine Anfrage bekommt, rufe er alle möglichen Sammler und Insider aus der Modebranche an, die vielleicht einen Tipp haben, wer dieses eine Paar Chanel-Schuhe oder jenes Cocktailkleid von Yves Saint Laurent mit den roten Straußenfedern besitzen könnte.Früher arbeitete er für Westwood in Paris, 2011 eröffnete er sein Geschäft. Valencia kennt viele Leute, die wiederum ihrerseits jede Menge Kontakte zu Leuten mit gut sortierten Kleiderschränken haben. Nie vergisst er ein Kleidungsstück, das er schon mal irgendwo gesehen hat. Manchmal bringt er Wochen mit der Recherche zu. Kundinnen wie Katy Perry oder Kourtney Kardashian„Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder machen“, sagt Valencia lachend. Am Ende bekommt er fast immer, was er will. Oder besser gesagt, was seine Kundinnen wollen. Zu ihnen zählen Rihanna, Katy Perry, Kourtney Kardashian, die verschiedene Vivienne-Westwood-Mieder von ihm kaufte. Beyoncé trug seine strassbesetzte Schmetterlingssonnenbrille von Alain Mikli auf ihrer „Cowboy Carter“-Tour. Der Fuchspelz, in dem Cardi B diesen Winter fotografiert wurde, stammt ebenfalls von Pechuga.„Vintage ist heute ein völlig anderes Business als noch vor zehn Jahren“, sagt Valencia, der in Los Angeles geboren und aufgewachsen ist und Mode von klein auf „atmet“. „Das Interesse war bis vor einigen Jahren viel geringer, die Preise entsprechend niedriger. Jetzt reden plötzlich alle von ‚Archival‘, bestimmte Kleidungsstücke werden wie Kunstwerke gehandelt.“ Mit dem Unterschied, dass man sie vor aller Welt tragen und vorzeigen kann. Das macht das Geschäft mitunter sehr lukrativ, aber auch zunehmend schwieriger. Denn mittlerweile grast jeder Modebegeisterte da draußen das Internet nach „aktueller“ Vintage-Mode ab. Gaultier aus den Neunzigern, Chanel von Karl Lagerfeld, alles von John Galliano.Valencias Wettbewerbsvorteil sind seine Kontakte und nicht zuletzt sein Gespür. „Ich gehe nicht nach Trends, ich suche die Sachen nur danach aus, was ich interessant finde, ganz gleich, von welchem Designer etwas stammt.“ Genau deshalb kommt der Stylist von Sabrina Carpenter, Jared Ellner, zu ihm, wenn er nach Capes mit Fellbesatz sucht. Weil die im Zweifelsfall eben nicht von einem großen Label stammen, sondern einfach so umwerfend sind.So schräg, so sexy – der „Kokosnuss-Bikini“Ein Auge für Schätze, die womöglich zwischen lauter wertlosem Zeug versteckt liegen – dafür ist auch Nadia Pape mit ihrer Boutique „Los Féliz“ in Barcelona bekannt. Viele ihrer weltweiten Kunden stellen sich einen Wecker, wenn sie die neuesten Fundstücke bei Instagram postet. Papes Stil: „Mediterranean Rock 'n' Roll“, eine Mischung, die ziemlich einmalig ist. Tops mit kleinen Schmuckperlen im Dekolleté, pistaziengrüne Bundfaltenhosen oder ein „Kokosnuss-Bikini“, der mittlerweile TV-Geschichte geschrieben hat. Die Schauspielerin Aimee Lou Wood trug ihn in der dritten Staffel von „The White Lotus“. Ein Teil, so schräg und sexy, dass sich die halbe Zuschauerwelt fragte, wo man so etwas bloß herbekommt. „Den hatte ich ewig bei mir zu Hause im Schrank hängen“, erzählt Pape, deren Mutter aus Deutschland stammt.Kurz zuvor hatte ein Stylist ihn für einen Videodreh mit Shakira ausgeliehen. Da kam er aber letztlich nicht zum Einsatz, und dann meldete sich die Stylistin von „The White Lotus“, Alex Bovaird, wieder bei ihr. Schon für die zweite Staffel der Erfolgsserie hatte Bovaird mehrere Teile bei Los Féliz „gesourct“, wie das heute genannt wird. Den Laden kannte sie von Instagram, und für den Dreh auf Sizilien suchte sie genau diese Art von „Off Sexy“-Sommergarderobe.Sowohl Aubrey Plaza als auch Meghann Fahy trugen damals Kleider und Badeanzüge aus Papes Boutique. Einige Sachen, die am Ende in der Serie landeten, hatte sie bereits in ihrer Sammlung, andere suchte sie extra dafür. „Ich bin viel auf Vinted, wo der Filter mir mittlerweile ziemlich genau anzeigt, was mir gefällt“, erklärt Pape. Aber da suchen eben auch längst alle anderen. Am liebsten stöbere sie weiterhin auf Flohmärkten in Frankreich oder Kalifornien, „weil die Filmleute in den Siebzigern die abgefahrenen Sachen trugen.“Viel entdeckt sie außerdem in den Schränken älterer Damen aus Barcelona, die sich bei ihr melden, oder bei Wohnungsauflösungen. Wie Valencia von Pechuga Vintage geht es auch Pape so, dass die „Jagd“ ihr fast am meisten Freude bereitet. Aufträge nimmt sie nur von langjährigen Kunden oder Stylisten entgegen. José Carayol etwa, der die Sängerin Rosalía einkleidet, kommt seit Jahren zu Los Féliz. Was tun, wenn man weder die Zeit noch das Talent und schon gar nicht das Netzwerk hat, aber sehnsüchtig nach diesem einen Balenciaga-Jackett sucht? Wo bekommt der Normalsterbliche endlich seine Chanel-Felltasche her, die er sich damals nicht leisten konnte, und von der er immer noch träumt? Am besten schickt man dann eine Nachricht an Gab Waller. Die Australierin wurde vor ein paar Jahren bekannt, weil sie Rosie Huntington-Whiteley diesen Old Céline Blanket Coat besorgt und für Hailey Bieber eine seltene Piaget-Diamantarmbanduhr aufgestellt hatte.Lesen Sie auchSeitdem gilt sie als eine Art „Fashion Detective“ und beschäftigt eine ganze Schar freier Mitarbeiter, die gegen Aufpreis das persönliche Sehnsuchtsteil besorgen. Ihr Instagramaccount @gabwallerdotcom hat mittlerweile 143.000 Follower, täglich postet sie, was das Herz der Community gerade begehrt: Viel Chanel, aber neulich war auch eine Jacke von By Malene Birger mit Puschelärmeln dabei. Das Teil der Träume muss nicht automatisch Ultra-Luxus sein, um es nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen. Der Run auf „Future Vintage“Diese Art „Sourcing-Service“, und mehr, bietet Luminaire in London. Die Mitgliedsgebühr beträgt hier rund 5000 Pfund im Jahr, dafür genießen Kunden dann „Hyper Personal Shopping“: Zugang zu exklusiven Designerevents, eine für jeden Anlass vorkuratierte Auswahl, die jederzeit, an egal welchen Ort geschickt wird. „Geht nicht gibt es bei uns nicht“, sagt Emmerson Conrad, die seit eineinhalb Jahren im Team von Luminaire arbeitet. Wenn eine Kundin für ein bestimmtes Event Gucci by Tom Ford aus der Kollektion Fall-Winter 1996 tragen möchte, setzten sie und die anderen Mitarbeiter alles daran, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.„Das Problem ist dabei ja nicht nur, irgendwo ein Kleid aufzutun. Es muss auch noch die richtige Größe sein“, so Conrad. Sämtliche Vintage-Boutiquen und Society Ladies in London seien bei ihnen auf „Speed-Dial“. Vielen Luminaire-Kundinnen gehe es auch um „Future Vintage“. Um Stücke, die gerade alle haben wollen und die deshalb längst vergriffen sind. Wobei das Wort „vergriffen“ in dieser Welt eben nicht existiert. „Kein Teil ist je ganz ausverkauft“, weiß Conrad. Irgendeine Boutique jenseits von Paris, New York oder London hat den gewünschten Pullover von The Row oder die Miu-Miu-Schuhe dann doch noch auf Lager. Man muss sie nur finden.