PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenNeun EmpfehlungenWie gut ist Wein aus der Literflasche wirklich?Von Manfred KlimekStand: 09:57 UhrLesedauer: 6 MinutenViel Wein für wenig Geld – wie gut ist die Literflasche wirklich?Quelle: Getty Images/Dorling Kindersley RF/Colin WaltonSpitzenweingüter hierzulande füllen ihre Weine ganz selbstverständlich im Liter ab. Die große Flasche ist eine deutsche Besonderheit – und leicht verpönt. Anlass für einen Test: Weine zwischen fünf und zwölf Euro.Sie ist die eierlegende Wollmilchsau der Weinkonsumenten – und zwar jener, die auf ihr tägliches gutes Glas Wein nicht verzichten wollen: die Literflasche anständigen Weines, die um vergleichsweise sehr wenig Geld sehr anständige deutsche Weine in sich trägt. Gekeltert von durchaus namhaften Winzern, die sich von diesem Format aber auch ohne große finanzielle Einbußen trennen könnten. Aber das wollen sie nicht. Noch nicht.Ein Flaschenformat zudem, das im internationalen Vergleich fast aus der Zeit gefallen wirkt und doch etwas bewahrt, das anderswo längst verschwunden ist: die Idee, dass guter Wein nicht zwangsläufig teuer sein muss. Während sich der globale Weinmarkt zunehmend in Prestigelagen, Einzelflaschen und narrative Überhöhung aufspaltet, existiert in Deutschland eine Parallelwelt, in der Spitzenweingüter selbstverständlich Weine im Liter abfüllen. Keine Zweitverwertung, sondern sauber gemachte, oft erstaunlich präzise Weine, die aus der gleichen Kelterkultur stammen wie die ebenso preisgünstigen, aber dann doch teureren Gutsweine – letztere fast immer abgefüllt in den etablierten 0,75-Liter-Gebinden.Lesen Sie auchUnd doch, trotz aller ersichtlichen Vorteile für die Konsumenten, geraten diese Flaschen zunehmend in Vergessenheit. Denn der Handel liebt das, was sich in Preis und Herkunft immer weiter zuspitzen lässt. Die Literflasche hingegen entzieht sich dieser Logik. Sie ist zu einfach, zu klar in ihrer Idee als Schankwein. Gleichzeitig verschwindet auch jene Klientel, für die sie einst gemacht war: Menschen, die sich ein gutes Glas Wein leisten wollen, ohne daraus ein Ereignis zu machen. Ein Glas zum Essen, im Alltag, am Abend zum Entspannen auf Balkon, Terrasse oder im Garten – denn Literweine sind vor allem Weißweine, Sommerweine.Die Weingüter selbst stehen dabei in einem Konflikt. Denn jeder gute Literwein stellt die Frage, warum der Gutswein des gleichen Weinguts mehr kosten soll. Also bleibt die Literflasche oft unterpromotet – ein Produkt, das existiert, aber selten in den Vordergrund rückt.Dabei ist sie, nüchtern betrachtet, eine deutsche Singularität. In Frankreich etwa existiert zwar die Idee des „vin de soif“, des einfachen, trinkigen Weins, und große Häuser wie Domaines Barons de Rothschild erzeugen durchaus zugängliche Qualitäten um auch geringes Geld. Doch das Format des Liters, diese bewusste Entscheidung für mehr Wein bei gleichbleibender Qualität, findet sich dort kaum.Lesen Sie auchIn Deutschland hingegen hat die Literflasche ihre Wurzeln in der Gastronomie, im offenen Ausschank. Sie ist kein Statement, sondern eine kulturelle Institution. Ein Liter Wein, der geteilt werden will, der nicht auf den Moment der Verkostung zielt, sondern einfach auf die Trinklust. Die abnehmende Trinklust jüngerer Generationen seit 2000 ist ihr Problem – und zugleich ihre Chance. Denn sie steht für etwas, das dem Wein zunehmend verloren geht und das auch die jüngere Generation gar nicht mehr im Verborgenen sucht: Selbstverständlichkeit. Fraglos stammt das Lesematerial dieser Weine aus der ersten Lese, der Vorlese, in welcher alle Trauben aussortiert werden, die das Weingut nicht mehr länger reifen lassen will. Und fraglos kommen Teile des Lesematerials auch aus qualifiziertem Zukauf vertrauenswürdiger Traubenlieferanten. Trotz dieser gefühlt als qualitative Einschränkung verstandenen Nivellierungen kann sich kein Weinbaubetrieb von Rang und Namen leisten, auch nur eine Flasche Wein vom Hof zu lassen, die nicht auch die Qualitätskriterien des teuersten Weines des Weinguts in sich trägt. Denn ein lediglich durchschnittlicher Wein eines für Qualität bekannten Weinguts wäre – vor allem in Zeiten von Social Media – eine Katastrophe.Es ist also an der Zeit, diese Flaschen ernst zu nehmen. Nicht als Kuriosum, sondern als das, was sie sind: eine der letzten wirklich demokratischen Formen des Weinangebots.Winzerhof Stahl: Der Silvaner in der Literflasche vom auch in der Sternegastronomie vertretenen Weingut aus Simmershofen in Franken (ab 6,50 Euro, die etwas höherwertige Flaschenfüllung namens „Kilo“ für 9,50 Euro) zeigt, wie klar und frisch diese Kategorie sein kann, wenn sie so richtig ernst genommen wird. Kein dekorativer Überbau, sondern ein präziser, geradliniger Wein, der die Rebsorte auf ihre auch kräftige Essenz reduziert. Frische, ein kühler Zug, dazu diese typische, leicht herbe Kräutrigkeit, die den Gaumen wach hält.Juliusspital: Hier wird der Liter-Silvaner (ab 8,50 Euro) etwas klassischer interpretiert, mit mehr Rundung, mehr fränkisch-önologischer Selbstverständlichkeit. Die Frucht wirkt reifer, der Wein insgesamt etwas weicher, ohne seine Kontur zu verlieren. Ein Silvaner, der weniger auf Spannung setzt als jener von Stahl, sondern auf Balance – und genau dort seine Stärke findet.Lesen Sie auchZehnthof Luckert: Bei diesem richtig großen fränkischen Winzer aus Sulzfeld am Main – mit Weinen von Weltgeltung – wird der Liter Silvaner (ab 11,50 Euro) zum Understatement eines großen Könnens. Der Wein ist karg, präzise, beinahe streng in seiner Anlage. Weniger Frucht, mehr Struktur, mehr Salze der Böden, eine klare Handschrift, die sich nicht anbiedert. Dass ein solcher Stil in der Literflasche auftaucht, ist fast ein Statement für sich.Weingut Schenk: Es bringt schließlich eine Silvaner-Literversion (ab 8,50 Euro) mit ins Spiel, die etwas offener, zugänglicher wirkt, ohne je ins Banale zu kippen. Der Silvaner zeigt Frucht, aber kontrolliert, bleibt trocken, sauber und klar. Ein Wein, der genau das erfüllt, was man sich von dieser Kategorie erhofft: Verlässlichkeit ohne Langeweile.Weingut Uli Metzger: Der Liter Rivaner (Müller-Thurgau) aus Grünstadt in der Pfalz (ab 5,40 Euro) ist vielleicht die unterschätzteste Position in dieser Auswahl. Eine Rebsorte, die lange nicht zu Unrecht als belanglos galt, hier jedoch mit erstaunlicher Präzision in Qualitätswein verwandelt wird. Leicht, frisch, mit klarer Frucht, ohne eine störend-banale Süße. Und fern von den vielen belanglosen Weinen, für die Müller-Thurgau in Deutschland immer noch herhalten muss.Weingut Hammel: Es bringt mit seinen zwei prominentesten Literflaschen eine fast schon spielerische Erweiterung des Gedankens ins Spiel. Der Pfälzer Riesling „Literweise“ (ab 6,36 Euro) zeigt sich saftig, direkt, mit klarer Säure und unkomplizierter Frucht. Kein großer Tiefgang, aber eine erstaunliche Trinkigkeit, die genau in das Format einzahlt. Der Rosé „Literweise“ (Dornfelder & Pinot Noir, ab 5,79 Euro) wiederum setzt stärker auf Frucht und auch Wucht, bleibt aber immer frisch, animierend – fast beiläufig gut.Von Winning: Der Riesling im Literformat (ab 7,10 Euro) des Deidesheimer Weinguts wirkt wie ein kontrollierter Spagat. Das Haus, bekannt für ambitionierte, oft holzgeprägte Weine, zeigt hier, dass auch in der einfachsten Kategorie Reduktion möglich ist. Klar, präzise, mit sauberer Säure und einer Frucht, die nie dominiert und den Bodensalzen ihren Platz lässt. Ein Literwein mit Herkunft, ohne sie auszustellen.David Spies: Der Winzer in Rheinhessen ist der Kellermeister des bekanntesten Rieslings in den Speisewagen der DB, und liefert einen Liter Riesling ab, der vielleicht am nächsten an das Ideal dieser Kategorie herankommt. Ein Riesling (6,90 Euro), der nichts will außer gut sein. Frisch, geradlinig, mit genau der richtigen Balance aus Frucht und Säure. Kein Statement, kein Konzept – sondern einfach ein Wein, der da ist, wenn man ihn braucht.Manfred Klimek ist Weinkritiker und Fotograf.
Wein: Experten empfehlen Literwein – günstige Überraschungen im Test - WELT
Spitzenweingüter hierzulande füllen ganz selbstverständlich Weine im Liter ab. Eine deutsche Besonderheit – und Anlass für einen seltenen Test: Wie gut sind 1-Liter-Flaschen zwischen fünf und zwölf Euro wirklich?









