PfadnavigationHomeRegionalesHamburgEffizienzoffensiveHamburg bündelt die Strafverfolgung neu – Massendelikte sollen schneller bearbeitet werdenVeröffentlicht am 14.04.2026Lesedauer: 6 MinutenAktenberge in einem Landgericht (Symbolfoto) Quelle: picture alliance/dpa/Julian StratenschulteDie neue Abteilung GEBS soll Polizei und Staatsanwaltschaft bei tausenden Fällen enger verzahnen, Verfahren beschleunigen und Doppelarbeit vermeiden. Ein bundesweit einmaliges Projekt. Das Konzept wird von BDK und CDU begrüßt.Hamburg startet einen neuen Anlauf, die Bearbeitung von Massendelikten schneller und klarer zu organisieren. Ab morgen nimmt die „Gemeinsame Eingangs- und Bearbeitungsstelle“, kurz GEBS, im Probebetrieb ihre Arbeit auf. Dahinter steht die Idee, dass Polizei und Staatsanwaltschaft neu eingehende Verfahren nicht länger weitgehend getrennt bearbeiten, sondern gemeinsam und zielgerichtet. Der Senat spricht von einem neuen Weg in der Zusammenarbeit von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden. Im Pilotbetrieb arbeiten 56 Mitarbeitende des Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft unter einem Dach zusammen. Hamburg will damit nach eigener Darstellung bundesweit Vorreiter sein.Die GEBS ist auf Delikte ausgerichtet, die in großer Zahl anfallen und die Behörden seit Jahren stark binden. Dazu zählen nach der Mitteilung des Senats unter anderem Sachbeschädigung, Diebstahl, Beleidigung oder Hausfriedensbruch. Für genau diese Fälle wurden in einer Arbeitsgruppe über Monate Kriterien und Standards entwickelt. Künftig soll direkt nach Eingang einer Strafanzeige geprüft werden, wie das Verfahren am sinnvollsten weiterläuft. Lesen Sie auchDas kann bedeuten, dass mehrere Verfahren gegen Wiederholungstäter zusammengeführt werden. Es kann auch bedeuten, dass schneller über Strafbefehlsanträge oder Anklagen entschieden wird. Ebenso sollen Verfahren früher eingestellt werden können, wenn Ermittlungsansätze fehlen oder kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht. Der Kern des Modells ist einfach. Entscheidungen sollen früher fallen. Abstimmungen sollen leichter werden. Doppelarbeit soll entfallen. Verfahren sollen insgesamt schneller erledigt werden.Der Senat verbindet mit der neuen Stelle deshalb nicht nur eine organisatorische Änderung, sondern einen grundlegenden Effizienzgewinn. Von den 56 Mitarbeitenden kommen 40 aus der Polizei. Dazu zählen sogenannte Entscheiderinnen und Entscheider sowie Kriminalassistentinnen und Kriminalassistenten. Die Staatsanwaltschaft ist mit 16 Mitarbeitenden vertreten, darunter Dezernentinnen und Dezernenten sowie Servicekräfte.Die Polizei geht davon aus, dass rund 35.000 Verfahren pro Jahr in die GEBS gesteuert werden. Der Probebetrieb ist für mindestens ein Jahr angelegt. Danach sollen Ergebnisse und Erfahrungen ausgewertet werden. Das Ziel ist klar. Die Abläufe vom Eingang der Anzeige bis zur Entscheidung über das weitere Vorgehen sollen straffer werden und weniger Reibungsverluste verursachen.Lesen Sie auchInnensenator Andy Grote beschreibt das Projekt mit einem prägnanten Bild. „In Hamburg arbeiten Polizei und Staatsanwaltschaft jetzt an zwei Seiten des gleichen Schreibtisches zusammen. Die gemeinsame Eingangs- und Bearbeitungsstelle von Polizei und Staatsanwaltschaft ist eine bundesweite Innovation, mit der wir die Effizienz und Leistungsfähigkeit der Strafverfolgungsbehörden deutlich erhöhen und Doppelarbeit vermeiden. Gerade Wiederholungstäter können dank der direkten Zusammenführung von Verfahren schneller und konsequenter zur Rechenschaft gezogen werden. Wohingegen kein Ermittlungsansatz besteht, werden gar nicht erst Ressourcen aufgebracht, die für die Verfolgung schwerer und schwerster Verbrechen besser eingesetzt werden können.“Auch Justizsenatorin Anna Gallina verweist auf den Reformanspruch des Modells. „Hamburg entwickelt die Strafverfolgung weiter und optimiert die Zusammenarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft. Die hohen Zahlen gerade bei Massendelikten erfordern neue Lösungsansätze. Die räumliche Nähe macht Abstimmungen bei der Bearbeitung von Fällen einfacher. Zeitaufwendige Nachermittlungen sollen verhindert und Ermittlungen schneller abgeschlossen werden, also schneller insbesondere über Strafbefehlsanträge oder Anklageerhebungen entschieden werden. Das stärkt das Vertrauen der Menschen in den Rechtsstaat und nutzt vorhandene Ressourcen besser.“Auch Polizeipräsident Falk Schnabel hebt die praktische Wirkung hervor. „Mit dieser bundesweit einmaligen Form der Zusammenarbeit wird die Kriminalitätsbekämpfung in Hamburg deutlich effektiver. Abläufe werden beschleunigt, Taten werden schneller verfolgt, Entscheidungen fallen früher – und die Bürgerinnen und Bürger erhalten zügiger eine Rückmeldung zu ihren Strafanzeigen. Das ist ein Meilenstein, der richtungsweisend für die Zukunft der Polizeiarbeit sein wird.“Lesen Sie auchGeneralstaatsanwalt Dr. Jörg Fröhlich betont vor allem die strukturelle Seite des Projekts. „Nach einer langen und intensiven Vorbereitung freue ich mich sehr, dass wir mithilfe der elektronischen Akte und einer Professionalisierung von Strukturen nun für bessere Arbeitsergebnisse im Bereich der Massendelikte sorgen können. Besonders erwähnenswert ist, dass der erhoffte Effizienzgewinn ohne Personalzuwachs und weitere Haushaltsmittel eintreten soll. Außerdem sind wir bundesweit die Ersten, die eine solch enge Zusammenarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Organisationseinheit erproben. Für ihren Mut und ihr außergewöhnliches Engagement gilt daher allen Beteiligten großer Dank.“„Richtiger und notwendiger Schritt“Sowohl der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) als auch die Hamburger CDU-Fraktion erkennen in der GEBS ausdrücklich einen sinnvollen Schritt. Der BDK Hamburg bezeichnet das Vorhaben als „richtigen und notwendigen Schritt“, um auf die erheblichen Probleme in der Strafverfolgung zu reagieren. Angesichts von zuletzt nahezu 60.000 offenen Ermittlungsverfahren bestehe dringender Handlungsbedarf, heißt es in der Mitteilung des Berufsverbands. Wie WELT berichtete, war die Zahl der unerledigten Verfahren bei der Hamburger Staatsanwaltschaft seit Ende 2024 geradezu sprunghaft von 47.953 auf 76.637 Fälle (Ende 2025) angestiegen – ein Plus von knapp 60 Prozent im Laufe von zwölf Monaten.Zugleich verweist der BDK darauf, dass er mit seiner Idee einer kriminalpolizeilichen Strafsachenstelle, der sogenannten „KrimStra“, selbst frühzeitig einen ähnlichen Lösungsansatz eingebracht habe. Die nun vorgestellte GEBS greife „zentrale Elemente dieses Ansatzes auf“ und verspreche „spürbare Verbesserungen – durch schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen“.Lesen Sie auchDie Kritik des BDK setzt deshalb nicht am Konzept, sondern an dessen personeller Absicherung an. Der Verband warnt vor geplanten Kürzungen bei Tarifstellen innerhalb der Polizei Hamburg. Nach den aktuellen Planungen könnten bis zu 400 Stellen wegfallen. Besonders betroffen wäre nach Darstellung des BDK das Landeskriminalamt – also ausgerechnet jener Bereich, in dem viele Kriminalassistentinnen und Kriminalassistenten arbeiten, die in der neuen GEBS eine tragende Rolle übernehmen sollen.Auf Kürzungen im Tarifbereich verzichtenJan Reinecke, Landesvorsitzender des BDK in Hamburg, formuliert die Sorge scharf: „Ohne ausreichend qualifiziertes Tarifpersonal droht die GEBS bereits in ihrer Aufbauphase erheblich an Wirksamkeit zu verlieren.“ Ein solcher Stellenabbau würde, so Reinecke weiter, „die ohnehin stark belastete Strafverfolgung weiter schwächen und zentrale Reformprojekte im Landeskriminalamt konterkarieren“. Der BDK fordert deshalb, auf Kürzungen im Tarifbereich zu verzichten und die personellen Voraussetzungen für die neue Einheit zu sichern. „Wenn die Politik die GEBS wirklich ernst nimmt, muss diese auch die personellen Rahmenbedingungen für das Vorhaben konsequent zur Verfügung stellen“, sagte Reinecke.Ganz ähnlich, aber politisch noch schärfer, argumentiert die CDU-Bürgerschaftsfraktion. Deren innenpolitischer Sprecher Dennis Gladiator nennt die GEBS „einen richtigen und längst überfälligen Schritt“, um die Strafverfolgung in Hamburg schneller und effizienter zu machen. Angesichts „zehntausender offener Verfahren“ brauche die Stadt genau solche strukturellen Verbesserungen. Doch auch Gladiator sieht einen fundamentalen Widerspruch zwischen Reformanspruch und Personalpolitik des Senats. Lesen Sie auch„Gute Konzepte dürfen nicht durch kurzsichtige Sparpolitik entwertet werden“, erklärt der CDU-Politiker. Wenn „ausgerechnet im Landeskriminalamt hunderte Tarifstellen wegfallen sollen“, werde die neue Eingangs- und Bearbeitungsstelle „schon zum Start geschwächt“. Sein Befund ist eindeutig: „Ohne ausreichend qualifiziertes Personal bleibt jede Reform Stückwerk.“ Der Senat müsse nun konsequent handeln. Wer eine effizientere Strafverfolgung verspreche, müsse auch die personellen Voraussetzungen sichern. Andernfalls verschärfe sich die ohnehin angespannte Lage weiter.dfe
Effizienzoffensive: Hamburg bündelt die Strafverfolgung neu – Massendelikte sollen schneller bearbeitet werden - WELT
Die neue Abteilung GEBS soll Polizei und Staatsanwaltschaft bei tausenden Fällen enger verzahnen, Verfahren beschleunigen und Doppelarbeit vermeiden. Ein bundesweit einmaliges Projekt. Das Konzept wird von BDK und CDU begrüßt.






