PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenBibeltexte in der Kirche„Was Frauen sagen oder tun, wird gekürzt oder weggelassen“Veröffentlicht am 05.04.2026Lesedauer: 8 MinutenIn katholischen Gottesdiensten herausgekürzt: Hagar in der WüsteQuelle: picture alliance/Heritage Images/© Fine Art Images/Heritage ImagesDie Bibel ist voller Geschichten über Frauen. Doch in der katholischen Kirche wird nur ein kleiner Teil dieser Texte vorgetragen. Diese tendenziöse Auswahl präge kirchliche Entscheidungsträger auf der ganzen Welt, sagt die Theologin Annette Jantzen. Als Theologin wusste die Aachenerin Annette Jantzen natürlich, dass in katholischen Gottesdiensten nur ein Teil aller Bibeltexte vorgelesen wird. Doch dass bei der Auswahl Textstellen mit Frauenbeteiligung offenbar systematisch übergangen worden waren, war ihr lange nicht klar. Für ihr soeben erschienenes Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“ (Verlag Herder) hat sie das Ausmaß dieser Verstümmelung erforscht.WELT: Frau Jantzen, erzählen Sie uns von Hagar.Annette Jantzen: Von Hagar wird im Ersten Testament berichtet, im Ersten Buch Mose. (Anm. d. Redaktion: Jantzen verwendet anstelle von „Altes“ und „Neues Testament“ die Begriffe „Erstes“ und „Zweites Testament“.) Hagar lebt als versklavte Magd im Nomadenhaushalt von Abraham und Sara. Weil Sara keine Kinder bekommt, muss Hagar als Leihmutter herhalten, sie hat dafür zu sorgen, dass Abraham Nachwuchs bekommt. Hagar wird misshandelt, sie flieht in die Wüste und macht dort eine Gotteserfahrung. Zum allerersten Mal in der Bibel formuliert hier ein Mensch, wer dieser Gott ist. Hagar sagt: „Du bist der Gott, der mich sieht.“ Leider wird genau das den Besuchern katholischer Gottesdienste vorenthalten. Das einzig Gottvolle an dieser Geschichte fehlt beim Vortrag in der Kirche.WELT: Die Frauen in der Bibel – das ist ein Thema, das schon mehrfach untersucht wurde. Jantzen: Das ist richtig. Ich bin nun der Frage nachgegangen, ob und wie diese biblischen Frauen-Geschichten in den Gottesdiensten der katholischen Kirche vorgetragen werden. WELT: Wie kamen Sie darauf, dass da etwas im Argen liegen könnte?Jantzen: Als Frauenseelsorgerin betreibe ich einen Blog, der sich an Frauen richtet, die für die katholische Kirche Wort-Gottes-Feiern vorbereiten. Ich empfehle da Texte und Bibelstellen. Und für diese Empfehlungen orientiere ich mich an der Leseordnung.WELT: Das müssen wir erklären: Diese Leseordnung der katholischen Kirche legt verbindlich fest, an welchen Tagen im Jahr welche Bibelstellen im Gottesdienst vorgetragen werden. Das ist ein weltweit gültiger Text-Kanon.Jantzen: Genau. Die Idee hinter dieser Leseordnung, die in den 1960er-Jahren erarbeitet wurde, ist: Die katholische Gemeinde soll das Wesentliche aus der Bibel hören und verstehen. Für diese Texte hat man für Sonntagsgottesdienste einen dreijährigen Zyklus festgelegt. Für die Werktage gibt es einen zweijährigen Zyklus. Danach geht es mit den Bibeltexten von vorne los. Die Bibel umfasst allerdings insgesamt 36.000 Verse, und nur 12.000 fanden in der Leseordnung Platz. Die Textredakteure mussten also Passagen kürzen oder ganz weglassen.WELT: Das ist durchaus nachvollziehbar. Jantzen: Ja. Aber als ich etwa anderthalbmal durch die Leseordnung der Sonntage durchgegangen war, fiel mir allmählich auf, dass viele Geschichten über Frauen, die ich aus der Bibel kannte, nicht vorkamen. Oder dass sie verstümmelt wiedergegeben wurden. Den letzten Ansporn, der Sache auf den Grund zu gehen, gab mir die Geschichte von Hagar. Ich fragte mich, wie es möglich ist, dass aus dieser Erzählung ausgerechnet ein so zentraler, theologisch bedeutsamer Moment herausgekürzt werden konnte.WELT: Wie fällt Ihr Resümee nach Durchsicht von Bibel und Leseordnung aus? Jantzen: Im Ersten Testament kommen knapp über 60 Frauen mit einer erzählbaren Geschichte vor. In den Lesungen der Sonntagsgottesdienste bleiben davon zweieinhalb übrig. An den Werktagen kommen zwar 20 Frauen mit ihrer Geschichte vor, immerhin ein Drittel. Aber nur drei dieser Geschichten sind ungekürzt. Den anderen fehlt, ähnlich wie bei Hagar, meist das Wesentliche. WELT: Die Geschichten der Bibel spielen in einer patriarchalen Gesellschaft. Da ist es anzunehmen, dass in diesen Texten Frauen ohnehin nicht besonders gut repräsentiert werden.Jantzen: Mag sein. Aber aus heutiger Sicht erscheint es fast erstaunlich, dass diese im Durchschnitt etwa zweieinhalbtausend Jahre alten Texte wenig Vorbehalte hatten, von Frauen zu erzählen. Von Geburten, Kinderwunsch, von Prostitution und Gewalt gegen Frauen, die übrigens konsequent verurteilt wird. Der Blickwinkel der Textredakteure, die in den 1960er-Jahren die Leseordnung erstellt haben, ist da sehr viel enger. WELT: Wie erklären Sie sich das? Jantzen: An Frauengeschichten hat man gekürzt, weil Frauengeschichten im Verständnis der 60er-Jahre anscheinend als Privatgeschichten aufgefasst wurden: Männer machen die große Politik, sie machen die Geschichte mit Gott. Führende Männer werden in der Auswahl der Leseordnung oft ohne familiäre Bezüge gezeigt. Doch die sind in der Erzähltradition der Bibeltexte wichtig, Volksgeschichte wird dort immer als Familiengeschichte erzählt. Familiengeschichte funktioniert aber nicht mit einsamen Helden. Wenn Frauen um ein Kind beten oder wegen einer schweren Schwangerschaft ein Gottesorakel einholen – wird das in der Leseordnung als privat verstanden und weggelassen. Lesen Sie auchWELT: Können Sie ein Beispiel nennen? Jantzen: Nehmen wir Rebecca, die Frau von Abrahams Sohn Isaak. Im biblischen Text ist sie es, die die Geschichte voranbringt. Rebecca und Isaak haben Zwillingssöhne. Nun geht es darum, wer den Erstgeburtssegen bekommt. Rebecca zieht den jüngeren vor – das erscheint bei der Lesung in der Kirche vollkommen unmotiviert und unfair. Dabei wurde übersprungen, dass Rebecca während ihrer schweren Schwangerschaft ein Gottesorakel eingeholt hatte. Diese Kürzung wirkt sich dann auch negativ auf unser Gottesbild aus. Gott lässt sich anscheinend von einer willkürlich agierenden Mutter manipulieren. Was sollen wir daraus lernen? Mütter sind halt so? WELT: Sie schreiben, durch die Auswahl der Leseordnung würden Frauen zu flacheren, uninteressanteren Figuren ohne Gottesbeziehung gemacht. Männer hingegen strahlten umso heller. Jantzen: Das lässt sich gut an den Geschichten um König David zeigen. Die königskritischen Stimmen, die in den Geschichten der Frauen um ihn herum stecken, kommen in der Leseordnung nicht vor. Zum Beispiel ist es eine Frau, die diesen eigentlich kleinkriminellen Schutzgelderpresser auf den Weg Gottes zurückgeführt. Wir erfahren nicht, dass er Frauen vergewaltigt hat. Gewalt an seiner eigenen Tochter lässt er ungesühnt. Weggelassen wird auch, wie eine weise Frau dafür sorgen soll, dass David die Blutrache zwischen seinen Söhnen in den Griff bekommt. Herrschafts- und Gewaltkritik wird im Ersten Testament oft an Frauengeschichten durchgespielt. Lässt man diese beim Vortrag in der Kirche weg, wird aus David ein fast schon zölibatärer Held. Dabei sind das Realitäten, über die wir gerade heute in der Kirche sprechen müssen. In den biblischen Texten wird das Unrecht der männlichen Gewalt sehr klar benannt. Und die Bibel ist sehr solidarisch mit den Frauen. Es gibt da kein „Die war doch selber schuld“ oder „Der Rock war zu kurz“. WELT: Sie beenden Ihr Buch mit der Geschichte von der Guten Frau. Was hat es damit auf sich? Jantzen: Die Gute Frau ist eine Symbolfigur aus einem der Weisheitsbücher, in dem es um die richtige Lebensführung geht. Anhand der Guten Frau wird aufgezählt, was das gute Leben ausmacht: Sie versorgt ihr Haus gut, stellt Stoff und Kleidung her, kümmert sich um die Armen, sie ist einflussreich, geachtet, anerkannt, legt einen Weinberg an, ist also wirtschaftlich erfolgreich. Am 33. Sonntag des ersten Jahreskreises wird aus diesem Buch gelesen. Von der Guten Frau hört man dann, dass sie unermüdlich arbeitet, Stoff herstellt, und dass Schönheit nicht alles ist. Alles andere fällt weg. Übrig bleibt ein enges Frauenbild nach dem Motto Kinder, Küche, Kirche. Noch krasser wird das Buch Judith manipuliert. WELT: Erzählen Sie!Jantzen: Das Buch Judith erzählt eine symbolische Heldinnen-Geschichte. Da droht ein Herrscher aus dem Osten, die ganze Region zu vernichten. Er scheint so etwas wie Trump und Putin in einer Person zu sein. Judith lebt in einer Stadt, die beim Vormarsch dieser Großmacht niedergewalzt würde und die das letzte Nadelöhr darstellt, bis er die ganze Welt beherrscht. Judith sagt zu den Bewohnern der Stadt: Vertraut mir, Gott wird dem Krieg ein Ende machen. Danach geht sie ins Heerlager des bösen Belagerers und köpft ihn. Es ist ein Text, der mit dem Buch Tobit oder dem Buch Jona vergleichbar ist, beide sind in der Leseordnung ausführlich vertreten. Aus dem Buch Judith kann optional an Namenstagen von heiligen Witwen ein Abschnitt vorgelesen werden, weil Judith ebenfalls verwitwet ist. In diesem Abschnitt wird Judith vorgestellt. Es ist ein kurzer Text, in dem es darum geht, wie sie aussieht. Das war’s, mehr kommt nicht vor. Absurder geht es nicht.WELT: Wir haben viel über Beispiele aus dem Alten Testament gesprochen. Wie sieht es mit dem Neuen Testament aus? Jantzen: Die gute Nachricht ist: Von Jesus kann man nicht erzählen, ohne von den Frauen zu erzählen, die um ihn herum waren. Und das Zweite Testament ist auch vollständig in der Leseordnung enthalten. Es gibt allerdings ein gewichtiges Aber: Bei langen Texten des Ersten Testaments schlägt die Leseordnung eine offizielle Kurzfassung vor. Und da fallen dann die Frauen doch oft wieder weg. Und wenn eine Geschichte in verschiedenen Evangelien in verschiedenen Versionen vorliegt, wird in der Regel die Variante ausgesucht, in der die Frauen weniger sagen, weniger interagieren, weniger präsent sind. Verglichen mit dem Ersten Testament sind das eher subtile Eingriffe, die man nicht direkt bemerkt. Und natürlich kann man bei jeder einzelnen Streichung sagen: Die paar Verse, ist das denn so schlimm? WELT: Was entgegen Sie darauf?Jantzen: Es ist die Masse, die dafür sorgt, dass Frauen großflächig unsichtbar oder zu Randfiguren gemacht werden. Und viele Menschen gehen davon aus, dass sie im Gottesdienst den gesamten biblischen Text hören. Es ist unter Katholiken längst kein Allgemeinwissen, dass das Buch, das im Gottesdienst hereingetragen wird, nicht die Bibel ist, sondern das Lektionar, in dem nur ausgewählte Texte abgedruckt sind. Dazu kommt, dass die Menschen, die in der Kirche Entscheidungen treffen, von dieser Leseordnung und ihrer tendenziösen Auswahl geprägt sind. Über manche kirchenpolitische Entscheidung muss man sich vor diesem Hintergrund nicht wundern.Annette Jantzen, geboren 1978, hat katholische Theologie in Bonn, Jerusalem, Tübingen und Straßburg studiert. Ihre Promotion legte sie in Kirchengeschichte ab. Nach Stationen an der RWTH Aachen, als Pastoralreferentin im Bistum Aachen und regionale Frauenseelsorgerin arbeitet sie nun beim Hildegardis-Verein im Projekt „Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“. Außerdem ist sie als Autorin und Speakerin tätig. Jantzen lebt mit ihrer Familie in Aachen. Ihr Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird“ ist erschienen im Herder-Verlag (304 Seiten, 24 Euro). afa
Katholische Kirche: Warum in Gottesdiensten kaum Bibeltexte über Frauen gelesen werden - WELT
Die Bibel ist voller Geschichten über Frauen. Doch in der katholischen Kirche wird nur ein kleiner Teil dieser Texte vorgetragen. Eine tendenziöse Auswahl präge kirchliche Entscheidungsträger auf der ganzen Welt, sagt die Theologin Annette Jantzen. Sie ist der heimlichen Zensur auf den Grund gegangen.










