In den USA sieht man „Disney Adults“ als eigene Subkultur. Vor allem die Besuche in den Freizeitparks machen erwachsene Fans des Konzerns glücklich, sie richten teilweise ihr ganzes Leben nach ihrem Hobby aus. Unsere Autorin kann das verstehen.Es war kurz nach dem Start, wir hatten gerade die Reiseflughöhe erreicht. Plötzlich tat es einen sehr, sehr lauten Knall, ein Geräusch, das man nicht hören will, wenn man in einem Flugzeug sitzt. Ich sah aus dem Fenster, aus dem Triebwerk sprühten Funken, dann entstand eine Flamme. Feuer, auch so etwas, das man nicht sehen will, wenn man in einem Flugzeug sitzt. Anders als man erwarten würde, blieben alle Passagiere stumm, auch ich griff nur nach der Hand meiner Mutter. Weniger als 24 Stunden später stehe ich in Disneys Magic Kingdom in Walt Disney World in Orlando, Florida. Ich höre die Disneymusik im Endlos-Loop, das Prinzessinnenschloss wird von der Sonne angestrahlt, die Menschen um mich herum tragen unironisch Mäuseohren, es riecht nach Popcorn und Winnie Puuh winkt mir zu. Ich atme durch und fühle mich zum ersten Mal seit dem Knall wieder ruhig und sicher und glücklich. Ich bin wieder hier, an meinem Glücksort, Disney nennt ihn den „happiest place on earth“, perfekter Marketingslogan. Jede Anreise ist diesen Moment wert, diesmal hatte ich ihn mir besonders verdient. Und Disney World schafft sogar das: die Todesangst vergessen zu machen. Bei mir zumindest – und bei vielen, vielen anderen Menschen, erwachsenen Menschen. In Deutschland wird man sehr oft sehr irritiert und zweifelnd angesehen, schwärmt man von Urlauben bei Micky Maus, von Kreuzfahrten auf Disney-Dampfern. In den USA gelten „Disney Adults“ als eine Art Subkultur, die einfach Freude an allem hat, was Disney erschafft. Sie lieben die Filme, kleiden sich von den Figuren inspiriert, gelten als eigene Wirtschaftskraft für Disney mit großem kulturellem Einfluss. Es gibt Menschen, die extra in die Nähe eines Parks ziehen, um ihre Leidenschaft täglich ausleben zu können. Und solche, die Timeshare-Verträge abschließen, teilweise über 60 Jahre, um damit Punkte zu kaufen, für die sie Urlaube in den Hotels des Konzerns buchen können. Lesen Sie auchAber auch im Mainstream Amerikas funktioniert die Faszination. Die Geburtstagspartys der Parks laufen im TV im Hauptabendprogramm, es gibt Podcasts wie „Grown Up Kids“, die regelmäßig auf den vorderen Plätzen der iTunes-Charts stehen, Disney-Versionen von Primetime-Shows wie „Dancing with the Stars“. Reisebüros, die nur Disneyreisen anbieten, und Reiseberater, die nur beim Buchen und Planen von Disneykreuzfahrten helfen. Hierzulande denkt man häufig, all das wäre nur etwas für Kinder, überteuerter, amerikanischer Quatsch, höchstens einmal im Leben für einen Tag, aber dann bitte mit Rucksack mit selbst geschmierten Broten und Müsliriegeln. Und die Freundlichkeit der Amerikaner ist eh total unecht. Es gibt doch auch den Europa-Park Rust, wenn man unbedingt Achterbahn fahren will! Dabei ist die Magie um Disneyurlaube sehr viel komplexer. Natürlich, eine gewisse Affinität zu den Geschichten, zu den Helden und Heldinnen, ob Mensch oder Tier, ist Voraussetzung. Dann kann man in so einem Disneypark erleben, was Yoga-Retreats, Strandurlaube, Wandertouren bei mir oft nicht schaffen: absolutes Abschalten, Rauskommen, Wegdenken, Erholen. Betritt man einen Disneypark (es gibt sechs weltweit, Disney World Orlando und Disneyland Anaheim sind unter den meistbesuchten Touristenzielen überhaupt), wird man sofort eingelullt von einem nirgendwo erreichten Heile-Welt-Gefühl. Die echte Welt muss draußen bleiben, denn zwischen andauernder Musikberieselung und Prinzessinnenparaden ist kein Platz für die Realität. „Wenn du in den Park gehst, gibt es keinen Horizont. Nur Disneyland“, sagte John Hench, der Disneyland in Anaheim als „Imagineer“ mitgestaltete, so nennt man in der Disney-Welt die Ingenieure, die Fahrgeschäfte und Paraden erdenken. Der Gang durch Main Street oder Frontierland zeigt ein Amerika der guten, alten Zeit, zwischen Cowboyromantik und Popcornautomaten. So eingestimmt kann der Besucher seine Sorgen von heute vergessen und sich auf die Verheißungen des Morgen konzentrieren. Richard M. Sherman, der viele Songs für Disney-Filme und Fahrgeschäfte schrieb, sagte einst: „Walt dachte immer, die Zukunft würde wunderbar werden.“ Das ist nicht ganz passiert, umso faszinierender ist eine Welt, die immer noch davon ausgeht. Lesen Sie auchFür viele ist die Anlage in Anaheim das einzig wahre Disneyland – war es doch der erste und einzige Park, den Walt Disney selbst noch erdachte, erlebte und prägte. Er entstand zu einer Zeit, in der man fasziniert war von Zukunftsfantasien, in der Mikrowellen, Transistoren und Impfstoffe erfunden wurden, die einen beispiellosen Wohlstand und einen Babyboom erlebte, aber gleichzeitig auch die Bedrohung des Kalten Krieges. In dieser Zeit sollte das Disneyland ein Ort werden, der, wie Disney selbst sagte, „nichts anderem auf der Erde gleicht: Jahrmarkt, Freizeitpark, eine Ausstellung, eine Metropole der Zukunft, ein Ort der Hoffnungen und Träume, der Fakten und der Fantasie“. Nicht jedem Disneypark auf der Welt gelingt das heute noch gleichermaßen. Es gibt immer wieder Berichte über Probleme im Park in Shanghai, wo Besucher auf dem Gelände spucken, pinkeln oder Schlimmeres, in Paris hält sich kein Mensch, beziehungsweise kein Franzose, an das Rauchverbot. Und dass eine Parkeröffnung in Abu Dhabi geplant ist, hat viele der vielen queeren Disneyfans schwer enttäuscht. Doch vor allem in den amerikanischen Parks und im perfekt organisierten DisneySea Tokyo darf man eintauchen in die Geschichten, die von nichts gebrochen werden. Hier liegt kein Müll herum (Walt Disney bestimmte, dass immer ein Mülleimer in Sichtweite sein muss, egal, wo man steht), es gibt keine pöbelnden Menschen, stattdessen Lächeln, Entschuldigungen, Tür-Aufhalten, Vortritt-Lassen, es ist eine watteweiche Wolke aus Freundlichkeit, von Besuchern wie Angestellten. Selbst in der Straßenbepflasterung entdeckt man wie zufällig entstandene Mickyköpfe (es ist nie ein Zufall, einen „hidden mickey“ zu entdecken), wer Glück hat, erlebt „Pixie Dust“, also Feenstaub und bei Disney synonym für unerwartete Freude, und bekommt einfach so eine Kleinigkeit von einem Castmember geschenkt. Passagiere der Disney-Kreuzfahrten haben diesen Brauch für sich übernommen, legen Geschenke vor die Kabinentüren von Fremden.Alles nur Kapitalismus und Abzocke? Na und?Für viele ist ein Disneyland der Ort, an dem sie erste Familienurlaube verbrachten, Freude, wo sie erstmals erlebt haben, dass andere Menschen sich für dasselbe begeistern wie sie. Wo niemand sie komisch ansieht, wenn sie Tüllröcke oder Leuchtschwerter tragen, auch Inklusion funktioniert wohl nirgendwo so unaufgeregt und selbstverständlich wie bei Disney, an alles ist gedacht und niemand hat Berührungsängste. Und, ganz profan, sämtliche Bedürfnisse können jederzeit erfüllt werden. Frische Luft, Wasserspender, Wickelräume, Essen, Zucker, Dopaminstöße – all das ist hier jederzeit verfügbar. So ein Besuch bei Disney kann natürlich längst auch Grundsatz- und politische Diskussionen provozieren: Ist es nicht viel zu viel und reizüberflutend für Kinder (kann sein, daher ist es ja auch eher was für Erwachsene!), ist Disney zu woke, zu konservativ, ist das alles nur fieser Kapitalismus, Abzocke, bliblablub? Aber muss denn alles, was man tut, immer pädagogisch wertvoll, moralisch einwandfrei, politisch neutral und altruistisch sein? Ein Disneyland-Besuch, gar eine Disney-Kreuzfahrt ist teuer, unvernünftig, nicht klimaneutral, aber so viel mehr wert als Geld. Lesen Sie auchDenn ja, Disneyurlaube sind so teuer, dass es eine riesige Verschwendung ist, wenn man sie mit jemandem unternimmt, der all den Pixie Dust nicht zu schätzen weiß. Ich lasse meinen Mann und meine Kinder daher auch lieber zu Hause oder auf einem Spielplatz zurück. Wem der Glückshormonschub fehlt, hält die Tage mit „Extra Magic Hours“ bis Mitternacht eh nicht durch. Eine Kreuzfahrt in Europa kann schnell fünfstellig kosten, ein Trip nach Paris für vier Tage für eine Familie leicht 5000 Euro, ohne Luxushotel. Eigentlich zeigen die Disney-Adults, die sich das leisten wollen, doch nur, wie groß unser aller Bedürfnis nach Freude, Alltagsflucht und Glück ist. Und sie haben einen Weg gefunden, es sich zu erfüllen – anders als sehr viele andere Erwachsene. Wie verbittert muss man sein, sich über Menschen lustig zu machen, die natürlich wissen, dass im Minnie-Kostüm eine Studentin steckt – ihr aber trotzdem gerne zuwinken? Warum wird ungefragt immer wieder kundgetan, wie „seltsam“ das doch sei? Warum bewundern wir den, der im Morgengrauen Berge erklimmt, und belächeln die, die 35.000 Schritte zwischen Magic Kingdom und Epcot zurücklegt? Auf dem Ballermann oder im Fußballstadion herumgrölen, das gilt als normal für Erwachsene – aber „Let it Go“ mitsingen nicht? In der Eröffnungsrede für Disneyland Anaheim sagte Walt Disney: „Kinder jeden Alters sind hier willkommen.“ Glücklich ist, wer das versteht.
„Disney Adults“: Warum auch Erwachsene Glück im Disneyland finden dürfen - WELT
In den USA sieht man „Disney Adults“ als eigene Subkultur. Vor allem die Besuche in den Freizeitparks machen erwachsene Fans des Konzerns glücklich, sie richten teilweise ihr ganzes Leben nach ihrem Hobby aus. Unsere Autorin kann das verstehen.








