PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1946„In jeder Weise sachlich, neutral und unparteiisch“ – so war WELT von Anfang anVeröffentlicht am 02.04.2026Lesedauer: 4 MinutenNeues Leben zwischen Trümmern – kleine Kinder spielen 1946 in Hamburger RuinengrundstückenQuelle: picture-alliance/dpaAm 2. April 1946 erschien die allererste Ausgabe einer neuen überregionalen Zeitung für die britische Zone Deutschlands. Der Titel war programmatisch, das Konzept für die deutsche Presselandschaft neu. Die erste Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Der Name war Programm: „Mit der WELT soll die Brücke geschlagen werden zu anderen Völkern, anderen Lebensweisen, anderen Gedankengängen“, hieß es am 2. April 1946 auf S. 2 der allerersten Ausgabe der neuen Zeitung. Damit nicht genug: „Sie soll dazu beitragen, neue Wege anzubahnen, die dem deutschen Volk im Laufe der Zeit zum Wohle gereichen.“Der Text, verfasst von Chefredakteur Rudolf Küstermeier, erschien unter der schlichten Überschrift „Die WELT“ im Stil des Zeitungskopfs. Der 42-jährige Journalist hatte fast zwölf Jahre in Unfreiheit verbracht, erst von November 1933 bis 1943 wegen Widerstandes gegen das Regime in Gefängnissen, dann nach zwei Wochen in Freiheit als „Vorbeugehäftling“ in verschiedenen KZs bis zur Befreiung im April 1945. Küstermeier stand damit außerhalb jedes Verdachts, mit dem Nationalsozialismus zu sympathisieren.Ihm war wichtig, dass es sich bei seinen Mitarbeitern um Deutsche handelte, sowohl Redakteure wie Autoren wie Verlagsmitarbeiter. Im Gegensatz zu den anderen bereits im besetzten Deutschland gegründeten Zeitungen, deren Träger Parteien, Institutionen wie die Kirchen und die Gewerkschaften oder regional tätige Konsortien von Lizenzträgern waren, stand für WELT vollständige Unabhängigkeit im Vordergrund. Darauf legte auch ihr Erfinder, der britische Colonel (und im Hauptberuf Germanistikprofessor an der University of Exeter) Henry B. Garland, größten Wert. Zum erstmaligen Erscheinen ließ er jedem WELT-Redakteur ein Schreiben zukommen, das einen klaren Auftrag enthielt: „Die britische Zonenzeitung ist ein unabhängiges und überparteiliches Blatt. Sie muss deshalb dafür bekannt sein, dass sie politisch in jeder Weise sachlich, neutral und unparteiisch ist.“Wie ernst Küstermeier und seine Mitarbeiter die Unabhängigkeit nahmen, zeigte schon die allererste Ausgabe: Der Aufmacher am 2. April 1946 fasste die Antworten eines britischen Vertreters im Alliierten Kontrollrat auf eine Reihe konkreter, alles andere als unterwürfiger Fragen zum „Industrieplan“ zusammen, der zentralen Vorlage zur Zukunft einer deutschen Wirtschaft. Eine Passage enthielt, unscheinbar formuliert, eine wichtige Aussage: „Es ist ein Grundgedanke des Plans, die Entwicklung der Landwirtschaft und friedlicher Industrien, wie der Bauindustrie, des Handwerks usw. zu fördern. Von diesen Industriezweigen sollen daher keine Reparationsleistungen gefordert werden.“Das war doppelt erstaunlich, gerade einmal elf Monate nach dem Ende des von Deutschland begonnenen Weltkriegs: Die an sich unter den Siegermächten vereinbarte Demontage zum Zwecke der Wiedergutmachung im Krieg zerstörter Anlagen im eigenen Land sollte sich in der britischen Zone auf „nicht friedliche“ Industrien beschränken, teilte der namentlich nicht genannte Offizier mit. Vielleicht wollte er sich nicht persönlich zitieren lassen, weil intern Streit in dieser Frage herrschte. Denn die seit Sommer 1945 in London regierende Labour Party stand für eine deutliche Verschärfung des Kurses gegenüber Deutschland. Der vorherige Premier Winston Churchill und sein Außenminister Anthony Eden hatten während des Krieges ausdrücklich erklärt, dass Deutschland nach dem absehbaren Sieg der Alliierten nicht seiner ganzen Industrie beraubt werden, sondern nur Rüstungswerke verlieren solle. Einmal hatte sich Churchill das Nachkriegsdeutschland sogar „fett, aber impotent“ gewünscht.Da dachten sein Nachfolger Clement Attlee und seine linksbürgerlichen Minister anders. Der erste Demontageplan für die drei Westzonen vom 28. März 1946, auf den sich die kritischen Fragen von WELT bezogen, sah den Abbau von insgesamt 1657 Betrieben in den drei westlichen Zonen vor. Davon 997 in der britischen, 414 in der amerikanischen und 246 in der französischen Zone. Alles sollte bis Frühjahr 1948 abtransportiert sein. Doch die britischen Offiziere in der Militärregierung in Hamburg hielten, wiewohl natürlich der politischen Führung untergeordnet, ein solches Vorgehen vielfach bereits für kontraproduktiv. Verschiedene Angehörige der Kontrollkommission lehnten Reparationen in einem derartigen Umfang ab. Genau in diesen am 2. April 1946 höchst aktuellen Konflikt zielte der Aufmacher der allerersten WELT-Ausgabe.Erstaunlich selbstbewusst für eine von britischen Offizieren gegründete und kontrollierte Zeitung brachte es der Leitartikel in der linken Spalte der Titelseite auf den Punkt: „Der neue Industrieplan“, hieß es, verurteile „Deutschland zur dauernden Verelendung und zur Massenerwerbslosigkeit“. Die möglichen Folgen skizzierte der namentlich nicht gezeichnete Kommentar: „Sollen in Deutschland die Voraussetzungen einer lebendigen und gesunden Demokratie geschaffen werden, oder soll es einem verzweifelten wirtschaftlichen Schicksal überlassen bleiben, das den fruchtbaren Boden für jedes politische Experiment bietet?“Während Anfang April 1946 in der US-Regierung längst die Pragmatiker die Oberhand über die Ideologen gewonnen hatten, stand eine entsprechende Erkenntnis bei den Briten noch bevor. Zwar dürfte die erste WELT-Ausgabe darauf keinen messbaren Einfluss gehabt haben. Aber die Ansage des Aufmachers und des Leitartikels vom 2. April 1946 war mehr als deutlich.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Seit 1997 schreibt er für WELT, seit 2003 in seiner gegenwärtigen Funktion. Mit der Wirtschaftspolitik der britischen Militärregierung in Nord- und Westdeutschland befasste er sich erstmals in seinem Geschichtsstudium.
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Am 2. April 1946 erschien die allererste Ausgabe einer neuen überregionalen Zeitung für die britische Zone Deutschlands. Der Titel war programmatisch, das Konzept für die deutsche Presselandschaft neu. Die erste Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






