PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELTArtikeltyp:Meinung80 Jahre WELTVerteidiger einer bürgerlich aufgeklärten GesellschaftVon Ulf PoschardtHerausgeber WELT, „Politico“, „Business Insider“Veröffentlicht am 07.04.2026Lesedauer: 5 MinutenWELT-Herausgeber Ulf PoschardtQuelle: Marlene Gawrisch/WELTHeute vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der WELT. Sie hat Konservatismus immer als Avantgarde begriffen und Pluralismus als Selbstverständlichkeit, auch in Zeiten, als alle einer Meinung waren.Dass „die Welt denen gehört, die neu denken“, war wohl der selbstbewussteste Claim der WELT in ihrer 80-jährigen Geschichte, und er prägt das Selbstverständnis der Redaktion auf ganz besondere Art. Die Geschichte der 1946 in einem physisch wie moralisch zertrümmerten Land gegründeten Tageszeitung zeigt keine klare, glatte Linie, sondern ein stetes, aufrechtes und immer unangepasstes Ringen um den richtigen Weg. Als die WELT 1946 von der britischen Besatzungsmacht gegründet wurde, war der konservative Hans Zehrer erster Chefredakteur, aber er wurde aufgrund seiner unübersichtlichen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus noch vor der ersten Ausgabe ausgetauscht gegen den Widerstandskämpfer und Sozialdemokraten Rudolf Küstermeier, der die Inhaftierung in drei Konzentrationslagern überlebt hatte, aber schwer gezeichnet von dieser Pein zum Aufbau eines freien und demokratischen Deutschlands seinen Teil beitragen sollte.Lesen Sie auchDie WELT hatte also von Anfang an ein angelsächsisches Verständnis von Journalismus, in dem Nachricht und Kommentar ebenso klar getrennt waren wie die Meinung des Chefredakteurs von den Überzeugungen des Restes der Redaktion. Die WELT war eine überparteiliche Zeitung und durchwegs liberal, sie war neugierig auf das ganze Spektrum der Meinungslandschaft, die nach den Verwüstungen der Nazibarbarei langsam neu aufblühte. 1953 erwarb Axel Springer die Tageszeitung, machte sie mit dem zurückgeholten Hans Zehrer als Chefredakteur zu dem Vorzeigemedium der Konservativen, die sich aber nicht länger als Retrogarde abgestandener Nostalgien verstanden, sondern an der Speerspitze des Fortschritts marschieren wollten, so wie das Franz Josef Strauß wenig später so schmissig formulieren sollte.Axel Springer war der einzige Verleger von Rang in den jungen Jahren der Bundesrepublik, der keinerlei linke Träume hegte. Was Springer mit dem ersten Chefredakteur Küstermeier verband, war die Liebe zu Israel und die radikale Akzeptanz der Verantwortung für den jüdischen Staat aus der deutschen Geschichte heraus. Küstermaier starb 1977 in Tel Aviv, nachdem er von 1957 bis 1968 der erste dpa-Korrespondent in Israel gewesen war. Axel Springer schuf mit „Bild“ und WELT ein Medienimperium, das sich hell- und weitsichtig im Kampf gegen den Antisemitismus positionierte. Es war ein in der Bonner Republik der Mitläufer und Verdränger minoritärer, heroischer Schritt. Wie wegweisend er war und bleibt, sieht man auch im 81. Lebensjahr der WELT.Ähnliches galt für die unverrückbare und auch wehrhafte Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft und einer bürgerlich aufgeklärten Gesellschaft. Trotz der Verhärtungen in der Zeit der Studentenrebellion blieb die WELT eine konservative Stimme nobler Reserviertheit, während es an den Rändern links aber auch rechts Schaumgebirge vor den Mündern gab. Thomas Schmid, einer der bedeutendsten Chefredakteure der WELT, war damals Teil jener wilden Studenten, die gegen Springer demonstrierten. Er versuchte 2008, das Tribunal mit dem Titel „Enteignet Springer“ neu aufzuarbeiten und scheiterte auch vierzig Jahre nach „68“ an der Bockigkeit selbst aufgeklärter Linker. Schmids Verdienst ist es, als Ergebnis monatelanger Recherchen zu zeigen, wie differenziert die WELT über die Studentenunruhen berichtet hat und wie grotesk und infam die Verzeichnungen der WELT waren. Ein Beispiel gefällig? Die Zeitung werde, so Peter Schneider damals, „von den zehn braunen Aposteln dieses Intelligenzblattes mit Gift und Galle überschüttet“.Später sollte noch ein weiterer Chefredakteur der WELT von der anderen Seite der Barrikade kommen: Stefan Aust, der 1968 mit Ulrike Meinhof gegen die Auslieferung der „Bild“ demonstriert hatte. Ernst Cramer, der enge Vertraute von Axel Springer, erzählte einem jungen Kollegen, dass er an jedem Todestag von Rudi Dutschke an dessen Grab in Berlin-Dahlem Blumen niederlegte. Warum? Weil er ihn für einen unverstandenen deutschen Patrioten hielt, so der deutsche jüdische Patriot, der in US-Uniform sein Geburtsland von den Nazis befreite.Die Kerben und Narben der WELT sind die Kerben und Narben der deutschen Geschichte, und auf eine interessante Weise führte die WELT stets ein geheimes Leben aufregender Originalität und Unangepasstheit, die aber im Zug des linken Marsches durch die Institutionen und der erkämpften kulturellen Dominanz der Linken kaum sichtbar blieb. Die intellektuelle und stilistische Brillanz eines Herbert Kremp ist nahezu komplett vergessen, während in vielen Journalistenschulen der linksliberale Kitsch der angepassten Konkurrenz verehrt wird. Wolf Schneider, Thomas Löffelholz, Mathias Döpfner, Wolfram Weimer und Roger Köppel strickten an der intellektuellen Unverwechselbarkeit weiter, aber es war das Verdienst des Ex-WELT-Chefredakteurs Döpfner, der als Chef des Unternehmens, am Ende seines Marsches durch die Institutionen, das Rimbaud’sche „Man muss absolut modern sein“ zu einem inspirierenden Abenteuer machte, in dem Freiheit und Selbstbestimmung alle Medien des Hauses prägen sollten – egal ob es alten Klischees diente oder nicht. Die Verpflichtung von Wolf Biermann war das eine, die Akquise von klugen Köpfen aus allen Lagern das andere.Wer im Journalismus an der Speerspitze des technologischen Fortschritts marschieren wollte, musste früh verstehen, vor welchen fundamentalen Umbrüchen die Medienwelt stand. Nirgendwo sonst im deutschsprachigen Journalismus wurde das „Digital first“ mit Chefredakteur Jan-Eric Peters so konsequent umgesetzt wie in der WELT, die, von der Konkurrenz höhnisch verlacht, als erste eine sogenannte „Paywall“ errichtete und daran glaubte, dass glückliche Leserinnen und Leser auch für digitale Produkte bezahlen würden. Heute machen das fast alle so. Lesen Sie auchDas Schöne an diesem futuristischen Gestus war, dass die genaue Analyse der Nutzungsdaten gezeigt hat, dass der gute, alte, anspruchsvolle Journalismus im Digitalen – trotz all des Lärms auf Social Media – nicht tot und überholt, sondern das ist, was Menschen ins Abo treibt: spannende investigative Geschichten, aufregende Interviews, kluge Feuilletons und originell gedachte Meinungsbeiträge.Seit 2018 ist WELT auch ein Fernsehsender und kann diese mediale 360-Grad-Perspektive nutzen, um ein bürgerlich-liberales Verständnis von Politik und Gesellschaft immer mehr Bürgern näherzubringen, sie zu unterhalten und mündig zu machen. Die WELT gehört denen, die neu denken: Dazu gehört auch, dass diese neuen Gedanken heutzutage in jedem Medium ausgespielt werden: vom Podcast über die Talkshow bis zum akribisch recherchierten Report.
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Heute vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der WELT. Sie hat Konservatismus immer als Avantgarde begriffen und Pluralismus als Selbstverständlichkeit, auch in Zeiten, als alle einer Meinung waren.






