Hobbitalarm: Barfußschuhe mit einzelnen ZehenkammernQuelle: Getty ImagesBarfußschuhe sind eine Zumutung für den Betrachter. Und auch für den Fuß sind sie eine Herausforderung. Ihre Anhänger verteidigen sie dennoch mit religiösem Eifer. Dabei ist die wissenschaftliche Lage dünn.Hier drückt der Schuh: Interessanterweise sind ausgerechnet die Füße häufig Ziel des sogenannten Ugly Chic. Man denke an Adiletten, Buffalos und den wandelnden Plastiksarg Crocs, an kniehoch geschnürte Römersandalen und den nicht nur auf Berggipfeln, sondern überall, wo das Meer nicht in Sichtweite ist, deplatzierten Flip-Flop. Die australischen Moon-Boot-Pantoffel-Zwitter Ugg Boots tragen die Hässlichkeit praktischerweise bereits im Namen.Einer jedoch schlägt sie alle: pseudo-naturnaher Bodenkontakt, von Kammern eingequetschte Zehen, eine an Hobbitfüße gemahnende Form. Erinnert sich noch jemand an Plumpaquatsch, die froschgrüne Wassermannpuppe aus der gleichnamigen Kindersendung? Wer Barfußschuhe trägt, hat vielleicht nicht die Kontrolle über sein Leben verloren, aber jeglichem ästhetischen Anspruch entsagt. Wobei fairerweise zunächst einmal mit einem gängigen Missverständnis aufgeräumt werden muss: Barfußschuhe sind nicht zwangsläufig Zehentrenner. Letzteres ist lediglich die finale Eskalationsstufe eines Zeitgeistphänomens, das Moderedakteurinnen wahlweise als „Augenkrebs-Alarm“ („Instyle“), „grottenhässlich“ („Bunte“) oder „Schuhwerk einer Unterwasserkreatur“ („NZZ“) bezeichnen.Lesen Sie auchAber von vorn: Schon seit einem Vierteljahrhundert begegnet man diesen der natürlichen Art des Gehens nachempfundenen Schuhmodellen von Barcelona bis Bielefeld. Barfußschuhe orientieren sich an der anatomischen Form eines gesunden Fußes, mit breitem Vorderfuß und fehlender Höhendifferenz zwischen Vorfuß und Ferse. Durch die ultradünne Sohle wird der Untergrund spürbar, gleichzeitig schützt sie vor scharfen Gegenständen, Schmutz und Nässe – praktisch, wenn man nicht goethegleich auf Waldboden wandelt, sondern in Städten durch die Exkremente seiner Mitmenschen oder deren Haustiere. Als Erfinder gilt der 2025 verstorbene Südtiroler Robert Fliri, der bereits 1999 erste Modelle eines Zehenschuhs anregte – so gesehen fügt sich dieser wunderbar in das insgesamt scheußliche 90s-Revival – und sechs Jahre später bei Vibram den FiveFingers lancierte. Das vom italienischen Hersteller als „leicht und atmungsaktiv“ angepriesene „schützende Produkt für den Fuß, das Bodenwahrnehmung, Performance und Beweglichkeit ermöglicht“, ist noch immer erhältlich. Es gibt Varianten für Männer und Frauen, petrol-, aperol- und neonfarbene, solche mit Klettverschluss oder Gummizug, und viele davon unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum von herkömmlichen Sneakern – wären da nicht die fünf voneinander getrennten Zehen. Die fehlen beim Nike Free, einem Barfußsneaker mit niedriger, ergonomischer, überdurchschnittlich biegbarer Sohle, der seit seiner Vorstellung 2004 etliche Anpassungen durchlief und weiterhin als Verkaufsschlager gilt. Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte hat sich viel getan: Es gibt Wander- und Joggingmodelle – manche laufen sogar Marathons damit –, solche für den Winter und Großstadtalltag. Vielen dieser Sneaker-Lookalikes sieht man ihren Ursprungsgedanken kaum an, es lässt sich darin sozusagen auf leisen Sohlen der Gesundheit frönen. Dennoch ist ihre Optik sicher kein Kaufargument.Ihre Anhänger entwickeln religiösen EiferManchen gilt Barfußlaufen als die einzig wahre Fortbewegungsart. Die Argumente: dem Fuß seinen natürlichen Bewegungsablauf ermöglichen, nämlich das Aufkommen auf dem Mittel- oder Vorderfuß statt der Ferse, bei einem Fliegengewicht von maximal 350 Gramm. Verbesserte Funktion von Sehnen, Gelenken, Blutzirkulation und Fußmuskulatur sowie Stärkung der Balancefähigkeit. Einer Studie zufolge führt ein halbes Jahr regelmäßiges Tragen zu einer mehr als doppelten Fußkraft, die sich im weiteren Verlauf allerdings nicht steigert, was bedeutet, dass man sich danach wieder kleiden könnte wie jemand, der zwei Augen im Kopf hat. Lesen Sie auchEine andere Studie notiert eine reduzierte Schrittlänge, was dem natürlichen Schwerpunkt des Körpers entgegenkommt. Okay, cool. Ansonsten ist die wissenschaftliche Lage eher barfußschuhsohlendünn, was deren Anhänger nicht davon abhält, ihrer Leidenschaft mit religiösem Eifer nachzugehen.Lesen Sie auchEtwas diplomatischer formuliert es der ehemalige Leichtathlet und Sportmediziner Thomas Wessinghage gegenüber dem Onlineportal „Bergzeit“: „Es geht beim Barfußlaufen nicht um eine politische Bewegung, die uns in die Steinzeit zurückführen möchte. Es geht darum, körperliche Funktionen zu nutzen, die sich im Laufe von Jahrtausenden als sinnvoll erwiesen haben, die uns aber im Zuge der Zivilisation abhandengekommen sind.“ Einige Dinge gelte es jedoch zu beachten. Die Tragedauer langsam steigern, um Verletzungen zu vermeiden. Menschen mit Diabeteserkrankung sollten aufgrund einer möglichen Sensibilitätsstörung ganz auf Barfußschuhe verzichten, ebenso jene mit starkem Übergewicht, und solche mit ausgeprägten Fußfehlstellungen Rücksprache mit einem Orthopäden halten, und, wir ergänzen, alle mit modischer Selbstachtung ganz darauf verzichten. Zumal regelmäßiges Tragen zu einer Verbreiterung des Vorderfußes führt, mit der möglichen Folge, dass all die Louboutins und Jimmy Choos im Schrank plötzlich nicht mehr passen.Andererseits haben gerade in der High Fashion die auch Minimalschuhe genannten Modelle Hochkonjunktur. Als Klassiker gilt Maison Margielas ikonische Tabi-Serie mit der gespaltenen Zehenpartie, den es unter anderem als Samtpump, 750 Euro teuren Ballerina oder alarmroten Lederstiefel gibt, den wohl keine Orthopädin durchwinken würde. Bei Bottega Veneta gibt es einen stiefelartigen Strumpfschuh aus gestricktem Leder, bei The Row Slipper in Mesh-Optik, spazieren geführt beispielsweise von Jennifer Lawrence. Nude Sock Boot heißt ein aus Strick gefertigtes Fendi-Modell, das mit nackt allerdings kaum mehr als den Farbton gemein hat. Außerdem hat der italienische Luxushersteller den mit extrem biegbarer Sohle versehenen Low-Sneaker Fendi Fit im Programm, dessen Trägerin sich modisch gesehen noch nicht in der Hölle, sondern dem Fegefeuer befindet. Kostenpunkt: 790 Euro. Und dann wäre da noch Kanye West aka Ye, dessen Label Yeezy schwarze Strumpfschuhe listet.Im Wortsinn bodenständiger gibt sich das österreichische Traditionslabel Think!. Gegründet 1990 im Innviertel, gilt das Motto form follows function insofern, als hier die Gesundheit im Vordergrund steht. Vollleder, maximal dreieinhalb Zentimeter Absatzhöhe, dennoch mit modischem Anspruch. Das funktioniert offenbar sogar in Japan, wo die Marke im Tokioter Luxuskaufhaus Isetan zwischen Prada, Gucci & Co eine Verkaufsfläche bespielt.Für den Fuß erst herausfordernd, dann komfortabelSeit Kurzem hat sie erstmals zwei Barfußschuhe im Programm. Der für Frauen gedachte Blo und dessen Herrenpendant Happat lehnen sich sprachlich an blohappat an, Oberösterreichisch für barfuß. Optisch sind die Modelle eher unauffällig, sie ähneln Retrosneakern. Es gibt sie – neben zyklamfarbenen – auch aus in verschiedenen Beigetönen gehaltenem, chromfrei gegerbtem Leder, einer wellenartig geschwungenen Naturlatexsohle ohne Fersenerhöhung, und, zum Glück, ohne getrennte Zehen. Lead-Designer und Geschäftsführer Christoph Mayer, der bei der Präsentation in einem Wiener Nachhaltigkeitsshop zum weißen Hemd ein schwarzes Sakko und dunkelgraue Wildleder-Chelsea-Boots trägt, stammt aus einer Familie von Schuhhändlern, sammelte Erfahrung bei Armani und findet: „Das Tragen unseres Barfußschuhs kann für das Fußbett zunächst herausfordernd sein, dann jedoch überaus komfortabel, weil der Fuß lernt, wieder abzurollen.“ Als Alleinstellungsmerkmal nennt er die sogenannte Sacchetto-Technik, bei der das weiche Futterleder wie ein Säckchen (Italienisch „sacchetto“) zusammengenäht und in das Oberteil eingearbeitet wird, wodurch es den Fuß wie einen Handschuh umschließt. Für zusätzliche Bequemlichkeit sorgen ein „Memo-Foam und eine breite Zehenbox mit ausreichend Raum für die natürliche Zehenstellung“. Frage an den Chef: Kann man das Tragen mit einem an Armani geschulten Modeverständnis vereinbaren? „Unsere Barfußschuhe überzeugen nicht nur durch ihr natürliches Laufgefühl, sondern auch durch ein individuelles und stilvolles Design. Der bewusst breiter gestaltete Vorfußbereich unterstützt die natürliche Anatomie des Fußes – ohne dabei die Ästhetik des Schuhs zu beeinträchtigen. Das Ergebnis: Ein harmonisches Gesamtbild, das keineswegs plump wirkt, sondern durch seine Formgebung und Details begeistert.“ Ob das die Kunden auch so sehen, wird sich zeigen.Ein Modell fehlt bislang in der Aufzählung der bodennahen Abartigkeiten. Die 1960er waren nicht nur die Zeit der freien Liebe, sondern auch freien Latschen. 1963 versprach ein hessisches Traditionsunternehmen „Freiheit für den Fuß“ durch ein ergonomisches Fußbett, gepaart mit einer atmungsaktiven Korksohle. Bis heute ist der mit einem breiten Lederriemen und schlichter Schnalle versehene Madrid eines der meistverkauften Birkenstock-Modelle. Getragen wird es nicht mehr nur wie in seiner Entstehungszeit von Gesundheitspersonal, sondern von Models wie Alessandra Ambrosio und Toni Garrn und Stars wie Jessica Alba. Valentino und Proenza Schouler ließen sich auf Kollaborationen ein. Gut möglich, dass kommende Generationen den Barfußschuh – oder gar den Five-Finger-Style – mit derselben Nonchalance tragen wie wir heute unsere Birkis.